Heiko Mell

Wie nehmen Arbeitgeber mich wahr?

Frage/1:

Ich bin kein konsequenter Anwender Ihrer Regeln. Erstens beschränkt sich meine Suche noch auf den Großraum München, außerdem entnehmen Sie meinem Lebenslauf nach Abschluss der Masterarbeit eine Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma, um Geld für eine sechswöchige Reise nach Südamerika zu sparen. Als Leiter der Nachtschicht bei einer E-Scooter-Vermietung kann ich dort authentisch auf eine Zeit mit Führungsverantwortung zurückblicken.

Antwort/1:

Also Sie haben einen Master in Fertigungstechnik (nein, nicht aus München, wie man denken könnte) mit 1,9 und mit 25 Jahren abgeschlossen. Während des Studiums haben Sie fast ausschließlich bei sehr namhaften Unternehmen in der Fertigung (vier Jahre her), im Qualitätsaudit, in der Wareneingangslogistik, in der Instandhaltung und in F+E gearbeitet. Das ist ein bisschen bunt, aber Sie haben „die Nase in die Praxis gesteckt“, das ist auch schon etwas.

Schön, die Fixierung auf jene eine Stadt reduziert die Chancen etwas. Da es sich aber um eine Weltstadt mit viel Industrie im Umfeld handelt, ist das vermutlich noch zu verschmerzen.

Bleibt Ihr derzeitiger Status bzw. Ihr Projekt „Reise“. Sie waren bei der E-Scooter-Vermietung, die sicher keinen Uni-Master braucht, ganze drei Monate tätig. Davon waren Sie gemäß der Angaben zum Studienende (der Zeitpunkt des Abschlusses der Masterarbeit ist ohne Bedeutung, es zählt das Datum auf Ihrem Examenszeugnis) im ersten Monat ganz und im zweiten fast halb noch Student. Als solcher können Sie auch Taxi fahren. Bleiben ca. zwei Monate in einem unangemessenen Job nach Studienende. Das sind „Erdnüsse“, wie die Amerikaner sagen.

Mein Vorschlag: Sie lassen im Lebenslauf die ganze Geschichte weg und schreiben für jene zwei Monate entweder: „Realisierung eines lange geplanten privaten Projekts, das ich vor dem Berufseinstieg abschließen wollte.“ Oder Sie schreiben gar nichts und lassen die zwei Monate erst einmal völlig offen. Viele Studenten machen erst ihr Examen, wischen sich den Schweiß von der Stirn, legen sich entspannt zurück und fangen dann – langsam – mit den Bewerbungen an. Das ist nicht schön, aber dann können Sie das auch tun.

Dann müssen Sie sich im ersten Fall für das Vorstellungsgespräch nur noch eine Erklärung für das „private Projekt“ einfallen lassen. Dazu eignet sich die Wahrheit, etwa so: „Seit dem Abitur hatte ich den Wunsch, einen längere Südamerika-Reise noch vor dem Berufseintritt zu absolvieren. Das Projekt war auch beim Studienabschluss noch aktuell, zu seiner Finanzierung war ich dann ab Studienende zwei Monate bei einer E-Scooter-Vermietung in der Nachtschicht tätig. Dabei kamen mir aber Zweifel im Hinblick auf den alten Traum. Jetzt war ich plötzlich Master, trug als Leiter der Nachtschicht sogar eine kleine erste Verantwortung – mehr und mehr kam der Wunsch auf, jetzt doch ‚richtig‘ in die Praxis einzusteigen und die private Reise auf später zu verschieben. Vielleicht ergibt sich in einigen Jahren sogar die Chance, von meinem Arbeitgeber auf dem amerikanischen Kontinent eingesetzt zu werden.“

Das hört sich für Arbeitgeber gut an, solch ein „Gesinnungswandel“ führt in die richtige Richtung. Leider hat das den Nachteil, dass Sie dann auch wirklich auf die Reise verzichten müssten.

Das Problem dabei: Niemand kann garantieren, dass sich der Verzicht auszahlt oder dass der Antritt der Reise Ihnen massiv schaden würde. Wir finden mühelos Leser, die genau das getan haben und damit glücklich geworden sind. Und nicht einmal ausgeschlossen ist es, dass Sie aufseiten der Bewerbungsempfänger auf einen Entscheidungsträger treffen, der genau das seinerzeit gemacht hat – und für die beste Entscheidung seines Lebens hält.

Aber ich schlafe ruhiger, wenn ich den Vorschlag so formuliere und Ihnen rate, sich auf der sicheren Seite zu bewegen. Sehen Sie, der spätere Bewerbungsempfänger, der dann die Linie „Master, E-Scooter-Vermietung, sechswöchige private Reise“ sieht, könnte ja auch auf den Gedanken kommen, Ihnen sei das private Anliegen/Vergnügen wichtiger als die Anstellung bei ihm. Und da Sie schon ein eher mittleres Abitur und einen noch deutlich schlechteren Bachelor-Abschluss haben, sollten Sie es mit Ausrutschern dieser Art vielleicht nicht übertreiben.

Auch wegen des ersten Satzes Ihrer Einsendung habe ich wenig Hoffnung, dass Sie meinem Rat folgen, aber das steht hier ohnehin nie im Mittelpunkt: Ich biete an, Sie entscheiden.

Frage/2:

Seit meiner Anstellung als Werkstudent für sechs Monate 2015/16 bei einem Kfz-Zulieferer im Qualitätsaudit begeistert mich die Produktion größerer Unternehmen. Ziel wäre demnach die Produktionsplanung oder Fertigungsvorbereitung in einem eher größeren produzierenden Unternehmen. Leider habe ich aus beruflicher Sicht kaum Tätigkeiten im Produktionsbereich vorzuweisen.

Meine Frage ist jetzt, wie die Wahrnehmung dieser Tatsache (Ziel contra Erfahrung) bei den Arbeitgebern ist.

Antwort/2:

Da kann ich Sie beruhigen. Selbst wenn Sie Ihre Werkstudenten- und Praktikantentätigkeiten viel konsequenter auf die Produktion hätten ausrichten können, wäre das noch immer keine „berufliche Praxis“, wie Sie die Rubrik im Lebenslauf nennen. Eine solche kann man schon definitionsgemäß erst erwerben, wenn man seine Berufsausbildung vor der Ausübung dieser Tätigkeiten abgeschlossen hat (nennen Sie die Rubrik z. B. „erste berufliche Erfahrungen vor Abschluss meines Studiums“, dann ordnet das jeder richtig zu).

Im Anschreiben würde ich etwa formulieren: „Ich suche, meinem Studienschwerpunkt entsprechend, einen Einstieg im fertigungs- oder fertigungsnahen Bereich. In diversen Praktika bzw. Werkstudententätigkeit konnte ich erste Erfahrungen im technischen Bereich namhafter produzierender Unternehmen sammeln. Leider gab es praktisch keine Möglichkeit, dort noch produktionsnäher eingesetzt zu werden. Ich habe aber jede sich bietende Chance genutzt, immer wieder Einblicke in den Produktionsbereich zu bekommen, die meine Zielvorstellungen bestätigt haben.“

Ich muss aber noch ein Thema anschneiden, das ich für wichtiger und erfolgsgefährdender halte als alle anderen Details: Sie neigen zu einer kapriziösen Art der Formulierung, von der ich einem Berufseinsteiger, noch dazu einem mit Anlaufproblemen, doch eher abrate. Aus den obigen kurzen Zitaten geht das nur andeutungsweise hervor. Ich zitiere jetzt einen typischen Satz, der im zwangsläufig der Kürzung zum Opfer gefallenen Text stand:

Sie waren bei einer der „ersten Adressen“ der deutschen Industrie (Super-Großkonzern) in der Wareneingangslogistik ca. ein Jahr als Werkstudent tätig und schreiben darüber: „…(mir erschließt sich im Nachhinein weiterhin nicht wirklich, was diese Abteilung überhaupt gemacht hat)“.

Ich rate davon ab – und prophezeie Ärger in der späteren „richtigen“ beruflichen Praxis, wenn Sie diese „Denke“ beibehalten.

Frage-Nr.: 3.052
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe:51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-12-20

Von Heiko Mell

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