Heiko Mell

Wer weniger arbeitet, könnte mehr leisten

Frage: Ich habe als Maschinenbauerin (Master) während eines Praktikums die Tätigkeit im Consulting kennenglernt und bin begeistert von den Aufgaben und Herausforderungen.
Die Tatsache, dass vor allem Einsteiger selbstverständlich 60 – 70 Stunden die Woche arbeiten, passt jedoch nicht zu meinem Lebensmodell. Ich möchte in fünf Jahren nicht alleinstehend und ausgebrannt sein.
Der Reiz der Tätigkeit im Consulting liegt für mich weder im Gehalt, noch im Prestige, sondern allein an der Tätigkeit an sich. Ich bin gerne bereit, in heißen Projektphasen ein Maximum an Leistung und Zeitaufwand zu betreiben, aber dies sollte nicht die Regel sein und durch anschließende Erholungsphasen entlohnt werden. Es müssen nicht unzählige Projekte parallel laufen, um ein Maximum an Prämien zu erzielen. Der Fokus sollte drauf liegen, sich in einem starken Team auf ein bis zwei Projekte zu konzentrieren anstatt aus Prestigegründen Riesenprojekte im Alleingang zu stemmen.
Zudem ist bekannt, dass ausgeglichene Mitarbeiter (Stichwort Work-Life-Balance) bessere Leistungen über einen längeren Zeitraum hinweg erbringen. Könnte man so nicht bessere Ergebnisse für alle Beteiligten erzielen?
Daher meine Frage: Ist Consulting auch als 40-Stunden-Woche möglich und wenn ja: Wie? Wo?

Antwort:

Asterix wusste: Je besser die Armee, desto schlechter das Essen (was ihn als frischgebackenen Legionär nach dem ersten Verpflegungsempfang zu dem Ausspruch animierte: „Ich wusste nicht, dass die römische Armee so gut ist“; ich habe das aus dem Gedächtnis zitiert).

Und adäquat scheint heute zu gelten: Je bedeutender die Unternehmensberatung, desto geringer der Anteil an frei gestaltbarer Freizeit, der insbesondere dem jüngeren Berater bleibt. Es gibt sicher auch die eine oder andere Ausnahme, aber was Sie dort berichten, scheint in vielen Fällen fast Standard zu sein. Es geht ja nicht nur um die wöchentliche Arbeitszeit an und für sich – die Projekte, bei denen man anwesend sein muss, sind zusätzlich auch noch über ganz Deutschland oder sogar Europa verstreut.

Das nun ist so. Teils aus Tradition und Selbstverständnis, teils wegen des Images, teils auch, weil mehr Stunden à x Euro mehr Honorar ergeben als weniger Stunden. Wenn Sie meinen Rat wollen: Nehmen Sie diesen Status jener Branche einfach zur Kenntnis, betrachten Sie ihn als Fakt, Sie als Anfängerin werden das nicht ändern. Andere Gegebenheiten im Leben sind mit ähnlichen Zwängen verbunden: Sie werden kein leistungsstarkes Auto der Premiumklasse fahren können, ohne hohe Kosten tragen zu müssen, Sie können nicht Bundeskanzlerin werden, ohne in Berlin residieren zu müssen und Sie können bei einem mittleren Gehalt nicht gleichzeitig hohe Konsumausgaben und hohe Sparquoten realisieren.

Es hat keinen Sinn, sich aus einem „Paketangebot“ irgendwelche Rosinen herauszupicken, aber den Rest nicht zu wollen. Der Volksmund nennt das „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Vorläufig gilt also: Sie passen mit Ihren Vorstellungen nicht in dieses Metier hinein.Natürlich dürfen Sie immer wieder darüber nachdenken, ob man nicht … und wie es möglich wäre, … Aber solange nur Sie allein so denken, bringt es nichts. Erst wenn der Zeitgeist auf Ihrer Seite ist, wenn sich also plötzlich keine Elite-Absolventen mehr finden, die unter den heute üblichen Bedingungen dort eintreten wollen, wird man die Verhältnisse ändern.

Mein Trost für Sie: Es muss nicht Ihr Schicksal sein, in fünf Jahren alleinstehend zu sein. Nicht nur, weil auch Unternehmensberater(innen) schon Langfrist-Partner gefunden haben – sondern auch, weil in sehr vielen Fällen zwei bis drei Jahre Beratung im Werdegang genug sind. Die ersetzen vielen Einsteigern ein Traineeprogramm, danach wechseln sie in „stationäre“ Unternehmen. Dann sind sie auch noch nicht „unbezahlbar teuer“ bzw. flexibel genug auch in diesem Bereich.

Sofern Ihnen das als Lösung zusagt, planen Sie zwei Jahre dort ein und verwirklichen Sie Ihren Traum. Aber: Sagen Sie im Bewerbungsprozess weder, dass Sie nach zwei Jahren den Ausstieg planen, noch etwas über 40-Stunden-Wochen und den hohen Stellenwert geordneter Freizeit. Sie müssen Ihren künftigen Arbeitgeber so nehmen (und lieben) wie er ist – oder Sie gehen woanders hin.Und beachten Sie diese Grundregel: Wenn Sie die Tennisregeln verändern wollen, sollten Sie erst deutsche Meisterin werden (oder etwas in der Art), dann sollten Sie Wimbledon gewinnen und vielleicht noch etwas in der Güte. Dann, aber erst dann, hört Ihnen vielleicht wenigstens jemand zu. Anfänger jedoch nimmt man eventuell mit offenen Armen auf, aber niemals ernst, wenn sie noch vor allem anderen das System verändern wollen.

Bei der Gelegenheit kann ich dann noch loswerden, was ich von Begriffen wie „Work-Life-Balance“ halte:Ganz besonders stört mich der Gegensatz, der durch den Begriff der Balance zwischen Arbeit und Leben konstruiert wird. Für mich und sehr viele andere, von denen doch einige dieses Land vorangebracht haben, ist mein „Work“ ein wichtiger, unverzichtbarer Teil meines „Life“. Und wer sucht, findet sicher auch in unserer Art zu „worken“ einen Teil unserer jeweiligen Art zu „lifen“ wieder.

Ich sehe berufliche Arbeit und privates Leben als miteinander verzahnte Einheit. Wenn das Mischungsverhältnis den eigenen individuellen Erfordernissen nicht entspricht, mache ich entweder grundsätzlich etwas falsch oder ich habe den falschen Beruf oder die falschen Maßstäbe.

PS: Und da das gerade so schön zum Thema passt, präsentiere ich hier noch einmal eine sehr bewährte Lebensweisheit: Sie können die Verhältnisse, die in Ihrem beruflichen Umfeld herrschen, kaum jemals wirklich ändern. Aber Ihre Ansprüche, von deren Erfüllung Ihre Zufriedenheit abhängt, die können Sie problemarm anders formulieren. Sofern Sie, geehrte Einsenderin, sich entscheiden, entweder den Glanz einer Unternehmensberatung genießen zu wollen oder einen Job à 40 h/Woche anzustreben, haben Sie eine Chance, Ihr Ziel „Zufriedenheit“ für eine begrenzte Zeit zu erreichen. Sie dürfen nur nicht Wünsche so kombinieren, dass sie (fast) unerfüllbar werden.

Weil Sie die Gefahr sehen, in fünf Jahren alleinstehend zu sein, sei mir der Hinweis erlaubt, dass Sie jeweilige potenzielle Partner ebenfalls in ihrer Ganzheit akzeptieren müssen. Auch dort hilft die Betrachtung nicht, warum Karl nicht aussehen kann wie Klaus und nicht im Haushalt hilft wie Jürgen.

Kurzantwort:

Ein Job kann nur ganzheitlich betrachtet werden. Einzelne Bausteine (z. B. Teile der Tätigkeit) toll zu finden, aber andere Details (z. B. die Arbeitszeit) so nicht akzeptieren zu wollen, hilft nicht weiter.

Frage-Nr.: 2572
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-08-15

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