Heiko Mell

Leserreaktion auf Promotionsabsolvent mit Stigma

Frage 1:

In Frage 3.013 forderte ein engagierter Einsender, die frischpromovierten Berufseinsteiger vom „Stigma“ des Anfängers zu befreien; H. Mell:

Ich bin seit 25 Jahren in einem großen Unternehmen der Automobilzulieferindustrie in Forschung und Entwicklung in mehreren Aufgabenbereichen tätig und habe ebenfalls promoviert. Jetzt bin ich Chief-Ingenieur in einem Bereich mit mehr als 200 Personen.

Ich stimme Ihrer Antwort zu Frage 3.013 zu, möchte aber noch ein paar Punkte hinzufügen:

Der promovierte Ingenieur gehört in der Regel zu den besten 10% der Studienabgänger seines Abschlussjahres. Da bei Berufsanfängern die Abschlussnote ein wichtiges Kriterium darstellt, werden vermutlich auch aus diesem Grund Absolventen mit guten Noten sowohl beim Praxiseinstieg als auch für Promotionsvorhaben bevorzugt. Gegenüber einem jüngeren Absolventen mit ähnlich guten Noten, der sich auch noch gut verkauft („ich will in die Praxis und etwas bewegen“) hat ein (zwangsläufig älterer) promovierter Berufsanfänger aus meiner Sicht eher schlechtere Karten.

Antwort 1:

Ich ziehe mich gerade in dieser Frage gern auf „Radio Eriwan“ zurück: „Im Prinzip ja, in der Praxis jedoch …“

Sie, geehrter Einsender, sind seit gut 25 Jahren von einem (!) Unternehmen geprägt. Da besteht – deshalb ja die Bedenken vieler Bewerbungsempfänger gegen Kandidaten mit so langen Betriebszugehörigkeiten – die Gefahr, dass man schleichend die eigentlich angemessene Aussage „Bei uns ist das so“ zu ersetzen beginnt durch die Verallgemeinerung „Das ist so“. Damit ist keine Kritik verbinden, Sie berichten ja nur korrekt aus Ihrem beruflichen Umfeld. Angestellte, denen nach so langer Zugehörigkeit zu einem Arbeitgeber ein Wechsel gelang, haben schon große Überraschungen erlebt: Gepflogenheiten, Strukturen, Abläufe und Entscheidungsgrundlagen in anderen Unternehmen können sehr ausgeprägt „anders“ sein!

Nach meinen Erfahrungen gibt es ein Indiz (keinen Beweis!) für die pauschale Würdigung oder entsprechend die fehlende Wertschätzung der Promotion eines Bewerbers, der nach dem Studium oder als frischgebackener Dr.-Ing. in ein bestimmtes Unternehmen einsteigt. Ein Blick auf die Zusammensetzung der Geschäftsführung/des Vorstandes, der Managementebene darunter und des einstellenden Bereichs zeigt, ob es eine nennenswerte Quote promovierter Personen im künftigen Umfeld gibt oder eben nicht.

Unabhängig von Sachargumenten und von besserem Wissen neigt der Mensch dazu, seine eigenen Besonderheiten als Standard für die ideale Konstellation bei anderen zu sehen. Anders herum argumentiert: Suchen Sie einmal einen beruflich erfolgreichen, engagierten Akademiker mit Promotion, der Letztere später einmal für überflüssig bzw. eine Fehlinvestition hält. Wo es also im Entscheidungs- und Kollegialbereich viele Promovierte gibt, darf ein Bewerber auf eine gewisse Grundwürdigung seiner entsprechenden Qualifikation hoffen. Überwiegt im erwähnten Umfeld die Promotionsquote deutlich, mag sich ein entsprechend qualifizierter Bewerber dort sogar besonders gefragt fühlen.

Das gilt auch umgekehrt: Auch ich habe schon Aussagen von suchenden Vorgesetzten über die ideale Bewerberqualifikation gehört, in denen es hieß: „Eine Promotion stört uns nicht.“

Wenn Sie, geehrter Einsender, dem jüngeren, nichtpromovierten Absolventen mit guten Noten und gutem Verkaufspotenzial Vorteile zugestehen, müssten Sie ihn aus Gründen der Fairness zunächst einmal mit solchen promovierten Kandidaten vergleichen, die sich auch gut verkaufen.

Ich habe darüber hinaus die Erfahrung gemacht, dass promovierte Anfänger oft ein besseres Bild abgeben, persönlich reifer und überzeugender sind als jüngere nichtpromovierte Absolventen. Das kann keine Überraschung sein: Die etwa fünf Jahre Alters- und Erfahrungsvorsprung zahlen sich hier aus – und gerechterweise müsste man den promovierten Anfänger mit einem nichtpromovierten Ingenieur vergleichen, der inzwischen fünf Jahre Industriepraxis hat. Der ist dann mindestens „konkurrenzfähig“: Diese Vergleiche ähneln schnell einer „unendlichen“ Geschichte.

Man darf bei einer Gegenüberstellung beider Kandidatengruppen auch nicht nur den Berufseinstieg sehen, letztlich muss man die ganze Laufbahn betrachten. Und da ist zwar generell die Promotion kein „Karriereturbo“ mit garantierter Wirkung mehr. Aber es sind verschiedene Auswirkungen der einen oder anderen Qualifikationsstufe möglich. Man kennt die Situation in der Großchemie, die von (stets) promovierten Chemikern dominiert wird, denen man gern „adäquat“ qualifizierte Partner in Ingenieurbereichen zur Seite stellt; in manchen Bereichen hat man als Repräsentanten einfach gern einen „Dr.“ an der Spitze – und wenn jemand später einmal FH-Professor werden möchte (diese Variante ist recht beliebt), dann hat er ohne Promotion praktisch keine Chance.

Einigen wir uns darauf, dass in der Diskussion über Vor- und Nachteile keine eindeutige pauschale Empfehlung möglich ist, vieles hängt vom Einzelfall, von der Persönlichkeit, von Glück und Zufall ab.

Daher rate ich unsicheren Interessenten seit Jahren: Stellen Sie sich vor den Spiegel und beantworten Sie sich die Frage, ob Sie letztlich gern „Herr/Frau Dr. Müller“ wären. Und wenn die Antwort positiv ist, tun Sie es – denn was der Mensch unbedingt zu brauchen glaubt, darum sollte er auch kämpfen.

Aber man muss auch diesen Aspekt sehen: Es gibt genügend Vorstandsmitglieder von DAX-Konzernen, die keine Promotion haben. Mehr und mehr verlagert sich die Bedeutung dieser speziellen Qualifikation von der Betrachtung unter Karriereaspekten hin zur Befriedigung eines persönlichen Anspruchs, von einigen speziellen Berufszielen abgesehen.

Eine Bemerkung noch zum Abschluss dieser Teilantwort: Unser erfahrener Einsender mitten aus der industriellen Praxis benutzt im letzten Satz von Frage 1 instinktiv den Begriff des „promovierten Berufsanfängers“. Genau dagegen hatte sich der damalige Einsender der Ausgangsfrage 3.013 vehement gestemmt. Das eben war das „Stigma“, von dem frischgebackene Dr.-Ingenieure unbedingt zu befreien seien. Ich benutze inzwischen gern den Begriff „Edel-Anfänger“: mehr als ein Studienabsolvent, aber nicht so erfahren wie ein Kandidat mit fünf Jahren Industriepraxis. Aber der weitere Berufsweg ist ein Marathonlauf, kein 100-m-Sprint. Wer am Start führt, hat noch nicht gewonnen, wer dort hinten liegt, kann noch viel auf- und viele überholen. Also nehme man als Betroffener den „Anfänger“ gelassen.

Frage 2:

Wichtig ist, dass der Bewerber nicht glaubt, dass er etwas Besonderes ist. Diese Einstellung merkt man sehr schnell – und dann ist er schneller draußen als er glaubt. Wie Sie schon gesagt haben, das dissertationsspezifische Wissen spielt in der Praxis bis auf wenige Ausnahmen keine Rolle.

Ein Kollege von der Universität, der jetzt Geschäftsführer ist, hat einmal gesagt: Je schneller man sein spezifisches Wissen nicht mehr braucht, desto eher hat man Karriere gemacht.

Antwort 2:

Das „dissertationsspezifische Wissen“ ist oft gerade bei der Bewerbung um die erste Anstellung nach der Promotion eine fachliche „Brücke“ zwischen dem Bewerber und seinem Ziel. Insbesondere größere Mittelständler sehen es gern und betrachten es als Empfehlung, wenn die Dissertation der zentralen Aufgabenstellung in der zu besetzenden Position thematisch nahekommt oder ihr gar entspricht.

Hochinteressant ist der zum Merken empfohlene Ausspruch Ihres ehemaligen Kollegen. Viele Ingenieure, die überwiegend fachlich orientiert sind und eher keine Führungslaufbahn anstreben, haben Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Sie neigen sogar dazu, entsprechend – und damit im Sinne des Systems völlig richtig – denkende Vorgesetzte wegen fehlender Detail- und Spezialkenntnisse zu missachten.

Zwei Gegenbeispiele:

a) Viele erfolgreiche Manager sagen im vertraulichen Gespräch ganz offen und freimütig, dass sie diverse fachliche Details aus der Arbeit ihrer Mitarbeiter überhaupt nicht mehr beherrschen und z. B. als Entwicklungsleiter mit dem neuesten CAD-Softwareprogramm nicht arbeiten könnten. Das ist korrekt, es muss so sein – dafür können sie (hoffentlich) führen, andere motivieren, Teilaufgaben delegieren und tragen sie die Verantwortung. Das ist ihre spezielle „fachliche“ Herausforderung.

b) Die klassischen Soldaten in der Schlacht – nehmen wir um des lieben Friedens Willen solche aus den Armeen Napoleons um 1800 – funktionieren auf Befehl ohne großes Nachdenken, sie können vor allem schießen und einen Bajonettangriff nach Reglement durchführen.

Napoleon als mitunter genialer Feldherr und Kaiser, konnte ganz sicher nichts (mehr) davon. Er befolgte keine Befehle mehr, er gab solche; über seine Schießkünste mit dem Gewehr ist nichts überliefert (er kam von der Artillerie) und mit dem Bajonett hätte er mit seiner wenig imposanten Figur keinem Feind Furcht eingeflößt. Kurz: Er schoss nicht, er ließ schießen. Und wie das im Detail funktioniert (wieviel Gramm Pulver pro Schuss etc.), musste er nicht mehr selbst beherrschen, dafür hatte er „Leute“. Dieses Prinzip gilt als Modell noch heute. Wer als ausführender Fachmann daran Anstoß nimmt, ist auf dem Holzweg.

Mit etwas einprägsamer Überspitzung gehe ich in der Formulierung sogar noch einen Schritt weiter: Im Sinne einer Karriereberatung ist das rein fachliche Tun eigentlich vor allem Mittel zum Zweck, um etwas zu werden. Ist man etwas „geworden“ auf der Hierarchieleiter, hat man für die fachlichen Aufgaben, mit denen man sich qualifiziert hatte, nunmehr hochqualifizierte unterstellte Mitarbeiter. Niemand muss so denken und entsprechende Ziele haben, aber jeder, der Rädchen ist im System und selbiges verstehen will, kommt an dieser Erkenntnis nicht vorbei. Sie gilt für Promovierte und Nicht-Promovierte gleichermaßen.

Man bedenke auch, dass es praktisch keine Stellenanzeigen gibt, in denen von Bewerbern mit ausführender Tätigkeit mehr als fünf Jahre Praxis auf ihrem Spezialgebiet gefordert werden. Wer fünfzehn Jahre davon hat, ist nicht etwa besser, sondern eher schon falsch qualifiziert – „viel hilft viel“ gilt auch hier mitnichten.

Frage 3:

Ein wichtiger Punkt ist auch die Ausbildung während der Promotion. Es gibt Professoren, die glauben, dass sie ihre Doktoranden auf die Praxis vorbereiten, wenn sie sie zu Vorträgen schicken, ihnen kleinere Leitungsfunktionen übertragen usw. Das sind alles Anreize, die den Lehrstuhl interessant und modern machen, aber nahezu keine Relevanz in der Praxis haben.

Bei den Dissertationen ist die Bandbreite sehr groß, sie reicht von wissenschaftlichen Arbeiten, bei denen eine sehr große „Erfindungshöhe“ vorliegt, bis zu Ausführungen, bei denen ein kleiner Bereich optimiert wird. In der Regel dauern erstere etwas länger, die anderen sind z. T. bereits nach drei Jahren fertiggestellt. Für den Bewerbungsempfänger ist es kaum zu erkennen, aus welchem dieser Bereiche die Dissertation stammt, die Frage spielt daher m. E. nahezu keine Rolle im Bewerbungsprozess; für die spätere Karriere ist sie vollkommen irrelevant.

Wenn ein Student aber unbedingt promovieren will, um Karriere zu machen, dann sollte er eine möglichst kurze Dissertationszeit anstreben. Auf jeden Fall aber sollte er sich einen Lehrstuhl aussuchen, in dem er bereits Industriekontakte knüpfen kann, am besten eine Arbeit, die von entsprechenden industrienahen Vereinigungen (wie z. B. der Forschungsvereinigung Antriebstechnik FVA) gefördert wird.

Antwort 3:

Die – für uns stets besonders wertvolle – Stimme einer erfahrenen Führungskraft aus der Praxis. Sie können, liebe Leser, davon ausgehen, dass in diesem Unternehmen so gedacht und gehandelt wird, wie es der Einsender hier schildert.

Es gilt aber auch: Bei einem sehr großen Unternehmen kann bereits in einem Nachbarbereich, der von einer anderen Persönlichkeit an der Spitze geprägt ist, etwas anders geurteilt werden. Und auch das muss gesagt werden: Die 25 Dienstjahre in der Forschung und Entwicklung eines Unternehmens haben den Einsender ganz sicher auch zu einem ausgewiesenen Fachmann für Promotionsbelange in diesem (!) Sektor dieses (!) Hauses gemacht. Er sowie seine Kollegen und Mitarbeiter haben fundierte Erfahrungen mit diesem speziellen Thema gemacht, die auf die Anforderungen dieses Hauses abgestimmt sind. Aber er hat mit Sicherheit auch keinen Grund für vergleichende Untersuchungen zum Thema „Wie denkt die deutsche Industrie über promovierte Berufsanfänger?“ gesehen. Erfahrungsgemäß interessieren ihn sein vertrautes Umfeld und dessen Belange, daraus leitet er seine Erkenntnisse ab – die für uns wertvoll sind und für die wir uns bedanken.

Und was immer eine Rolle spielt: Wie war der Weg des jeweiligen Einsenders, wann hat er wo wie lange über welches Thema promoviert, welche Rolle hat die Dissertation bei seiner Einstellung, bei der Übertragung der ersten betrieblichen Aufgaben an ihn gespielt? Denn nahezu immer zimmert sich der Mensch seine Maßstäbe für eine Optimal-Lösung auch am eigenen Beispiel zurecht. Das ist kein Vorwurf an eine bestimmte Person, wir alle unterliegen dieser Gefahr.

Auch ich, wohlgemerkt. Vom Instinkt her halte ich wesentliche Elemente meines eigenen Weges für meine Arbeit (auch für diese hier) für praktisch unverzichtbar. Unter Druck gesetzt, würde ich zugeben: Es geht vielleicht auch ganz anders. Und mit der mir eigenen Bosheit würde ich hinzusetzen: aber sicher ein bisschen schlechter. Niemand kann aus seiner Haut …

Frage-Nr.: 3.037
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-10-11

Von Heiko Mell

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