Heiko Mell

Wo bleiben die Interessen der „Schwachen“?

Aus Interesse lese ich so gut wie jede Woche Ihre Beiträge zur Karriereberatung, denn ich möchte wissen, wie man in den Personalabteilungen denkt. Leider verstärkt sich mein Unmut Woche für Woche, so daß ich es an der Zeit finde, Ihnen zu schreiben.

Mich stört die zunehmende menschliche Kälte. Nur noch die allerbesten Bewerber haben, wenn man Ihre Beiträge ernst nimmt, eine Chance.

Man könnte Ihre Beiträge abtun als die Meinung eines einzelnen Beraters, aber leider ist das nicht so.Ihre Aufgabe wäre es auch, das Bewußtsein der Stellenvergeber dafür zu schärfen, daß ein Mensch sich entwickelt und dadurch wertvoll werden kann, ja daß ein Mensch alleine durch das Menschsein schon ein beachtenswertes Lebewesen ist, dem die Verpflichtung aller Mitmenschen gilt.

Wo kämen wir hin, wenn das die Welt sein soll, die wir erhalten sollen?

Es muß auch dem Schwachen die Möglichkeit bleiben, wollen wir nicht in Haß und Kriminalität versinken.

So weit erstreckt sich Ihre Verantwortlichkeit!

Manchmal bin ich froh, schon relativ dicht vor der Rente zu stehen; gemessen an Ihren Kriterien hätte kaum einer meiner Mitstudierenden – und auch ich selbst nicht – eine Chance gehabt, als Ingenieur eine Stelle zu finden.

Antwort:

Es ist schon eine auf den Grund der Sache zielende Frage, die Sie anschneiden. Niemand, der sich beruflich mit Personalentscheidungen befaßt, bleibt von solchen Überlegungen unberührt. Auch ich nicht – aber…Lassen Sie mich dieses „Aber“ begründen:

1. Dies ist, der Hinweis stand hier schon öfter, kein Almanach des allgemeinen Berufslebens. Als „Karriereberatung“ haben wir zwangsläufig schon einen etwas elitären Touch. Wobei die Betonung auf „etwas“ liegt – so hoch ist denn das Anspruchsniveau von Frage und Antwort hier gemeinhin gar nicht. Wir bewegen uns, durch das Leserinteresse bedingt, eher in einem mittleren Bereich („Bin Vorstandsmitglied, möchte Vorsitzer werden“, ist ja bei uns nicht Standard).

Stets aber erlaubt dieser besondere Titel der Serie mir den Hinweis: Wer nun überhaupt nichts weiter will, als still vor sich hinzuarbeiten, wer keinerlei Perspektiven sucht, kein Fortkommen anstrebt – der hat ja das gute Recht und die besondere Chance, dies hier gar nicht zu lesen.

Gelegentlich jedoch, der Hinweis sei mir gestattet, scheine ich Leser zu haben, für die sind meine Beiträge wie ein schmerzender Zahn: Man weiß vorher, daß es weh tun wird – aber man beißt doch immer wieder von neuem darauf.

 

2. Gerade in der Krise besinnen sich viele Unternehmen auf ihr Kerngeschäft, auf ihre ursprüngliche Zielsetzung, auf ihre zentrale Kompetenz: Weg mit dem, was man eventuell „auch noch“ machen könnte.

Nach diesem Muster konzentriert sich auch diese Serie auf ein Kernziel: Ich will verdeutlichen, wie es zugeht da „draußen“ in den Unternehmen, wie gedacht wird bei den Entscheidungsträgern. Das ist, gemessen an der Ausgangssituation, in der es solche Informationen nicht gab, doch schon recht viel, darauf bin ich nach wie vor ein wenig stolz.

Aber gleichzeitig diese Welt verändern, das geht nicht, das paßt nicht dazu, das will ich hier nicht. Oh, ich möchte schon – aber versuchen mag ich es nicht wegen erkennbarer Hoffnungslosigkeit des Bemühens in diesem Zusammenhang.

So ist die Basis eindeutig: Hier soll stehen, wie das System funktioniert. Von Irrtümern, Fehlern und menschlichem Versagen, vor denen natürlich auch ich nicht gefeit bin, einmal abgesehen, soll der Leser dieser Serie wissen: So wie es in dieser „Karriereberatung“ steht, ist es im Durchschnitt in der Praxis. Das soll ihm helfen, sich rechtzeitig darauf einzustellen und sich an den damit bekannten(!) Maßstäben orientieren zu können. Weiterhin soll es ihn davor schützen, eines Tages aus allen Wolken zu fallen. Gelänge mir das, wäre ich mit diesem Teil meines Lebenswerkes sehr zufrieden.

 

3. Immer wieder wird der Ruf laut -an anderer Stelle Ihres Briefes auch von Ihnen -, ich hätte doch Einfluß, ich sollte ihn nutzen, um wünschenswerte Veränderungen zu initiieren.Nun ist ein solches System jedoch kaum von einer Stelle aus zu verändern. Weil es von Menschen geschaffen wurde, die alles dergestalt geordnet haben, daß es ihnen zweckmäßig erscheint, daß es der Mentalität der Beteiligten, ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht.Veränderungen gibt es ständig, aber kaum je auf den Anstoß eines einzelnen Änderungsbeflissenen hin: Nur die äußeren Umstände, Sachzwänge (Krisen), technische und gesellschaftliche Entwicklungen verändern ein System – aber langsam.

Zuerst verändern sie das Denken der Menschen (oder sie entstehen aus verändertem Denken). Aber ohne Veränderungen des menschlichen Denkens ändert sich das gesamte System, das hier angesprochen ist, nicht.Kürzer: Geben Sie mir andere Menschen, und ich gebe Ihnen ein anderes System.

Fatal wäre folgendes: Ich fordere in Einzelpunkten Veränderungen, junge Leser folgen dem bereits in ihren Handlungen („Mell sagt ja auch, es müßte … „) – und erleben den Reinfall ihres Lebens.

 

4. Reden wir über die „Schwachen“, denen Ihr Engagement gilt. Die zentrale Frage lautet: Was ist „schwach“ in diesem Zusammenhang? Das ist ein gefährliches Pflaster, auch ich weiß das natürlich. Aber das darf uns nicht daran hindern, solche Themen anzusprechen.

Kranke, ob geistig oder körperlich, sind schwach. Ihnen muß nicht nur unser Mitgefühl, sondern auch die Fürsorge der Gesellschaft gelten. Da bleiben vielfältige Lücken – aber das ist nicht unser Thema.Fehlende geistige Fähigkeiten wären eine Schwäche, die auch ich anerkenne. Aber: Hier haben wir es fast ausschließlich mit Akademikern zu tun, da fällt das dann ja wohl aus.

Was bleibt dann noch als Ursache von nicht unabwendbaren Mißerfolgen? Faulheit, mangelnde Einsatzbereitschaft, fehlendes Interesse an den „Spielregeln“ sowie die fehlende Bereitschaft, auf Vorgesetzte oder Gruppen einzugehen, sich ein- oder unterzuordnen, Privates gegenüber Beruflichem ein wenig zurückzunehmen, sich bei Bewerbungen mehr Mühe zu geben, den Werdegang marktgerecht auszurichten etc.

Das alles fällt für mich nicht vorrangig unter „Schwäche“, sondern unter „Ich will nicht“. Letzteres ist gutes Recht in freiem Land, sollte aber beim Namen genannt werden.

Nun kann man fast alles beliebig definieren. Auch denkbar ist die Haltung: „Ich kann nichts dafür, daß die Natur mich faul gemacht hat, das muß die Gesellschaft gefälligst berücksichtigen.“ Das aber liegt jenseits meiner Toleranzgrenze.

Meine ganz persönliche Meinung: Es gibt im anspruchsvollen Bereich des Berufslebens (von den oben genannten Einschränkungen abgesehen) letztlich fast gar keine „Schwachen“. Jeder, das ist meine tiefe Überzeugung, kann etwas – wenn er nur will. Andere zentrale Ursachen für Mißerfolge liegen dann überwiegend darin, daß die Menschen auf dem falschen Platz sitzen, das falsche Ziel anstreben, die falsche Tätigkeit ausüben.

So mancher überforderte Akademiker, auch das gehört dazu, wäre vielleicht ein guter Handwerker geworden. In einem Job, in dem er seine Talente ausspielen, zum oberen Leistungsdrittel gehören könnte.

Ich habe, um ein Extrem zu formulieren, nichts gegen Hofkehrer – aber ich werde niemals einsehen, daß jemand ein schlechter Hofkehrer sein muß.

Ich gebe zu, die Dinge scheiden sich dort, wo ich sage: Wollen und sich ernsthaft bemühen kann jeder. Dem können Sie entgegenhalten, daß jemand schon zum Wollen zu schwach sein könnte. Das fällt dann nicht mehr in mein Ressort – jeder hat seine Grenzen. Bei mir liegt sie dort, wo die bequeme Ausrede anfängt.

Da man hierüber trefflich polemisch diskutieren kann: Wir reden hier – wie immer – grundsätzlich über Akademiker, die Karriere machen wollen, siehe den eindeutigen Titel der Serie (Wenn „Schuhe“ über einem Laden steht, darf man ja auch nicht erwarten, dort Hüte zu finden).

 

5. Die Zeiten ändern sich, früher war es schöner. Sie, verehrter Einsender, nähern sich der Pensionierungsgrenze, da sind solche Überlegungen nicht unüblich. Aber die Veränderungen gibt es tatsächlich- irgendwo hat jeder Mensch dann seine individuelle Grenze, ab der er nicht mehr mitmachen will.

Nehmen Sie allein das Beschäftigungsrisiko: Früher ging man zu einem der großen deutschen Konzerne, sammelte dort Dienstjahre, bekam eines Tages eine goldene Uhr und/oder den Schlüssel zur Prokuristentoilette und war schlicht unkündbar. Wenn der Konzern sich veränderte, dann wuchs er vorrangig. Und heute? Es steht in jeder Zeitung. Das alles formt die Menschen, verändert den Umgang, verschärft das „Klima“.

Mein Bemühen, das System begreifbar zu machen, hat Schwächen: Ich kann z.B. nichts gegen die Millionen von Arbeitslosen tun. Aber ich kann dem, der es wirklich will, helfen, das Risiko für ihn zu verringern. Und wenn nun alle wollten? Seien Sie unbesorgt, alle wollen niemals (oder weniger angreifbar formuliert: Alle lesen niemals diese Beiträge).

 

6. Ich soll, sagen Sie, das Bewußtsein der Stellenvergeber dafür schärfen, daß „ein Mensch alleine durch das Menschsein schon ein beachtenswertes Lebewesen ist“.Es mag ja hart klingen, aber im Rahmen einer Karriereberatung wäre das Sozialromantik. Und tödlich für den, der sie verbreitete.

Sehen Sie, meine Hauptbeschäftigung besteht darin, im Auftrag von Unternehmen Berichte mit Meinungsbildern, mit Analysen von Stärken und Schwächen, Vor- und Nachteilen über Bewerber zu formulieren. Und diese Aussagen muß ich so gestalten, daß genügend Positives übrigbleibt – meine Kunden wollen jemanden, den sie guten Gewissens einstellen können, sie zahlen nicht so gern für lauter brillante Verrisse (niemand hofft also mehr als ich, daß ein schreibender oder zur Tür hereinkommender Bewerber „gut“ sein möge).

Aber wenn ich schriebe: „Schön, er ist durch drei Examen gefallen, hat alle sechs Monate den Arbeitgeber gewechselt und hat Beurteilungen, die nur deshalb nicht ’saumäßig‘ genannt werden dürfen, weil das zu schwach wäre; aber bedenken Sie, daß er allein durch das Menschsein …“ – dann wäre ich in wenigen Wochen pleite.

So hart ist das Geschäft nun einmal. Diesen Eindruck aus der Praxis will ich hier vermitteln. Vielleicht könnte man das besser machen, mein Bestes dazu steht hier seit fast zwölf Jahren.

Ein bißchen passen solche Überlegungen ja auch zur Vorweihnachtszeit – wobei ich das Thema meine, nicht vorrangig meinen Standpunkt dazu.

 

Kurzantwort:

1. Die Frage: Welche Chancen lassen die Regeln zur Karrieregestaltung den „Schwächen“, enthält einen zentralen Widerspruch. Jede Art von Aufstieg, beruflichem Fortschritt etc. erfordert schon bestimmte Stärken.

2. Viele in Teilen der Gesellschaft als „Schwache“ tolerierte Eigenschaften scheinen eher auf die Haltung „Ich will nicht“ zurückzugehen. Dies dann auch wieder als unabänderliche „Schwäche“ einzustufen, wäre das Ende der Leistungsgesellschaft.

Frage-Nr.: 1086
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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