Heiko Mell

Meine Zielbranche will mich nicht

Frage

In Kürze werde ich mein Masterstudium (Wirtschaftsingenieurwesen) an der Universität … abschließen. Anschließend strebe ich eine Anstellung bei einem Automobilhersteller an, weshalb ich bereits während meines Studiums praktische Erfahrungen in der Automobil- und Zulieferindustrie gesammelt und auch die Bachelor- und Projektarbeit jeweils mit Bezug zur Automobilindustrie erstellt habe (was leider auch bedeutet: „Die wichtige Masterarbeit jedoch nicht“; H. Mell).

Mein Wunsch, bei einem Automobilhersteller zu arbeiten, resultiert zum einen aus den positiven Erfahrungen, welche ich während eines Praktikums bei der Tochtergesellschaft eines solchen Unternehmens im europäischen Ausland erlangt habe. Zudem habe ich eine Faszination für Automobile und schätze auch die Vorzüge einer Anstellung bei einem Konzern (internationale Ausrichtung, Weiterbildungsmöglichkeiten, Sozialleistungen etc.).

Allerdings habe ich auf meine bisherigen Bewerbungen bei den bekannten deutschen Automobilherstellern keine positiven Rückmeldungen oder Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten.

Meine Bewerbungsunterlagen übersende ich im Anhang.

Antwort

Ihre Zuschrift habe ich bewusst eine längere Zeit liegen lassen – die Mitwirkung bei einer aktuellen Bewerbungsaktion, die sich noch dazu nur an eine knappe Handvoll Zielfirmen richtet, ist für diese Serie nicht interessant. Bei diesen paar Unternehmen geht es um bestimmte Fakten, die mir so konkret nicht vorliegen: Stellen jene Häuser zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich Anfänger Ihrer Fachrichtung ein, engagieren sie diese direkt oder gehen sie den Umweg über Dienstleister, deren Mitarbeiter sie ausführlich kennenlernen, bevor sie einige davon übernehmen, andere jedoch nicht?

Inzwischen dürften Sie Ihren persönlichen Weg gefunden haben – und ich kann Ihre vom aktuellen Anlass losgelöste Frage zum allgemeinen Anschauungsunterricht nutzen. Außerdem vermeide ich die Gefahr, Ihr Anliegen durch wörtliche Zitate aus Ihren Unterlagen eventuell sogar zu gefährden.

Zunächst zum harten Kern Ihrer Qualifikation, den Fakten: Die sind recht solide und durchaus zielführend.

Abitur nach vorangegangener Realschule mit 19 Jahren und 2,2. Ein irgendwie fachfremd klingendes Studium, das nach einem Semester abgebrochen wurde (nicht wirklich problematisch). FH-Bachelor Wirtschaftsingenieurwesen mit Vertiefung in Einkauf und Vertrieb mit 1,9; Bachelorarbeit bei einem Zulieferer, aber „nur“ mit 1,7. Während dieses Studiums das erwähnte halbjährige Vollzeitpraktikum bei der Auslandstochter eines deutschen Kfz-Herstellers und dann noch ein USA-Auslandssemester mit sehr guter Benotung.

Schließlich Uni-Masterstudium Wirtschaftsingenieurwesen mit aktuellen Schnitt von 1,4 und Vertiefung in Maschinenbau und Management, eine sehr gut benotete Projektarbeit mit Thema „Automobilindustrie“; zusätzlich ein Jahr Werkstudent bei einem großen Zuliefererkonzern in der Prozessentwicklung.

Die beigefügten Studienzeugnisse bestätigen Ihre Angaben im Lebenslauf, die Arbeitgeberzeugnisse aus den Nebentätigkeiten sind gut bis sehr gut.

Wenn man eine Einschränkung machen will, dann findet sich etwas im Bereich „Zielstrebigkeit/Geradlinigkeit/Konsequenz“: Abitur auf dem „Umweg“ über die Realschule; erstes Studium aufgegeben; Fachgebiet gewechselt; im Bachelor-Studium eine Vertiefung gewählt, die dann im Master-Studium auch wieder gewechselt wurde. Ausgerechnet bei der jetzt für Ihren speziell angestrebten Berufseintritt so wichtigen Masterarbeit findet sich in Ihren Angaben kein Hinweis auf eine Verbindung zur Automobilbranche in der Themenstellung oder in einer Zusammenarbeit mit einem Unternehmen der Branche.

Das Anschreiben: Das mir überlassene Beispiel zielt auf eine Position im Produktmanagement. Das ist eine Funktion des Marketing – auch Sie bemühen in Ihrem Brief diesen Begriff mehrfach, was unbedingt richtig ist.

Nur: In Ihrem sehr viel wichtigeren Lebenslauf kommt dieses entscheidende Wort („Marketing“) kaum vor. Im Thema der Masterarbeit geht es um eine Datenbank im Bereich Wissensmanagement im Produktentwicklungsbereich. Da erkennt kein HR-Mitarbeiter eine Verbindung zum Kernthema dieser ausgeschriebenen Position.

Bezeichnend ist Ihre Darstellung zur Bachelorarbeit im Lebenslauf: In der Rubrik „Studium“ zitieren Sie Ihr Thema wörtlich, es geht dabei um ein globales System für die Fertigung von Bauelementen; kein direkter Hinweis auf Marketing, aber immerhin der Hinweis, die Arbeit sei erstellt worden „in Kooperation mit dem Produktmanagement“ eines benannten Unternehmens. Lediglich in der Darstellung des erwähnten Auslandssemesters findet sich mitten in einer Aufzählung der Begriff „Marketing-Research“. Das liest dort so versteckt kaum jemand – und zum Fachmann macht Sie dieses winzige Detail auch nicht.

Im vorliegenden Fall hätte es im Lebenslauf an herausragenden Stellen von Erwähnungen der „hier und jetzt“ relevanten Reizwörter nur so wimmeln müssen, wenn Sie hätten Erfolg haben wollen.

Und selbst wenn jemand die zarten Hinweise aus der vergangenen Bachelor-Phase zur Kenntnis nimmt, so kommt er zu dem Schluss, dass Sie beim anschließenden Master-Studium dieses Gebiet vermutlich verlassen haben, sich jetzt aber wieder darauf berufen wollen. Das ist nicht optimal.

Ich habe hier schon oft warnend auf eine Besonderheit bei der Analyse von Bewerbungen hingewiesen: Der Profi liest häufig die Lebensläufe zuerst, scheidet danach bis zu 90% der Zuschriften als uninteressant aus – und quält sich durch die sehr oft schwer zu verstehenden Anschreiben nur bei jenen verbleibenden 10%, bei denen das laut Lebenslauf-Fakten überhaupt lohnenswert zu sein scheint.

Die Mühe des Bewerbers muss also vorrangig der individuellen Aufbereitung der Angaben im Lebenslauf gelten – alles was dort zu der jeweiligen Zielposition passt, muss den Leser förmlich „anspringen“, muss unübersehbar im Vordergrund stehen, darf sich nicht hinter anderen Begriffen (selbst nicht hinter solchen mit vielleicht ähnlicher Bedeutung) verstecken.

Natürlich ist es dabei sehr hilfreich, wenn der ganze bisherige Werdegang tatsächlich auch konsequent zielführend und zum Thema der Anzeige passend ist. Wo wenig ist, lässt sich eventuell noch durch eine geschickte Gestaltung mehr daraus machen, aber direkt „erfinden“ ohne konkrete Basis darf man solche passenden Bezugselemente auch nicht.

Zurück zum Anschreiben: Ihres ist zu lang, es umfasst 1,5 eng beschriebene Seiten. Dabei ist ja außerhalb der Ausbildungs-/Studienphase noch nichts geschehen, was man ausführlich darstellen müsste. Eines Tages haben Sie zehn oder zwanzig Jahre Berufspraxis mit mehreren Arbeitgeberwechseln und Beförderungen aufzuweisen – selbst dafür wäre Ihr Anschreiben immer noch recht lang.

Wer viel schreibt, läuft Gefahr, viele Angriffsflächen zu liefern. Sie nun wiederholen sich, manche Informationen findet man (Studienrichtung im Masterstudium, Vertiefungsrichtung im Bachelorstudium) an anderer Stelle auf der Seite noch einmal.

Kritischer ist schon Ihr letzter Absatz, aus dem ich wörtlich zitiere:

„Darüber hinaus sagt mir die Integration von Konzepten in die Gesamt- bzw. Konzernstrategie sehr zu, da ich großes persönliches Interesse an strategischen Entscheidungen … in der Automobilindustrie habe.“

Ich warne davor, die Bereitschaft eines weltweit engagierten Großkonzerns hinsichtlich der Beauftragung eines Berufsanfängers mit strategischen Entscheidungen zu überschätzen. Hier wäre eine bescheidenere Ausdrucksweise angebracht gewesen, in der es z. B. um „Mitwirkung“, um das „Hineinwachsen“ in diesen Komplex und um die ausgeprägte Bereitschaft zu einer zielstrebigen Einarbeitung geht.

Ein klarer Fehler aber ist dann Ihr folgender Satz: „Ich sehe eine Anstellung in Ihrem Unternehmen als eine großartige Möglichkeit, meine Fähigkeiten und Kenntnisse in der Praxis umzusetzen und kontinuierlich zu erweitern.“

Dass es Ihnen damit ernst ist, glauben die Bewerbungsempfänger sofort. Aber Sie argumentieren vorrangig mit sich, Ihren Absichten und den Vorteilen, die eine Anstellung für Sie hätte. Man stellt Sie aber nicht ein, weil das gut für Sie wäre – sondern weil sich das Unternehmen möglichst viele Vorteile davon verspricht.

Bedenken Sie auch: Ihr Adressat ist ein absolutes Top-Unternehmen unserer Wirtschaft. Die Leute dort wissen um die Attraktivität ihres Hauses – sehr viele junge Ingenieure würden symbolisch ihren „linken Arm“ geben, um dort arbeiten zu dürfen. Es sollte schon deutlich werden, dass es Ihnen eine Art „großer Ehre“ (nicht wörtlich!) wäre, dort einen Beitrag zur Erreichung der unternehmerischen Ziele und zur Lösung der zahlreichen technischen und organisatorischen Aufgaben leisten zu dürfen.

Fazit

Sie haben durchaus interessante Qualifikationselemente zu bieten und brauchen Ihre bisher erworbene Basis nicht zu verstecken. Das gilt insbesondere dann, wenn die Konjunktur hervorragend läuft und Bewerber gesucht sind. Aber eine Nummer eins der deutschen Unternehmenslandschaft findet durchaus beispielsweise zehn Bewerber, die weniger Ansatzpunkte für kritische Betrachtungen aufweisen. Elite hat verständlicherweise elitäre Maßstäbe und zieht elitäre Kandidaten an. Als Trost: Der Begriff „Elite“ spielt dabei durchaus eine zentrale Rolle, wird aber offiziell nicht gebraucht.

Frage-Nr.: 2.954
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-06-15

Von Heiko Mell

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