Heiko Mell

Taube, Spatz, Moral, Geld

Frage: In Ihrer Antwort auf eine frühere Frage (Nr. 2055; Wie werde ich den Spatz los, wenn die Taube winkt?) sprechen Sie sich dagegen aus, sich zuerst im Rahmen eines Berufsakademie (BA-)Studiums von einem mittelständischen Unternehmen das Studium bezahlen zu lassen und dann in einen Konzern zu wechseln.
Demnächst werde ich ein duales Studium zum Dipl.-Maschinenbauingenieur (FH) und Facharbeiter abschließen. Vom Chef meines Ausbildungsunternehmens wird mir ein Arbeitsvertrag mit einem Gehalt angeboten, das um 6.000,- €/Jahr unter dem Durchschnittseinstiegsgehalt lt. ingenieurkarriere.de bei einer 42-Stunden-Woche liegt.
Sollte ich den Vertrag Ihrer Meinung nach trotzdem annehmen oder sehen Sie es als gerechtfertigt an, sich bei einem anderen Unternehmen zu bewerben?

Antwort:

Wenn man älter wird – wie ich – gewinnen Erfahrungswerte an Bedeutung. Vielleicht auch nur, weil man so viele davon gesammelt hat.

Beispiel 1: Man kann sich nur äußerst selten auf die Arbeit anderer verlassen. Weil das so ist, gibt es so viele kritische Vorgesetzte, die letztlich nur dem trauen, was sie selbst kontrolliert haben. Wofür man ihnen eine gewisse Berechtigung nicht absprechen kann.Das Problem dabei: Sie kontrollieren in 20 Fällen vergeblich, ersparen sich dann aber im 21. Fall eine Niederlage, Blamage oder sogar eine mittlere Katastrophe. Die betroffenen Mitarbeiter nun haken das 21. Mal als unbedeutend ab und regen sich über zwanzigfaches scheinbar unbegründetes Misstrauen auf. Ich kenne das.

Nach so viel Vorrede: Ja, die zitierte frühere Frage (6 Jahre alt!) zu diesem Thema gab es, ich habe mich dort auch in ziemlich scharfer Form gegen das Vorhaben des BA-Studenten gewandt, der seinen studienfördernden Arbeitgeber verlassen wollte. ABER: Jener Einsender hatte nach dem Studium bereits einen Arbeitsvertrag über eine Position als Ingenieur unterschrieben, wollte den jedoch irgendwie wieder loswerden und lieber anderswo hingehen. Das war eine ganz andere Situation!

Beispiel 2: Erwartungen werden leider oft enttäuscht. Da hat dieses mittelständische Unternehmen viele Kosten und Mühen aufgewandt, um das Studium dieses jungen Hoffnungsträgers zu fördern oder überhaupt erst möglich zu machen. Daraufhin erwartet es – menschlich verständlich – nun auch ein bisschen Entgegenkommen seitens des so Geförderten. Die gegenüber dem Durchschnittseinkommen „gesparten“ 6.000,-€/Jahr sind nur ein geringer Teil dessen, was die Förderung dieses Kandidaten gekostet hat. Aber was tut dieser? Er nutzt die vom Unternehmen erst möglich gemachte neue Qualifikation, um bundesweit zu schauen, wer am meisten dafür bietet. Dankbarkeit ist das jedenfalls nicht.

Eigentlich ist es – siehe mein einleitender Hinweis in Sachen Erfahrungen – sogar noch schlimmer: Wenn Sie als Unternehmen einen Mitarbeiter fördern, z. B. indem Sie ihn ausbilden oder speziell schulen (z. B. auch ein nebenberufliches Zweitstudium fördern), müssen Sie doppelt dafür zahlen: einmal für die Förderung, am Ende müssen Sie dann auch noch das höchste aller Gehälter am Markt gewähren, sonst ist der Geförderte weg.

Ich beklage das nicht, ich warne nur Gutgläubige: Das Leben ist so, individuelle Vorteilsmaximierung ist ein hohes Gut, wenn schon nicht für alle, dann doch für sehr viele (für Unternehmen übrigens auch).Konkret zur Frage: Sie haben, so verstehe ich Ihre Zuschrift, bisher keine über das Studienende hinausgehende vertragliche Verpflichtung gegenüber Ihrem Ausbildungs-Begleitunternehmen (vielleicht gibt es einen besseren Fachbegriff dafür, aber auch so dürfte jeder verstehen, was gemeint ist). Dann ergeben sich folgende Überlegungen für Sie:

a) juristische Betrachtung: kein Vertrag, keine Bindung, aber auch keine Verpflichtung, dort einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben; das Unternehmen hat auf eigenes Risiko in Sie investiert – wenn Sie jetzt nicht wie erhofft handeln, hat die Firma Pech gehabt;

b) moralische Betrachtung: eine juristische Verpflichtung ist nicht alles, es gibt höhere Werte; Sie wollen jederzeit uneingeschränkt stolz auf sich sein, wollen vielleicht eines Tages anderen Menschen kluge Ratschläge geben oder gar über sie richten; es ist eine Frage des Prinzips und/oder des eigenen Anspruchs an sich selbst; dazu passt es nicht, die – berechtigten – Erwartungen Ihres Unternehmens mit Füßen zu treten.

Es ist absolut möglich, dass Ihnen jetzt oder später fremde Bewerbungsempfänger, die Ihr Ausbildungs-Begleitunternehmen noch nicht einmal kennen, unbequeme Fragen im Vorstellungsgespräch stellen („Warum haben Sie nach Studienende nicht bei dem Unternehmen angefangen, das Sie die ganze Zeit über gefördert hatte?“) – man fragt sich vielleicht, wie Sie eines Tages Erwartungen auch dort enttäuschen; Sie übernehmen übrigens immer auch ein bisschen Mitverantwortung für nachfolgende Generationen: Sollte sich das Unternehmen von Ihnen (und anderen) zu sehr enttäuscht fühlen, stellt es vielleicht die Förderung für neue Studenten ein.c) Eigentlich ist die Frage falsch oder zum falschen Zeitpunkt gestellt: Wenn ich bei Aufnahme des Studiums akzeptiere, dass mich ein bestimmtes Unternehmen in dieser Phase aktiv fördert, dann frage ich mich auch, warum es Geld in meine Ausbildung zum Akademiker steckt.

Bei der Antwort wähle ich zwischen drei Möglichkeiten:

1. Es geht allein um die selbstlose Unterstützung für mich, die Leute dort wollen mir helfen;

2. Im Mittelpunkt steht die Unterstützung der Volkswirtschaft dieses Landes; man scheut weder Aufwand noch Mühen, um dem Vaterland eines Tages einen weiteren jungen Akademiker zur Verfügung zu stellen;

3. Im kapitalistischen System wird ein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes Unternehmen diese Förderung aus Eigeninteresse vornehmen – um also anschließend einen (hoffentlich) gut ausgebildeten, mit dem Unternehmen vertrauten Jungakademiker als neuen Mitarbeiter zu haben. Wenn ich vorher weiß, dass dieses Unternehmen nicht mein späterer beruflicher Partner sein wird, dann nehme ich dessen Förderung gar nicht erst an.

d) Wenn Ihnen das Unternehmen nur eine drittklassige Position ohne Perspektiven anbietet, wenn seine Zukunft höchst unsicher ist oder wenn es Sie während des Studiums schlecht behandelt hat, steht es Ihnen unbedingt frei, sich anderweitig zu orientieren. Aber wenn das Startgehalt alleiniger Maßstab wird, dann ist es beinahe schäbig, der Firma den Rücken zuzuwenden. Gerade auf dem Gebiet hat sie, so finde ich, etwas Entgegenkommen verdient.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2584
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-10-10

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