Heiko Mell

I’d like to be an expat, but …

Frage: Ich schreibe gerade meine Abschlussarbeit (Bachelor) in der Zulieferindustrie. Durch meine während des Studiums absolvierte Berufsausbildung und diverse Stationen im Ausland (Europa/Asien) ist für mich klar, dass ich Deutschland vorerst mit dem Abschluss B. Eng. verlassen möchte.
Da mein Studienabschluss bald ansteht, frage ich mich: „Was ist der richtige Weg?“ Sollte ich den Einstieg bei einem deutschen Konzern suchen, der mir eine schnelle Versetzung (weniger als ein Jahr) versprechen kann – Stichwort Expatriate? Sind Bewerbungen auf diese Stellen überhaupt gern gesehen oder verfügen die Unternehmen über ausreichend viele interne Mitarbeiter? Ich habe solche Stellenausschreibung konkret noch nicht gesehen. Oder sind die Chancen besser, wenn ich mich direkt bei den Tochtergesellschaften/Werken/Zweigstellen im Ausland bewerbe? Dann würden jedoch die üppigen Expat-Zuschüsse und die Möglichkeit der Beschäftigung bei der Wiederkehr fehlen.

Antwort:

Es ist nicht gut, wenn der Schwanz versucht, mit dem Elefanten zu wedeln. Besser ist es, er beschäftigt sich mit den Ansprüchen und dem Willen des Elefanten und stimmt seine Pläne darauf ab:
Ein Konzern ist nicht dazu geschaffen worden, die Wünsche eines einzelnen Mitarbeiters oder – noch schlimmer – eines Bewerbers zu befriedigen, der noch nicht einmal Mitarbeiter ist. Eher darf der Bewerber darum ersuchen, neben den vorhandenen 50.000 oder 100.000 Beschäftigen bitte der 100.001. sein zu dürfen – im dort üblichen Rahmen.

Der Konzern nun hat diverse Auslandsaktivitäten – aber kein Interesse an Ihnen, der Sie die Bedingung stellen, innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens an einen bestimmten Ort geschickt zu werden („Ausland“ ist in dem Sinne auch ein Ort). Wenn er jemand in seine Auslandsorganisation schicken will, damit der dort Know-how hinträgt, dann einen Experten, keinen Anfänger mit 6 Monaten Praxis.Und dann liegt ein Teil der Lösung in Ihrem letzten Satz: Die „üppigen“ Expat-Zuschüsse kosten Geld und die Rückkehrgarantie-Inhaber brauchen später Jobs, die es in dieser Fülle nicht mehr gibt. Sie sehen solche Anzeigen nicht, weil solche Stellen (Expat nach max. einem Jahr) nicht vorhanden sind.

Wenn Sie unbedingt sofort ins Ausland wollen, haben Sie die größte Chance, wenn Sie sich dort im Lande direkt bewerben – zu landesüblichen Konditionen. Und wenn Sie eines Tages zurückkehren wollen, schreiben Sie Bewerbungen aus Rio oder Wladiwostok.

Ihr Fehler liegt darin, dass Sie etwas wollen, was das System überfordert: Sie sollen den Job in den Vordergrund stellen, nicht den Ort, wo er stattfindet. Sie wollen vorrangig „amused“ werden – der Konzern sucht Angestellte, die gegen Geld die Aufgaben lösen, die er gerade hat, wo immer das ist. Das passt nicht zusammen.

Und wo ich gerade dabei bin: Anpassungsbereitschaft in mannigfaltiger Form ist eine sehr wichtige Eigenschaft des beruflich erfolgreichen Angestellten.

Kurzantwort:

Wer unbedingt nach Hamburg, Wiesweiler-West oder ins Ausland will, stellt einen Ortswunsch an die Spitze seiner beruflichen Prioritätenliste. Der Job kommt dann unter „ferner liefen“. Das führt leicht zu Reibungsverlusten mit dem System.

Frage-Nr.: 2612
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-03-08

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