Heiko Mell

Work-Life-B., 100k €/Jahr, Management u. a. m.

Frage: Ich habe nach einer längeren Orientierungsphase (ich bin Anfang 30) mein Maschinenbaustudium an einer der drei bekanntesten Universitäten überdurchschnittlich abgeschlossen.
Nach einem gut durchgeführten Bewerbungsprozess (auch ich finde, dass nichts über Eigenlob geht; da weiß man doch, dass es ehrlich gemeint war; H. Mell) bieten sich für mich zwei grundlegende Möglichkeiten:
1. Einstieg in eine aufstrebende „State of the Art“-technische Beratungsfirma in dem „Emerging Market“ der technischen Beratung;
2. Der klassische Ingenieurberuf bei einem weltbekannten mittelständischen Unternehmen oder einem Großkonzern.Ich möchte mir auf jeden Fall die Möglichkeit offen halten, einen berufsbegleitenden international akkreditierten MBA in fünf bis acht Jahren zu machen und ins Management zu wechseln. Zur näheren Erläuterung meiner Situation habe ich drei PowerPoint-Folien erstellt (siehe Anhang).
a) Welche der beiden Karriereoptionen eignet sich besser für eine Managementkarriere, sind die Unterschiede gravierend?
b) Das Opfer an Work-Life-Balance, welches ich in der technischen Beratung erbringen muss, soll sich nach dem MBA in zehn Jahren in einem doppelt so hohen Gehalt (im Vergleich zur klassischen Ingenieurkarriere ohne MBA) von mehr als 100k € im Jahr wiederspiegeln, ist dieses Ziel realistisch? (Gehälter in dieser Größenordnung zahlt man grundsätzlich nur an Leute, die „widerspiegeln“ von „wiederkehren“ unterscheiden können; H. Mell).
c) Welche Gehaltsziele oder Jobpositionen sollte man sich für die nächsten zehn Jahre für die drei Karriereperspektiven setzen? (Gehaltsziele können Sie sich setzen, Jobpositionen aus verschiedenen Gründen nicht. Richtig wäre: Welche Ziele für die Gehalts- oder Positionsentwicklung sollte ….“; H. Mell).

Antwort:

In Frage a sind es noch zwei Karriereoptionen, in c bereits drei Karriereperspektiven. Denken Sie auch einmal an die armen anderen Leser, die uns ja irgendwie folgen möchten. Einigen wir uns auf zwei verschiedene Möglichkeiten (Beratung oder „stationäres“ Unternehmen), von denen die zweite wiederum in zwei Teilbereiche (Mittelstand oder Konzern) zerfällt. Dann haben wir das erledigt.Dann würde ich gern den MBA dort herauslösen. Zunächst einmal können Sie keinen „berufsbegleitenden MBA“ machen. Denn der MBA ist nicht berufsbegleitend, das Erwerben allein kann es sein. Aber das ist nur eine Kleinigkeit. Wichtiger ist:Die Persönlichkeit macht die Karriere. Die Fachqualifikation allein macht sie nicht, sie ist lediglich eine selbstverständliche Voraussetzung (und auch das nur im Normalfall, es geht auch ganz ohne, wie die Praxis zeigt).

Der MBA allein bewirkt gar nichts. Wir haben Tausende von Geschäftsführern oder Vorständen im Lande, die keinen MBA-Abschluss oder eine ähnliche Qualifikation vorzuweisen haben. Und es gibt ganz sicher auch MBA-Absolventen mit eher bescheidener Laufbahn. Wie es übrigens auch Studienabsolventen mit Einser-Examen und einer eher bescheidenen Laufbahn gibt (dies als Warnung). Ihre „längere Orientierungsphase“ gibt durchaus zu Bedenken Anlass. Diese Bedenken mögen bei der immer wieder kolportierten derzeitigen Knappheit an Ingenieuren heute etwas untergehen – sie könnten aber beim nächsten Arbeitgeberwechsel in der nächsten Krise wieder hochkommen. Vor allem, wenn noch irgendetwas in Ihrem Werdegang „passieren“ sollte in den nächsten Jahren (womit ich stets rechnen würde).

Schaden kann der MBA niemals, aber er ist weder unverzichtbare Voraussetzung noch Garantie für eine Karriere und/oder für ein hohes Einkommen. Er hilft Ihnen, Ihren dann aktuellen Job besser zu machen, aber er ist kein Ereignis im Sinne „von nun an geht´s bergauf“.

Schade, dass wir nicht wenigstens die schönste Ihrer Folien zeigen können. Da geht es um die optische Darstellung Ihrer zwei großen Varianten, um Gehaltserwartungen in zehn Jahren, um „Gehalt pro Arbeitsaufwand in h“ etc.Das ist alles ganz schön – aber so läuft „das Leben“ nicht, so detailliert berechenbar ist es schon einmal überhaupt nicht. Da werden fördernde Chefs entlassen und deren Nachfolger mögen Sie nicht, da gehen Firmen in die Insolvenz, von denen man das nie gedacht hätte, da verbinden sich junge Hoffnungsträger mit Lebenspartnern und -partnerinnen, die ihnen eine völlig neue Welt nahebringen und einen kompletten Bewusstseinswandel erzwingen. Oder es verschläft Ihr Arbeitgeber eine technische Entwicklung und zwingt Sie im ungünstigsten aller Momente zum Gang auf den Arbeitsmarkt. Oder Sie gewinnen im Lotto oder erkranken schwer. Das alles passt nicht zu PowerPoint-Diagrammen mit der Aussage, was Sie a) mit und b) ohne MBA in zehn Jahren zu verdienen gedenken.

Außerdem steckt ein Denkfehler in Ihrem Konzept: Sie planen Wege und „Abfallprodukte“ positiver Laufbahnentwicklungen wie Gehälter und wöchentliche Arbeitszeiten. Das System funktioniert anders: Man plant Ziele, die Wege dorthin sind dann bloß Wege, Mittel zum Zweck, nicht mehr. Im kapitalistischen System ist „viel Geld“ verdienen zu wollen (oder gar in x Jahren die Summe y) zwar erlaubt, aber für Leute mit „überdurchschnittlichem Uni-Abschluss“ nicht angemessen. Man plant beispielsweise, wenn man vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, eines schönen Tages Technischer Leiter eines größeren Mittelständlers zu werden. Der verdient dann so 120.000 bis vielleicht 180.000 EUR – auf dem Weg dorthin erreicht man quasi als Zugabe solche Summen. Wenn man in seinen Planungen so weit gekommen ist, beschäftigt man sich unbedingt mit den Regeln des „Spiels“.

Und die wichtigsten davon lauten für diesen Fall:

– arbeiten Sie vor Erreichen des Ziels in gleich großen, besser noch in etwas größeren Unternehmen derjenigen Branche, um die es Ihnen geht (Zielsetzung) und wählen Sie auch den Unternehmenstyp im Zweifelsfall dem Ziel entsprechend (wobei Sie am Anfang noch Korrekturmöglichkeiten haben); vermeiden Sie deutlich kleinere Arbeitgeber als das Zielunternehmen;

– wechseln Sie den Arbeitgeber nicht öfter als etwa alle fünf Jahre und denken Sie bei deutlich mehr als zehn Jahren pro Arbeitgeber zumindest über einen Wechsel nach;

– steigen Sie von Anfang an in eine Laufbahn ein, die durchgängig zur Zielposition passt (im Beispielfall Technischer Leiter: Entwicklungsingenieur ja, technischer Einkäufer eher nein);

– sehen Sie zu, dass Sie so etwa alle fünf Jahre befördert werden, fangen Sie damit nicht erst sehr viel später an;

– verlieren Sie nicht den fachlichen und hierarchischen „roten Faden“ Ihres sich allmählich entwickelnden Werdeganges; Sie müssen stets für den Arbeitsmarkt (nach seinen Gesetzen!) attraktiv sein;

– informieren Sie sich alle drei bis sechs Monate ausführlich über ausgeschriebene Stellen Ihres Metiers; Sie sehen dann, was gefragt ist und haben die Chance, Ihre Entwicklung so zu steuern, dass Sie auf dem Markt begehrt bleiben; bei der Gelegenheit könnten Sie gleich einmal schauen, in wie vielen Anzeigen für Ihre Zielpositionen eine bestimmte Zusatzausbildung zwingend gefordert wird (MBA);

– überarbeiten Sie Ihre Ziel- und damit die daraus folgende Wegplanung in gewissen Abständen; Sie und Ihre Wünsche ändern sich, das Umfeld ändert sich, die technologische Entwicklung schafft alte Tätigkeiten und ganze Branchen ab und dafür neue;

– auf Ihrem Weg brauchen Sie praktisch ständig Chefs, die Sie für einen guten Mitarbeiter halten, die Sie (be)fördern, Ihnen gute Zeugnisse ausstellen.Und dann – das steht nicht in den Regeln, ergibt sich aber aus der Lebenserfahrung vieler Erfolgreicher – müssen Sie nicht nur Ihr Ziel mit Leidenschaft wollen, Sie müssen auch Ihren von diesem Ziel abhängigen Weg jeden Tag „mit heißem Herzen“ gehen. Denn große Ziele erreicht letztlich nur, wer sich überdurchschnittlich engagiert, sich immer wieder einsetzt, Ideen mitbringt und mit besonderer Zuverlässigkeit überdurchschnittlich gute Arbeit (nach den Maßstäben der Chefs) „macht“.

Und Ihre Kernfrage (Karriere beim „stationären“ Industrieunternehmen oder bei der Beratung), die löst man weniger mit dem Verstand, also im Kopf, sondern mehr mit dem Gefühl, also im Bauch. Keine der Varianten ist besser oder schlechter als die jeweilige Alternative, sondern anders. Fast immer passt eine Richtung besser zur eigenen Persönlichkeit.

Lassen Sie mich aus Ihren Aufstellungen und Diagrammen zwei Aspekte herausgreifen:Sie listen unter „pro Beratungskarriere“ u. a. auf: „Job-/Gehalts-Perspektiven unbegrenzt“. Ja, es gibt Industrievorstände, die vorher Berater waren. Aber es gibt auch viele – gute – Berater, die schaffen den späteren Sprung in die andere Karriere nicht oder nicht wunschgemäß. Und es gibt durchaus Berater, die haben zwar den Sprung geschafft, sind dann aber in der unvertrauten, anderen Welt krachend gescheitert. So viel zu den „unbegrenzten Job-Perspektiven“. Und mehr als Vorstandsvorsitzender kann weder der Junior-Berater noch der Entwicklungsingenieur werden.

Nun zu den Chancen in Sachen Gehalt: Richtig, meist verdient der Berater bei überdurchschnittlichem Einsatz sehr viel. Aber nehmen wir einmal die drei klassischen Entwicklungsstufen in dem Metier. „Consultant“ (mit Unterstufen vom Junior bis zum Senior und Projektleiter), „Manager“, „Partner“. Der Consultant berät, erarbeitet bei vorliegenden Aufträgen fachliche Lösungen, die er geschickt und überzeugend beim Kunden präsentiert. Aber schon der Manager, ganz gewiss aber der Partner (der mit den unbegrenzten Gehaltsperspektiven) berät kaum noch, dafür hat er „Leute“. Sein Job ist die Akquisition neuer Aufträge, das Knüpfen und Nutzen von Kontakten mit dem Ziel „Abschluss von Beratungsverträgen“. Er ist für einige Teams von Mitarbeitern verantwortlich, die er auslasten muss – mit Aufträgen, damit Beratungsstunden abgerechnet werden können (um die es hier ebenso geht wie beim Pkw-Hersteller um verkaufte Autos).

Auch haben diverse Berater in meiner Beratung gesessen und sich beklagt: Im Anfang sei das alles faszinierend. Aber nach kurzer Zeit (ein bis drei Jahre) wiederhole sich alles: rein in ein neues Unternehmen, Situation analysieren, Lösungen im Sinne der auftraggebenden Unternehmensleitung erarbeiten (wird auch Routine!), sich und die Lösungen eindrucksvoll präsentieren, Bericht abliefern – und raus. Nie sehe man etwas sich entwickeln, man könne den Weg der betroffenen Menschen nicht verfolgen, den Wert der eigenen Ideen nicht langfristig analysieren. Das ist nicht zwangsläufig überall so, das empfinden auch nicht alle so – aber wer das so sieht, dürfte in der falsch gewählten Laufbahn stecken!

Oder nehmen wir eines Ihrer Argumente „pro klassischer Industriekarriere“. Da schreiben Sie z. B. (als erstes, instinktiv also als wichtigstes Argument gesehen): „geregelte Arbeitszeit, ca. 40 h/W“.Das kann man so pauschal nicht sagen. Vom Betriebsleiter, der jeden Samstag in die Firma fährt und ein wachsames Auge auf die laufende Produktion hat, bis zum jungen Anfänger, von dem täglich eine bis drei Überstunden und bei dramatischen Projektverläufen auch sehr viel mehr erwartet werden, ist nahezu alles möglich. Die Formel „Berater machen Überstunden, Karriereinteressenten im klassischen Industriebereich nicht“ ist nicht haltbar.

Generell gilt für jede Art von Karriere: Man sieht und will den Job und dessen positive weitere Entwicklung und nimmt letztlich schulterzuckend in Kauf, was da an Belastungen alles so dranhängt. Oder können Sie sich beispielsweise einen Bundeskanzlerkandidaten vorstellen, der kurz vor Ablegen des Amtseids fragt: „Wie viele Stunden pro Woche werden denn da von mir erwartet?“

Und bevor ich das vergesse: Bei besonders anspruchsvollen Positionen und bei sprühendem Karriereehrgeiz stellt man im Vorstellungsgespräch die Frage nach Überstunden oder verbleibender Zeit für die Familie besser nicht. Sie würde aus Arbeitgebersicht eher zeigen, dass man in die falsche Richtung denkt.

Kurzantwort:

1. Die Persönlichkeit ebnet den Weg ins Management, nicht der MBA.

2. Das Leben, insbesondere der berufliche Teil, ist nur begrenzt planbar. Dennoch muss, wer sich auf den „Weg“ macht, vorher ein Ziel haben.

3. In einer freien Gesellschaft gilt: Wenn auf einem Gebiet (Beispiel: Karrieregestaltung) mehrere Varianten nebeneinander existieren, dann hat jede davon individuelle Vor- und Nachteile, aber keine ist pauschal richtig oder falsch.

4. Viele wichtige Lebensentscheidungen werden nicht nach PowerPoint-Folien-Analyse, sondern „im Bauch“ getroffen. Das hat sich durchaus bewährt.

Frage-Nr.: 2582
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-10-03

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