Wenn Privates den Ausschlag gibt

Nachdem ich meinen Master in E-Technik an der TU erfolgreich (1,2) abgeschlossen hatte, war ich zunächst kurz an einem Spin-Off des entsprechenden Lehrstuhls tätig, um das Thema meiner Masterarbeit weiterzuführen.Nun suche ich aufgrund von Freundin, Freunden, Familie in meiner Heimatregion nach einer Arbeitsstelle in meiner Fachrichtung. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die standörtliche Einschränkung eine erhebliche ist und meiner Karriere schon im Vorhinein schadet. Das nehme ich aber aus privaten Gründen in Kauf. Grob gesagt gibt es nun vier bis fünf Möglichkeiten, von denen aber keine optimal ist:1. In der Region ist der Konzern A mit einer Einheit vertreten. Aufgrund einer aktuellen Umstrukturierung werden aber nur mehrjährig berufserfahrene Ingenieure (wenn überhaupt) angestellt. Meine Bewerbung wurde abgelehnt.Dort zu arbeiten wäre bezogen auf Fachrichtung, Gehalt, Aufstiegschancen und Nähe zur Heimat das Beste, was passieren könnte. Langfristig gesehen möchte ich dort arbeiten.2. Ein interessanter Zehn-Mann-Betrieb (B) mit Zugehörigkeit zu einer regional entfernten Unternehmensgruppe ist fast so etwas wie Konkurrenz zur entsprechenden Konzerndivision von A. Die Fachrichtung würde sehr gut passen, allerdings sehe ich keine Aufstiegschancen und die Arbeitsbedingungen sind miserabel (24 Tage Urlaub, 40 Stundenwoche ohne Gleitzeit, 36.000 €). Dafür ist mir mein hart erkämpfter Abschluss zu viel wert.3. Konzerneinheit C: Fachrichtung trifft ins Schwarze. Trotz der Zugehörigkeit zur AG sind auch dort am Standort die Arbeitsbedingungen eher schlecht angelegt: kein Tarifvertrag, 40 Stundenwoche ohne Gleitzeit (darüber hinaus müsste ich mehr als 2h am Tag pendeln).4. Konzerneinheit D derselben AG wie zu 3: Es besteht eventuell die Möglichkeit einer Promotion. In Ihrem Buch „Erfolgreiche Karriereplanung“ haben mich Ihre Ansichten diesbezüglich allerdings etwas abgeschreckt und ich befürchte, dass ich nach der Promotion vor dem gleichen Problem stehe wie jetzt.5. Konzern E, leider fachfremd. Ich kenne die AG durch Freunde als sehr gutes Unternehmen, an dem mich nur die Ferne zu meiner geliebten Fachrichtung stört. Es ist möglich, dass mir eine andere Tätigkeit gefallen könnte, aber ich empfinde das Risiko als sehr groß, bei Nichtgefallen nicht mehr wechseln zu können.Nun bitte ich Sie um Rat, welche Option von 2. bis 5. Ihrer Meinung nach wohl am sinnvollsten erscheint.

Antwort:

Bei aller gebotenen Diskretion der Hinweis für andere Leser: Ihre so geliebte Region ist eine der großen attraktiven Tourismusregionen – mit der bekannten „Zugabe“, dass dort naturgemäß nicht das industrielle Herz Deutschlands schlägt.So, geehrter Einsender, nun zu uns beiden: Ist Ihnen eigentlich klar, was ich für ein Gegner sein kann? Also dann: Sie dürfen tun, was Sie wollen, ich darf raten, was ich für richtig halte. Ich glaube, wenn ich mir so Ihren Lebenslauf ansehe, dass Sie hier und jetzt an einem Scheideweg stehen. Dies dürfte die letzte Chance in Ihrem Leben sein, sich in eine Richtung zu entwickeln, die durch Leistung, Berufserfolg, durch das Bestreben, aus gegebenem Talent etwas zu machen, und die Bereitschaft, um etwas zu kämpfen, geprägt wäre. Ihr Lebenslauf zeigt vom Abitur bis zum TU-Master sehr gute Noten. Sie sind gerade Mitte 20, das ist alles toll. Aber der ganze bisherige Weg wirkt „leicht“ im Sinne dessen, was Amerikaner den „easy way“ nennen: Abi, Studium 1, Studium 2, ein paar Praktika, in der örtlichen Jugendarbeit engagiert, ein paar Hobbys – aus. Keine Besonderheit, kein sich Durchbeißen im Ausland, keine erkennbaren und gelösten Probleme („es reift der Mensch an seinen Niederlagen“). Und nun stolpern Sie „aufgrund von Freundin etc.“ in das hinein, was man bei der Bundeswehr eine „heimatnahe Verwendung im vertrauten Umfeld“ nennen würde und regen sich über Arbeitsbedingungen auf, mit der alle anderen dort wohl leben können (kein Tarifvertrag, wie widerlich für künftige Manager).In Ihrem Alter erobert man die Welt, wie immer man das definiert; Zeit für den Rückzug in das vertraute Umfeld der Kindheit bleibt später noch genug.Also mein in vollem Ernst gegebener Rat:Sie finden A toll? Na dann kämpfen Sie darum! A will nur berufserfahrene Ingenieure? Was der „Kunde“ (der Sie einkaufen und bezahlen soll) will, muss er bekommen. Also erwerben Sie solche. Am besten dort, wo es A (dem Teilkonzern) am meisten imponiert. Gehen Sie zur Konzernzentrale von A (leider etwas weiter weg vom Ziel) und bleiben Sie dort drei Jahre. Dann wechseln Sie intern zum Teilbereich A im Zielbereich. Oder Sie starten in der – vermutlich auch regional entfernten – Zentrale eines XY-Konzerns, auch für drei Jahre und bewerben sich dann wieder bei der A-Standorteinheit. Die zwangsläufige Disziplin und geforderte Anpassungsbereitschaft in der Großorganisation wird Ihrer Entwicklung gut tun. Wenn Ihre Freundin Sie liebt, geht sie entweder mit für jene drei Jahre – oder wartet auf Sie.Und wenn Sie diese Konzerne im Vorstellungsgespräch fragen sollten, ob sie auch einen Tarifvertrag haben, wieviel Urlaub es gibt und wieviele Stunden Sie dort arbeiten müssen, erscheine ich Ihnen nachts im (Alb-)Traum.

Kurzantwort:

Als frischgebackener TU-Master mit 1,x akzeptiert man keinen nicht optimalen Berufseinstieg, nur um einen für optimal gehaltenen Standort realisieren zu können
Frage-Nr.: 2764
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-07-02

Top Stellenangebote

FERCHAU Engineering GmbH-Firmenlogo
FERCHAU Engineering GmbH SPS-Entwickler (m/w/d) Großraum Mönchengladbach
EUMETSAT-Firmenlogo
EUMETSAT Meteosat Flight Dynamics Engineer (m/f/d) Darmstadt
FIBRO LÄPPLE TECHNOLOGY GMBH-Firmenlogo
FIBRO LÄPPLE TECHNOLOGY GMBH Lead Buyer (w/m/d) Haßmersheim
DEKRA Automobil GmbH-Firmenlogo
DEKRA Automobil GmbH Prüfingenieur (m/w) Wiesbaden, Region Mainz
Infraserv Höchst-Firmenlogo
Infraserv Höchst Ingenieur / Betriebsassistent (m/w/d) Fachgebiet Verfahrenstechnik / Energietechnik / Umwelttechnik / Maschinenbau Frankfurt am Main
Papierfabrik Louisenthal GmbH-Firmenlogo
Papierfabrik Louisenthal GmbH Projektingenieur Anlagenbau (m/w/d) München
NKT GmbH-Firmenlogo
NKT GmbH Leiter (m/w/d) Instandhaltung Köln
Regierungspräsidium Freiburg-Firmenlogo
Regierungspräsidium Freiburg Diplomingenieurin / Diplomingenieur (w/m/d) der Fachrichtung Bauingenieurwesen Freiburg
DATRON AG-Firmenlogo
DATRON AG Sales Manager CNC-Systeme und Werkzeuge (m/w) Mühltal
Regierungspräsidium Freiburg-Firmenlogo
Regierungspräsidium Freiburg Diplomingenieurin / Diplomingenieur (w/m/d) der Fachrichtung Bauingenieurwesen / Vermessung / Infrastrukturmanagement Bad Säckingen

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…