Heiko Mell

Konzern, Promotion, Beratung?

Frage:

Ich beende demnächst mein Diplomstudium als Wirtschaftsingenieur mit einer sehr guten Note und habe daher auch verschiedenste Angebote bekommen, u. a. für Konzerndirekteinstiege, Industriepromotionen und Unternehmensberatungen. Daher könnte man mein Problem als „Luxusproblem“ bezeichnen, aber trotz dessen (?; H. Mell) muss eine Entscheidung gefällt werden.

Bei einem Konzern (wie z. B. einem Top-Sportwagenhersteller) sind natürlich vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten gegeben, jedoch ist das individuelle Aufgabenspektrum zu Beginn sehr begrenzt. Zudem schrecken mich langwierige interne Auswahl-(Assessment-)Prozesse für Führungspositionen mit entsprechender Konkurrenz ab. Allerdings kommt man vermutlich von einem Konzern am besten „weg“, falls man unzufrieden ist.

Für eine Industriepromotion (Angebot des Top-Konzerns XY AG liegt vor) spricht neben dem Titel natürlich auch die erste Berufserfahrung, die man dabei erwirbt. Aber der Promotionsvertrag ist natürlich befristet und die Übernahmechancen wären bestenfalls 50:50. Wie einfach ist es eigentlich, danach bei anderen Unternehmen einen entsprechend vergüteten Job zu bekommen? Oder stößt man wegen höherer Gehaltsforderungen gegenüber Absolventen ohne Dr. und einer in der Regel ja nicht direkt auf das Promotionsthema zugeschnittenen Stelle schnell auf Vorbehalte?

Bei einer kleinen Technologie-Unternehmensberatung hätte ich die Möglichkeit, in kurzer Zeit viele verschiedene Projekte zu bearbeiten. Doch kann man danach dann noch ohne Gehaltseinbußen in die Industrie wechseln? Schließlich hat man zwar Erfahrung, aber eben nur bei wechselnden Projekten, somit kann man „nichts richtig“.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung eine Einschätzung abgeben, wie bei den jeweiligen Alternativen die späteren Entwicklungsmöglichkeiten wären bzw. welche Option für wen die richtige ist?

Antwort:

Ich bin dankbar für diese Einsendung, kann ich doch daran typische Eigenschaften einer bestimmten Bewerbergruppe demonstrieren, hier der Einser-Kandidaten.

Ihre Aufbereitung der Sachinformationen, die Darstellung der Vor- und Nachteile ist nahezu perfekt. Das unterstreicht die Aussage „Einser-Kandidaten scheitern auch in der Praxis so gut wie nie an fachlichen Problemen“. Sie können problemlos sogar mit fachfremden Aufgaben betraut werden – sie wühlen sich auch dort zum Kern der Sache durch, fassen schnell auf, analysieren treffsicher und bringen so gut wie immer ein vorzeigbares Ergebnis zustande.

Das wird hier unterstrichen durch die vorbildlich gelöste – fiktive – Aufgabe: „Stelle zusammen, welche Möglichkeiten ein solcher Kandidat hat und wo die Vor- und Nachteile der einzelnen Varianten liegen.“Das entspricht in etwa den im Studium gestellten Aufgaben (Klausuren, Studien- und Diplomarbeit). Wer das so vorzeigbar schafft, bekommt seine 1 (es geht mir ums Prinzip, nicht um den Vergleich dieser Einsendung mit einer wissenschaftlichen Ausarbeitung).

Dann kommt die nächste Stufe, die Entscheidung. Sie setzt, nach Heiko Mell, einen mehr oder weniger großen Rest von Dummheit beim Entscheider voraus – sehr kluge Menschen würden sich überhaupt nie entscheiden. Weil eine Entscheidung nicht etwa nur die Festlegung auf diejenige von mehreren Handlungsalternativen ist, für die besonders gewichtige Argumente sprechen. Das könnte jeder Dummkopf oder Computer auch. Nein, eine Entscheidung wird dann fällig, wenn ziemlich genau so viele Argumente für wie gegen eine Alternative sprechen oder für bzw. gegen mehrere davon.Dann werden plötzlich gefragt: der Mut, etwas eigentlich Unverantwortliches zu tun, weil es getan werden muss; die Bereitschaft, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, ohne Begründungen dafür liefern zu können; die Lust, bewusst auch Unkonventionelles zu tun; der spielerische Effekt, auch Risiken einzugehen, die „eigentlich unvernünftig“ sind; das Einbeziehen von Regeln aus der Praxis, wo die Dinge nun einmal so sind wie sie sind – und die Berücksichtigung des typischen Verhaltens von hier tangierten Menschen, die häufig völlig jenseits von Rationalität und Logik handeln.

Dies alles nun ist, vorsichtig gesagt, weniger die Stärke von Einser-Kandidaten. Die stets alles „richtig“ machen wollen. Was in Schule und Uni ausgereicht hat. Im „Leben danach“ reicht das nicht nur nicht mehr, sondern diese einfachen Kategorien „richtig“ oder „falsch“ sind gar nicht mehr existent. Dafür gibt es die neuen Anforderungs-Kategorien „strategisch durchdacht“, „taktisch klug“, „clever/raffiniert“, „frech“, „risikofreudig“, „auf die Schwäche der Mitmenschen zielend“, „Erfolg habend“ oder auch „glückhaft operierend“. Vielleicht gilt sogar noch „der Mensch reift an seinen Niederlagen“.

Gehen wir nun auf die von unserem Einsender richtig dargestellten Optionen ein:

1. Einstieg im Konzern:Wer bei der XY AG beginnt, ist erst einmal bei der XY AG beschäftigt. Das allein ist schon etwas – man sammelt quasi „Credit Points“ für das weitere Berufsleben. Fünf Jahre später, so das notwendig werden sollte, öffnet der Name dieses Arbeitgebers draußen viele Tore. Interne Aufstiegschancen gibt es zahlreiche, Ausreden für langfristig ausbleibende Beförderungen gibt es daher eher nicht.Das „individuelle Aufgabenspektrum“? Wen interessiert das denn? Sie gestalten im Anfang ohnehin weder die Konzernpolitik, noch die neue Baureihe, die dem 911er nachfolgen soll (als Beispiel). Alles geht ein bisschen gemächlich, ein bisschen nach Dienstweg und niemand wird je in seiner Einstiegsposition pensioniert. Man lernt erst einmal, „wie das hier so läuft“, ist ein kleines Licht in großen Projekten, hat den Marschallstab im Tornister – und ist bei der XY AG: Den Kommilitonen läuft eine Gänsehaut den Rücken hinunter, wenn sie das hören. Und der Schwiegervater überlegt schon, wie er die Geschichte am Stammtisch erzählt.Was Sie in jenem Konzern machen werden? Was macht ein Papst – sein muss man einer, darum geht es (notfalls tut es auch ein Erzbischof).

Achtung: Der Vorstandsvorsitz des Hauses steht grundsätzlich jedem offen. Aber der Inhaber dieser Position hat nicht das beste Super-Examen aller akademischen Mitarbeiter, hat nicht stets die wissenschaftlich anspruchsvollsten Aufgaben gelöst und ist nicht zwangsläufig der „guteste Gutmensch“, den man sich denken kann. Für die Ebenen unter ihm gilt das entsprechend abgestuft. Ach und noch etwas: Würde man den jeweiligen Vorstandsvorsitzer fragen „a) wie wichtig war die Einstiegsaufgabe in der beruflichen Praxis für das Erreichen der heutigen Position und b) haben Sie sich nicht auch an den langwierigen internen Auswahlprozessen für Führungspositionen mit der entsprechenden Konkurrenz gestört?“, dann haben Sie die seltene Chance, solch einen Mann einmal lachen zu sehen. Siegertypen fürchten nichts, weder vorübergehend langweilige Arbeit, noch Wettbewerber (die dazu da sind, besiegt zu werden).Ich weiß, dass meine Argumentation Erwiderungen denkbar macht wie: „Ich will doch gar nicht Vorstandsvorsitzender werden, Abteilungsleiter in der Entwicklung würde mir völlig reichen.“ Das wäre, mit Verlaub gesagt, nicht relevant. Wer in bestimmten Strukturen arbeiten will, muss das Prinzip akzeptieren, nach dem sie funktionieren („An ihren Extremen sollt ihr sie erkennen“). Auch der Top-Manager war in der Regel einmal Abteilungsleiter.

Und fürchten Sie sich nicht vor den Auswahlmethoden für künftige Führungskräfte. Solche „Methoden“ gibt es immer, ob es nun die Einschätzung durch einen einzigen Chef ist oder das verobjektivierte Urteil einer systematisierten Auswahl. Überall kann nur etwas werden, „wer unseren Ansprüchen genügt“ – mal sind es diese, mal jene. Vertrauen Sie einfach darauf, dass die „Methoden“ tatsächlich Menschen bevorzugen, die den Anforderungen entsprechen. Befördert wird anspruchsbezogen, nie nach Gerechtigkeitsüberlegungen. Und: Der Berufseinstieg hier ist kaum je pauschal „falsch“.

2. Industriepromotion: Schauen Sie einmal in die Stellenanzeigen, wie viele promovierte Wirtschaftsingenieure gesucht werden (fast keine). Also müssten Sie es tun, nur weil Sie sich dann besser fühlen (das kann ein Argument sein). Wenn es in jenem Unternehmen tatsächlich nur eine geringe Chance auf spätere Übernahme gibt, sollten Sie bei den Übernommenen sein, sonst haben Sie leicht das Image „Gewogen und zu leicht befunden“. Man muss dann schon eine sehr gute „Ausrede“ haben, warum man nicht übernommen wurde, um für andere Arbeitgeber uneingeschränkt interessant zu sein.

Achtung, Sie entwickeln eine Art Fixierung auf die Gehaltsfrage, diese taucht später noch einmal auf.Nach Promotionsabschluss wären Sie in externen Augen ein promovierter Dipl.-Ingenieur, der traditionell von Bewerbungsempfängern etwas höher eingestuft wird als ein nichtpromovierter. Ob man Ihnen dabei zusätzlich noch die Promotionszeit als volle Berufserfahrung anerkennen würde, ist offen. Dem stünde ja dann attraktivitätsmindernd die Nichtübernahme durch den renommierten Konzern gegenüber.Und der am Uni-Institut promovierte Ingenieur hat ja in seinen Jahren dort auch etwas getan, hat Erfahrungen gesammelt. Diese sind in dem typischen Einsteigergehalt für promovierte Anfänger bereits „eingepreist“. Der Sinn einer Industriepromotion ist vorrangig die Promotion, so wie eine Haustür mehr Tür ist als Haus.Wenn Sie so aufs Geld fixiert sind, wählen Sie – gerade als Wirtschaftsingenieur – lieber den Konzerneinstieg gemäß 1. Dann haben Sie zum Zeitpunkt, an dem der „Industriedoktor“ gerade die Promotion abschließt und um seine Übernahme bangt, mehrere Jahre „richtiger“, unangreifbarer Berufspraxis, die in- oder extern mit Sicherheit „gut verkaufbar“ ist.

Übrigens sagt man besser „Doktorgrad“ als „-titel“. Auch klingt „Ich wollte diesen Grad erwerben“ vornehmer als „Ich wollte unbedingt diesen Titel“.3. Beratung:Hier taucht schon wieder das Geld auf, gerade als Berufsanfänger sollten zuerst andere Aspekte eine Rolle spielen. Verdient wird später: Geschäftsführer klagen eher selten.

Die Tätigkeit in einer Beratung, so sie zwei bis drei Jahre nicht überschreitet, gilt oft als eine Art externes Traineeprogramm. Man sieht sehr viel und lernt entsprechend, keine Frage.Neben der fachlichen Qualifikation sind auch Auftreten, die Fähigkeit, „sich selbst zu verkaufen“ und Präsentationsstärke gefragt. Oft ist es ein sehr anstrengender Job, schon wegen der hohen (bis zu 100%) Reise- und Übernachtungsquote und vieler „Überstunden“. Das wird gut bezahlt, sonst täte es ja so mancher nicht. Dieser Anteil einer „Erschwerniszulage“ fällt beim späteren Wechsel in die „stationäre“ Industrie eigentlich weg, er ist nicht immer hinüberzuretten.

Vielen erfolgreichen, talentierten Beratern gelingt anschließend der Absprung in tolle Industriepositionen, anderen nicht (Vorzeigebeispiele sind nicht immer repräsentativ, lassen Sie sich nicht blenden).Wer lange oder immer dabeibleibt, braucht irgendwann Akquisitionspotenzial, sprich verkäuferische Fähigkeiten (er verantwortet dann die Auftragsbeschaffung, während die Durchführung der Beratungsprojekte rangniedere Manager oder neue Einsteiger übernehmen). Viele namhafte Großberatungen sind knallhart: Wer nicht alle paar Jahre intern befördert wird, muss gehen. Dann war er nicht gut genug.

So, geehrter Einsender, nun entscheiden Sie – gerade auch nach Bauchgefühl. Ob es richtig war, erfahren Sie nie. Zwar sehen Sie, was in zwanzig Jahren aus Ihnen geworden ist. Aber Sie sehen nicht, was auf einem alternativen Weg aus Ihnen geworden wäre. Auch der Weg ehemaliger Kommilitonen oder späterer Kollegen beweist nichts – das sind andere Persönlichkeiten, die z. T. bei gleichen Chancen ganz andere Ergebnisse erzielen. Denn später entscheidet die Persönlichkeit maßgeblich über den Karriereerfolg, der Wert des sehr guten Examens sinkt.

 

Kurzantwort:

1. Der Einstieg in einen Top-Konzern ist solide, bietet diverse Chancen, hat viele Vorteile, verlangt aber am Anfang Anpassung, die Bereitschaft zum Denken und Handeln in Regelgerüsten und die Fähigkeit, erst einmal im Team aufzugehen. Er ist weniger etwas für sendungsbewusste Individualisten.

2. Die Promotion ist nur für einige Laufbahnen zwingend erforderlich, generell „rechnet“ sie sich nur sehr bedingt. Am ausgewogensten ist die Entscheidung dafür, wenn es dem Betroffenen etwas bedeutet, „Dr.“ zu sein.

3. Unternehmensberatungen stellen hohe Anforderungen (auch an die Fähigkeit zur Selbstdarstellung), bieten ein besonderes Image, zahlen gut für besondere Belastungen, aber können nicht garantieren, dass der in der Regel später erforderliche Wechsel in die „stationäre Industrie“ auch reibungslos gelingt.

 

Frage-Nr.: 2632
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-06-13

Von Heiko Mell

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