Heiko Mell

Leserreaktion – Wie finde ich meinen Beruf?

Mit Interesse habe ich Ihren Artikel in der Ausgabe der VDI nachrichten vom 11.05.2018 gelesen und hatte großen Bedarf, mich zu Ihrer Antwort zur zweiten gestellten Frage zu äußern.

Zur Erinnerung: Es ging um eine Masterstudentin in technischer BWL, die nicht wusste, was sie später beruflich ausüben möchte.

Antwort/1

Das mit dem „großen Bedarf“ haben Sie sehr nett gesagt, geehrte Einsenderin. Ich habe das in einem solchen Zusammenhang noch nie gelesen, finde es aber sehr bildlich ausgedrückt. Übrigens nummerieren wir die abgedruckten Fragen seit 1984 fortlaufend durch, damit Leserbriefschreiber es einfacher haben und alle Leser, die das Original noch einmal nachlesen möchten, schnell fündig werden. Also es geht um Frage 2.946/2 – bei der ich unbedingt mit Reaktionen gerechnet hatte.

Frage/2

Mit einigen Punkten Ihrer Antwort konnte ich mich gut identifizieren. Der Girls‘ Day in der Schule, Praktika in der Oberstufe und ein Jahr im Ausland kräftigte („kräftigte“?; H. Mell) mich in meiner Entscheidung, Ingenieurin werden zu wollen und zeigten mir, wie eigenständiges Arbeiten funktioniert (oder eben auch nicht).

Antwort/2

Jede Beschäftigung des Schülers mit der Berufswelt vermittelt zumindest bruchstückhafte Erkenntnisse über seine mögliche spätere Arbeitsumgebung und hilft ihm weiter. Eine wichtige, ja unerlässliche Voraussetzung ist dabei, dass der junge Mensch ein lebhaftes Interesse an der Berufswelt entwickelt und dass er diesem Bestreben aktiv nachgeht. Jeder weiß, dass dies vielen Schülern schon fast unzumutbar erscheint.

Ein Nachteil der von Ihnen erwähnten Orientierungsmethoden kann darin liegen, dass man bei seinen Recherchen ausgerechnet an Negativbeispiele gerät und daraus die falschen Schlüsse zieht. Wer nur einen Ingenieur im Bekanntenkreis hat und den um Informationen angeht, kann an einen total frustrierten, erfolglosen oder gemobbten Berufsvertreter geraten, der dringend von einem entsprechenden Studium abrät.

Und wer nur ein Praktikum absolviert, kann dabei auf eine Umgebung treffen, die ihm jegliche Lust nimmt, diese Art von Beruf selbst ausüben zu wollen. Also lautet die Devise, sich möglichst breit, vielfach und mehrgleisig zu informieren.

Frage/3

Auch in meinem jetzigen Studium zur Flugzeugbauingenieurin kann ich dank der Hochschule immer wieder in Kontakt mit Firmen treten, mich um Praktika bewerben, Werkstätten besuchen, Kontakte knüpfen und als Werkstudentin in Unternehmen arbeiten, die ich mir als Partner meiner beruflichen Zukunft vorstellen kann.

Antwort/3

Das ist nahezu „unbezahlbar“, nutzen Sie diese Chancen so intensiv wie möglich. Schauen Sie sich bewusst auch solche Tätigkeiten und/oder Firmen an, die Sie eigentlich nicht in die engere Wahl nehmen möchten. Denn manches schätzt man erst, wenn man es näher kennengelernt hat, obwohl man vorher sehr kritisch dazu gestanden hatte. Wobei Sie natürlich bei diesen Stippvisiten immer nur sehr begrenzte Einblicke („Momentaufnahmen“) gewinnen, aber sie sind sehr viel besser als gar keine Praxisberührung vor Studienabschluss.

Was ich damit meine? Nehmen wir an, Sie schwanken zwischen Mittelstand und Konzern als späterer Wirkungsstätte. Sie absolvieren ein Praktikum im Konzern, finden Gefallen daran und treffen Ihre spätere Entscheidung auf dieser Grundlage. So richtig fundiert wäre Ihre Festlegung jedoch erst, wenn Sie auch einmal in den Mittelstand hineingeschaut hätten.

Ich weiß, dass ein modernes Bachelor-/Master-Studium nur noch eingeschränkte Möglichkeiten für zeitaufwendige Praktika etc. bietet. Aber dann versuchen Sie wenigstens, mit Ingenieuren aus dem Mittelstand über die Besonderheiten ihres Umfeldes zu reden. Menschen sprechen meist sehr gern über ihren Beruf. Fragen Sie geeignete Informationsträger ruhig einmal – die Erfolgsquote wird Sie überraschen.

Frage/4

Doch als angehende junge Ingenieurin habe ich das Gefühl, immer wieder in unterschiedliche Richtungen geführt zu werden:

  1. a) Meine Professoren sind überzeugt, dass ihr jeweiliges Fach das wichtigste ist (unter den fünfzig Prüfungen, die ich ablegen muss) und dass man ohne ihr Fachwissen kein vernünftiger Ingenieur wird.
  2. b) Die Wirtschaft sagt, dass man später nur selten etwas von dem braucht, was im Studium gelehrt wurde.
  3. c) Der Bachelor wird bei der Bewerbung vorausgesetzt, man sammelt wohl nur noch Punkte mit dem, was man nebenbei gemacht hat. Erwünscht ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, allerdings wohl auch etwas aus dem späteren Fachbereich.
  4. d) Meine Eltern raten mir, den Job mit dem meisten Gehalt anzunehmen, schließlich bekäme meine Generation keine Rente mehr.
  5. e) Nun kommen Sie und behaupten, das Studium sei nur ein kurzer Abschnitt meines Lebens. Mit einer Regelstudienzeit von sieben Semestern mag das zutreffen, aber das schaffen nur 5 % bis 10 % des Jahrganges.

Antwort/4

Arbeiten wir uns durch:

Zu a: Lächeln Sie jeden Ihrer Professoren mit leuchtenden Augen an, sagen Sie artig „aber ja, Herr Professor“ – und denken Sie sich ihren Teil. Wer lehrt, muss Sendungsbewusstsein haben. Sie aber brauchen gute Noten in möglichst allen Fächern, also lieben Sie die auch alle (solange Sie dort studieren, und gemeint sind die Fächer, nicht die Professoren).

Zu b: Das stimmt. Das Studium vermittelt eine breite Grundlage und damit die Fähigkeit, in irgendwelchen Teilbereichen eines Tages selbstständig zu arbeiten. Aber: Nichts, was man je gelernt hat, schadet oder ist vergebens. Eines Tages hilft auch verschüttetes Wissen, im Gespräch einen guten Eindruck zu machen, ein Problem oder einen Chef zu verstehen etc.

Zu c: Nicht „der Bachelor“, sondern „ein Bachelor mit möglichst gutem Examenszeugnis“ wird bei Bewerbungen vorausgesetzt. Der Rest ist Beiwerk, das Ihnen nicht die Sicht auf die genannte Hauptsache verstellen darf.

Ein Master mit hohem Karriereanspruch (späterer Aufstieg ins Top-Management nicht ausgeschlossen) ist entsprechend über Studiennoten hinaus gefordert. Im Durchschnitt der Industrie ist das beim Bachelor aber weniger ausgeprägt.

Zu d: Beides ist, verzeihen Sie, absolut falsch. Das Einstiegsgehalt ist ein schlechter Ratgeber für die anstehende Entscheidung. Es hat nichts bis gar nichts mit der späteren Laufbahn oder Karriere oder etwa der langfristigen Zufriedenheit im Beruf zu tun. Natürlich fasziniert ein höheres Einstiegsgehalt den Anfänger trotz meiner Warnung, das ist menschlich verständlich. Versuchen wir es so: Warum hat die XY AG es nötig, mehr als andere Unternehmen beim Einstiegsgehalt zu bieten? Weil sonst niemand dorthin geht! Im Kapitalismus zahlt keine Firma mehr als sie unbedingt zahlen muss.

Zur Rente: Wir leben in einer Demokratie, unsere Politiker wollen (wieder) gewählt werden. Rentner und künftige Rentenempfänger sind ein gewaltiges, vermutlich ein dominierendes Wählerpotenzial. Niemand wird es wagen, Renten ausfallen zu lassen! Es mag allenfalls sein, dass im Zuge des demografischen Wandels der Prozentsatz der Rente vom letzten Arbeitseinkommen etwas sinkt – aber niemand streicht der arbeitenden Bevölkerung die Altersbezüge. Er wäre schon morgen politisch tot.

e) Zwischen den Altersgrenzen 19 (Abitur) und 67 (Renteneintritt) liegen 48 Jahre, die vom Thema „Beruf“ bestimmt werden. Davon machen sieben Semester (= 3,5 Jahre) etwa 7,3% aus. Studieren Sie ein Semester länger, „steigt“ dieser Wert auf 8,3%. Beides ist – später werden Sie das bestätigen – nur ein sehr kleiner Teil des Ganzen.

Ich bleibe dabei: Nicht das Studium soll Ihnen gefallen, es ist nur ein Einfallstor, durch das Sie gehen müssen. Ihr späterer Beruf soll Freude und Erfüllung bringen. Über das Studium lachen Sie später mit ehemaligen Kommilitonen beim Wein oder Bier.

Als Warnung: Wer mit 67 Jahren sagt, das Studium damals habe ihm großen Spaß gemacht und sei das positive Erlebnis überhaupt gewesen, aber die spätere Berufsausübung habe eine Enttäuschung nach der andern gebracht, der ist wirklich zu bedauern. Anzustreben ist eher der umgekehrte Eindruck – und der Glückliche sieht eines Tages beides gleichermaßen positiv.

Frage-Nr.: 2.956
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-06-22

Von Heiko Mell

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