Heiko Mell

Ich passe nicht zu Deutschlands Nr. 1

Frage: Ich stehe etwa ein halbes Jahr vor dem Studienabschluss als Dipl.-Ing. an einer Fachhochschule (Maschinenbau/Fahrzeugtechnik). Nun befinde ich mich in einer Zwickmühle: Ich müsste Praxiserfahrung aus der Studienzeit vorweisen können, um an eine anspruchsvolle Diplomarbeit heranzukommen. Ich brauche aber eine anspruchsvolle Diplomarbeit, um später für ein anspruchsvolles Arbeitsverhältnis qualifiziert zu sein.
Es ist mir bewusst, dass ich Möglichkeiten, auch im Studentenleben an Praxiserfahrung heranzukommen, nicht genutzt habe. Allerdings habe ich den Stellenwert der Praxiserfahrung bis zu meinem Praxissemester deutlich unterschätzt. Dass dahinter der Wunsch des Unternehmens steckt, möglichst wenig Ressourcen in Fortbildung bzw. Betreuung zu investieren, steht auf einem anderen Blatt. Das ist aber eine Tatsache, mit der ich mich jedoch abgefunden habe.
Dennoch meine Frage: Bestand dieses Problem mit dem Teufelskreis der Praxiserfahrung schon immer oder ist dies eine Erscheinung bzw. ein Auswuchs unserer Zeit?
Vor allem im Bereich der Simulation sind doch vor allem auch theoretische Kenntnisse erforderlich. Studenten, die vorzugsweise im Formula Student Team sind oder eine Ausbildung absolviert haben, tendieren eher nicht Richtung Simulation und Berechnung (wie ich). Unternehmen würden sich dann eigentlich einem wichtigen Bewerberpool entziehen, nämlich dem, den die Theorie maßgeblich begeistert, wie in meinem Fall.
Ich habe vor allem Bedenken im Hinblick auf das kommende Berufsleben, die sich auch aus „hausgemachten“ (bei mir) Problemen ergeben.
Mich interessieren die Fahrdynamiksimulation und Reglerauslegung mit Matlab/Simulink, was zu meinem Bedauern zwar einen wachsenden, aber noch nicht sehr etablierten Bereich in den Unternehmen darstellt. Darüber hinaus weist mein Lebenslauf schon einen Bruch auf und mein Zeugnis aus dem Praxissemester könnte besser sein.
Auf die Frage, warum ich meine Diplomarbeit nicht bei dem OEM schreibe, bei dem ich das Praxissemester absolviert habe, wissen Sie wahrscheinlich auch schon die Antwort. Ich habe festgestellt, dass ich zumindest zurzeit nicht zu diesem Unternehmen passe. Vor allem, weil man dort dazu tendiert, eher Fachleute bzw. Know-how einzukaufen als Neueinsteiger aufzubauen.
Allerdings bindet mich mein Interessengebiet an größere Firmen, da viele kleinere nicht in Simulation investieren. Die namhaften Unternehmen wollen natürlich nur die besten Hochschulabgänger einstellen, was meinen Berufseinstieg nicht unbedingt erleichtern wird.
Was würden Sie mir raten? Bewerbungen bei weniger gefragten Einrichtungen mit der gleichen Expertise, z. B. Instituten? Wie würden Sie einen Richtungswechsel etwa in Richtung FEM-Simulation oder Konstruktion bewerten?

Antwort:

Schade, dass Sie nicht sehen können, wie die Feder meines Füllhalters förmlich vibriert, so drängt es mich zu einer Aussage.

Lassen wir die volks- und berufsphilosophischen Fragen, was Firmen alles falsch machen und welchem „wichtigen Bewerberpool sich Unternehmen entziehen würden“, setzten sie diese merkwürdige Einstellpolitik fort (was für eine Wortkonstruktion, immerhin).

Reden wir über Fakten, reden wir über Ihre:Mit 19 hatten Sie ein Abitur mit Leistungskursen in Mathematik und Physik, beide mit 2+ abgeschlossen. Das und die Leidenschaft für (theoretisch ausgerichtete) Simulation ließ das TU-Studium als richtige Wahl erscheinen. Ihre Welt war in Ordnung.

Sechs Semester später haben Sie das Studium ohne Abschluss und ohne erkennbare Begründung geschmissen. Das hätten Sie schaffen müssen, niemand versteht das. Außerdem hat es Sie drei wertvolle Jahre Ihres Lebens gekostet. Genau da hätten Sie mit Ihrer Vorliebe für theoretische Aufgaben hingehört.Wechsel an eine FH, Hauptstudium abgeschlossen, Durchschnittsnote dabei 1,6. Das ist schön, das mussten Sie aber mit den beiden Abifächern dort auch bringen. Es ist übrigens nicht erkennbar, dass man Ihnen viel vom TU-Studium angerechnet hat. Jetzt fehlt noch die Diplomarbeit.

So ging es los. Dann kam das Praxissemester. Nach der verpatzten TU die zweite Chance Ihres Lebens. Ein junger cand. Ing., der sich auf Fahrdynamik-Simulation wirft, wird von einem deutschen Fahrzeughersteller angenommen. Dieses Unternehmen steht von Neuseeland bis Kalifornien für Top-Produkte und für ein Maximum an Fahrdynamik. Ich sage es einmal laienhaft: Mehr an Fahrdynamik geht überhaupt nicht.

Im Zeugnis steht u. a.: „Optimierung und Anwendung einer Simulationsumgebung auf Basis Matlab/Simulink …“. Das ist doch genau das, was Sie wollten! Und dann bekommen Sie eine Bewertung mit Kreuzchen. Acht davon liegen in der Durchschnittswertung. Wissen Sie, was das bedeutet? Durchschnitt? In diesem Unternehmen? Würde jemand behaupten, die bauten dort durchschnittliche Autos, ginge deren halbes Management ins Kloster. Dann gibt es zwei Wertungen unter(!) Durchschnitt.Z. B. bei „Aktivität“. Das ist keine Frage irgendwelcher Erfahrungen, das ist völlig indiskutabel. Schön, es gibt auch zwei Wertungen über dem Durchschnitt, aber insgesamt ergibt sich wiederum Durchschnitt. Im verbalen Teil der Beurteilung steht dann – natürlich – auch Durchschnittliches: „… zu unserer vollen Zufriedenheit“, was „befriedigend“ ist und, verzeihen Sie, hier schlicht „saumäßig“ bedeutet.

Wer das Zeugnis liest (bei diesem Firmennamen ist jede Wertung „wie in Marmor gemeißelt“), wird wenig Lust haben, Ihnen herausragende Aufgaben anzuvertrauen. Ob Sie bei jenem OEM gut aufgehoben wären, ob Sie denen eine kluge Einstellpolitik zuordnen, ist alles völlig unerheblich. Man geht nicht zur Elite – und versagt (so sieht man das). Mit einem solchen Vorhaben sind Sie doch schon einmal hereingefallen (TU).Damit wir uns recht verstehen: Ich habe keinen Anlass, Sie etwa zu kritisieren. Es ist Ihr Leben. Aber Sie haben gefragt und um eine Bewertung späterer Einstellchancen zum Berufseintritt gefragt.

Und da lautet meine Einschätzung:
Jenes eine Großunternehmen, bei dem Sie das Praxissemester absolviert und von dem Sie dieses schwache Zeugnis haben, wird Sie gewiss nicht einstellen. Das ist schade, denn dort hätte Ihr fachliches Interessengebiet hervorragend hingepasst.

Andere Großunternehmen der Fahrzeugherstellung werden Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht einstellen – gleichgültig, um welchen Job es geht. Diese Firmen denken – und handeln – im Prinzip alle ähnlich. Wer als „Test-Angestellter“ (dazu dient den Firmen das Praxissemester) bei einem von ihnen derart deutlich durchgefallen ist, den mögen auch die anderen meist nicht mehr.

Bleibt die ganze Welt der Mittelstandsbetriebe, der Zulieferer und Dienstleister. Ob Sie dort Ihrer Lieblingstätigkeit, der Simulation unter Einsatz der erwähnten Programme, nachgehen können, weiß ich auch nicht.Diese letztgenannte Leidenschaft scheint mir der Dreh- und Angelpunkt Ihres gesamten Problems zu sein: Simulation sei stark theoretisch ausgerichtet, schreiben Sie. Dazu hätte ein erfolgreiches TU-Studium hervorragend gepasst. Wer das „schmeißt“ und zur FH wechselt, outet sich eher als praxisorientiert. Dazu passt m. E. die Simulation nicht mehr so, wie sie vorher gepasst hätte.Mein Rat: Geben Sie die Simulation als Ziel auf. Suchen Sie sich ein anderes, eher praxisorientiertes Betätigungsfeld. Bewerben Sie sich im Mittelstand, meiden Sie Großunternehmen. Begründen Sie das Praxissemester-Zeugnis damit, dass Sie dort zwar auf ein tolles Unternehmen gestoßen wären, dass Sie aber – zum Glück rechtzeitig – gemerkt hätten, dass Sie nicht in einen Großkonzern passen (das glauben mittelständische Unternehmen problemlos – die Leute dort sind ja auch nicht im Großbetrieb tätig, haben sich also anderweitig entschieden).Und dann haben Sie nur noch ein einziges Ziel: fünf Jahre durchzuhalten, in den (subjektiv blickenden) Augen Ihrer Chefs ein Top-Mitarbeiter mit Top-Beurteilungen zu werden. Keine öffentlichen Überlegungen mehr über merkwürdige einstellpolitische Praktiken deutscher Unternehmen etc., kümmern Sie sich um Ihre eigene Qualifikation und Reputation.

Das wäre dann Ihre dritte Chance. Seien Sie dankbar, wenn es klappt. Oft gewährt das Schicksal nur eine zweite Möglichkeit, noch einmal erfolgreich Fuß zu fassen.

Und an der Stelle der erneute Hinweis auf ein Erfolgsprinzip: Das System ist so ausgerichtet, dass sich leichter tut, wer etwas werden als der, der etwas tun will. „Ich will unbedingt Entwicklungsleiter werden“ ist danach besser geeignet als „Ich will unbedingt in Simulation machen“. Dies gilt weniger für die Startposition als für die nächsten vierzig Jahre des Berufslebens.Und nur keine Angst: Auch Entwicklungsleiter wird man nicht einfach so nebenbei. Die Kandidaten dafür fangen auch ganz unten als Sachbearbeiter an. Das kann eine Aufgabenstellung im Bereich Simulation sein, aber auch die Mitarbeit an der Auslegung einer kundenspezifischen Konstruktionsvariante. Auch auf dem Weg nach oben sind Spezialisierungen unverzichtbar. Aber man meidet die, für die man vermutlich unbegabt ist und lässt diejenigen zu, mit denen man sich für eine begrenzte Zeit arrangieren kann.

Der Vorteil dabei: Man legt die fachlichen Details, was man tun darf und was nicht, weniger auf die Goldwaage. Fachlich erstklassige Arbeit ist absolut selbstverständlich, aber doch eher Mittel zum Zweck als Selbstzweck (mit der ausdrücklichen Einschränkung: gilt für kommerziell ausgerichtete Umfelder).

Kurzantwort:

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Wer sich zur Elite begibt, unterwirft sich deren Maßstäben. Wer bereits einmal an einer Eliteumgebung gescheitert ist, läuft Gefahr, dieses Ergebnis zu wiederholen.

Frage-Nr.: 2689
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-05-15

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