Heiko Mell

Paradies gesucht

Frage: In einigen Monaten werde ich meine Promotion abschließen, danach möchte ich eine Arbeit in der Industrie aufnehmen, bevorzugt in einem größeren Unternehmen.

I. Natürlich möchte ich einen tollen Arbeitgeber* mit erfolgsfähigen Strukturen,* bei dem gute Arbeit und Erfolg gleichbedeutend sind,* bei dem Mitarbeiter fair behandelt werden,* bei dem Teamarbeit nicht nur ein viel genannter Begriff ist, sondern real praktiziert wird und* bei dem die Entscheidungen der Vorgesetzten bis hin zur Unternehmensleitung nachvollziehbar sind.Wie finde ich ein Unternehmen, das diesen Anforderungen möglichst gut oder ansatzweise entspricht? Ist auf Auszeichnungen zum besten Arbeitgeber Deutschlands Verlass?

II. Wonach sollte ich mich im Bewerbungsgespräch gezielt erkundigen, ohne arrogant zu wirken?
Kann ich verlangen, die spätere Abteilung einmal zu sehen (nein, aber bitten können Sie darum, H. Mell)?
Sollte ich gleich ablehnen, wenn mein zukünftiger Vorgesetzter nicht am Bewerbungsgespräch teilnimmt?
Was für eine Gehaltsforderung … (nun ist´s genug; H. Mell)?

Antwort:

Zwei Seelen wohnen, ach, in Ihrer Brust (frei nach Goethe, Faust).

Da ist Teil I Ihrer Frage:
Intellektuell durchdacht, richtig formuliert und etwa so praxisnah, als würde sich Klein Fritzchen das Paradies vorstellen. Zu Ihrer Entlastung sei gesagt (Lebenslauf liegt bei), Sie sind ein Einser-Kandidat (u. a. Vordiplom 1,1). Da passiert so etwas schon einmal. Das kann später noch schlimmer werden (ernsthaft).

Mit der mir aus erzieherischen Gründen selbst auferlegten Bosheit weise ich auf zwei Gegebenheiten hin, die schon irgendwie zusammenhängen:

a) Sie schreiben im Lebenslauf, lt. irgendeiner Statistik sei Ihre Vordiplomnote dieser Güte die einzige gewesen.

b) Ich beantworte hier und in öffentlichen Veranstaltungen seit mehr als 25 Jahren Fragen dieser Art. „Wie finde ich das Paradies?“ hat, wie dieses Vordiplom, extremen Seltenheitswert. Pauschal und ganz aufrichtig nur gut gemeint, rate ich Ihnen für Ihr späteres Berufsleben: Seien Sie stets ruhig besser und klüger als andere – aber orientieren Sie sich beim Auftreten, Aussehen, allgemeinem und speziell beruflichem Verhalten, bei Fragen und Antworten an dem, was der Durchschnitt tut. Abweichungen davon nur in homöopathischen Dosen, zumindest bis Sie fest „drin“ sind im System.So, das alles habe ich zu Ihnen gesagt, weil Sie es aushalten können und nicht etwa aus Dummheit gefragt haben (wobei ich mitunter glaube, dass Klugheit ab einer gewissen Ausprägung Gefahr läuft, von der Umwelt schon wieder als Dummheit eingestuft zu werden – so als wäre beides auf einem Kreis angesiedelt). Nun in aller Ruhe zur Sache.

Zunächst zu I:
Vergessen Sie das – sowohl was Ihre Vorstellungen und Wünsche angeht als gerade auch im Hinblick auf die Möglichkeiten, das alles im Vorstellungsgespräch herauszufinden. Ihre Anforderungen sind – was man Ihnen als Berufseinsteiger irgendwie nachsehen muss – wirklichkeitsfremd, Ihre Suche nach Aussagen dazu ist naiv, das System ist nicht so gebaut.Aber ich kann Sie beruhigen: Alle großen Unternehmen – und zu einem davon wollen Sie – sind einander weitgehend ähnlich. Das kann gar nicht anders sein: Sie produzieren vergleichbare Produkte, arbeiten auf den gleichen Märkten, habe die gleichen oder sogar dieselben Aktionäre, bedienen sich bei der Einstellung von Mitarbeitern – vom Pförtner bis zum Chef des Aufsichtsrats – dieses einen Arbeitsmarkts, stellen ihre Anfänger von denselben Universitäten ein und schicken ihre Mitarbeiter auf weitgehend vergleichbare Seminare. Und sie tauschen diese Mitarbeiter in begrenztem Maße über Kündigungen, Bewerbungen und Neueinstellungen sogar noch untereinander aus.

Jetzt die vielleicht nicht wissenschaftlich fundierte, aber durch Lebenserfahrung gestützte Aussage von mir: Wenn das alles so ist, dann müssen die internen Verhältnisse solcher Unternehmen zwangsläufig sehr, sehr ähnlich sein, das ist anders gar nicht denkbar („wer eines kennt, kennt alle“).

Bei kleinen Privatunternehmen ist das übrigens anders: Dort strahlt die individuelle Persönlichkeit des Inhabers aus bis zur letzten kleinen Gegebenheit im Unternehmen.Um wieder auf Ihre größeren Unternehmen zurückzukommen: Zufällige spezielle Gegebenheiten an einer Stelle (Person Ihres Chefs oder des informellen Führers des Kollegenteams) bedeuten für Ihren Weg dort größere Unterschiede als alles, was Sie im Vorfeld (etwas naiv gedacht) herausfinden könnten, wenn Sie Ihrem Fragenkatalog tatsächlich nachgingen. Stellen Sie Fragen dieser Art nicht, Sie würden sich bloß als besonders blutiger Anfänger outen. Auch ich habe erst einmal gelacht als ich das las. Es gibt keine Antworten darauf.

Teil II ist von Ihnen z. T. weniger durchdacht und manchmal mit falschen Begriffen formuliert worden, ist aber in der Sache viel realistischer.

Gezieltes Fragen im Vorstellungsgespräch: als Anfänger vor allem nach der anstehenden Aufgabe, nach Erwartungen des Chefs an den neuen Mitarbeiter, nach Aufbau der Abteilung/Zahl und Qualifikation der Kollegen. Der Rest findet sich. Achtung: Für den Chef, der das nicht zugeben darf, sind Sie als Anfänger etwa so bedeutend wie für den Dekan an der Uni ein Student im 1. Semester.Blick in die spätere Abteilung: Bitten Sie höflich(!) unbedingt darum – die spätere Arbeitsumgebung sollte man gesehen haben.Wenn der spätere Chef nicht anwesend ist: Unterschreiben Sie keinen Vertrag, wenn Sie ihn nicht kennengelernt haben, er ist für Sie wichtiger als der Rest des Unternehmens.

Zum Gehalt sollten Sie wissen: Alle Großunternehmen haben feste Standards, nach denen sie Anfänger bezahlen. Die können Sie akzeptieren oder Sie lassen es bleiben – mehr ist nicht. Eigentlich „verdient“ ein Anfänger in den ersten sechs Monaten noch nichts, man investiert lediglich in ihn, um nach ca. ein bis zwei Jahren einen „industrieverwendungsfähigen“ Mitarbeiter zu haben. Fangen Sie irgendwo an, leisten Sie Erstaunliches, werden Sie Ihrem Chef unentbehrlich, sehen Sie zu, dass Sie auf der Karriereleiter nach oben kommen, dann kommt das höhere Gehalt „automatisch“. Über Unterbezahlung klagende höhere Führungskräfte sind selten.

Kurzantwort:

1. Große Arbeitgeber haben vergleichbare Ziele, arbeiten mit gleichen Mitarbeitertypen unter vergleichbaren Umständen, also sind auch ihre internen Gegebenheiten ähnlich. Unterschiede in der Persönlichkeit des zufälligen Chefs können bedeutsamer sein als alles andere.

2. Warum sollte ein Berufseinsteiger einen anderen Stellenwert im Unternehmen haben als ein Neuling im Verein, bei den Pfadfindern oder ein Erstsemester an der Uni? Und: Der Anfänger kann durch Fragen im Vorstellungsgespräch kaum brauchbare Informationen erringen (aber leicht als naiv gelten). Ein gewisses Risiko bleibt ihm, es ist systemimmanent.

Frage-Nr.: 2503
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-09-02

Top Stellenangebote

Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Wissenschaftlicher Mitarbeiter Systemdesign Beleuchtung (m/w/x) Oberkochen
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Vertriebsingenieur Außendienst Fabrikautomation (w/m/d) Norddeutschland
Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Wissenschaftlicher Mitarbeiter Systemdesign Beleuchtung (m/w/x) Oberkochen
MTS Sensor Technologie GmbH & Co. KG-Firmenlogo
MTS Sensor Technologie GmbH & Co. KG Software Ingenieur (m/w/d) Lüdenscheid
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG-Firmenlogo
SEW-EURODRIVE GmbH & Co KG Techniker im Vertriebsinnendienst (w/m/d) Münster
BERGER BAU SE-Firmenlogo
BERGER BAU SE Bauleiter (m/w/d) Passau
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Junior Softwareentwickler / Softwareingenieur (m/w/d) verschiedene Standorte
BERGER ROHSTOFFE GMBH-Firmenlogo
BERGER ROHSTOFFE GMBH Werkleiter (m/w/d) Altenau, Paschwitz
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer / Manager (m/w/d) Lüneburg
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Ingenieur / Staatlich geprüfter Techniker (m/w/d) Elektrotechnik / Versorgungstechnik (HKLS) Gebäudemanagement Wiesbaden

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…