Heiko Mell

Habe ich nun Berufserfahrung oder nicht?

Frage:

Ich verfolge nun schon seit einiger Zeit Ihre Karriereberatung mit regem Interesse. Ihre Ansichten teile ich zwar nicht immer voll, jedoch ist es stets sehr interessant, andere und insbesondere Ihre Perspektiven zu gewissen Themen zu vernehmen. Inständig hoffe ich auf eine hilfreiche Antwort zu meiner (nicht ganz alltäglichen) Karriere.

Antwort/1:

Ich will Ihnen, wie den anderen Einsendern auch, im Rahmen meiner Möglichkeiten helfen. Vor allem, wenn Sie so inständig bitten. Ich glaube auch nicht, dass Sie es böse oder auch nur besonders kritisch gemeint haben, was da in Ihrem zweiten Satz steht.

Vorab: Es ist das gute Recht eines jeden Lesers, mir mitzuteilen, dass er meine „Ansichten nicht immer voll teilt“, selbst wenn er das nicht im Detail untermauert. Aber eine derartige pauschale Bemerkung, die in dieser Form niemandem etwas bringt – Ihnen nicht, mir nicht und den anderen Lesern auch nicht – mag zwar einen Ratgeber mit dem Gemüt eines Gutmenschen zu höchstem Einsatz motivieren, aber wer garantiert, dass der Angeschriebene zu diesem sehr engen Personenkreis gehört?

Sie waren sechs Jahre lang bei der Bundeswehr, vermutlich Feldwebel und Truppführer. Stellen Sie sich vor, Sie hätten damals ein Anliegen gehabt, mit dem Sie bei Ihren örtlichen Vorgesetzten nicht durchgekommen wären. Und so hätten Sie sich an den irgendwo angesiedelten General an der Spitze Ihrer Hierarchiekette gewandt und ihm zwei Botschaften übermittelt:

  1. a) Sie seien durchaus nicht mit allem einverstanden, was er so militärisch von sich gäbe. Aber
  2. b) Sie hofften inständig auf Hilfe durch ihn.

Gut, man kann das so machen. Aber ist das auch klug? Ich spreche in dem Zusammenhang von der steten Notwendigkeit eines taktisch geschickten Vorgehens. Außerhalb des Militärischen meint Taktik lt. Brockhaus ein „berechnendes, zweckbestimmtes Verhalten“ oder lt. einer Wikipedia-Definition schlicht die Antwort auf die Frage „Wie soll mein (übergeordnetes strategisches) Ziel erreicht werden?“. Beides trifft es nach meiner Meinung recht gut – und beide Aspekte finden gerade bei jungen Menschen viel zu wenig Beachtung.

Das heißt für Sie und für viele, viele andere: Nicht nur daran denken, was Sie erreichen wollen, sondern in hohem Maße auch darüber nachdenken, wie Sie dabei am geschicktesten vorgehen.

Da Sie erst noch über Berufserfahrung nachdenken, ich aber schon viele Jahrzehnte davon mitbringe, habe ich mir zwar die Freiheit genommen, auf diesen Missgriff beispielhaft (taktisch falsches Vorgehen kann Ihnen sehr viel Ärger machen und zu Misserfolgen führen) hinzuweisen, bin aber natürlich nicht beleidigt und beantworte Ihre Frage dennoch.

Frage/2:

Ich weiß nicht, ob ich mich nach meinem Masterstudium als Berufseinsteiger betrachten soll oder ob ich mich besser um Stellen bewerben sollte, die Berufserfahrung erfordern. Ich bin absolut unsicher, ob zukünftige Arbeitgeber meine bisherige Berufserfahrung als relevant betrachten oder ob ich als etwas älterer Absolvent mit den anderen (jüngeren) Absolventen um die üblichen Einstiegspositionen konkurrieren muss. Für eine aussagekräftige Antwort wäre ich Ihnen wirklich sehr dankbar.

Antwort/2:

Sie sind Anfang 30 und schließen in einem knappen Jahr den Master in Wirtschaftsingenieurwesen an einer TU ab. Über die Noten wissen wir nichts.

Prägend für Ihren Werdegang waren eine Lehre zum Kfz-Handwerker, danach kamen sechs Jahre Bundeswehr mit Meisterbrief im Fachhandwerk und zuletzt eine Verwendung als Truppführer in der elektronischen Datenverwaltung mittels SAP einschließlich Personalführung mit Aus- und Weiterbildung. Nach der Bundeswehr findet sich noch ein mehrmonatiges Praktikum in Ihrem späteren Studienfachgebiet bei einem Top-Konzern. Ihr Lebenslauf weist zahlreiche Weiterbildungen, gute Fremdsprachen- und diverse DV-Kenntnisse aus.

Die Antwort auf Ihre zentrale Frage ist ganz einfach: Die Unternehmen wissen es auch nicht. Ihr bisheriger Werdegang ist so stark vom üblichen Standard frischgebackener Master abweichend, dass man Sie stets als Sonderfall ansehen wird, für den es keine festen Regeln gibt. Der jeweilige Bewerbungsempfänger wird hier aufgrund seiner individuellen Haltung zu dieser Frage eine ebenso individuelle Entscheidung treffen, die sich kaum vorhersagen lässt.

Wie Sie selbst wissen, hat der Standard-Master keine Lehre, keine Meisterprüfung, war nicht bei der Bundeswehr und ist vielleicht 24 Jahre alt. Hinzu kommt: Früher hatten zumindest die männlichen Entscheidungsträger überwiegend selbst „gedient“, heute können sie – und ganz besonders ihre weiblichen Kollegen – oft einen Oberstabsfeldwebel nicht von einem Oberst unterscheiden oder ordnen die Rangstufen falsch ein. Rechnen Sie stets auch mit Menschen, die alles Militärische strikt ablehnen, was dann ihre Entscheidungen stark beeinflusst.

Nähern wir uns dem Thema – meine Aussage soll ja so allgemeinverbindlich wie möglich sein – grundsätzlich: Was ist Berufserfahrung, ja was ist überhaupt Beruf?

Als Beruf gilt eine Tätigkeit, für die man systematisch ausgebildet ist, nachgewiesen durch staatlich anerkannte Prüfungen. Das sind bei Ihnen einmal der Facharbeiter und der Meister. Aber beide sind doch so weit vom Master entfernt, dass es wohl keine Stellenausschreibung für einen Master gibt, in der eine Meister-Qualifikation gefordert wird. Diese hat Sie Zeit (Lehre) und Aufwand (Meister) gekostet, bringt Sie aber nicht so recht weiter. Außerdem haben Sie, wie Ihr Lebenslauf ausweist, eine klassische Meistertätigkeit nie ausgeübt, sie mag Ihnen allerdings bei Ihrem Bundeswehr-Job nützlich gewesen sein.

Bleiben die sechs Jahre Bundeswehr. Das war auch eine Art von Beruf, wenn auch wohl von Anfang an auf zeitliche Befristung ausgelegt. Danach wollten oder mussten Sie in das Zivilleben wechseln, das völlig anders aufgebaut ist, ganz andere Ziele verfolgt und andere Ansprüche stellt.

Bleibt Ihr dritter Beruf, der des Masters in Wirtschaftsingenieur‧wesen einer bestimmten Fachrichtung. Für den allein werden Sie passende Stellenausschreibungen im zivilen Bereich finden. Natürlich gilt auch: Zusätzliche, sogar völlig berufsfremde (aus der Sicht des Hauptberufs) Qualifikationen schaden in der Langfristbetrachtung eigentlich nie. Es gibt immer wieder einmal Situationen, in denen man solches Spezialwissen hilfreich anwenden kann. Nur ist meist der Weg zu dessen Erwerb derart (vor allem zeitlich) aufwendig, dass man nicht dazu raten kann. Sie könnten also in den Augen eines nur auf die Suche nach einem Master ausgerichteten Entscheidungsträgers als „viel zu alt“ aussortiert werden. Anders herum gesagt: Hätten Sie mir bei Ihrem Schulabschluss die Frage gestellt „Ich will Master einer Ingenieurdisziplin werden und habe folgenden Weg dorthin geplant“, dann hätte ich Ihnen engagiert abgeraten.

Soviel zum „Beruf“. Was gilt nun als „Berufserfahrung“? Es ist die Praxis in eben diesem Beruf, um dessen Anwendung Sie sich jetzt bewerben. Und da haben Sie keine, denn es zählt diese Praxis erst ab dazu passendem Ausbildungsabschluss. Berufspraxis als Meister erwerben Sie auch nur ab bestandener Meisterprüfung, ein Meister mit reiner Facharbeiterpraxis ist kein berufserfahrener Meister. So sind Sie nach dieser strengen lehrbuchgerechten Definition erst einmal ein recht alter Berufseinsteiger.

Und doch ist da noch etwas mehr: Die Jahre davor haben Ihre Persönlichkeit geformt, die getragene (Personal- und Sach-) Verantwortung hat Sie reifen lassen. Das passt zwar alles nicht so ganz perfekt zum Thema Ihrer Einstiegsposition, ist aber je nach Betrachtung durch den Entscheidungsträger auch ein Vorteil gegenüber dem Standard-Berufseinsteiger. Und mancher mag auch denken: Dieser Mann ist es gewohnt, Anweisungen auszuführen und weitgehend zu tun, was ihm gesagt wird (es kommt nicht darauf an, ob das stimmt, das Vorurteil reicht):

Fazit: Für die Betrachtung Ihrer Gesamtsituation gibt es keinen Standard. Teils sind Sie einfach ein alter Anfänger, teils einer mit zwar fachfremder, aber irgendwie persönlichkeitsformender Praxis und zu einem sehr kleinen Teil ein schon „erfahrener“ Mann mit Führungspraxis, der jetzt die Bewährungschance in einer ganz neuen beruflichen Dimension sucht (was bewerbungstechnisch auch seine Tücken hat).

Als Tipp: Es kommt nicht so sehr auf die Details der Einstiegsposition an, in der werden Sie ohnehin nicht pensioniert. Sie brauchen den Start in einem nicht zu kleinen Unternehmen, in dem Sie ggf. „klein anfangen“, aber die Chance bekommen, durch fachliches Können, durch überdurchschnittlichen Einsatz und mit Ihrer jedem anderen Anfänger überlegenen lebens- und führungserfahrenen Persönlichkeit bald weiter aufzusteigen, schneller als andere.

Die Bereitschaft, erst einmal „klein anzufangen“, dabei nicht auf Führungsaufgaben zu bestehen und zu akzeptieren, dass militärische Erfahrungen nicht 1:1 ins Zivilleben übertragbar sind, wird vielen Bewerbungsempfängern imponieren. Lassen Sie diese Einstellung ruhig in Ihrem Anschreiben anklingen, das imponiert oft. Übrigens: Würde ein rein im zivilen Bereich erfahrener Gruppenleiter mit z.B. sechs Berufsjahren danach zur Bundeswehr wechseln, steckte man ihn vermutlich auch nicht gleich am ersten Tag in die Uniform eines Hauptfeldwebels oder Oberleutnants, trotz irgendwo ja vorhandener „Berufserfahrung“.

Service für Querleser:

Als Berufserfahrung gilt grundsätzlich eine in der Praxis verbrachte Zeit nach dem erfolgreichen Abschluss der zur Zielposition passenden Ausbildung des Bewerbers. Wer also Master ist und Berufserfahrung geltend machen will, muss Praxis als Master nachweisen. Um die z. T. schwierige Anerkennung von anderweitiger Praxis vor diesem Studienabschluss muss man kämpfen – mit unterschiedlichem Erfolg.

Frage-Nr.: 3.072
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20/21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-05-15

 

Von Heiko Mell

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