Bekomme für den Wiedereinstieg nur Absagen

Frage/1: Nach meinem Auslandsjahr in Kanada war mir eigentlich klar, wo ich mich bewerben will und um welche Positionen. Bin dann durch Empfehlung eines Freundes auf Ihre Karriereberatung gestoßen und jetzt leider etwas verunsichert, was meine berufliche Zukunft angeht. Genau genommen geht es um den roten Faden und den beruflichen Selbstmord, den Sie oft beschreiben. Bei dem zukünftigen Job muss alles gutgehen.Ich bin 27 Jahre alt und habe einen Abschluss als Diplom-Wirtschaftsingenieur (2,2; Universität …; Produktionswirtschaft, Fabrik und Logistik). Ich habe elf Semester studiert, das resultiert durch ein zusätzliches Semester Praktikum und ein Semester für die Diplomarbeit. Mir war der Praxisbezug wichtiger als die verkürzte Studiumszeit.Frage/2: Zurzeit schreibe ich allerhand Bewerbungen, bekomme aber nur Absagen. Die Stellen passen zu meinem Profil. Wahrscheinlich ist etwas mit meiner Bewerbung falsch, daher überarbeite ich diese gerade. Der Korrektheit sende ich Ihnen meine nicht überarbeitete Bewerbung zu, um Fehler zu erkennen.Frage/3: Nach dem Studium habe ich noch ein Jahr in einem Lebensmittelbetrieb gearbeitet, bei dem ich schon das Halbjahrespraktikum absolviert und die Diplomarbeit geschrieben hatte (mehr als 2.000 Mitarbeiter, mehrere Produktionsstandorte). Das Betriebsklima war sehr schlecht, die Bezahlung war schlecht und ich hatte sehr wenig Urlaub (das ist unerhört; H. Mell).“Verkaufen“ wollte ich mein Ausscheiden dort damit, dass ich schon immer mal nach Kanada wollte, aber vorher noch ein Jobangebot des Unternehmens bekam, um die Anregungen aus meiner Diplomarbeit umzusetzen. Nach einem Jahr habe ich meinen Chef gefragt, ob er mich kündigt, damit ich nach der Rückreise finanziell besser aufgestellt bin.Frage/4: Das Jahr Kanada habe ich als Auszeit genommen. Ich wusste, für meinen beruflichen Werdegang ist Englisch wichtig. Ich hatte hier starke Defizite, musste also etwas tun und beschloss, ein Jahr Work and Travel in Kanada zu machen. Eine Anstellung als Ingenieur fand ich trotz intensiver Bemühungen nicht, es blieben nur Aushilfsjobs.Eigentlich wollte ich durch einen Direkteinstieg im großen Unternehmen oder im Mittelstand anfangen, am besten in der innerbetrieblichen Logistik oder in der Fertigung. Oder bei einer Unternehmensberatung für Fabrikplanung. Aber nicht in der Lebensmittelindustrie!Was lief falsch an meinen bisherigen Bemühungen?

Antwort:

Antwort/1: Machen wir es kurz und einprägsam. Vielleicht hilft es, wenn ich die Erkenntnis so schnörkellos formuliere: Sie haben Probleme mit dem Formulieren, machen bei entsprechenden Versuchen grobe Fehler – und bestätigen bei dem (später zu kommentierenden) Bewerbungsanschreiben schlimmste Befürchtungen.Meine Empfehlung: Akzeptieren Sie diese Erkenntnis, geben Sie sich äußerste Mühe bei allen Versuchen, kommen Sie nicht auf die Idee, brillante Formulierungen kreieren zu wollen. Schreiben Sie in kurzen klaren Sätzen, lesen Sie sich das Resultat laut vor, geben Sie wichtige Ausarbeitungen vor dem Absenden einer kundigen Person zur Durchsicht. Wer mich kennt, nimmt mir ab: Ich will Sie nicht ärgern, ich will Ihnen nur helfen.Natürlich wollen Sie Beispiele: Der Anfang Ihres Briefes ist unmöglich. Sie steigen in Ihrer Schilderung irgendwo ein, reden über Kanada, ohne dass der Leser auch nur einen „Hauch von Vorgeschichte“ kennt. Niemals fängt man in solchen Briefen, mit denen man ja von anderen etwas erbittet (z. B. Hilfe), einen Satz mit „bin“ oder „habe“ an. Das ist Telegrammstil aus einer Zeit, in der jedes Wort einzeln berechnet wurde. So etwas klingt lässig und unangemessen.Der zweite Absatz Ihrer Einsendung hätte nach vorn gehört, dann wäre der Leser eingestimmt gewesen. Danach hätte ein bisher noch gar nicht abgedruckter Absatz über die Zeit zwischen Studium und Kanada gehört.Und im vorletzten Satz Ihres bisher abgedruckten Textes steht: „… das resultiert durch ein zusätzliches Semester …“, das geht nun gar nicht, da schüttelt es den Leser förmlich. Es müsste heißen: „… das resultiert aus einem zusätzlichen Semester …“Nicht als Hinweis auf einen Fehler, nur als Tipp: Für die Praxis ist Studiendauer die Zeit vom Beginn des ersten Semesters bis zu dem Datum, das auf Ihrer Ingenieururkunde o. Ä. steht. Der Versuch, die Studiendauer durch eine separat aufgeführte Diplomarbeit zu verkürzen, führt zu nichts.Warum ich diesen Aspekt (Formulieren, Schreiben) so auswalze: Weil es um erfolglose Bewerbungen geht und weil ich mir vorstellen kann, was da wohl geschrieben steht.Zum letzten abgedruckten Satz obiger Einsendung: Wenn ein Anfänger schon inhaltsschwer formuliert: „… mir war … wichtiger als …“, dann ist Schlimmstes zu befürchten. Ich versuche einmal, Ihren Blick für sprachliche Feinheiten zu schärfen: Ihre erwähnte Formulierung schließt eine Wertung ein, die Ihnen nicht zusteht: „… wichtiger als die verkürzte Studiumszeit“ – das steht für „die Bedeutung, die manche Leute der Studiendauer beimessen, halte ich für nicht relevant. Ich finde, dass andere Aspekte wichtiger sind“. Natürlich dürfen Sie das sagen, aber es ist nicht geschickt. Gegenbeispiel:“Ich wollte unbedingt mehr Praxisbezug ausweisen können. Dafür musste ich leider eine Verlängerung der Studiendauer in Kauf nehmen.“ Wer so schreibt, erkennt die geltende Regel über die Studiendauer an, entschuldigt sich quasi für die Übertretung. Ein Unterschied, der den Ausschlag geben kann.Damit die Leser den angesprochenen Zusammenhang zwischen Studiendauer und Praxisbezug verstehen: Sie geben im Lebenslauf ein ganzes Jahr für die Diplomarbeit an, ohne Wenn und Aber, die Diplomarbeit samt Titel ist sogar fettgedruckt. Das fällt wegen der ungebührlichen Länge unangenehm auf. Erst unter dem Namen des Unternehmens steht dann klein und unscheinbar:“1/2 Jahr: Praktikum innerhalb aller Abteilungen2/2 Jahr: Diplomarbeit zur Optimierung …“Diese Erklärung liest vermutlich schon niemand mehr. Seien Sie froh darum. Denn „2/2 Jahr“ ist für einen Dipl.-Ing. schon irgendwie sehr gewöhnungsbedürftig. Mathematisch sind 2/2 einfach nur 1, was Sie gar nicht meinen und was ja auch sachlich falsch ist. Gemeint ist etwa: „1. Halbjahr: Praktikum …, 2. Halbjahr: Diplomarbeit.“ Und das steht nun im Lebenslauf und liegt all Ihren Bewerbungen bei. Und das sollten nun Top-Konzerne mit Weltgeltung wie z. B. die Ziel-AG XY, ein Premium Kfz-Hersteller, als Empfänger „fressen“. Haben sie aber nicht.Antwort/2: Nehmen wir den letzten Satz: Hinter „Korrektheit“ vermisst man schmerzlich ein „halber“. Die Zusendung, „um Fehler zu erkennen“ macht so auch Bauchschmerzen. Richtig wäre „…, damit Sie Fehler erkennen können“ oder „…, um Ihnen die Erkennung von Fehlern zu ermöglichen“.Nun stelle ich die Kritik am Brief an mich ein und verbessere diesen, falls erforderlich, beim Abdruck stillschweigend.Antwort/3: Jenes Unternehmen hat Ihnen ein „Super-Top-Einser-Maximal“-Zeugnis gegeben. Das nur am Schluss nicht sagt, wer wem gekündigt hat, was der Markt als arbeitgeberseitige Kündigung einstuft. Was nun lebenslang in Ihren Unterlagen steht. Und was durch den überschwänglich-positiven Tenor des Zeugnisses besonders auffällt. Und das soll nun eine XY AG „fressen“. Nun, Mut haben Sie.Antwort/4: Da sind zunächst die Fakten: Sie hatten Studienschwerpunkte in „Fabrik und Logistik, Produktionswirtschaft“. Dann haben Sie eine absolut dazu passende Diplomarbeit in der Lebensmittelindustrie geschrieben, nachdem Sie ein weiteres halbes Jahr dort das Unternehmen gründlich kennengelernt hatten. Anschließend haben Sie ein Jahr in diesem Unternehmen der Lebensmittelindustrie gearbeitet, hatten dort einen Chef, der Sie in den höchsten Tönen lobte, Sie dann aber offenbar gefeuert hat. Dann waren Sie ein Jahr auf „Arbeiten und Reisen“-Trip in Kanada. Wo es in einem Zeugnis heißt: „His duties in the kitchen included dishwashing and keeping the kitchen clean …“ Für einen deutschen Universitätsabsolventen der Ingenieurwissenschaften ist das irgendwie nicht viel. Und das alles soll jetzt ein Weltkonzern …? Aber das hatten wir schon.Sie beginnen das Anschreiben Ihrer Bewerbung mit: „die Affinität für Fragestellungen aus dem Bereich Logistik habe ich im Studium früh entdeckt.“ Das stimmt den Leser irgendwie nicht freundlich. Seien Sie mit komplizierten Fremdwörtern vorsichtig. Vermutlich müsste es „Affinität zu“ heißen; außerdem gibt der Fremdwörterduden sieben(!) verschiedene Deutungen für Affinität.Im letzten Absatz beurteilen Sie den angeschriebenen Konzern und unterwerfen ihn Ihrer Kritik. Sie kommen zwar zu positiven Ergebnissen – aber wer lobt, sagt auch, er hätte andererseits ebenso gut tadeln können. Und dann, da sind wir wieder beim Thema, kann man bestimmte Formulierungen einfach nicht ungestraft verwenden. Sie schreiben: „Die XY AG ist innovativ, engagiert und ist sich über die Bedeutung ihrer Mitarbeiter bewusst.“ Da zieht sich den Leuten dort der Magen zusammen. Wegen der völlig falschen Formulierung, wegen der schmalzigen Lobhudelei und überhaupt.Fazit und Empfehlung: 1. Allgemein:1.1. Mit der Schwerpunktausrichtung des Studiums, mit den Praktika, mit dem Thema und dem Industriepartner bei der Diplomarbeit sowie insbesondere mit der Berufspraxis nach dem Studium baut man „Brücken“, die im Idealfall vom eigenen Standort zum Zielunternehmen und zur Tätigkeitsrichtung dort führen. Keine Brücken zum Einstiegsziel zu haben, ist meist kritisch, aber diverse, sehr „große“ Brücken in eine völlig falsche Richtung zu haben, ist besonders kritisch.1.2 Der Student vor dem Aushändigen des Examenszeugnisses bekommt bei der Beurteilung von Aktivitäten, die er ggf. im fachfremden Bereich unternommen hat, durch spätere Bewerbungsempfänger einen großzügigen „Rabatt“ eingeräumt. Die Skala „erlaubter“ Tätigkeiten reicht dabei sicher vom Taxifahren über Kellnern bis zu Work and Travel. Lediglich eine dadurch bedingte Verlängerung der Studienzeit könnte sich nachteilig auswirken. Der fertige Akademiker jedoch wird härter beurteilt. Das, was er nach dem Examen macht, gräbt sich tief in seinen Lebenslauf ein und wird aus dem rein beruflichen Blickwinkel betrachtet.2. Im Sonderfall unseres Einsenders gilt:2.1. Die Fakten sind nun einmal vorhanden, es kann nur versucht werden, daraus das Beste zu machen:2.1.1 Ausrichtung auf die in den Unterlagen so dominierende Lebensmittelindustrie, aus der Branchenkenntnisse vorliegen. Die Abneigung dagegen scheint nach Kenntnis eines einzigen Betriebes überzogen. Das gilt vor allem dann, wenn Arbeitslosigkeit die Alternative ist („alles ist besser als nichts“).2.1.2 Später, nach ca. fünf erfolgreichen Jahren, ist ggf. noch ein Branchenwechsel möglich, z. B. bei einer Spezialisierung jetzt auf die Logistik. Dann sind Sie erfahrener Logistiker, der eher zufällig aus dem Nahrungsmittelbereich kommt.2.1.3 Anschreiben und Lebenslauf sollten einfach in kurzen Sätzen und ohne komplizierte Begriffe formuliert (und möglichst vor Absendung einer sprachkundigen Vertrauensperson vorgelegt) werden. Die Bewerbungsempfänger-Unternehmen sind nicht zu bewerten und damit auch nicht zu loben.Dennoch kann und soll durchaus gesagt werden, was an der ausgeschriebenen Aufgabe/Tätigkeit reizt. Beispiel: „Die geschilderte Aufgabe spricht mich insbesondere wegen der umrissenen Vielseitigkeit und der internationalen Ausrichtung an. Darüber hinaus würde ich gern bei einem Unternehmen mit der besonderen Marktposition der XY AG mitarbeiten. Ich glaube, dass ich einige verwertbare Kenntnisse aus dem Studium und aus den ersten Einblicken in die Praxis mitbringe. Überdurchschnittliches Engagement und hohe Einsatzbereitschaft sind für mich ebenso selbstverständlich wie Teamfähigkeit und die Bereitschaft, Neues zu lernen.“2.1.4 Diese nach privatem Amüsement „riechende“ Kanada-Geschichte sollte etwa so erklärt werden:a) im Lebenslauf kurzer Hinweis: „(siehe entsprechende Erläuterung im Anschreiben)“.b) im Anschreiben und dann später auch im Gespräch eine Darstellung etwa so:“Selbstverständlich hatte ich das Jahr in Kanada schon während des Studiums absolvieren wollen. Hintergrund war die Verbesserung meiner Englischkenntnisse ebenso wie der Wunsch nach dem Erwerb von Auslandspraxis (interkulturelle Kompetenz). Als ich dann aber das Praktikum bei meinem späteren Diplomarbeitspartner und Arbeitgeber begonnen hatte, ergaben sich derart interessante Aufgaben, dass ich das Vorhaben immer wieder verschob. Schließlich nutzte ich eine günstige interne Projektphase, um in Abstimmung mit meinem Arbeitgeber diesen Schritt zu vollziehen. Nach der Rückkehr aus Kanada suche ich jetzt den beruflichen Wiedereinstieg.“2.1.5 Selbst ein Wiedereinstieg beim früheren Arbeitgeber, sofern er möglich ist, wäre weiterer Arbeitslosigkeit vorzuziehen und würde die Kanada-Episode abmildern.

Kurzantwort:

Bewerbungsanalyse und –bewertung ist eigentlich keine Geheimwissenschaft. Alles lässt sich weitgehend logisch erklären und begründen. Man muss sich nur um die Kenntnis der wichtigsten Regeln bemühen.
Frage-Nr.: 2697
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-06-19

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