Heiko Mell

Fehlendes Interesse junger Menschen an der Thematik „Arbeitswelt“

Ich bin Lehrer und beziehe die VDI nachrichten seit über zwanzig Jahren, um mich ein wenig zu informieren, was so in der Technik läuft. Die Lektüre Ihrer Karriereberatung ist dabei jedesmal eine erfreuliche Pflichtlektüre.

Von Zeit zu Zeit kopiere ich sie auch und bespreche sie in meinem Unterricht. Aber es ist wahnsinnig schwer, bisweilen unmöglich, Schüler, die in der Klasse 13 kurz vor dem Studium stehen, von der Richtigkeit und Wichtigkeit Ihrer Thesen zu überzeugen.

Antwort:

Es ist sogar noch viel schlimmer als Sie es beschreiben: Ich habe z.T. allergrößte Schwierigkeiten, die viel älteren und näher am Berufsleben stehenden Studenten zu erreichen. Während Ihre Schüler ja immerhin noch die Ausrede hätten, „diese Dinge“ lägen ja insgesamt doch sehr, sehr weit in der Zukunft, gilt das für Studenten nun überhaupt nicht mehr.

Zwar haben auch meine Frau und ich zwei Söhne durch das Gymnasium „begleitet“, aber dennoch bin ich kein ausgewiesener Fachmann für Jugendinteressen. Immerhin fallen mir folgende Gründe für die erwähnten Schwierigkeiten ein:
Junge Menschen sind teilweise überraschend „kurzsichtig“ orientiert. Von Interesse ist nur, was im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang steht, langfristiges Denken ist nicht gefragt. Typisches Beispiel: „Jetzt schreibe ich erst einmal meine Diplomarbeit, dann sehen wir weiter.“ Völlig klar ist: Nach der Diplomarbeit braucht dieser Student eine Stelle. Spätestens dann muß er sich bewerben. Allerspätestens dann braucht er Informationen über „Bewerbungen“. Aber versuchen Sie einmal, ihm während der Diplomarbeitsphase irgendeine Information zu diesem Thema nahezubringen. „Kein Interesse, zumindest nicht jetzt.“

Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, ist die traditionelle Aufteilung des Lehrstoffes auf strikt voneinander getrennte Schulstunden und Vorlesungen eine Ursache dafür. Es wird stets jedes Gebiet unabhängig vom anderen behandelt und vor allem ungestört voneinander. Keine Deutschstunde wird unterbrochen durch unvermutet hineinplatzende Mathematikprobleme. Man lernt, alles schön nacheinander und völlig ohne gegenseitige Abhängigkeit zu betrachten.

Die spätere Berufspraxis jedoch macht schlagartig damit Schluß. Plötzlich wird verlangt, alles miteinander zu verknüpfen oder schlimmer noch gleichzeitig zu tun. Auch daraus resultiert dann jener so oft erwähnte „Praxisschock“.

Mein Ziel ist es, Lesern bei der Bewältigung von Problemen zu helfen bzw. „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten. Mein Vorteil dabei: Viele Leser haben entsprechende Probleme bereits, sehr viele andere haben davon gehört, der Rest kann sich immerhin vorstellen, daß es „so etwas“ gibt.

Ihre Schüler nun haben sicher schon deshalb kein Interesse an diesen Themen, weil ihnen das Problembewußtsein völlig fehlt. Auch ich habe keine große Freude daran, Berichte über die Heilung von solchen Krankheiten zu lesen, die weder bei mir noch in meinem Umfeld auftreten. Erst wenn mir aus persönlichem Erleben ein solches Krankheitsbild irgendwie bekannt wird, beginnt mich die Therapie oder die Vorbeugung anzusprechen.

Hinzu kommt schließlich noch ein wichtiger Aspekt. Ingenieurstudenten kann ich noch vermitteln, daß sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem bestimmten Umfeld mit einem vorherzusagenden „Problemsockel“ arbeiten werden. Bei Schülern kurz vor dem Abitur ist das unmöglich: Da will einer Rechtsanwalt werden, der andere „irgend etwas mit Umwelt“ machen, einer träumt von einer Musikerkarriere und mancher von der Lehrerlaufbahn, ein anderer vielleicht von Vaters Firma. Sich schon jetzt mit Problemen in einem Beruf zu beschäftigen, den man vielleicht noch nicht einmal ausüben wird (bekomme ich einen Studienplatz, bestehe ich das Examen?), ist vermutlich etwas viel verlangt.

Dennoch gebe ich eine von mir bei Schülern angewandte Methode gern weiter: Ich habe bei meinen Söhnen viel Zeit aufgewendet, um beispielsweise bei den gemeinsamen Mahlzeiten immer wieder Fälle aus dem Berufsalltag zu schildern, von Problemen, den vielen Niederlagen und den gelegentlichen Siegen zu erzählen, die Kinder zum Fragen oder Nachdenken anregen. Es ist ein schwieriger Weg und man braucht Jahre, bis man einen Erfolg sieht. Aber man hat dann doch die beruhigende Gewißheit, etwas getan zu haben. Ob es etwas genützt hat? Nun, der ältere Sohn ist für vier Jahre im Ausland und liest Vaters erbauende Worte neuerdings via Internet. Immerhin, er müßte ja nicht.

Seien wir ehrlich: Wunder gibt es bei der Kindererziehung ohnehin nicht. Wie viele Jahre redet man über Gefahren im Straßenverkehr vom Kindergartenalter an. Und dann sind sie 19, haben den Führerschein und die Eltern schlafen erst dann wieder ruhig, wenn der Nachwuchs heil irgendwo angekommen ist. Trotz sechzehn Jahren Verkehrserziehung. Also würde erst eine ähnlich intensive „Berufserziehung“ ähnliche Erfolge bringen können.

Aber man gibt ja niemals auf als Erzieher, nicht wahr?

Kurzantwort:

Schule und zum großen Teil auch noch das Studium vermitteln auf verschiedenen Fachgebieten jeweils ein isoliertes Fachwissen (mathematische Probleme im Deutschunterricht gibt es nicht). Erst die berufliche Praxis fordert plötzlich verknüpftes Wissen und Können sowie gleichzeitiges Denken in mehreren Ebenen. Daher bringt diese Praxis Probleme, die sich Schüler und z.T. auch Studenten nicht einmal vorstellen können.

Frage-Nr.: 1107
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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