Heiko Mell

Junge Mutter mit Prinzessin und Problem

Frage 1:

Ich bin 1992 in einer ostdeutschen Großstadt geboren und habe vor einigen Monaten mein TU-Studium des Chemieingenieurwesens abgeschlossen.

Während meiner Studienzeit habe ich mich stark von der Politik in meiner Lebensplanung beeinflussen lassen. Mein Wunsch ist es immer gewesen, jung Mutter zu werden und Karriere zu machen. In unserer Universität wurde uns immer wieder vorgeschwärmt, dass es ja Familienbüros gäbe, Unikindergärten und dass das Studium die beste Zeit für die Familiengründung wäre. Die unglaubliche Unterstützung (die immer propagiert wurde) von Seiten des Staates habe ich dann in meiner Elternzeit (unsere Tochter ist jetzt ca. 1,5 Jahre alt) sehr vermisst.

Im Anschluss an die Geburt hatten wir wegen der gegebenen Berechnungsvorschriften nur das Mindestelterngeld und das Kindergeld. Ich hätte also meine Planung finanztechnisch viel genauer recherchieren sollen, da Mutterschafts- und Elterngeld lediglich vom Einkommen der vergangenen zwölf Monate berechnet werden.

Antwort 1:

Sie standen und stehen vor Problemen, das wird schon hier in der Einleitung Ihrer im Original sehr langen Schilderung deutlich. Aber ich finde es anerkennenswert, wie Sie damit umgehen. Sie finden bei allen erlebten Enttäuschungen auch Raum für selbstkritische Überlegungen.

Das ist schon recht ungewöhnlich. Auffällig ist aber auch Ihr noch öfter deutlich werdendes Vertrauen in Aussagen öffentlicher Institutionen („Politik“). Ich riskiere hier einmal eine etwas heikle Aussage: Ich halte es für möglich, dass bei Ihnen trotz Ihrer Geburt erst nach der Wiedervereinigung eine gewisse „Ostprägung“ vorhanden war und vielleicht noch ist, verursacht nicht durch die vergangene DDR, aber vermutlich durch eine noch entsprechend geformte Umwelt in Kindheit und Jugend. Ich bin selbst im Osten zur Schule gegangen, habe, sobald dies nach dem Mauerfall möglich war, wieder Kontakte zur alten Heimat aufgenommen und sehe bei Ihnen Denkstrukturen, die mir aus Kontakten zu alten Freunden und Bekannten dort vertraut sind. Wobei nichts, was ich hier schreibe, irgendwie kritisch Ihnen gegenüber gemeint ist. Ich versuche nur, mögliche Erklärungen zu geben und damit ein wenig zu helfen.

Dazu gehört: Die Formulierung einer jungen Frau, sie habe sich „während meiner Studienzeit stark von der Politik in meiner Lebensplanung beeinflussen lassen“ – wäre in einem durch und durch westlich geprägten Umfeld kaum denkbar. Natürlich nehmen überall Studenten mit, was sie bekommen können bzw. was die Politik ihnen beschert hat, aber den zitierten Satz höre ich hier niemals und die dahinter stehende Obrigkeitsorientierung sehe ich auch nicht.

Betrachten wir einmal einen von Ihnen genannten Aspekt: Es gibt die Welt der Universität und die der freien Wirtschaft. Beide sind in unterschiedlichen Lebensphasen für Sie wichtig. Beide sind aber völlig verschieden strukturiert, nicht miteinander zwangsverzahnt und haben kaum etwas miteinander zu tun. Und wenn Sie wissen, dass Sie später von der Welt der Unternehmen abhängig sein werden (von deren Denken, vorsichtig gesagt, die Universitäten nicht allzu viel verstehen), dann darf eine Aussage der Uni, wann die beste Zeit für Geburten ist, für Sie nicht mehr sein als eine Meinung. So etwas weiß ein Student heutzutage, jedenfalls ein von unserem System in der Wolle gefärbter. Das waren Sie nicht, konnten es wohl auch nicht sein. Aber es war, objektiv gesehen, naiv.

Auch zur Klarstellung: Dies ist keine Abhandlung über das Thema, wann denn nun wirklich die beste Zeit fürs Kinderkriegen ist. Ich glaube, darauf gibt es nur individuelle, keine pauschalen Antworten. Aber wer immer vielleicht die Lösung weiß – die Uni kann das nicht für sich beanspruchen. Sie darf eine Meinung haben, darf Angebote unterbreiten, aber mehr auch nicht. Denn die Welt der freien Wirtschaft trifft auch in dieser Frage ihre eigenen Entscheidungen – wie Sie, geehrte Einsenderin, erlebt haben. Das war, als Sie es ca. 25 Jahre nach dem Mauerfall (Geburt) brauchten, bekanntes und allseits verfügbares Wissen.

Frage 2:

Aber nicht nur beim Geld hätte ich viel genauer recherchieren sollen: Als Absolvent steht man als Frau recht alleine da. Als Absolventin mit Kind hat man daher den schlechtesten Ausgangspunkt überhaupt: Mitbewerber sind männliche Absolventen, die überwiegend örtlich und zeitlich flexibel sind. Sie arbeiten alle Überstunden ab, die das Unternehmen braucht, sie sind in der Urlaubsvergabe total flexibel, machen keine Probleme bei Messebesuchen oder Montageaufträgen etc.

Antwort 2:

Liebe männliche Absolventen, haben Sie gelesen, wie Sie in den Augen dieser jungen Mutter idealerweise funktionieren? Den betrieblichen Vorgesetzten, die männlichen Nachwuchs suchen und den Personalleuten, die mit entsprechenden Bewerbern täglich umgehen, werden Tränen in die Augen steigen ob dieses Wunschbildes, das sehr, sehr weit von der Realität entfernt ist. Aber das ist ein anderes Thema, unseres ist komplex genug.

Frage 3:

Im Nachhinein ist mir das alles völlig klar, und ich kann viele Unternehmen verstehen, die meine Bewerbung weglegen und sagen: Dieses Mädchen wird wegen des kleinen Kindes ständig zu Hause bleiben. Sie muss es von der Kita abholen und kann bei einem eventuellen Störfall in der Produktion nicht bis 4 Uhr morgens im Betrieb bleiben.

Aber darauf bin ich nicht vorbereitet gewesen: Eher im Gegenteil. Mir wurde durch die Politik suggeriert, Unternehmen würden es eher so sehen: Diese Frau hat schon ein Kind bekommen, das dann durch Schwangerschaft und Geburt nicht mehr für den Ausfall dieser wichtigen Mitarbeiterin verantwortlich ist. Nun aber habe ich die Schwierigkeit, einen Arbeitgeber zu überzeugen, dass ich – ohne besondere Berufserfahrung und „grün hinter den Ohren“ – die Investition einer Einarbeitung wert bin. Natürlich können die Leute sogar denken, dass ich wahrscheinlich noch ein zweites Kind haben möchte. Den Firmen kann ich das nicht übelnehmen, das ist rein wirtschaftliches Denken.

Aber die Politik, die im Moment jungen Frauen erzählt, Beruf und Familie wären miteinander vereinbar, habe ich mittlerweile zu hassen gelernt. Es wird nichts politisch dahingehend unternommen, dass ich meine Tochter problemlos in die Betreuung geben könnte.

Hätte ich mein Kind erst nach dem Berufseinstieg bekommen, so könnte ich beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit wenigstens schon eine Art Spezialwissen und Arbeitserfahrung mitbringen.

Antwort 3:

Für die Politik gilt, was schon für die Universität galt: Was dort pauschal oder visionär gesagt wird, ist weniger interessant – und niemand wird seine Lebensplanung darauf ausrichten (das Wort „naiv“ hatte ich oben schon verbraucht). Schauen Sie nicht auf die Reden der Politik, prüfen Sie Fakten: „Wo in meiner Stadt ist die Kita, die mein Kind sicher aufnimmt und alle meine beruflich bedingten Betreuungswünsche zuverlässig erfüllt?“ Bei einer rundum positiven Antwort handeln Sie entsprechend, bei reinen Absichtserklärungen zucken Sie die Schultern und schalten auf einen anderen TV-Kanal um.

Ich erinnere mich an das Aufkommen der Demografie-Debatte: Deutschland überaltert, wir sterben aus. Spontan habe ich gesagt: Alles Unsinn, unsere jungen Frauen wollen Kinder, das Naturgesetz von der Erhaltung der Art lässt gar nichts anderes zu. Aber sie wollen auch einen Beruf ausüben. Wir sind ein reiches Land. Also gebt ihnen Kinderbetreuung in jeder denkbaren und verlangten Form, stockt Rentenansprüche aus Halbtagstätigkeiten auf, lasst von mir aus noch Mütter mit Kinderwagen kostenlos Straßenbahn fahren und wir werden so viele Kinder haben wie wir zum Überleben brauchen. Das lag doch auf der Hand, aber man hätte auch gegen die Wand sprechen können. Und Sie hören auf vage Versprechungen der Politik! Diese müssen Sie daran messen, was sie nachweisbar getan hat, nicht was sie eventuell planen könnte.

Leider dürfen Sie nicht davon ausgehen, das Bekommen von Kindern nach erfolgreichem Berufsstart sei problemärmer. Frauen, die diesen Weg gegangen sind, berichten ebenfalls über diverse Hürden, die individuell zu nehmen sind (ich will allzu engagierten Leserinnenreaktionen vorbeugen).

Ihr Verständnis für die Situation der Arbeitgeber ist anerkennenswert – und könnte Ihnen in Vorstellungsgesprächen durchaus helfen.

Frage 4:

Einen Fachkräftemangel im Ingenieurwesen kann ich ebenfalls nicht feststellen. Fast alle Stellen werden über Personaldienstleister vergeben. Die fassen eine junge Mutter ebenfalls nur mit der Kneifzange an, denn deren Kundenverträge sind befristet und projektbezogen, sodass das Ausfallrisiko einer Mitarbeiterin zu 100% bei ihnen liegt.

Ich bin übrigens der Meinung, dass wir in der Arbeitswelt bereits eine tatsächliche Emanzipation haben. Ich beschwere mich hier überhaupt nicht über Chancenungleichheit. Denn ich bin auf dem Markt und habe meine Wettbewerber. Das ist Chancengleichheit. Nur die Erziehungsarbeit muss emanzipiert werden, um echte Gleichberechtigung zu ermöglichen.

Die Politik gaukelt jungen Menschen seit Jahren vor, diese hätten wir bereits erreicht. Aber nun stehe ich da und bin auf dem Arbeitsmarkt unattraktiv wegen meiner kleinen Prinzessin.

Ich bin auf Ihre Gedanken zu meinem Aufsatz sehr gespannt.

Antwort 4:

Der Reihe nach:

Einen pauschalen Ingenieurmangel habe auch ich in den letzten Jahren nicht beobachten können. Wohl gab es partielle Engpässe bei Bewerbern einiger Fachrichtungen. Aber Berufseinsteiger hatten eigentlich nie das Gefühl, man suche sie generell händeringend.

Einen Teil dieses angeblichen Mangels haben die Unternehmen selbst zu vertreten. Es gibt nun einmal Ingenieure, wie andere Berufsgruppen auch, in verschiedenen Lebensabschnitten: die Berufseinsteiger, die „Young Professionals“ mit zwei bis fünf Jahren genau der jeweils gesuchten Fachpraxis, die mit sechs bis zwanzig Jahren unterschiedlicher (teils fach-, teils branchenübergreifender) Erfahrung und solche über 45 (alle auf ausführenden Positionen bezogen, Führungskräfte sind ein eigenes Thema). Die „händeringend“ suchenden Unternehmen aber wollten alle die aus der zweiten Gruppe mit zwei bis fünf Jahren einschlägiger Praxis. Die anderen hatten und haben mitunter durchaus Mühe, mit vertretbarem Aufwand einen (neuen) Job zu finden.

Die Gepflogenheit, neue Mitarbeiter und gerade Berufseinsteiger für größere Unternehmen sehr stark über Personaldienstleister (Arbeitnehmerüberlassung) zu suchen, ist offensichtlich ausgeufert und soll wohl generell eingedämmt werden, die Politik arbeitet daran (nun ja).

Den Stand der Emanzipation in Deutschland möchte ich lieber nicht bewerten. Aber ich stimme Ihnen zu: Es gibt bereits sehr viele Beispiele für beruflich erfolgreiche aktive Frauen in nahezu allen Bereichen. Und was vielleicht in Vorständen und Aufsichtsräten noch fehlt, ist in politischen Spitzenämtern wie beim Bundeskanzler und beim Vorsitz großer Volksparteien fast schon im Übermaß vorhanden.

Ich stimme Ihnen zu: Die große Lücke klafft im Bereich Schwangerschaft, Geburt, Kinderbetreuung und Erziehung. Auch die Unternehmen sehen das ein, sie wollen nur nicht, dass die wesentlichen „Brocken“ der Problemlösung von ihnen bewältigt werden sollen. Natürlich sind Kinder die Arbeitskräfte von morgen – aber wie viele davon bei so viel Digitalisierung, KI, Robotereinsatz, Auto-, Flugzeug- und Fleisch-Verteufelung morgen überhaupt noch gebraucht werden, weiß kein Mensch. Und: Unternehmen betreiben konkrete Personalplanungen kaum noch über einen Zeitraum von zwei Jahren hinaus, die nächste Quartalsbilanz ist entscheidend.

Ihre unrealistische Politikgläubigkeit haben wir bereits genug diskutiert. Es bleibt mir, Ihrer kleinen Prinzessin eine entspannte, beruflich erfolgreiche Mutter zu wünschen. Konkret lösen kann ich Ihr Einstiegsproblem nicht. Interessanter- und dankenswerterweise bitten Sie mich auch gar nicht darum.

Einen kleinen Tipp habe ich dennoch für Sie: Heute lassen Sie Ihre Tochter mit Geburtsdatum sehr auffallend unter „Familienstand“ auftauchen. Nicht einmal ich weiß, ob das vorgeschrieben ist. Sie als Ingenieurin müssen das schon gar nicht wissen. Sie können jederzeit gedacht haben, „verheiratet“ reiche als Angabe. Strafbar ist das erst einmal nicht, Sie lügen ja erst, wenn Sie „keine Kinder“ schreiben; ein „Ich dachte, ‚verheiratet‘ reicht“, geht als Ausrede vermutlich durch.

Und dann versuchen Sie, auf der Basis erst einmal ins Gespräch zu kommen. Das wird nicht überall funktionieren, aber mitunter schon. Natürlich antworten Sie auf Fragen korrekt und füllen eventuelle Formulare nur wahrheitsgemäß aus. Aber Sie sind dann vielleicht erst einmal eine Stufe weiter. Eventuell überzeugt auch Ihre Persönlichkeit so sehr, dass Ihr Handicap, das Sie in den Augen des Bewerbungsempfängers haben, glatt überspielt wird.

Falls der Arbeitgebervertreter ob des kleinen Tricks ärgerlich wird: Schlechter als bei Ihrem heutigen Vorgehen stehen Sie auch nicht da. Und bewerben Sie sich auch dort, wo Sie gar nicht hingehen wollen oder wegen des Ortes nicht können. Einladungen vermitteln in jedem Fall Routine und heben Ihr Selbstvertrauen. Viel Glück!

 

Frage-Nr.: 3.010
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21/22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-05-24

 

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