Heiko Mell

Leserreaktion – Wie finde ich meinen Beruf?

Frage/1:

Man vermutet hinter Ihrer Antwort (z. B. auf Frage 2.946) häufig, dass Sie ein schlechtes Bild von den heutigen Studenten und Schülern in Deutschland haben, z. B., dass sie faul sind, obwohl sie sich in der „Bringschuld“ befinden sollen.

Antwort/1:

Also bevor ich hier in ein unverdient schlechtes Licht gerate, schnell eine Klarstellung: Ich kritisiere weder die jungen Leute an und für sich, noch erlaube ich mir etwa, sie generell für faul zu halten. Was ich bemängele, ist ein zu geringes Interesse an berufsrelevanten Fragen, wobei die Antworten doch einen ganz entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf des Lebens haben – ihres Lebens, wohlgemerkt.

Es gibt letztlich drei entscheidende Themen, die einen jungen Menschen vorrangig fordern und bei denen seine gefundenen Problemlösungen dafür verantwortlich sind, welches Maß an Zufriedenheit er auf Dauer erreicht: die Wahl des richtigen Partners (darum muss ich mich nicht kümmern, da hat die Natur für intensives Interesse gesorgt), die Wahl des richtigen Berufs und den Grad an Erfolg, den er letztlich in diesem Beruf hat.

Und ich finde, dass die nach Abzug der Partnerwahl verbleibenden zwei Themen nicht die Aufmerksamkeit durch jene Betroffenen finden, die eigentlich angebracht wäre.

Das ist die neutrale Einschätzung eines außenstehenden Beobachters, der später mit den Problemen jener Menschen konfrontiert wird, die sie in der Regel etwa zwei bis zwanzig Jahre nach Beginn der Berufstätigkeit bekommen (nicht alle, aber viele). Und dann zeigt sich, dass sie Fehler gemacht haben, die völlig unnötig waren. Dass sie gegen Regeln verstoßen haben, die schon vor zwanzig Jahren vielfach veröffentlicht worden waren – von denen sie aber ganz offensichtlich nie gehört hatten.

Ich vermisse also Interesse von Schülern und Studenten an berufsrelevanten Themen. Meine Motivation dabei – ich sage das vorsichtshalber, weil junge Menschen oft recht misstrauisch sind – ist relativ selbstlos. Ich hätte persönlich nichts davon, stiege jenes Interesse sprunghaft an. Ich will dieser Personengruppe helfen, wenn ich das im Rahmen meiner Tätigkeit kann, aber ich will ihnen weder Bücher noch Dienstleistungen verkaufen – sie sind keine Zielgruppe für meine auf Ertrag gerichteten Aktivitäten.

Sie, geehrte Einsenderin, gehören auch zu jener Zielgruppe (Bachelor-Studentin), vielleicht kennen Sie einen vielversprechenden Lösungsansatz, um jenes Interesse zu steigern.

Frage/2:

Doch in einem Land, wo Fachmangel herrscht (nein, nein – „Fach“ haben wir genug, da fehlt es an nichts; es gibt wohl in vielen Bereich einen Fachkräftemangel; H. Mell) und die jungen Leute angeworben werden müssen (ich glaube, Sie meinen hier „umworben“, denn „angeworben“ werden neue Mitarbeiter immer, ob sie nun rar sind oder nicht; H. Mell), kann sich kein Unternehmen leisten, eine Stelle auszuschreiben, die „keinen Spaß“ macht (Stellen machen keinen Spaß, niemals; höchstens die Tätigkeit dort und/oder das Umfeld können dem Stelleninhaber viel Freude machen. Von „Spaß“ sprechen wir im Berufsleben eigentlich kaum, der Begriff kommt in Arbeitsverträgen auch nicht vor; H. Mell).

Antwort/2:

Bitte, liebe (jüngere) Leser, seien Sie dessen versichert, dass ich Ihre Abneigung gegen meine sprachlichen Korrekturen recht gut kenne. Aus Gründen, über die ich nur spekulieren kann, mögen die Leute Korrekturen an ihren Formulierungen selbst dann nicht, wenn sie völlig berechtigt sind.

Aber ganz im Ernst: Ich will damit weder meine Beliebtheit steigern (was Sie mir sofort glauben werden), noch etwa unsere Einsender ärgern – was hätte ich auch davon? Ich riskiere meine Kritik auch nur, weil jeder Einsender hier völlig anonym bleibt und meine „Verbesserungen“ also niemals eine konkrete Person treffen. Mein Anliegen besteht vielmehr darin, allen Lesern zu zeigen, wie nachlässig moderne Menschen mit der Schriftsprache umgehen – und wie kritisch das viele jener so Angesprochenen bewerten.

Denn es ist leider so: Wer z. B. „Fachmangel“ sagt, wo etwas anderes gemeint ist, der verfährt derart nachlässig auch in innerbetrieblichen Ausarbeitungen, in Anträgen an die Geschäftsleitung und in Bewerbungen. Und sagen Sie nicht etwa: „Wenn es wirklich wichtig ist, gebe ich mir mehr Mühe, dann passiert so etwas nicht“ – ich würde es nicht glauben, dafür habe ich zu viel gesehen (und sehe es immer weiter an jedem Tag):

Niemals, absolut unter keinen Umständen, wird ein qualifizierter Maurer eine Wand hochziehen, die schief und krumm ist – und wenn es sich nur um eine Hundehütte im Hinterhof handelt. Was er in die Hand nimmt, wird stets seinem persönlichen Standard entsprechen, sonst lässt er die Finger davon.

Leserreaktion zur 2. Frage/Antwort

Frage/3:

Die kommende Generation an Arbeitern ist eine andere als Ihre das war. Unternehmen werden sich anpassen müssen: Mehr Flexibilität, Kindertagesstätten für Kinder von Firmenmitarbeitern, gestelltes Firmenauto und Handy, ein familiäres Arbeitsumfeld. Diese Dinge verlangt die nächste Generation an Fachkräften. Unternehmen, die diese nicht zur Verfügung stellen, werden sich weiterhin über Fachmangel beschweren müssen.

Antwort/3:

Alles ändert sich stetig, was irgendwie mit Menschen zu tun hat. „Panta rhei“, alles fließt, soll Heraklit bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. formuliert haben.

Das bedeutet übrigens, dass die Bedürfnisse und Erwartungen jeder Generation, auch der jetzt gerade nachwachsenden, nur eine „Momentaufnahme im Strom der Zeit“ darstellen. Die jeweils neue Generation stellt nicht die endgültige Lösung dieses Prozesses dar – schon steht die nächste vor der Tür, um ihre wiederum völlig andere Sicht der Dinge weitgehend durchzusetzen. Hat man einige dieser neuen Generationen erlebt (wenn man wie ich lange genug Zeitzeuge war), sieht man diese Veränderungen etwas gelassener.

Man kann diese stetige, unaufhaltsame Entwicklung in zwei Ebenen betrachten:

  1. a) die Details: Hier ändert sich in wenigen Jahren extrem viel, sodass ein Vergleich „früher – jetzt“ den Eindruck erweckt, das Berufsleben spiele heute in einer ganz anderen Dimension als früher. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele aus der Welt eines bedeutenden deutschen Maschinenbau-Konzerns etwa um 1965 (da standen heute noch lebende Menschen bereits im Berufsleben):

– eine unverheiratete Frau wurde stets mit „Fräulein“ angesprochen und auch so angeschrieben;

– die Bürotelefone hatten Wählscheiben (zum Drehen);

– kein PC, kein Handy; es gab lochkartengesteuerte große Zentralrechner, die ihre Daten über Lochkarteneingabe aufnahmen; in den Büros standen Schreibmaschinen; alle Überlegungen in Sachen EDV waren hardwaredominiert, Software entwickelte jedes Unternehmen weitgehend selbst;

– Bergbau war eine solide, als unentbehrlich geltende Branche mit bestem Ruf, die Nukleartechnologie galt als die Zukunft schlechthin;

– Unternehmen machten ihr Geschäft im Inland, der Exportanteil lag oft nur bei 15 % bis 20 % des Umsatzes – die Globalisierung war noch nicht entdeckt.

Wie es in diesen willkürlich herausgegriffenen Beispielen heute aussieht, weiß jeder. Da in der modernen Welt Veränderungsprozesse eher schneller ablaufen als früher, kann man sich ein Bild davon machen, wie es wohl weitergehen mag. Wobei man kaum vorhersagen kann, was da an Neuem kommen, was eine neue Generation fordern oder doch erwarten wird – nur dass es „anders“ sein wird, das ist sicher. Das bedeutet: Wir alle müssen mit solchen Veränderungen leben, aber sie sind nur Teil eines immerwährenden Prozesses – die nächste Generation mit neuen Erwartungen kommt bestimmt.

  1. b) das Grundsätzliche: Ich war weder Zeuge, als römische Senatoren zur Zeit Cäsars in kleinen Zirkeln in verschwiegenen Hinterzimmern tagten und überlegten, ob und wie es wohl ohne den Imperator ginge, noch habe ich an entsprechenden Gesprächen heutiger Politiker teilgenommen, die sich geheime Gedanken über einen Wechsel in der Person des Bundeskanzlers machen. Aber ich bin zutiefst überzeugt, dass sich zahlreiche Übereinstimmungen zeigen würden. Wieder unterscheiden sich nur die Details: Brutus „stach mit dem Dolche zu“ – heute sticht man eine vertrauliche Information an die Presse durch, um jemanden zu erledigen. Machtstrukturen, die Grundregeln der Führung größerer Einheiten – das alles ändert sich weniger als man denkt.

Sie, geehrte Einsenderin, können vom gestellten Firmenauto für jeden Berufsanfänger träumen, vielleicht träumt Ihre Nachfolgegeneration sogar schon von zwei Diensthandys pro Person. Aber dann kauft der Wettbewerber das Unternehmen, setzt dessen halbe Belegschaft auf die Straße und kassiert Auto und Handy ein. Das wird sich in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht ändern.

Ein Wort noch zu „Die kommende Generation ist eine andere als Ihre das war“. Das ist richtig, aber ich bin ja nicht auf dem damaligen Standard stehengeblieben. Ich sage nicht mehr „Fräulein“, habe kein Wählscheiben-Telefon mehr, benutze keine Schreibmaschine und empfehle jungen Leuten nicht, ihre Berufsausrichtung auf Atomkraftwerke festzulegen. Leute wie ich sehen die Veränderungen, nehmen die Details aus der Praxis auf und geben sie weiter. Ich schreibe ja hier keinen historischen Roman, in dem ich ein Bild der Vergangenheit zeichne. Sondern ich versuche, den Lesern zu verdeutlichen, wie das berufliche System jeweils funktioniert. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass die Unternehmenslandschaft recht heterogen ist und es stets Abweichungen nach oben wie nach unten vom Durchschnitt gibt, um dessen Darstellung ich mich bemühe.

Sie sagen: „Diese Dinge verlangt die nächste Generation.“ Nehmen wir an, sie tut das. Dann ist Verlangen die eine, das Erhalten die andere Seite der Medaille. Ein Konzern mit 100 000 bereits vorhandenen Mitarbeitern, der zehn zusätzliche junge Berufsanfänger einstellt, hat ein ziemliches Beharrungsvermögen gegen allzu revolutionäre Veränderungen. Und er muss alle Mitarbeiter gleich behandeln. Firmenauto nur für Neueinsteiger geht nicht – das würde dann „Auto für alle“ bedeuten. Und um zu zeigen, wie modern ich denke: Der ganz im Zeitgeist verhaftete Einsteiger wendet sich ja längst vom individuellen Auto ab, er liebt Carsharing und bevorzugt ein Firmenticket für den ÖPNV. Oder ein Fahrrad.

Leider stoßen wir bei diesem Thema auch noch an andere Grenzen: Nehmen wir an, die deutsche Industrie sucht in einem Jahr 5000 akademische Berufsanfänger und 5000 dieser jungen Leute verlassen die Hochschulen. Dann dauert es eine Weile, bis sich Angebot und Nachfrage gefunden haben, aber am Schluss hat sich (fast) alles eingespielt.

Wenn die Industrie aber gerade 10 000 dieser Anfänger sucht und es nur 5000 gibt, dann nutzen weder Firmenwagen noch sonst etwas – am Schluss fehlen der Industrie 5000 akademische Berufseinsteiger. Man kann höchstens beeinflussen, welches Unternehmen mit seinen offenen Stellen auf der Strecke bleibt, aber volkswirtschaftlich ändert das nichts.

Nehmen Sie das Einstiegsgehalt: Ein Unternehmen kann in einer bestimmten Nachfragesituation 500 € pro Monat mehr bieten, aber irgendwo ist Schluss: Die frisch eingestellten Anfänger treffen intern auf Berufskollegen, die schon zwei Jahre dort arbeiten, also jene besonders begehrte Erfahrung haben. Wenn die das Gefühl haben, ihre überlegene Qualifikation werde nicht genügend anerkannt, weil Anfänger ebenso viel verdienen wie sie, gibt es eine Palastrevolution. Und dem Erfahreneren einfach mehr zu zahlen, geht auch nicht, die kommen sonst zu nahe an die vorgesetzten Team- bzw. Gruppenleiter heran – etc., etc.

Natürlich verändert jede neue Generation von eintretenden Mitarbeitern das betriebliche Umfeld allmählich ein wenig, aber nur selten sprunghaft.

Ein ganz besonders wichtiger Aspekt: Was Sie heute sehen, ist eine Momentaufnahme der zufällig gegebenen Konstellation in einem Teilbereich des Arbeitsmarktes. Der aber ist ständigen Veränderungen unterworfen. Berufseinsteiger sind begehrt oder Unternehmen haben Einstellstopp, diese beiden Extreme wechseln sich ab. Äußere Einflüsse wie internationale Krisen führen ebenso zu Einschränkungen wie etwa branchenbezogene Sonderentwicklungen. Und plötzlich fahren Einser-Absolventen von Elite-Universitäten wieder Taxi, wie etwa 1993.

Meine Aufgabe ist es, auf diese jederzeit möglichen Veränderungen hinzuweisen und vor allzu großer Euphorie zu warnen. In den vierzig Ihnen bevorstehenden Berufsjahren werden auch solche Restriktionen wieder den Arbeitsmarkt prägen. Und dann bewerben sich wieder 50 oder 100 Kandidaten um eine Stelle. Plötzlich besinnen sich die Unternehmen wieder auf die eigentlich noch immer geltenden Regeln, von Studiennoten über Dienstzeiten pro Arbeitgeber bis zum durchgängigen „roten Faden“ einer bestimmten fachlichen Ausrichtung – und sagen jenen Bewerbern ab, die dem wiederentdeckten Anforderungsprofil nicht entsprechen. Davor muss ich warnen, auch wenn das – um es modern auszudrücken – nicht sehr sexy ist.

 

Service für Querleser:

Dass ein Unternehmen in der Hochkonjunktur mit knappem Bewerberangebot einen Bewerber scheinbar bedenkenlos einstellt, der eigentlich gegen wichtige Regeln verstoßen hat, beweist nur, dass Arbeitgeber im Eigeninteresse höchst pragmatisch vorgehen können. Ändert sich fünf oder zehn Jahre später das konjunkturelle Umfeld, kann dasselbe Unternehmen denselben Bewerber entrüstet ablehnen – weil es dann ja noch bessere gibt.

 

Frage-Nr.: 2.957
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-06-29

Von Heiko Mell

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