Heiko Mell

Keiner will mich

Frage/1: Ich (m) habe im Jahr 2000 mit dem Chemiestudium an der TU … begonnen und bin 2010 mit der Promotion fertig geworden. Seitdem bin ich händeringend auf der Suche nach Arbeit. Nach inzwischen 135 Bewerbungen und 16 Vorstellungsgesprächen gab es immer wieder Absagen (das darf man ja niemandem erzählen, sonst ist man ja gleich unten durch, weil man scheinbar nicht vermittelbar ist).

Frage/2: Ich habe mehrfach meine Bewerbung komplett verändert und bereite mich immer intensiv auf Vorstellungsgespräche vor. Ich habe wahrlich keinen schlechten Abschluss gemacht, habe gern in der Forschung gearbeitet und auf dem Gebiet meiner Promotion einiges bewegt. Nun bin ich hoch motiviert, mein Wissen und meine Qualifikation in die Industrie einzubringen, doch dort interessiert sich scheinbar (wieder „anscheinend“, H. Mell) niemand dafür.
Können Sie mir einen Tipp geben, wie ich den Karrierestart doch noch schaffe oder mich komplett umorientieren kann, weg von der Chemie zu etwas anderem?

Antwort:

Antwort/1:
Ich bekomme nicht nur Kritik, wenn ich einen Einsender im sprachlichen Bereich verbessere – ich höre mir von anderen Lesern auch Vorwürfe an, wenn ich es nicht tue: Also: „Scheinbar“ ist etwas nur bei oberflächlicher Betrachtung, in Wirklichkeit gilt das Gegenteil! „Anscheinend“ bedeutet, es hat den Anschein – beide Varianten sind möglich, man weiß es nicht. In Ihrem Fall hat es nur den Anschein, Sie seien nicht vermittelbar, aber bewiesen ist gar nichts.

Antwort/2:
Ich wünschte, ich könnte Sie verstehen, wirklich.

Da haben Sie nun Kontakt aufgenommen mit einem der deutschen Fachleute in Bewerbungsfragen, schildern dem Ihr Problem und bitten um Hilfe. Aber mehr als diesen unwesentlich gekürzten Brief habe ich nicht! Keinen Lebenslauf, keine Musterbewerbung, kein Beispiel einer Ausschreibung, auf die hin Sie sich beworben hatten. Schön, dass Sie mich offenbar für ein Genie halten, das auch Ferndiagnosen ohne Anhaltspunkte stellen kann. Aber hier fühle ich mich denn doch überfordert.Einen Anhaltspunkt allerdings habe ich: Ihre 135 Bewerbungen beweisen als Zahl überhaupt nichts, sie könnten schlicht alle einen zentralen Fehler enthalten. Aber sechzehn Vorstellungsgespräche ohne Vertragsangebot, das ist ein brauchbarer Hinweis auf Fehler im Verhalten, falsches Outfit, völlig falsche Argumentation, zu viel oder zu wenig Selbstbewusstsein oder sonst etwas in der Art.

Die Leute, die Sie eingeladen hatten, kannten Ihre Fakten, gaben Ihnen also eine Chance, im Gespräch zu überzeugen. Diese ausgestreckte Hand haben Sie nicht ergriffen, Ihre Gesprächspartner waren von Ihnen enttäuscht.Nun kann ich auf dieser extrem unzureichenden Informationsbasis nicht im Detail helfen. Aber ich kann Ihnen grob sagen, um welche Fragen Sie sich kümmern sollten:- Sehe ich aus wie die meisten anderen meiner ehemaligen Kommilitonen (Frisur, Bart, Kleidung, Schmuck), am besten wie der „nette junge Mann von nebenan“?

– Bemühe ich mich erfolgreich um ein sympathisches Auftreten, schaffe ich es, mir mit selbstbewusster, aber doch stets höflich bleibender Darstellung meiner Person das Wohlwollen meines Gegenübers zu sichern?

– Gehe ich flexibel auf Meinungsäußerungen meines Gesprächspartners ein, vertrete ich zwar meine Ansichten, erkenne ich dabei aber ihn als ranghöhere Respektsperson an?- Kommt mein Gegenüber auch einmal zu Wort, lasse ich ihn ausreden oder bin ich im Gegenteil extrem einsilbig, so dass sich kein Gespräch entwickelt?

– Sechzehn negativ ausgegangene Gespräche müssen(!) ein gemeinsames Grundmuster haben, aus dem Erkenntnisse gewonnen werden können. Konkret: An welchem Punkt (oder an welchen Punkten) flaute das am Anfang „automatisch“ gegebene Interesse Ihres Gegenübers jeweils ab (Beispiele: nach der Begrüßung, bei Fachthemen, bei Ihrer Antwort auf die Frage nach Ihren Zukunftsplänen oder beim Gehalt)?

– Neigen Sie irgendwie zu extremen politischen, gesellschaftspolitischen oder das Arbeitsleben betreffenden Ansichten (falls ja, werden Sie irgendwann damit auffallen)?

– Zeigen Sie Frauen, die Sie näher kennen, Mitdoktoranden, im Arbeitsleben stehenden Freunden und Ihrem Doktorvater diese Fragen und beobachten Sie aufmerksam ihre Reaktionen und ihre Aussagen (was Sie zu hören bekommen, sind nur Spitzen von Eisbergen; „du könntest vielleicht etwas weniger arrogant auftreten“ heißt „du bist ein echter Kotzbrocken“). Die wissen schon, wonach wir beide hier noch suchen.

Kurzantwort:

Wer sechzehn Vorstellungsgespräche absolviert, ohne ein Vertragsangebot zu bekommen, hat sehr deutliche Schwächen oder macht sehr große Fehler!

Frage-Nr.: 2497
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-06-30

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