Heiko Mell

„Gezielter Knick“ im roten Faden

Frage 1:

Wie kann man „gezielt“ Knicke im roten Faden seiner Karriere bewirken bzw. ist dies überhaupt möglich?

Antwort 1:

Sie wollen nach insgesamt elf Jahren für Studium, noch ein Studium und Promotion die bisher klare fachliche Richtung ändern und in einem weitgehend „neu + anders“ ausgerichteten Fachbereich den industriellen Berufseinstieg versuchen.

Soviel vorab: Das ist natürlich keine zur Nachahmung empfohlene Strategie, die Umsetzung gilt als schwierig. Solche Richtungswechsel kommen zwar immer wieder vor – jedoch überwiegend während einer bereits „laufenden“ industriellen Laufbahn innerhalb eines Unternehmens. Beim dort neu einsteigenden Bewerber ist so etwas am schwersten, weil dann die im Idealfall gegebene durchgängige Linie über Studienschwerpunkte, Abschlussarbeiten und – in Ihrem Fall – Dissertationsthema als „türöffnender roter Faden“ für den Einstieg wegfällt.

Zur Erinnerung: Jeder externe Bewerber stellt im Bereich seiner Persönlichkeit ein nicht zu vermeidendes Grundrisiko dar. Man kann Bewerbungen analysieren, Tests bzw. Assessmentcenter durchführen, Vorstellungsgespräche durchziehen und Referenzen einholen, so viel und so intensiv man will – ein Restrisiko in diesem Bereich bleibt. Bei Kandidaten, die erstmals von der akademischen (Uni, Lehrstuhl, Institut) in die industrielle Welt wechseln, gilt es als besonders hoch. Daneben ist die möglicherweise unbefriedigende oder fehlende Fachqualifikation des Bewerbers im Hinblick auf die Anforderungen der zu besetzenden Position ein zweites grundsätzliches Risiko.

Und die zentrale Basisregel für einstellende Unternehmen bzw. suchende Fachabteilungen lautet: Eines dieser Risiken ist akzeptabel, zwei wären schon äußerst kritisch bzw. zu viel. Aus diesem Grund ist die unternehmensinterne Versetzung über Fachgrenzen hinweg relativ leicht möglich: Dort fällt das Risiko im Bereich der Persönlichkeit weitgehend weg, man kennt ja den Kandidaten ziemlich genau. Beim persönlich unbekannten fremden (externen) Bewerber hat man genug am ersten Risiko zu tragen, da soll der wenigstens fachlich zur offenen Position passen.

Frage 2:

Aufgrund meines Interesses an erneuerbaren Energien habe ich Maschinenbau (Vertiefung Energietechnik, B. Sc.) und Energietechnik (M. Sc.) an einer renommierten TH/Uni studiert. Meine Noten im Bachelor konnte ich beim Master deutlich verbessern, ich habe meine Masterarbeit Energietechnik mit 1,0 abgeschlossen.

Antwort 2:

So läuft das leider nicht mit der Betrachtung von Noten. Ihre Bemerkung mit dem Bachelorabschluss, den Sie beim Master „verbessern“ konnten, erweckt Misstrauen. Wer später mit „Glanz und Gloria“ promovieren will (eine Art Standardanforderung an Dr.-Ingenieure), sollte – entsprechender Energieaufwand und angemessene Zielstrebigkeit vorausgesetzt – beim leichteren Bachelor keine Notenprobleme bekommen. Also schaut man nach: Ihr Bachelor-Abschluss ist 2,6, Ihre Bachelorarbeit wurde mit 1,3 bewertet. Wissen Sie, wie viele ziemlich schwache Noten auf einem Bachelor-Zeugnis stehen müssen, damit eine 1,3 in der Abschlussarbeit nur zu einem befriedigenden Abschluss führt? Nun, Sie brauchen nur nachzusehen.

Vorschlag: Sprechen (und schreiben) Sie in Bewerbungen besser gar nicht über diese Noten. Wenn Sie sich dann als Dr.-Ing. bewerben, unterstellt man allein aufgrund dieses Grades den Standardfall mit gutem Abitur, gutem Bachelor, gutem Master etc. Sollte Ihre Promotion (was zu hoffen ist) mit „sehr gut“ benotet werden, geben Sie allein diese Note an, der üblicherweise flüchtige Leser mag dann vielleicht die schwächeren Details gar nicht bemerken. Aber ihn direkt darauf stoßen würde ich nicht.

Frage 3:

Daran habe ich aus Neugier an Entrepreneurship-Themen und aus privaten Gründen (Freundin war noch nicht fertig mit ihrem Studium, wir wollten danach gemeinsam umziehen) einen Masterstudiengang in Wirtschaftswissenschaften absolviert und abgeschlossen. Studienschwerpunkt und Thema der Masterarbeit war wieder die Energietechnik. Die Noten waren 1,7 bei der Masterarbeit und 2,3 beim Gesamtabschluss, da die Arbeitsbelastung sehr hoch und ich fachlichen Herausforderungen nicht gewachsen war. Die Gesamtstudienzeit aller drei Studiengänge erfolgte in Regelstudienzeit.

Antwort 3:

Ihr Zweitstudium in BWL begann zwar lt. Lebenslauf im letzten Jahr Ihres technischen Masterstudiums, für das ganze letzte Jahr dieses Zweitstudiums gibt es jedoch keine Überschneidung mit irgendeiner anderen Art von Studium oder Tätigkeit. Aber jeder versteht: Ein fachfremder Master ohne adäquaten Bachelor ist schon mit der Gefahr einer Überforderung verbunden. Immerhin: Sie haben jetzt noch wirtschaftswissenschaftliche Zusatzkenntnisse zu bieten, das kann nie schaden. Aber pauschal empfohlen werden kann diese Art der Studienplanung nicht.

Zwei Aspekte müssen hier noch kurz beleuchtet werden:

  1. Sie haben in Ihrer Planung privaten Aspekten (Freundin) eine entscheidende Rolle eingeräumt. Das ist Ihr gutes Recht, aber ebenso darf später ein Bewerbungsempfänger, dem Sie das so schildern wie uns, davon nicht begeistert sein.
  2. Wenn Sie schon Ihren „roten Faden“, der in der Energietechnik liegt, letztlich „knicken“ wollen, warum haben Sie dann das zweite Masterstudium nicht in der neuen angestrebten Fachrichtung gewählt (und die Promotion ebenfalls)?

Frage 4:

Es erfolgte nach dem Fertigstellen der Studien eine gemeinsame räumliche Umorientierung. Da ich die forschende Tätigkeit während meiner Abschlussarbeiten am meisten geschätzt habe und der Ausflug in die wirtschaftswissenschaftliche Richtung nicht erfolgreich war, habe ich stattdessen eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Forschungsinstitut gefunden. Dort konnte ich für die Dauer von drei Jahren in Vollzeit (bei 50% Bezahlung) an meiner Doktorarbeit forschen. Hierbei liegt der Schwerpunkt wiederum auf Fragestellungen der Energieeffizienz.

Ich konnte in der vorgegebenen Zeit meine Doktorarbeit so gut wie abschließen. Die Bedingungen an meinem Institut dafür waren gut, und ich bin für die mir gebotenen Möglichkeiten sehr dankbar. Allerdings sehe ich für meine weitere Entwicklung am Institut einige Barrieren, die mich am Bleiben zweifeln lassen. Ich arbeite nun im Anschluss an die Zeit als Doktorand an den Forschungsprojekten der Gruppe (mit befristetem Vertrag).

Für meine weitere Entwicklung kann ich mir gut vorstellen, nach Abschluss der Promotion einen Wechsel zu einem forschenden Industrieunternehmen anzustreben und mich dort als Forschungsingenieur in der Vorentwicklung fachlich weiter zu entwickeln.

Als roten Faden in meinem (bisherigen) Werdegang sehe ich insbesondere die Zuordnung zu energietechnischen Fragestellungen. Gerne möchte ich einen fachlichen Wechsel in Richtung industrielle Automation vornehmen und habe dazu in meiner Promotion und zunehmend in Veröffentlichungen Akzente gesetzt.
Das sehe ich allerdings als Bruch mit meinem bisherigen Werdegang, der immer einen Energietechnikbezug hatte. Wie kann man diesen Wandel glaubhaft darstellen, z. B. bei einer Bewerbung auf eine fachfremde Stelle in der Automatisierung von Produktionstechnik?

Antwort 4:

Nehmen Sie die folgende Bemerkung als Anregung, um Ihnen beispielsweise spätere Bewerbungen oder unternehmensinterne Ausarbeitungen zu erleichtern. Alles, was Sie uns hier geschrieben haben, wäre auch in folgender Länge und Ausführlichkeit möglich und ausreichend gewesen: „Ich habe ein Bachelor- (2,6) und ein Master-Studium (1,8) an einer Universität absolviert, habe dazwischen noch ein BWL-Master-Studium (2,3) eingeschoben und bin mit meiner anschließenden Promotion zum Dr.-Ing. an einem Forschungsinstitut fast fertig. Alle vier genannten Qualifizierungsphasen hatten die Energietechnik („roter Faden“) als Schwerpunkt. In Zukunft jedoch möchte ich lieber forschungsorientiert in einem Industrieunternehmen mit der Ausrichtung auf industrielle Automation arbeiten, Geht das?“

Also zur Kernfrage: Wir erfahren leider nicht den Grund für Ihren beabsichtigten Wechsel. Bewerbungsempfänger jedoch werden ihn lesen wollen. Und man sollte auch erkennen können, warum Sie jetzt erst auf diese Idee gekommen sind und erst einmal vier in sich abgeschlossene Ausbildungs- und Vertiefungsphasen schön konsequent auf die „alte“ Fachrichtung konzentriert haben und erst jetzt an einen Wechsel der Fachrichtung denken.

Ich fürchte, eine solche rundum überzeugende Begründung ist nicht möglich. Neben einem promovierten Mitbewerber, der seinen bisherigen Werdegang ebenso konsequent auf die Automatisierungstechnik ausgerichtet hat, wären Sie weitgehend chancenlos. Sofern es ihn gibt.

Mir fällt noch eine Art „Hilfslösung“ ein: Sie sollten die neue Fachrichtung als berufliches Ziel glaubhafter als bisher vertreten können und wenigstens eine belastbare fachliche Basis auf diesem Gebiet mitbringen. Lesen Sie einmal unter Antwort/1 die Aussagen zu größeren und kleineren Hürden beim Fachgebietswechsel als externer und interner Bewerber: Gibt es auch nur die geringste Chance, innerhalb Ihres Forschungsinstituts auf dem neuen Zielgebiet etwa zwei bis drei Jahre zu arbeiten? Falls man dort abwinkt, obwohl man Sie kennt und Sie als Person kaum noch ein unkalkulierbares Risiko wären – dann bekommen Sie immerhin einen Eindruck davon, wie die ökonomisch noch stärker unter Erfolgsdruck stehende Industrie in diesen Fragen denkt.

Ihre Frage nach einer glaubhaften Begründung kann ich nicht beantworten, da ich ja nicht einmal die tatsächlichen Gründe für die Umorientierung kenne. Ich hoffe nur, dass nicht folgendes geschehen ist: Sie haben sich erst einen Ort für den künftigen Lebensmittelpunkt ausgesucht, sind dann dorthin umgezogen, wollen da auch bleiben – stellen nun fest, dass es dort auf Ihrem Fachgebiet keine Jobs gibt und versuchen eine berufliche Neuorientierung. Dann würde sich Ihr Fall immerhin als schlechtes Beispiel eignen. Denn für Akademiker mit beruflichem Anspruch gilt die Empfehlung: Erst den Job suchen, dann den dazu passenden Wohnort festlegen. Man kann das auch auf den Kopf stellen, aber dann bekommt man Probleme wie sie oben nachzulesen sind.

Frage-Nr.: 2.989
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4-5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-01-25

 

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Von Heiko Mell

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