Heiko Mell

Studenten sind – ein „weites Feld“

(Ich habe hier ein paar Zuschriften gesammelt, die von Studenten kommen oder von ihnen handeln. Sie zeigen, dass diese Gruppe sehr heterogen ist – was sich offenbar kurz nach dem Examen ändert. Wenn ich mit jungen Ingenieuren zu tun habe, die nur zwei Jahre Praxis mitbringen, ist das Erscheinungs- bzw. Meinungsbild bereits deutlich geschlossener, der unabdingbare Anpassungsprozess zeigt Wirkung; H. Mell):

Leser A: Ich schreibe zur Frage 2.783: Wenn man die häufig sehr irrealen Erwartungen so mancher Studenten an das Berufsleben dann in den Unternehmen erlebt, die ihnen die Chance eines Berufseinstieg geben, wäre in Ihrem Beitrag statt Ihrer Anmerkung „… ich will gar nicht Deutschlands beliebtester Studenten-Autor werden“ eigentlich treffsicherer gewesen: „… ich will gar nicht Deutschlands beliebtester Kinder-Autor werden.“

Leser B (ein Hochschul-Professor und Institutsleiter aus Österreich): Ich lese Ihre Karriereberatung seit Anfang an, auch die Vorgängerserie (das war etwa in der Mitte der Siebzigerjahre; H. Mell). Ob es bei mir was genutzt hat, ist schwer zu beurteilen. Ich hätte gesagt nein. Wenn ich aber sehe, mit welchem Unwissen und welcher Blauäugigkeit meine Studenten an das Thema herangehen, bin ich fast geneigt, ja zu sagen.

Seit Jahren hänge ich die für Studenten wesentlichen Ihrer Beiträge aus. Die Nachfrage zeigt, dass sie nicht gelesen werden. Zu kleine Schrift, zu viel, nicht relevant etc. Ihr neues Format ist kompakter. Ich kopiere es extra auf DIN A3, um es noch mundgerechter aufzubereiten. Vielleicht ein Fehler. Aber Hochschulprofessoren dürfen experimentieren; mal sehen, ob’s was nutzt. Trotzdem vielen Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz.

Leser C: Ich bin neu im VDI und stelle fest, dass die Karriereberatung in den VDI nachrichten sehr hilfreiche Informationen bereitstellt. Als Jungingenieur bekomme ich so interessante Hintergrundinfos. Vielen Dank dafür!

Antwort:

Meine damalige Antwort enthielt bereits eine grundsätzliche Stellungnahme zur Frage, ob und wann Studenten meine Beiträge lesen – nachdem mir ein Professor geschrieben hatte „gedrucktes Papier ohne Bilder, lange Texte – das funktioniert auch bei Vorlesungsskripten nicht mehr“.

Leser A gibt eine in Ansätzen durchaus verbreitete Meinung aus der Praxis wieder. Sagen wir es einmal so: Immer wieder hört man, dass Unternehmen dringend Ingenieure brauchen, aber schnell in Abwehrstellung gehen, wenn sich die – noch sehr stark studentisch geprägten – Berufseinsteiger bewerben.

Solange Professoren schreiben, „gedrucktes Papier ohne Bilder“ sei zu schwere Kost für unsere kommenden Akademiker, darf man sich über eine Zurückhaltung gegenüber jener Gruppe nicht wundern.

Wir wollen dabei nicht vergessen: Sie sind natürlich nicht alle so. Ich erlebe z. B. bei meinen öffentlichen Auftritten sehr oft auch den gegenteiligen, der Praxis aufgeschlossen zugewandten Typ. Aber vielleicht geht ja nur ein bestimmter Teil der Gruppe „Studenten“ zu solchen Veranstaltungen, die anderen ahnen, dass es dort schon wieder keine Bilder zu sehen geben wird.

Ich schreibe für die Leser der VDI nachrichten. Dazu gehören auch Studenten, ich kenne aber deren Anteil nicht. Denen könnte ich am meisten helfen, weil ihre wesentlichen Fehler, von denen die meisten vermeidbar sind, noch vor ihnen liegen. Allein, dieses Helfen ist gar nicht so einfach. Das war schon vor zwanzig Jahren so. Es gab bereits damals Zuschriften jüngerer Leser dieser Art: „Als Student habe ich Ihre Beiträge ganz entschieden abgelehnt oder die Serie für eine Glosse gehalten. Seit ich in der betrieblichen Praxis stehe, weiß ich, dass Sie nicht nur völlig recht haben – es ist sogar alles noch viel schlimmer.“ An diesem Prinzip hat sich nicht viel geändert.

Vermutlich sind die Zusammenhänge diese: Ich versuche, die Probleme „anderer Leute“ zu lösen. Das kann ich erst, wenn diese Leute erkennen, dass sie solche Probleme haben oder bekommen können. Daran scheitert es bei Studenten oft. Natürlich ist der Vorwurf richtig, die meisten Probleme beträfen sie gerade heute nicht. Aber das ist naiv! Ich garantiere, dass die meisten von ihnen Probleme dieser Art während des kommenden Berufslebens bekommen oder doch in ihrem nächsten Umfeld erleben werden.

Bleibt mir der Appell an die Logik: Wenn das, was in dieser Serie steht, seit 30 Jahren weltfremd, unrealistisch oder schlicht falsch wäre, hätte eine entsprechend hochkochende Kritikwelle der berufserfahrenen Leser mich hier längst hinausgespült.

Fazit 1: Es muss also wohl etwas dran sein.

Fazit 2: Wenn das so ist und wenn ein Student in Kürze von und in jenem Umfeld leben will, dann sollte er jede einfache Gelegenheit nutzen, sich darüber zu informieren. Hätte er vor, zu Fuß die Sahara zu durchqueren, würde er ja auch jede Gelegenheit nutzen, sich vorher über das zu informieren, was ihn dort mit hoher Sicherheit erwartet.

Und als Abschluss dazu: Studenten, die diese Serie nicht lesen, schaden damit nicht mir, sie schaden höchstens sich selbst.

Und was das Argument mit der kleinen Schrift und den fehlenden Bildern angeht. Was ist, wenn Leser A irgendwie doch recht hat?

Sie sind dem Studentendasein gerade erst entwachsen, da darf ich Sie sicher noch in diesem Zusammenhang zitieren. Für Zuschriften dieser Art schreibe ich hier.

PS: In der Sache „weites Feld“ (Überschrift) waren Fontane und Grass vor mir, aber die Möglichkeiten, sprachlich Neuland zu betreten, sind begrenzt.

Frage-Nr.: 2813
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-04-21

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