Themenwahl bei der Bachelorarbeit

Ich bin Ende 20, seit mehreren Jahren fest angestellter Planer im Umfeld der Fertigung und zusätzlich jetzt mitverantwortlich für eine neu aufgebaute Logistikabteilung bei einem mittelständischen Gerätehersteller (ca. 150 Mitarbeiter).Zunächst hatte ich eine Lehrausbildung zum Industriekaufmann in diesem Unternehmen abgeschlossen und bin außerdem Maschinenbau-Fernstudent vor Studienende. Nun stehe ich vor der Frage, welches Thema für meine Bachelorarbeit in Frage kommt.Die Kernkompetenz meines Unternehmens ist die Schweißtechnik, da bietet sich ein entsprechendes Thema an.Andererseits liegt der Schwerpunkt meines bisherigen Werdeganges im Planungsbereich in Fertigungsnähe, meine Zukunft sehe ich eher im Projektmanagement oder im bisherigen Tätigkeitsbereich.Wie sehr beeinflusst das Thema meiner Bachelorarbeit in meiner Situation meine zukünftige Karriere (auch im Hinblick auf einen eventuellen Arbeitgeberwechsel)? Ist es eher besser, ein Thema zu wählen, das meinen bisherigen Werdegang betrifft oder macht es Sinn, die Schweißtechnik zu wählen, um noch breiter aufgestellt zu sein?Ist nach Beendigung des Studiums der Weg in andere Arbeitsfelder/Branchen überhaupt möglich oder bin ich bereits auf Planung/Logistik festgelegt?

Antwort:

Ihre Fragen sind berechtigt – aber warum gibt es sie überhaupt in einer so einfachen Standardsituation (der Studienabschluss steht an)? Es liegt an Ihnen, Ihre Situation entspricht eben nicht dem Standard. Das ist kein Fehler Ihrerseits und kein Vorwurf von mir, aber Sie brauchen diese Erkenntnis, um die Ursache des „Problems“ zu finden: Der typische Bachelor hat keine umfassende praktische Berufserfahrung, er steigt in Kürze ausschließlich auf der Basis dessen, was er aus dem Studium mitbringt, ins eigentliche Berufsleben ein.Und da gilt: Seine Bewerbung soll eine Art „Brücke“ schlagen zwischen ihm und der angestrebten Einstiegsposition (die definiert ist nach Unternehmenstyp/-art, Tätigkeitsrichtung, Aufgabenschwerpunkten). Die Elemente dieser „Brücke“, die der Standard-Bewerber schlagen kann, sind z. B.- Studienfach und -schwerpunkte,- Praktika (der zur Zieleinstiegsposition passenden Art bei zum Zielunternehmen passenden Betrieben),- Bachelor-/Master-/Diplomarbeit.Je mehr dieser einzelnen Elemente zusammenpassen, desto stabiler wird die „Brücke“. Um das bei der Gelegenheit auch einmal zu sagen: Es gilt der Umkehrschluss! Da bauen manche Leute eine Brückenrampe nach Osten, setzen kilometerweit davon einen Pfeiler, der zu einer West-Brücke gepasst hätte und asphaltieren dann auch noch ein Stück Fahrbahn in Süd-Richtung. Das alles wirkt nicht so furchtbar durchdacht oder gar überzeugend.Man sehe das auch einmal aus der Sicht des Bewerbungsempfängers: Bewerber A hat bisher fünf verschiedene Richtungen ausprobiert und ruft nun, ohne den geringsten Beweis zu haben, die sechste Variante, die sei es ganz sicher. Demgegenüber setzt Bewerber B Element für Element zu einer Brücke zusammen, die trotz seiner Jugend schon recht gut „wie aus einem Guss“ wirkt. Warum soll der Entscheider den B nach Hause schicken und den A einstellen? A muss kein schlechter, kann sogar ein sehr wertvoller Mensch sein, aber B gestaltet seine Bewerbung einfach glaubwürdiger.Das bedeutet für Standard-Studenten: Versuchen Sie lieber, Elemente zu erarbeiten, die zusammenpassen, als „in die Breite“ zu gehen und unpassende Details wild miteinander zu kombinieren. Zwar schmückt gerade den Ingenieur jedes zusätzliche(!) „breite“ Fachdetail und keines davon schadet, aber – sagen wir es einmal so – ohne Tiefe ist Breite nicht halb so interessant (für die üblichen Standard-Einstiegspositionen).Sie, geehrter Einsender, haben jetzt die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten:1. Sie „wuchern“ mit dem „Pfund“ ihrer praktischen Erfahrung, bleiben fachlich auf dem eingeschlagenen Weg, streben nach Studienabschluss die konsequente Weiterführung Ihrer begonnenen Laufbahn an.Sie sollten allenfalls überlegen, nach Studienende ohne jeden zeitlichen Druck(!) den Arbeitgeber zu wechseln. Es kann nicht schaden, im vertrauten Mittelstandsumfeld zu bleiben, aber eine bis drei Stufen größer dürfte das neue Unternehmen schon sein. Die Leute beim heutigen Arbeitgeber kennen Sie noch als Lehrling im ersten Lehrjahr, da ist es schwer, eines Tages in einer Leitungsfunktion ernst genommen zu werden. Auch kann es nicht schaden, von einem wirtschaftstypischen Unternehmen geprägt zu werden und dessen Methoden in sich aufzunehmen. Dafür ist Ihres zu klein.Zu dieser Variante passt ein Bachelorarbeitsthema aus dem Bereich Ihrer heutigen und für die Zukunft angestrebten Tätigkeit am besten. Aber wegen der überragenden Bedeutung Ihrer für einen Jung-Bachelor ungewöhnlich fundierten Berufspraxis könnte auch ein artfremdes Thema Ihre Chancen nicht wirklich ruinieren.Dies wäre die solide, die sichere Variante. Sie sollten sie ernsthaft erwägen.2. Sie sind halt ein Spätentwickler, was die berufliche Ausrichtung angeht, da kann man nichts machen. Erst wird der Mann Industriekaufmann, dann studiert er „auf Ingenieur“. Zwischendrin übt er mehrere Jahre „zwischen diesen beiden Stühlen“ angesiedelte Funktionen aus.Nun aber sind Sie dann Ingenieur – frischgebackener Bachelor wie andere auch. In den letzten vier bis fünf Jahren waren Sie nicht Planer und Logistiker, der nebenbei studiert hat – nein, für Sie war das geradezu umgekehrt: Das Studium stand im Mittelpunkt, die Tätigkeit lief zum Zwecke der Existenzsicherung nebenher, das dürfen Sie durchaus so definieren (Sie haben sich immerhin erfolgreich bemüht, dabei in die Nähe Ihres neuen Zielfeldes „Technik“ zu kommen; wenn schon, denn schon). Aber nun sind Sie Bachelor-Berufsanfänger, fangen neu an, werfen das Vergangene hinter sich und streben nun dahin, wohin andere frischgebackene Einsteiger auch streben: z. B. in die Konstruktion oder in die Fertigung, ohne Berufserfahrung, zum Einsteigergehalt.Dabei, wenn Sie also nicht auf den Wert Ihrer bisherigen Berufspraxis pochen, könnten Sie auch den Typ (Konzern) oder die Branche (Kfz) des Zielunternehmens neu festlegen. Ihre bisherige „Praxis“ legt Sie nicht fest, weil es keine war, sondern nur eine Art studentischer studienbegleitender Nebentätigkeit. Und der Industriekaufmann? Schadet nicht direkt, hat immerhin dazu getaugt, das herauszufinden, was Sie nicht auf Dauer sein wollen: ein reiner Kaufmann.Und zu dieser zweiten Variante, die Sie „teurer“ zu stehen kommt, weil Sie einiges von dem „wegwerfen“, was Sie Jahre Ihres Lebens gekostet hat, gehört dann auch eine Bachelorarbeit, die zum neuen Ziel thematisch passt, etwa mit einem konstruktiven oder fertigungstechnischen Thema. Dessen Bedeutung steigt bei dieser Variante, weil ja die „Berufspraxis“ ganz entfällt.

Kurzantwort:

1. Das Thema der Diplom-/Bachelor-/Masterarbeit ist ein wichtiges Element jener Brücke, die ein Bewerber zwischen sich und dem beruflichen Einstiegsziel errichten soll.

2. Berufspraxis hat (fast) nur dann ihren Wert, wenn sie zur angestrebten Zielposition passt. Im Extremfall könnte „falsche“ Praxis sogar schlimmer sein als keine.
Frage-Nr.: 2643
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-09-19

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