Heiko Mell

Nach Studienende sogleich richtig arbeiten?

Frage/1: Ich bin Student (E-Technik, Univ.) und habe ein baldiges Ende meines Studiums fest im Blick.Nach dem Abitur habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland geleistet. Danach habe ich mein Studium aufgenommen, das ich nach etwa vierzehn Semestern voraussichtlich mit einer Note um 2,0 beenden werde (Abitur lt. Lebenslauf 2,1 – wieder ein Beweis für mein „Wie das Abi, so die Uni“; H. Mell). Die überdurchschnittlich lange Studienzeit ergibt sich durch ein ineffizient geplantes Auslandssemester und eine zu lange dauernde Studienarbeit.
Schon während des Studiums habe ich Wert darauf gelegt, mich nicht nur fachlich zu bilden, sondern auch über den Tellerrand des Studiums hinauszublicken. Neben einigen Sprachkursen habe ich auf sportlicher Ebene neue Herausforderungen gesucht und mich intensiv in einer Hochschulgruppe engagiert.

Frage/2: Jetzt mache ich mir Gedanken, wie es nach dem Studium weitergehen könnte. Beruflich möchte ich gern bei einem mittelständischen oder größeren Unternehmen einsteigen.
Allerdings möchte ich gerne eine Art Auszeit von drei bis sechs Monaten zwischen Studienende und Berufszeit nehmen. Diesen Zeitraum würde ich für einen längeren Urlaub oder ein längeres Praktikum im Ausland nutzen. Besonders ein Praktikum im nichtfachlichen Bereich, z. B. im sozialen Bereich/Entwicklungsdienst, könnte ich mir gut vorstellen. Allerdings habe ich Bedenken, wie diese Auszeit in einem späteren Bewerbungsprozess von den Personalern aufgenommen wird. Ich bin mit meinen (dann) 28 Jahren deutlich älter als der Durchschnitt.
Wird ein Praktikum im (nichtfachlichen) sozialen Bereich eher als Persönlichkeitsentwicklung gewertet oder als Drücken vor dem Berufseinstieg? Sollte ich in meinem Fall (lange Studiendauer, nicht überdurchschnittliche Noten, fortgeschrittenes Alter) auf eine weitere Verzögerung des Berufseinstiegs eher verzichten?

Antwort:

Antwort/1:
Denken Sie bitte bei jeder Formulierung daran, dass jemand (z. B. bei Bewerbungen) so etwas lesen könnte, der täglich damit umgeht, alles schon einmal gehört und gelesen hat – und über recht einfache Kontrollinstrumentarien verfügt.

Also es geht um eine „Ausrede“ für ein zu langes Studium. Sie bieten die Hochschulgruppe und „neue Herausforderungen auf sportlicher Ebene“ an. Der Lebenslauf liegt bei, schauen wir mal: Die Hochschulgruppe taucht wie erwartet auf (Mitglied des Leitungsteams). Zusätzlich gibt es noch engagierte Kinder- und Jugendarbeit im kirchlichen Bereich, von der Sie im Brief nicht gesprochen hatten (geht in Ordnung). Aber dieser so nuanciert ins Spiel gebrachte Sport taucht überhaupt nicht auf. Ich hätte bei dieser „hochtrabend“ angelegten Formulierung jetzt einen süddeutschen Meister im linkshändigen Eisstockschießen oder etwas in dieser Güte erwartet – aber da ist gar nichts. Ich bin – stellvertretend für spätere Bewerbungsleser – enttäuscht. Also doch bloß eine schlecht abgesicherte, vollmundig vorgetragene Ausrede …

Antwort/2: Mir wäre wohler, dürfte ich davon ausgehen, Sie seien ein Einzelfall im Bereich der akademischen Jugend. Allein, ich darf es nicht.Ich habe im Laufe meines langen Arbeitslebens mehrere Ideen gehabt und einige Regeln aus dem System heraus entwickelt. Besonders stolz bin ich auf die „Mell“sche Prioritätenliste“. Das Prinzip ist ganz einfach, aber der Effekt ist verblüffend: Schreiben Sie in eine Liste mit den Rangpunkten 1 bis 10 alles hinein, was Ihnen als Ziel wichtig ist. Aber – ehernes Gesetz – auf jede Rangstufe darf nur ein einziger Begriff. Also darf im übertragenen Sinne nicht auf Nr. 1 stehen „Meine künftige Partnerin soll schön, reich und sexy sein“, sondern eines dieser Attribute kommt nach oben, ein anderes auf Nr. 2 etc. Das ist nicht immer einfach, aber es hilft ungemein, sich im Hinblick auf die eigenen Wünsche und Vorstellungen Klarheit zu verschaffen. Und sich die Konsequenzen bewusst zu machen, die an den Entscheidungen hängen.Ich schreibe dies nicht, damit Sie nun mit einer solchen Liste beginnen – das können Sie halten wie Sie wollen. Nein, ich will Ihnen mit diesen Erläuterungen drohen:

Bewerbungsempfänger neigen dazu, aus dem, was Sie getan haben, auf die „Prioritätenliste“ zu schließen, die Sie vorher(!) für Ihr Leben aufgestellt hatten. Und da ist das, was Sie bisher vorweisen müssen, schon ausreichend, um Ihnen einen Platz in einer Elite-Spitzengruppe zu verwehren. Und wenn Sie nun nach dem Examen immer noch nicht darauf brennen, endlich die Ärmel aufzukrempeln und mit dem ernsthaften Arbeiten beginnen zu dürfen, für das Sie ausgebildet wurden, dann schließt er daraus, auf Ihrer „Liste“ stünde „berufsrelevantes Denken bzw. Tun“ höchstens auf Nr. 5 oder 6.Damit ist Ihre Kernfrage beantwortet. In aller Deutlichkeit: Ihre Persönlichkeit ist jetzt genug entwickelt, nun heißt es, einfach mit dem Arbeiten anzufangen.Daraus aber leitet sich eine Anschlussfrage ab: Soll denn etwa der Student kein FJS ableisten, kein Auslandssemester absolvieren, nicht in der Hochschulgruppe mitwirken und keine Kinder- und Jugendarbeit betreiben? Doch, das steht alles weiter zur Disposition. Aber: Künftige Arbeitgeber sehen es ganz gern, wenn „Berufliches“ ganz weit oben auf der Liste steht. Und dann gilt es, für den Rest Augenmaß walten zu lassen:

– Wenn ich im Abiturjahr schon 20 werde, dann habe ich kein Jahr mehr zu verschenken.

– Wenn ich durch ein schlecht organisiertes Auslandssemester schon Zeit verloren habe, dann geht vielleicht dennoch ein Engagement in der Hochschulgruppe – aber keines, das weitere Zeit kostet.

– Wenn ich schon „Belastungen“ am Ende meines Studiums aufzuweisen habe, dann tobe ich am nächsten Tag im Beruf los und mache nicht erst einmal „Pause“.

Und damit Sie nicht denken, diese Welt sei abgrundtief bösartig und gönne niemals jemandem etwas: Wenn ein junger Akademiker käme und erklärte, er wäre der Jüngste seines Abschlussjahrgangs, hätte das beste Examen von allen – und ginge jetzt drei Monate auf Weltreise, aber danach brenne er darauf, sich in der Praxis zu bewähren, dann ließe man ihn. Und nähme ihn gern nach Rückkehr.

Noch ein Wort an meine älteren Leser: Viele von Ihnen denken jetzt etwas in Richtung „Warum nimmt der Mell diesen Unfug so wichtig, soll er dem das in zwei Sätzen um die Ohren hauen; gibt es denn überhaupt solche Leute?“ Seien Sie versichert: Es gibt. Und da ich zwar kein klassisches Helfer-, vielleicht aber ein Beratersyndrom habe, kann ich nicht anders und versuche alles, um ein paar ähnlich denkende Leser vor ähnlichen Fehlern zu bewahren.

Kurzantwort:

1. Grundsätzlich erwarten potenzielle Arbeitgeber, dass junge Akademiker nach x Schul- und y Studienjahren darauf brennen, „endlich im frisch erlernten Beruf arbeiten zu dürfen“.

2. Wer „nach der Quälerei des Studiums“ vor Arbeitsaufnahme erst einmal ein halbes Jahr Erholung braucht, müsste nach jedem Berufsjahr zwei Jahre pausieren. Denn verglichen mit der Praxis ist das Studium eher ein Spaziergang.

Frage-Nr.: 2580
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-09-26

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