Heiko Mell

Fast alle Recruiter sind weiblich, unter 30, hübsch …

Frage: Ich bin in diesem Sommer fertig mit meinem Bachelor: Dieses Jahr habe ich begonnen, mich auf dem Arbeitsmarkt umzuschauen. Ich habe Inhousetage und Karrieremessen besucht. Dabei ist mir Folgendes aufgefallen: Fast alle Recruiter sind weiblich, unter 30, hübsch und haben etwas Einfaches studiert (Psychologie, Kommunikation, Journalismus, Medien), und das auch noch an einer FH!
Ich habe ein Problem mit diesen Leuten, weil die Arbeitgeber sehr hohe Forderungen an uns Studenten stellen: guter Abschluss, Ausland, Praktika, Fremdsprachen und außeruniversitäres Engagement. Und natürlich sollen wir ein MINT-Fach studieren, weil Deutschland das braucht. Dank LinkedIn und Fachbook habe ich ausgecheckt (wer sich anderen so haushoch überlegen fühlt und das auch noch ausspricht, muss selbst Mindestanforderungen erfüllen; also: Ihr „Fachbook“ muss „Facebook“ heißen, Ihr LinkedIn ist nach meinen Recherchen hier wenig verbreitet und eine Art amerikanisches Xing und Ihr lustig klingendes „ausgecheckt“ muss entweder „ausgeguckt“ im Sinne von „herausgefunden“ oder umgangssprachlich „gecheckt“ heißen; H. Mell), was diese Recruiterinnen machen. Sie erfüllen meistens nicht im Geringsten die oben genannten Anforderungen!
Ich habe nach meinem Abitur Deutschland verlassen, studiere etwas, was von vielen als sehr schwer angesehen wird (was Sie uns aber nicht verraten; H. Mell), spreche fünf Sprachen (alle fließend), engagiere mich neben der Uni und verdiene noch abends und am Wochenende Geld. Nach dem Bachelor gehe ich wieder in ein anderes Land, um meine Fremdsprachenkenntnisse weiterhin zu festigen. Ich tue alles, um nach meinem Studium hoffentlich zu den High Potentials zu gehören und mich bei führenden Strategie-Beratungen oder DAX-Unternehmen bewerben zu können.
Ich erwarte einfach, dass Leute, die meine Bewerbungen in den Händen halten und über mein Schicksal entscheiden, mir im Leben überlegen sind.
1. Warum tun Unternehmen das? Klar sind diese Recruiter viel billiger, aber haben sie die Fähigkeiten, die schlechten Studenten von den guten zu unterscheiden?
2. Welche Rolle spielen sie im Auswahlverfahren?
3. Wie kann ich mich als Student darauf einstellen (beim Lebenslauf z. B.)?
4. Sie schreiben immer, die Leute messen Bewerber an sich selbst. Bei manchen Stellen ist jeder Bewerber besser als die Recruiterin. Und fast immer sind sie unvergleichbar, weil die Recruiterin etwas anderes studiert hat. Wie trifft sie denn ihre Entscheidung? Mit wem vergleicht sie uns?

Antwort:

Wer sich an mich wendet, dem versuche ich zu helfen. Gnadenlos. Und zwar dort, wo ich die Notwendigkeit dafür erkenne oder vermute. Auf gut Deutsch: Meine Antworten gehen schon einmal über die gestellten Fragen hinaus. Apropos Deutsch: Ich kann Ihren Vornamen nicht einwandfrei zuordnen, aber er stützt die – rein sachlich gemeinte – Vermutung, Sie seien nicht nur durch Gewohnheiten und Gepflogenheiten dieses unseres Landes geprägt. Was auf der einen Seite zu einem Mehr (wovon auch immer), auf der anderen Seite aber auch zu Defiziten führen kann.

Also erlaube ich mir erstens den Hinweis: Jenen Ausdruck grenzenlosen Überlegenheitsgefühls, den trägt man hierzulande nicht so überdeutlich vor sich her. Einfacher: Ich gelte schon gelegentlich als arrogant, aber gegen Sie war ich selbst in meiner Jugend ein Waisenknabe! Wobei gilt: Wenn Sie in dieser Art formulieren, führt das natürlich sofort zu Ärger. Aber auch, wenn Sie nur so denken, „knirscht“ es früher oder später – weil die Umwelt das recht schnell merkt. Gerade jene von Ihnen wohl als etwas „minderbemittelt“ angesehenen Menschen haben ein feines Näschen für so etwas. Seien Sie also vorsichtig.

Die zweite Warnung gilt der Sprachbegabung: Nach langjährigen Beobachtungen geht überdurchschnittlich ausgeprägtes Verständnis für fremde Sprachen sehr oft(!) einher mit eher geringerer Managementbegabung. Es gibt eben nur selten Universalgenies – was ja auch irgendwie ein bisschen gerecht ist. Ausdrücklich nicht gemeint ist, wer neben seiner Muttersprache noch fließend Englisch spricht oder wer mehrsprachig aufwächst. Aber mit fünf Sprachen sind Sie schon „gefährdet“ im angesprochenen Sinne.

Die dritte Warnung resultiert aus einer Beobachtung, die sich mir förmlich aufdrängt. Sie schlagen ausnahmslos auf weibliche Mitarbeiter des Personalwesens ein. Die hübschen jungen Damen unter 30 bekommen ja bei Ihnen kein Bein auf die Erde. Wäre ich Freud, wüsste ich, was das vielleicht bedeutet, aber ich schreibe bloß wie er (sagt das FAZ-Schreibanalyse-Programm). Im späteren Berufsleben kann Ihnen diese pauschale Fixierung auf ein weibliches Feindbild eine Menge Ärger machen.

Die vierte Warnung betrifft die Basis Ihrer Überlegenheit. Gibt“s die eigentlich? Sie sind Bachelor, wovon oder worin auch immer. Das ist nach allgemeiner Auffassung knapp unterhalb des alten FH-Dipl.-X angesiedelt. Schön, Sie wollen nach dem Bachelor „wieder in ein anderes Land“ gehen. Aber vom Studieren oder gar Promovieren sagen Sie nichts, nur vom weiteren Festigen Ihrer Fremdsprachenkenntnisse. Also mit dem Bachelor allein wird man nur sehr schwer als High Potential anerkannt. Wenn Sie aber (im Ausland) weiter „auf Master“ studieren, warum reden Sie jetzt schon ständig mit Ihren „Recruiterinnen“ über den Industrieeinstieg? In diesem Punkt fehlt die Logik.

Die fünfte Warnung gilt der schlichten Tatsache, dass Sie so im Vorbeigehen alle Psychologen, Kommunikationswissenschaftler, Journalisten und Medienspezialisten sowie alle FH-Absolventen zu einer Art besserer Untermenschen erklärt haben. Viel Spaß, wenn die das eines Tages mit Ihrer Person in Verbindung bringen.

Die sechste Warnung gilt einer aus Hochmut geborenen Forderung Ihrerseits, die gar nicht aufrechterhalten werden kann: „Ich erwarte einfach, dass Leute, die meine Bewerbungen in Händen halten und über mein Schicksal entscheiden, mir im Leben überlegen sind.“ Sie kennen doch bisher offensichtlich nur Standpersonal von Firmen auf Recruiting-Veranstaltungen etc. Soll einer Ihrer DAX-Konzerne, der z. B. einen(!) zusätzlichen Einser-Diplom-Mathematiker einstellen will, vorher einen solchen mit Auszeichnungs-Examen einstellen, damit dieser mit einem Bewerber adäquat plaudern kann? Und wie viele „Super-Männer“ (Frauen wollen Sie ja wohl nicht) spielen wohl gern Standpersonal auf Recruiting-Veranstaltungen, um Fragen von Bachelor-Studenten zu beantworten? Lassen Sie doch die Kirche im Dorf!

Der Schlüssel zur zentralen Problematik liegt in Ihrer Frage 2: Diejenigen Mitarbeiter(innen) des Personalwesens, denen Sie im Auswahlprozess (Schwerpunkte Inhousetage und Karrieremessen) begegnen, beantworten geduldig immer wieder die gleichen Fragen, sind nett und freundlich, wissen sachlich, welcher Typ Bewerber im Unternehmen geschätzt und welches Profil zwingend oder möglichst gefordert wird. Sie sind die erste Filterstufe in einem mehrstufigen Auswahlprozess. Später gibt es – gerade bei Ihren DAX-Unternehmen – noch groß angelegte Assessment-Center, in denen Sie ganz- oder mehrtägig von diversen Leuten getestet werden. Und die eigentliche Einstellentscheidung trifft dann – so oder so – der potentielle künftige Vorgesetzte.

Wenn Sie Vorstandsassistent eines DAX-Unternehmens werden wollen, wäre das der zuständige Vorstand. Und wenn Sie dabei immer noch das Gefühl hätten, der Bursche wäre Ihnen nicht gewachsen (noch sind es meist Männer), na denn: armes Deutschland.

Es gibt ein paar große Strategie-Beratungen, die nehmen es an Sendungsbewusstsein mühelos mit Ihnen auf. Aber die lassen natürlich keinen Bachelor auf ihre Kunden los, um beispielsweise Vorstände von Top-Konzernen in Fragen der Unternehmensstrategie kluge Ratschläge zu erteilen. Unter Master, möglichst mit Promotion, läuft da wenig. Vielleicht haben Sie das ja vor und sich nur unklar ausgedrückt – aber warum denn jetzt schon das ganze Theater?

Ich bin über das Alter hinaus, in dem ich Angriffe um des Streitens willen führe. Mit allen Bemerkungen wollte ich Ihnen, der ganz sicher Fähigkeiten hat, tatsächlich helfen. In zwanzig Jahren werden Sie das anerkennen.

Kurzantwort:

1. Mann ist grundsätzlich immer nett zu jungen, hübschen Frauen.

2. Das Standpersonal auf Messen braucht nicht jedem denkbaren Mann aus dem Publikum geistig deutlich überlegen zu sein.

3. „Hochmut ist“s, wodurch die Engel fielen,/ woran der Höllengeist den Menschen fasst“ (Schiller, Jungfrau von Orleans, Prolog).

Frage-Nr.: 2536
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-01-19

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