Dienstleister mit Makel behaftet?

Ihre Beiträge lese ich jeden Freitag wieder hocherfreut und möchte Ihnen für diese Kleinode danken.Vor wenigen Wochen habe ich meinen Bachelor-Abschluss (FH; 1,5) erhalten, meine Abschlussarbeit (1,0) im Bereich Mechanikentwicklung habe ich bei einem mittelständischen Unternehmen (ca. 300 MA) in Konzernbesitz durchgeführt. Das Praxissemester leistete ich in einem internationalen Konzern ab.Antwort/1:Bitte renommieren Sie nicht mit der Note der FH-Abschlussarbeit. Eine „1“ ist dort praktisch Standard, fast jeder hat sie. Mit der 1,5 für die Gesamtnote ist das anders, die steht für eine besondere Leistung (und ruft nach einem Master-Studium).Grundsätzlich gilt das erwähnte „mittelständische“ Unternehmen trotz der überschaubaren Größe eher als „Konzern“ (konkret: Konzerntochter) denn als „Mittelstand“. Der Konzern stülpt auch kleineren Einheiten gnadenlos sein System über und zwingt die Leute dort zum Konzernstandard. Das typisch mittelständische Denken und Handeln entwickelt sich nur in selbstständigen, konzernfreien Unternehmen bis zu etwa 1000 Mitarbeiter. Wenn – was möglich ist – eine Konzerntochter Ihnen sehr mittelständisch vorkommt, dann sagt man beispielsweise „mittelständisch strukturierte Konzerntochter“. Solche Misch-Strukturen entstehen etwa, wenn ein Konzern einen bis dahin selbstständigen Betrieb kauft und die Übernahme noch nicht lange her ist. Aber: Mit jedem Jahr wird die neue Tochter „konzerniger“.Frage/2:Beim Mittelständler gefielen mir besonders die Nähe zur Produktion und die Vielseitigkeit der Aufgaben; beim Großkonzern fallen natürlich die finanziellen Vorteile, die Anzahl möglicher Standorte und weitere extrinsische (ich habe im Fremdwörterduden nachgeschaut: das Wort kommt aus der Psychologie und bedeutet etwa „von außen her angeregt, nicht aus eigenem inneren Anlass erfolgend“ – passt hier wohl weniger; H. Mell) Anreize ins Gewicht.Bei beiden Unternehmen fiel mir auf, welche große Rolle Ingenieurdienstleister bei der Entwicklungstätigkeit spielen. Kurzum: Es erscheint mir sehr attraktiv, nach dem Master-Studium den Einstieg bei einem Ingenieurdienstleister zu suchen und auf diese Weise Berufserfahrung zu sammeln und weitere Unternehmen kennenzulernen. Hinzu kommt, dass diese Dienstleister – sofern man der Eigenwerbung glauben darf – viele der genannten Vorteile in sich vereinen: Ein vielseitiges Aufgabenspektrum, eine große Anzahl von Standorten, gute Entlohnung und regelmäßige Weiterbildungen, um nur einige zu nennen.Im persönlichen Gespräch mit Mitarbeitern der Unternehmen, in denen ich während des Studiums tätig war, bekam ich jedoch den Eindruck, dass den Dienstleistern im allgemeinen Bewusstsein ein Makel anhaftet nach dem Motto: „Dort bewirbt man sich, wenn man in einem richtigen Unternehmen nichts bekommt.“ Kann es sich tatsächlich als Makel im Lebenslauf herausstellen, wenn das Einstiegsunternehmen ein Dienstleister ist? Woher rührt diese, meinem Eindruck nach, häufig anzutreffende Einschätzung und ist der Übergang vom Dienstleister zum „klassischen“ Unternehmen in der beruflichen Realität alltäglich?Antwort/2:Ich liste einfach einige Argumente auf, Sie ziehen dann Ihre Schlussfolgerung daraus:1. Alles was hier gesagt wird, bezieht sich auf den Einsatz von Mitarbeitern im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung („Zeitarbeit“).2. Die zitierten Aussagen von „festen“ Mitarbeitern der Industrieunternehmen über „überlassene“ Angestellte und die damit verbundene Rangabstufung im Denken der Erstgenannten gibt es, ich kann das bestätigen.3. Bei „Porsche“ (als fiktiver Begriff gebraucht) sind zwei Akademiker tätig: A als festangestellter Mitarbeiter und Know-how-Träger, der dort unbefristet beschäftigt ist und jederzeit befördert werden kann und B, der dem Unternehmen von einer Arbeitnehmerüberlassungsorganisation „auf Zeit überlassen“ wurde, bei Auftragsrückgang als erster gehen muss und in diesem Hause praktisch nicht aufsteigen kann. Sieht A den B wohl als gleichwertigen Kollegen an?4. Es ist bekannt, dass sehr viele der „überlassenen“ Arbeitnehmer vergeblich davon träumen bzw. danach streben, vom Kunden des Dienstleisters übernommen, also dort fest angestellt zu werden. Der umgekehrte Wunsch ist mir noch nicht bekannt geworden.5. Die Tätigkeit des beim Kunden eingesetzten Dienstleistungsmitarbeiters kann sehr interessant sein – und ist unter allen Umständen besser als eine Arbeitslosigkeit.6. Damit es schwieriger wird: Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist es möglich, dass die „Porsches“ dieser Welt (s. Nr. 3) gar keine Berufseinsteiger gem. A einstellen und nur die Möglichkeit gem. B bieten. Dann müssen Sie abwägen, ob Sie für den Traum einer möglichen späteren Übernahme (ohne Sicherheit) den Preis zu zahlen bereit sind oder sich anderweitig orientieren. Wir sind ein freies Land.

Antwort:

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2713
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-10-09

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