Heiko Mell

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft

Im Beitrag Nr. 3.016 ging es um die Einsendung eines sehr jungen Lesers, der u. a. das Verhalten vieler Studenten nach dem ökonomischen Minimumprinzip verteidigte und meinte, das könne ja bei der späteren Arbeit ganz anders sein; ich warnte vor der Gefahr, damit als „leistungsschwach mit faulen Ausreden“ zu gelten; der letzte Satz von mir lautete: „Nicht ohne Grund leben wir in einer ‚Leistungsgesellschaft‘ – mehr als die Leistungskraft seiner Bürger hat unser Land fast nicht zu bieten“.

Frage:

Ihr letzter Satz verdient es, in viel stärkerem Maß hervorgehoben zu werden.

Ich habe jahrelang in verschiedenen Schwellenländern gearbeitet und leite gegenwärtig ein Geschäft, in dem Deutsche mit Kollegen aus „Low Cost Countries“ zusammen arbeiten. Ja, man ist dort noch „x“ Jahre hinter Deutschland zurück – nicht nur im Lebensstandard, sondern auch (nicht mehr überall!) im technischen Niveau. In anderen nicht-technischen Bereichen hat man uns z. T. schon weit hinter sich gelassen: Die Menschen dort „wollen“, und dieses „Wollen“ drückt sich in der Sache in unglaublicher Energie aus. Man mag das als Aggressivität empfingen oder als Enthusiasmus, es ist jedenfalls unglaublich präsent. Deshalb wird das technische „x“, auf dem wir in Deutschland uns aus der Vergangenheit heraus ausruhen, immer kleiner.

Das ist der erste Punkt: Wir – und besonders die karrierebewussten Mitarbeiter und Führungskräfte – müssen jeden Morgen die Ärmel hochkrempeln und Leistung bringen. Damit wir ein neues großes „x“ geschaffen haben, wenn der Rest der Welt da angekommen ist, wo wir technisch vor fünf Jahren waren (falls wir so viel Vorsprung überhaupt noch haben – Nachmachen ist immer leichter). Nur so lässt sich erreichen, dass die anderen unseren Lebensstandard bezahlen.

Der zweite Punkt: Wir haben auch noch vielfach einen Vorsprung in menschlichen Faktoren und Verhaltensweisen, im Verständnis, dem Überblick, der Kreativität, der Fähigkeit zum Entwickeln von Innovationen, der Zusammenarbeit, oft auch der Bereitschaft auf allen Ebenen Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und durchzuziehen. Das müssen wir immer weiter entwickeln, diesen kulturellen Vorteil holt so schnell keiner ein. Wir müssen unseren Leuten vertrauen, ihnen Freiraum und Verantwortung geben und uns hinter ihre Ergebnisse stellen. Wir müssen unsere Position weiter entwickeln – und das an jedem unserer wenigen Arbeitstage das ganze Jahr hindurch, für die wir uns schon deswegen maximale Produktivität wünschen müssen.

Haben wir den Schuss gehört?

Das hat mit den oft eher taktischen Fragen der Karriereberatung nicht mehr so viel zu tun, aber strategisch wird es Karriere nur geben, wenn es Erfolge zu verteilen gibt. Deswegen war ich Ihnen für diesen kleinen Satz auf Seite 37 der VDI nachrichen sehr dankbar und wollte Ihnen ein paar verstärkende Worte schreiben.

Ich freue mich auf viele weitere Denkanstöße von Ihnen.

 

Antwort:

Was beim Sport selbstverständlich ist, gilt hier ebenso: Wer vorn sein will, kann das auf Dauer nur durch Leistung erreichen und absichern. Und wie man einem Sportler nur dazu raten kann, bei jedem Start sein Bestes zu geben, so gilt das auch für die Mitarbeiter in unseren Unternehmen.

Ausgangspunkt Ihrer Einsendung war ja die Frage eines jungen Lesers, der ein gewisses Verständnis für die Taktik von Studenten zeigte, den eigenen Aufwand jeweils so gering wie möglich zu halten. Damit kommen wir nicht weit! Der Angestellte „Müller“ ist für sein arbeitgebendes Unternehmen nur dann von höchstem Wert (und darf hoffen, dass diese Einschätzung auch dauerhaft honoriert wird), wenn überall, wo unter einer Leistung „Müller“ steht, ein Mitarbeiter alles gegeben hat, was er an Engagement, Einsatzbereitschaft, fachlicher Zuverlässigkeit und Willen zum Erfolg einzusetzen hatte. Leistungsschwankungen sind bei Menschen unvermeidlich, aber bewusst gesteuerte Minderleistungen ruinieren den Wert auch des fähigsten Positionsinhabers.

Ihnen, geehrter Einsender, kann ich nur zustimmen. Es war wichtig, diese Aspekte noch einmal herauszustellen.

„Zeitgeist“ widerspricht dem Leistungsgedanken

Wobei der härteste Gegner für Verfechter des Leistungsgedankens der „Zeitgeist“ ist. Ich bin ihm gerade begegnet – und zwar bereits auf der Arbeitgeberseite, die eigentlich anders denken und klüger handeln sollte: Mir lag vor wenigen Tagen die Stellenanzeige eines deutschen Unternehmens mit erheblicher regionaler Marktbedeutung vor. Dort wurden in üblicher Form die verschiedenen Bausteine dargestellt, von der Unternehmensschilderung über die Positionsbeschreibung bis hin zum Anforderungsprofil. Danach hatte das Unternehmen einige werbewirksame Besonderheiten dieses Hauses aufgelistet. An deren Spitze stand: „Mehr als sechs Wochen Urlaub“.

Ich glaube, das ist die Lösung! Mit Bewerbern, die so angelockt werden, dominieren wir die globalen Märkte locker. Vielleicht ist das ja auch nur ein raffinierter Versuch, die Mitarbeiter des Wettbewerbers auf den Geschmack zu bringen. Auf dass sie von ihren Arbeitgebern acht Wochen fordern, womit wir wieder im Vorteil wären.

Das erinnert mich an die alte Geschichte von der Belegschaftsversammlung, auf der ein kämpferischer Redner fordert: „Wir wollen in Zukunft nur noch mittwochs arbeiten!“ Worauf aus dem Hintergrund ein schüchternes Stimmchen fragt: „Jeden Mittwoch?“

Der – recht umstrittene – Geschichtsphilosoph Oswald Spengler hat um 1920 unter dem vielzitierten Titel „Der Untergang des Abendlandes“ ein Werk veröffentlicht, in dem er darstellt, dass die einzelnen Kulturen jeweils einen Zyklus von Blütezeit, Reife und Verfall durchlaufen. Und wenn er nun damit recht hat? Oder sind wir etwa erst am Beginn unserer Blütezeit – und wir erleben nur die üblichen Anlaufprobleme auf dem Weg zum zweiten Stadium der Reife? Ich bin froh, diese Frage nicht endgültig beantworten zu müssen. Aber mitunter habe ich das starke Gefühl, wir hätten den Gipfel der „Reife“ bereits hinter uns und seien irgendwo auf dem Weg zum nächsten Stadium.

 

Frage-Nr.: 3.023
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32-33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-08-09

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Dann kommen Sie auf den VDI nachrichten Recruiting Tag nach Dortmund am 13. September 2019 und stellen Sie ihm Ihre Fragen zu Ihrer Karriere.

Von Heiko Mell

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