Heiko Mell

Trainee oder nicht Trainee

Für mich steht in Kürze eine der wohl wichtigsten Entscheidungen an, der Berufseinstieg.

Meine bisherige Ausbildung über Abitur (2,0), Bachelor in E-Technik an der Uni …(2,0), Masterstudium dort und aktuell Masterarbeit bei einem deutschen Top-Konzern werde ich in einigen Monaten mit etwa 1,3 bis 1,5 beim Master abschließen.

Mein mittelfristiges Ziel ist eine Führungsaufgabe im Entwicklungsbereich, längerfristig in der Bereichs- oder Geschäftsleitung.

Antwort 1

Diese recht präzisen und hoch angesetzten Ziele sind keinesfalls verkehrt, auch nicht in diesem frühen Stadium. Sie helfen enorm bei der Auswahl des richtigen Weges, der nun einzuschlagen ist.

Mein Lieblingsbeispiel in diesem Zusammenhang ist ein Bergsteiger, der zu einer Tour startet. Weiß er, dass er bis morgen Mittag den Mount X erreichen will, kann er Ausrüstung und Strecke optimal planen. Weiß er beim Start aber nur etwas in Richtung „Schaun wir mal“, wird aus dem Gipfelsturm eher ein beschauliches Bergwandern.

Damit kein Missverständnis entsteht: Auch Bergwandern kann befriedigend oder erbauend sein, entsprechende Vorhaben sind absolut „erlaubt“. Nur wer eher zu Gipfeln strebt, ist mit konkreten Zielen weitaus besser bedient.

Dazu vorsichtshalber noch zwei Einschränkungen: Wer „viel“ erreichen will, muss „sehr viel“ als Ziel definieren. Was bedeutet: Das Leben zwingt oft zu Abstrichen. Das wiederum heißt: Abstriche von zu kleinen Zielen führen schnell zu „gar nichts“, solche von hohen Erwartungen lassen immer noch etwas Vorzeigbares übrig. Oder auch: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, zeig ihm deine Pläne“.

Und speziell für Sie, geehrter Einsender: Das mittelfristige Ziel einer Führungsaufgabe im Entwicklungsbereich ist zur Nennung z. B. in Vorstellungsgesprächen geeignet, den Rest mit der Geschäftsleitung denken Sie sich lieber erst einmal.

Möchten Sie eine Begründung? Sie ist ganz einfach und ebenso logisch, aber trotz sehr guter Ausbildung sind solche taktischen Überlegungen auch für hochintelligente Anfänger meist ein Buch mit sieben Siegeln. Also noch ein Beispiel, diesmal im Paket: Ich sitze Ihnen als Arbeitgebervertreter im Vorstellungsgespräch gegenüber. Sie sind Bewerber und sprechen über Ihr Ziel „Geschäftsleitung“:

a) Ich bin Vorstandsvorsitzender des Konzerns (kommt in der Praxis eher selten vor, hilft aber als Beispiel beim Lösungsaufbau):

Alles, was Sie sind und über Ihre Pläne sagen könnten, spielt sich weit, weit unter meiner Position ab. Solange Sie nicht Vorstands- oder gar Aufsichtsratsvorsitzender werden wollen, kann ich das alles amüsiert zur Kenntnis nehmen. Tatsächlich finde ich seit längerer Zeit, dass die mir unterstellten Bereichs- und Geschäftsleitungsmitglieder durchaus eine noch qualifiziertere Verstärkung gebrauchen könnten. Warum nicht eines Tages durch einen solchen jungen „Klugscheißer“ – der schon noch sehen wird, was da alles an Steinen auf seinem Weg liegt. Ich entschließe mich zu einem dröhnenden Lachen, haue Ihnen eine Hand auf die Schulter und sage: „Machen Sie mal, junger Mann; Ehrgeiz schadet ja nicht“. Dann verabschiede ich mich, schließlich habe ich einen Konzern zu leiten. Beim Hinausgehen frage ich mich: „War ich tatsächlich auch mal so jung?“ Und dann vergesse ich das alles.

b) Ich bin Bereichsleiter und/oder Mitglied der Geschäftsleitung. Der Bursche will nun werden, was ich mühsam erreicht habe. Damit sagt er: „So gut wie Sie bin ich auch.“ Ich weiß nicht, ich weiß nicht, aber das begeistert mich irgendwie nicht. Und: Wir hätten es damals nicht gewagt, bei der Vorstellung solch vermessene Ziele zu äußern, Teufel auch.

Ich denke darüber nach, ob ich dem Burschen nicht seinen Schneid abkaufen kann. Nach mehr als dreißig Berufsjahren wird mir ja wohl noch eine Frage einfallen, bei der er ins Schwimmen kommt. Oder ich lasse ihn einen praktischen Fall lösen, bei dem er sich bestimmt verheddert.

c) Ich bin Gruppenleiter, ein bisschen zu alt für meinen Rang, fachlich kompetent, aber spät und selten befördert worden. Jetzt kommt da ein junger Anfänger und sagt mir ins Gesicht: „Also, älterer Mann, einen ganzen Haufen mehr als du erreicht hast, will ich schon zustande bringen.“ Ich glaube nicht, dass mir das gefällt, ich bin sogar ziemlich sicher. Da gab es doch einige Fragen im Vorstellungsgespräch, auf die es gar keine richtigen Antworten gibt, bei denen ich also an seinen Ausführungen in jedem Fall Anstoß nehmen kann. Gerade fällt mir auch schon etwas ein …

Ich glaube, das Prinzip hinter dieser Warnung wird deutlich. Und wenn von Ihnen, geehrte Hochschullehrer, einige diese Beispiele lesen: Das ist es, was unseren brillant ausgebildeten Jungingenieuren oft noch fehlt: das Gespür für taktisches Geschick neben dem auch wichtigen Aspekt „sachliche Kompetenz in technischen Fragen“.

Frage 2

Ich schwanke zwischen folgenden drei Möglichkeiten: Direkteinstieg (vermutlich im Konzern oder einem großen mittelständischen Unternehmen), Trainee oder Promotion.

Zur Promotion bin ich mehrfach angesprochen worden, glaube jedoch, dabei zu lange von der Industrie „weg“ zu sein. Drei bis fünf Jahre Berufspraxis erscheinen mir wertvoller als der Doktortitel, selbst bei einer möglichen Industriepromotion. Daher scheidet eine Promotion für mich eher aus.

Antwort 2

Sie wollen in die Entwicklung, Fasst man diese unter „F+E“ zusammen, dann gilt: Ausgerechnet dort sind promovierte Kandidaten besonders gut einsetzbar, begehrt und stark vertreten.

Nehmen wir einmal an, Sie strebten nach einer ganz bestimmten Einstiegsposition in einem ganz bestimmten Unternehmen. Dann sind Sie dort bei der Frage einer Einstellung vom Urteil eines ganz bestimmten Managers abhängig. Wenn der nun promoviert hat (oder ist), dann wird er einen nichtpromovierten Bewerber nicht pauschal ablehnen. Aber wenn es zum Schluss auf die Entscheidung zwischen zwei ähnlich geeignet erscheinenden Kandidaten hinausläuft, dann könnte die ausgeprägte Sympathie (die letztlich entscheidet!) bei einem Kandidaten mit Dr.-Grad liegen. Die Menschen neigen dazu, sich als Maßstab zu nehmen, das schließt ihren bisher gegangenen Berufsweg durchaus mit ein.

Eine Anregung: Sie sind doch durch Ihre Masterarbeit jetzt „Insider“ eines Spitzen-Industriekonzerns. Und Ihnen wird man Informationen leichter zugänglich machen als externen Auskunftserheischern. Fragen Sie also, wie sich z. B. dort das Management einer- und die ausführenden Ebenen andererseits in den Entwicklungsbereichen zusammensetzen (hinsichtlich der Promovierten). Um das vorwegzunehmen: Fragen Sie auch gleich nach den promovierten Teilnehmern am Traineeprogramm.

Übrigens ist ein Dissertationsthema eine hervorragende „Brücke“ für den späteren Einstieg genau auf diesem Gebiet. Und eine Industriepromotion ebenso wie die Promotion z. B. an einem Institut mit zahlreichen Kundenaufträgen bringt ziemliche Praxisnähe, entfernt Sie also nicht zu sehr vom späteren Ziel.

Aber: Ein pauschaler „Karriereturbo“ ist eine Promotion nicht (mehr). Man muss individuell abwägen – und der Dr. vor dem Namen sollte Ihnen dann schon etwas bedeuten, über Sachargumente hinaus.

Lehnen Sie diese Alternative also ggf. erst nach weiterem Nachdenken ab.

Frage 3

Also Direkteinstieg oder Trainee. Wie werden Trainees allgemein in der Industrie angesehen, während der Traineezeit und danach? Ist ein Traineeprogramm wirklich das „Sprungbrett“ für zukünftige Führungskräfte oder nur die bessere Position eines Praktikanten, der zwar überall dabei ist, aber nichts machen darf? Ist es möglich nach einem Traineeprogramm im Konzern A zu Konzern B (oder einem Mittelständler C) zu wechseln oder ist man dann schon zu sehr in A verankert? Welche Kriterien sind aus Ihrer Sicht wichtig oder unabdingbar bei einem Traineeprogramm? Oder habe ich nach zwei Jahren Direkteinstieg, in denen ich erste eigene Projekte (erfolgreich) bearbeite, nicht schon mehr erreicht?

Antwort 3

Das Thema „Trainee“ ist vielschichtig; dies schon allein wegen der Vielfalt von entsprechenden Programmen, die nicht genormt sind, sondern individuell „gestrickt“ werden. Aber pauschal kann gelten:

Es gibt (große) Unternehmen mit und solche ohne Traineeprogramme. Wenn eines „ohne“ Ihnen zusagt, spricht nichts gegen einen Eintritt dort. Man hat dann eben in diesem Haus nur die Möglichkeit des Direkteinstiegs – und erschließt sich auf dieser Basis alle denkbaren Chancen eines Aufstiegs oder bleibt berufslebenslang auf ausführender Ebene. Fast alle (einige kamen auch von draußen) Führungskräfte sind dort auf diesem Wege aufgestiegen, in diesem Unternehmen ist das eben der Standard.

Wer dort etwas „werden“ will, muss sich qualifizieren, profilieren, für den Aufstieg empfehlen und – ja – auch darum kämpfen. Aber es spricht nichts dagegen, diesen dort bewährten Weg zu gehen. Konkret: Es ist nicht sinnvoll, ein grundsätzlich interessantes Unternehmen als Partner für den Berufseinstieg abzulehnen, nur weil es dort kein Traineeprogramm gibt.

Bietet aber ein Unternehmen ein Traineeprogramm, sieht die Sache schon anders aus: Zwar gibt es natürlich auch dort alternativ noch den Direkteinstieg und man betont, dass auch dieser „alle Chancen“ auf dem Weg nach oben erschließe, aber für Aufstiegsorientierte sollte der Traineestatus dann doch erste Wahl sein.

Denn: Ein solches Traineeprogramm ist „die Kaderschmiede“ dieses Unternehmens. Die Teilnehmer werden ausgewählt, geschult und gefördert mit dem Ziel, den Führungsnachwuchs von morgen heranzubilden. Sie werden dazu in der Regel mit wechselnden anspruchsvollen Projektaufgaben betraut, verschiedenen hochkarätigen Teams zugeordnet, für abgegrenzte Zeiten ins Ausland geschickt, sie lernen intern verschiedene Bereiche kennen, haben Kontakt zu deren Führungskräften, bauen sich dabei Netzwerke auf (extrem wichtig). Das ist in der Regel hochinteressant – und für Anfänger mit Führungsambitionen sehr erstrebenswert.

Diese – meist – zweijährige Ausbildung und Förderung kostet viel Geld, das sich dann auch für das Unternehmen als solide Investition erweisen soll. „Rendite“ erzielt das Unternehmen dabei nur, wenn es aus den „teuren“ Kandidaten anschließend auch Aufsteiger macht, sonst war die Geschichte nur Geldverschwendung.

Aber: Die Anforderungen für den Einstieg in solche Programme bei den „großen Namen“ sind hoch, der Wettbewerb der Bewerber ist grundsätzlich groß. Und man wird später die ganze Zeit über von unterschiedlichen Leuten beurteilt. Dabei kann man durchfallen. Oft wird ein Trainee mit befristetem Vertrag eingestellt und muss dann hinterher ausdrücklich übernommen werden. Es ist auch denkbar, dass ein Arbeitgeber in zwei Jahren fünfzehn Nachwuchsführungskräfte braucht, aber zwanzig Trainees einstellt – bei fünf eingeplanten „Ausfällen“ aller Art.

Ein Traineeprogramm beim Konzern A erfolgreich absolviert zu haben, ist eine tolle Auszeichnung – es muss aber zu einer anschließenden Übernahme durch A führen. Sonst gilt man als „gewogen und zu leicht befunden“. Also sollte man keinen Firmenwechsel nach Programmabschluss einplanen oder riskieren.

Wie so oft, stehen Chancen und Risiken in ausgewogenem Verhältnis zueinander. Das ist nichts für ängstliche Gemüter mit mangelndem Selbstbewusstsein. Wer aus dem richtigen Holz geschnitzt ist, greift gern zu, sofern man ihn nimmt.

Bedenken hinsichtlich eines „besseren Praktikantenstatus“ sind grundsätzlich unangebracht: Kürzlich schrieb mir ein Ex-Trainee eines großen deutschen Konzerns (Kfz-OEM), die Zeit sei so anstrengend gewesen, dass für eine von mir mitunter empfohlene nebenberufliche Promotion keine Energie mehr übrig geblieben wäre.

Fünf Jahre (als Beispiel) nach erfolgreichem Abschluss eines Traineeprogramms und nach ersten Aufstiegserfolgen in diesem Unternehmen könnten Sie dann auch den Arbeitgeber wieder wechseln und wären für andere Firmen sehr interessant.

Abschließend wage ich etwas: So ein Top-Traineeprogramm geht schon Richtung „Elite“: hohe Anforderungen, tolle Chancen – und wie fast immer auch entsprechende Risiken. Wer dort hineinpasst, darf letztere nicht scheuen. „Und wenn ich durchfalle?“ – wäre die falsche Frage.

So, geehrter Einsender, nun liegt die Entscheidung bei Ihnen. Wägen Sie ab zwischen Promotion, Traineeprogramm oder Direkteinstieg. Als Trost: Keiner dieser Wege kann pauschal falsch genannt werden. Aber das Leben hält immer wieder Überraschungen bereit, die auch sorgfältigste Planungen durchkreuzen können: Nach Abschluss einer Promotion können Ihre Zielfirmen einen pauschalen Einstellstopp praktizieren, nach Ende Ihres Traineeprogramms kann Ihr Konzern von einem anderen gekauft werden, der kein Interesse an den Ex-Trainees des „besiegten“ Unternehmens hat. Und beim Direkteinstieg können Sie an einen Vorgesetzten geraten, der Ihnen tonnenweise Steine in den Weg wirft.

Aber: Bangemachen gilt nicht, wer weit nach oben will, darf nicht besonders furchtsam sein. Dass ein Berufsleben (auch) Kampf ist, hat hier schon öfter gestanden. Nur Mut!

Frage-Nr.: 2.968
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-09-21

Von Heiko Mell

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