Heiko Mell

Leserreaktion – Wie finde ich meinen Beruf?

Frage:

Wie so häufig, stimme ich Ihrer Antwort (Frage 2.946)) zu hundert Prozent zu. Allerdings habe ich bei Ihren „Mosaiksteinchen“ zur Problemlösung einen Aspekt vermisst:

Ein junger Mensch, der nach mühsam identifiziertem Studienfach und ersten Studienjahren immer noch keine konkreten Berufspläne hat, kann das gestufte Studiensystem mit Bachelor und Master auch ganz hervorragend nutzen, um nach dem Bachelor ein paar Jahre zu arbeiten und die Praxis wirklich kennenzulernen – nicht als Praktikant mit Schonung durch die berufliche Umgebung, sondern als Arbeitnehmer mit Aufgaben und Gehalt. Sollte dadurch schon das Ziel erreicht und der Platz im Berufsleben gefunden sein – wunderbar.

Falls nicht, steht eine mögliche Neuorientierung im Masterstudium als Möglichkeit im Raum. Gerade weiterbildende Master ermöglichen dabei einen deutlichen Schwenk in der fachlichen Orientierung, in der berufsbegleitenden Variante sogar völlig unschädlich für aktuelle betriebliche Aufgaben. 

Wenn lebenslanges Lernen eine reale Anforderung der Arbeitswelt ist, dann ist auch ein berufsbegleitender Master ein probates Mittel, welches meiner Erfahrung nach von den Arbeitgebern akzeptiert bis geschätzt wird.

Mir ist durchaus bewusst, dass Sie keine Studienberatung in Ihrer Serie betreiben wollen, aber in dieser Schnittmenge zwischen Berufs- und Studiensphäre hätte ich mich über eine entsprechende thematische Abrundung gefreut.

Antwort:

Halten Sie mich bitte nicht für kleinlich, aber: Die Einsenderin zu „Wie finde ich meinen Beruf?“ schrieb ganz deutlich: „Ich bin bald mit meinem Master in … fertig und daher nun am Überlegen, …“ Hier passte also eine Empfehlung in Richtung „nebenberufliches Masterstudium“ nicht hin, ein Master pro Person ist genug.

Als allgemeine Empfehlung kann der von Ihnen skizzierte Weg deutlich besser sein als ein individuelles Orientierungschaos, aber man muss auch die Nachteile sehen:

  1. Wer als Bachelor orientierungslos ins Berufsleben einsteigt, eine vermutlich ungeliebte Tätigkeit aufnimmt und diese vorrangig nutzt, um nun hier herauszufinden, was er nicht will und – vielleicht – eine Idee zu generieren, was er stattdessen will, muss seinen Arbeitgeber bei der Einstellung täuschen und belügen. Denn sagte er die Wahrheit („Ich bin ein bisher vergeblich Suchender und hoffe lediglich, dass ich demnächst auch fündig werde“), stellte ihn niemand ein.
  2. Das Finden im Job ist wahrscheinlicher als im Studium – aber nicht sicher. Mit ein bisschen Pech ist der junge Mensch nach zwei Jahren im Bachelor-Job so weit wie zuvor („Gefällt mir alles nicht so richtig“).
  3. Eine Gegenüberstellung zeigt den erheblichen Verlust an Zeit und Erfahrung, der selbst dann eintritt, wenn es klappt: Person A weiß, was sie will; ab Bachelor-Examen („Stunde Null“) macht sie anschließend in der nämlichen Fachrichtung in Vollzeit ihren Master und geht dann in die Praxis. Fünf Jahre nach „Stunde Null“ hat sie ein fachlich durchgängiges Studium über Bachelor & Master und drei Jahre passender Berufspraxis als Master. Super!

Person B weiß nicht, was sie will. Ab „Stunde Null“ nimmt sie irgendeinen ungeliebten Job an, an dessen Ende vermutlich ein schlechtes Zeugnis steht. Nach zwei Jahren hat sie eine Idee, was ihr besser gefallen könnte und beginnt ein Vollzeit-Masterstudium eines anderen Fachgebietes, in das sie nach Abschluss beruflich einsteigt. Fünf Jahre nach „Stunde Null“ hat B einen fachlich nicht mehr passenden Bachelor, zwei Jahre „falscher“ Berufspraxis mit schlechtem Zeugnis, einen mit A hoffentlich vergleichbar guten Master-Abschluss und ein Jahr „passender“ Praxis. B mag jetzt (vielleicht) auf dem richtigen Weg sein, aber A ist sehr viel weiter – und der Person B bei Bewerbungen auf Jahre hinaus überlegen.

Ein nebenberufliches Masterstudium würde B nicht sehr viel nützen: Direkt nach „Stunde Null“ ist es zu früh dafür, sie muss ja in unserem Vergleich ebenfalls erst zwei Jahre als Bachelor arbeiten, bis sie weiß, was sie will. Dann arbeitet sie parallel zum Master-Studium drei weitere Jahre in dem ungeliebten Bachelor-Job in der „falschen“ Fachrichtung und verfügt fünf Jahre ab „Stunde Null“ über fünf Jahre unpassender Tätigkeit mit schlechtem Zeugnis und über einen Berufsanfänger-Status als Master der neuen Fachrichtung. Und sie kann nicht beweisen, dass die nun gefundene neue Richtung besser ausgewählt war als die alte beim Bachelor.

Aber das spricht alles nur für den Wert einer rechtzeitigen beruflich-fachlichen Orientierung, nicht gegen ein nebenberufliches Master-Studium. Wer fachlich seine Richtung kennt, aber noch nicht weiß, ob er den Master absolvieren soll, fängt als Bachelor in der Praxis an, studiert sofort nebenberuflich „auf Master“ und ist drei Jahre später frischgebackener Master mit weitgehend passender dreijähriger Berufspraxis – er wird sich nur einen neuen Job suchen. Denn als Master ist ihm die alte Bachelor-Tätigkeit erfahrungsgemäß nicht mehr gut genug.

Frage-Nr.: 2.976
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-10-26

Von Heiko Mell

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