Heiko Mell

Das Angebot des Top-Konzerns: Spät kam es, doch es kam

Frage:

Nach erfolgreichem Abschluss meines Masterstudiums im Fach Maschinenbau bin ich vor wenigen Wochen bei einem Beratungsunternehmen eingetreten. Während meiner Masterarbeit, welche ich bei einem deutschen Automobil-OEM geschrieben habe, hatte ich große Anstrengungen unternommen, mich dort bereits intern zu vernetzen und Einstiegsoptionen zu erhalten. Seinerzeit war die Einstellsituation sehr angespannt, sodass ich keine Zusagen bekam. Nun erhalte ich diese jedoch.

Die angebotenen Positionen reizen mich fachlich. Gleichzeitig bin ich aber auch nicht unglücklich bei meinem jetzigen Arbeitgeber; die Umstände dort passen, die Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten scheinen sehr gut zu sein.

Vor diesem Hintergrund bin ich nun unsicher, welchen Weg ich einschlagen soll und welcher mich langfristig stärker voranbringt. Soll ich weiterhin die Consulting-Tätigkeit ausüben, generalistisches Wissen erlangen und Einblicke in verschiedene Unternehmen erhalten, um nach einigen Jahren in einen Konzern zu wechseln oder soll ich direkt wechseln und eine konzerninterne Karriere antreten? Welche Variante ist vorteilhaft hinsichtlich der persönlichen Entwicklung (wenn man eine höhere Führungsposition anstrebt) und wie wäre bei einem Arbeitgeberwechsel die kurze Mitarbeit im heutigen Unternehmen zu bewerten? Sollte ich hier ein Zeugnis verlangen? Kann dies positiv ausfallen? Wie wäre eine so frühzeitige Kündigung gegenüber dem aktuellen Arbeitgeber, den Kollegen in den Projektteams zu bewerten (Illoyalität, Unentschlossenheit usw. – bleibt hier eine arg negative Meinung haften, die sich auf meine Zukunft auswirken kann)?

Antwort:

Es ist eine Übergangssituation, in der Sie sich befinden und auf die Sie sich erst einmal einstellen müssen: In der Schule und im Studium waren die Dinge „von oben her“ zumindest so weit geregelt, dass die einzelnen Alternativen, vor denen Sie jeweils standen, halbwegs aufeinander abgestimmt waren. Nun sind Sie plötzlich dem „freien Spiel der Kräfte“ ausgeliefert, alle möglichen Partner handeln völlig nach eigenem Ermessen, ohne jeden übergeordneten „Masterplan“ ohne Rücksicht auf Ihre Belange.

Als Trost (und völlig ernst gemeint): Das gibt es in anderen Lebensbereichen auch. Sie brauchen sich nur mit Gisela zu verloben und dann kommt plötzlich Nicole, die Ihnen lieber gewesen wäre, aber damals nicht gewollt hatte und lässt erkennen, jetzt wolle sie doch.

In solchen Fällen fehlt uns die Möglichkeit, mal so eben zehn Jahre in die Zukunft schauen und dabei alle beiden Varianten durchspielen zu können. Da das nicht geht, kann ich Ihnen zumindest aufzählen, was alles geschehen könnte (mit hinreichend großer Wahrscheinlichkeit):

  1. A) Sie bleiben in der Beratung und sagen dem OEM ab: - Sie können dort drei bis fünf Jahre erfolgreich arbeiten, dabei glücklich sein und finden dann problemlos einen neuen (Wunsch-)Arbeitgeber mit einer Traumposition.

– Sie können aber auch dort an einen Sie drangsalierenden Chef geraten, an den besonderen Begleitumständen der sehr speziellen Beratertätigkeit verzweifeln, also dann dringend wechseln wollen – aber Ihre potenziellen Wunsch-Arbeitgeber haben gerade auf viele Monate hinaus Einstellstopp, Sie müssen drittklassige Alternativangebote annehmen und werden langfristig unglücklich.

  1. B) Sie wechseln jetzt zum OEM:- Man kann dort wegen einer plötzlichen Krisensituation pauschal allen noch in der Probezeit befindlichen Angestellten kündigen (alles schon einmal dagewesen).

– Sie geraten dort an einen der drei deutschen Chefs, der ausgerechnet Sie nicht mag und also auch nicht fördert.

– Sie stellen entsetzt fest, dass Sie in den festgefügten Strukturen eines so großen Konzerns als einzelner „Neuer“ nichts, aber auch gar nichts von Belang bewegen und verzweifeln daran.

– Sie treten dort ein, machen eine sehr gute „Figur“, steigen fast rasant, in jedem Fall aber stetig auf und sind eines Tages ein intern hochgeachteter Bereichsleiter mit 300 unterstellten Mitarbeitern, hinter dessen Rücken gelegentlich „Potenzial für den Aufstieg in den Vorstand“ geflüstert wird.

– Für den Fall, dass man Sie dort nach etwa sechs bis 36 Monaten entlässt, hätten Sie in Ihrem jungen Berufsleben schon zwei gescheiterte Startversuche. Das darf also keinesfalls geschehen.

– Es ist niemals falsch, in dem Unternehmen, mindestens jedoch in dem Unternehmenstyp, zu beginnen und zu bleiben, in dem man Karriere machen will.

Die Auflistung ist zu beiden Hauptpunkten noch nicht einmal vollzählig. Meine zentrale Aussage zu Ihrem Problem lautet: Eine genaue Handlungsanweisung kann Ihnen niemand geben. Sie müssen eine Entscheidung treffen – und dann damit leben. Versuchen Sie, nicht zu dem unglückseligen Persönlichkeitstyp zu gehören, der nach jeder getroffenen Entscheidung sich und die Umwelt mit der Frage terrorisiert: „Hätte ich nicht doch besser die andere Wahl treffen sollen?“

Direkt helfen kann ich wegen fehlender Begabung für exakte Prognosen bezüglich der Entwicklung in Ihrem beruflichen Umfeld nicht. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob Sie überhaupt die erforderlichen Talente haben, um in einem Weltkonzern gegen sehr starken internen Wettbewerb Karriere machen zu können – selbst wenn die Rahmenbedingungen ideal sein sollten. Aber ich kann Ihnen mit einzelnen Aussagen zu helfen versuchen:

  1. Sie haben nun einmal irgendwo angefangen, wo es Ihnen gar nicht so schlecht gefällt. Es wäre normal im Sinne von üblich, den einmal begonnenen Weg erst einmal bis zur nächsten erreichbaren „Kreuzung“, an der Sie sich ohnehin entscheiden müssen, fortzusetzen. Das wäre in etwa drei Jahren.
  2. Der OEM ist ungleich „größer“ als Sie, keine Frage. Aber, verflixt noch einmal, Sie sind ja schließlich auch „wer“. Damals hätten Sie gewollt, der OEM aber nicht. Nun muss er eben ohne Sie auskommen – er hatte seine Chance, aber er hat sie nicht genutzt. Das ist ein wenig simpel gestrickt, aber man kann ja nicht immer springen, wenn es solchen Konzernen gerade passt, könnte man argumentieren.
  3. Oder: Sie hauchen „Nicole“, sinken selbiger in die Arme, auf das ganz große Glück blind vertrauend. Gisela bekommt eine SMS: „Habe mich anders entschieden. Tschüs, tut mir leid und so weiter.“ Vermutlich sehen Sie Gisela niemals wieder.
  4. Die Tür zum OEM steht auf, Sie wollten hinein, also nutzen Sie die Chance. Greifen Sie mit beiden Händen zu. Konzerne sind eben so schwerfällig, Tanker sind keine Schnellboote.
  5. Wenn Sie jetzt wechseln, tun Sie nichts Unrechtes: Wer wollte denn, dass im heutigen Arbeitsvertrag eine Probezeit steht und eine extrem kurze Kündigungsfrist? Jetzt nehmen Sie nur Ihr „gutes Recht“ in Anspruch. Und solche Arbeitgeber rechnen doch bei Anfängern immer mit einer gewissen Ausfallquote. So ist das Leben – hätten „die“ dort plötzlich Auftragsmangel, würden sie eben Ihnen kündigen.

Nun ist es genug, die Entscheidung liegt bei Ihnen. Für den Fall, dass Sie gehen:

Kündigen Sie mit erkennbaren „Bauchschmerzen“, aber mit ehrlicher Darstellung der Gründe: Ihr Lieblings-Arbeitgeber, Ihnen aus der Zeit der Master-Arbeit bestens vertraut, hat auf Ihre „alte“ Bewerbung“ plötzlich verspätet positiv reagiert. Sie haben jetzt einige Nächte nicht geschlafen, haben auch nicht vergessen, dass man Ihnen dort vertraut und Ihnen eine Chance gegeben hatte, wissen auch, was Sie jetzt mit der viel zu frühen Kündigung anrichten, aber … Vielleicht bereuen Sie das eines Tages, jetzt aber bitten Sie um Verständnis, Sie können nicht anders.

Wenn man dort „sauer“ sein sollte – müssen Sie das ertragen. Nach wenigen Monaten hat man Sie vergessen.

Dem OEM gegenüber sollten Sie die kurze Beschäftigungsphase unbedingt erwähnen. In fünf oder zehn Jahren, falls Sie dort einmal weggehen, würden viele Leute an Ihrer Stelle diese kurze Episode im Lebenslauf einfach weglassen. Ich kann das nicht billigen, aber die Menschen sind halt schlecht, ich berichte ja nur über solches Verhalten.

 

Service für Querleser:

Es geschieht gar nicht so selten, dass der Lieblings-Arbeitgeber erst dann positiv auf die Bewerbung reagiert, wenn man längst beim „zweitliebsten“ Unternehmen angefangen hat. Man kann die daraus resultierenden Konflikte leicht vermeiden: Am Tage der Vertragsunterschrift beim ersten Arbeitgeber zieht man alle anderen Bewerbungen schriftlich zurück.

 

Frage-Nr.: 2.985
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51-52
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-12-21

Von Heiko Mell

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