Heiko Mell

Ich trage einen „spitzen“ Namen

Frage: Ich arbeite in einem Konzernbetrieb, bei uns herrscht nahezu eine „familiäre“ Stimmung. Das „Du“ ist zu 90 % unter den Mitarbeitern und z. T. sogar unter Abteilungsleitern üblich. Ich selbst genieße als Projektverantwortlicher in dem gesamten Umfeld hohe fachliche und persönliche Anerkennung.
Als ich in diese Firma gewechselt bin, kannte ich bereits ein paar Mitarbeiter persönlich. Da diese mich bereits unter meinem Spitznamen kannten, verwendeten sie diesen auch weiterhin bei der Arbeit. Mittlerweile verwenden alle meine Kollegen und diverse Abteilungsleiter, mit denen ich „per Du“ bin, auch diesen Spitznamen, sie haben ihn automatisch und ungefragt übernommen.
Ich habe mit dem Spitznamen per se kein Problem, nur bin ich unsicher, ob er mir in meiner weiteren Karriere schaden oder nutzen könnte oder nichts von beidem. Er könnte auch durchaus zu einem Markenzeichen werden, da innerhalb unseres Bereiches mit mehr als tausend Mitarbeitern und innerhalb des Führungskreises dieser Spitzname eindeutig ist. Natürlich spielt dabei auch der Spitzname selbst eine gewisse Rolle.
Wie sehen Sie das? Grundsätzlich sehe ich schon noch die Möglichkeit, alle Kollegen zu bitten, mich beim richtigen Vornamen zu nennen.

Antwort:

Das aber – den Spitznamen wieder abschaffen – wollen Sie ja gar nicht, wie man Ihren Worten problemlos entnehmen kann. Sie sind ja stolz darauf, jener „XY“ zu sein, den es im Unternehmen nur einmal gibt und den fast jeder kennt.Und natürlich fragt sich jetzt jeder Leser: „Wie heißt er denn nun?“ oder präziser: „Wie lautet denn sein Spitzname?“ Also muss ich ein Beispiel bilden, das naturgemäß hinken wird, aber nur ein bisschen: Nehmen wir einmal an, Ihr Vorname wäre Josefus und man riefe Sie in diesem Unternehmen „Jossa“ – mehr ist nicht dran an dem Thema.

Selbst bei intensivem Nachdenken fällt mir nichts Negatives oder Positives ein, was man mit diesem Spitznamen verbinden könnte (Gegenbeispiel: Jemand könnte „Schlaraffia“ heißen und „Schlaffi“ gerufen werden).

Jetzt ist aber auch noch Ihr Nachname ziemlich unverwechselbar und z. B. bundesweit im Telefonbuch nur etwa halb so oft vertreten wie etwa „Mell“. Sie brauchen also kein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Sie heißen etwa „Josefus Stolzenberger“ – und werden nun „Jossa“ genannt.

Nützen bei der Karriere wird Ihnen der Spitzname nicht. Und wieder loswerden können Sie den dort auch nicht. Hinter Ihrem Rücken bleiben Sie ohnehin „Jossa“ und im direkten Kontakt wäre es den Kollegen ein Vergnügen, Sie anzureden mit „Jossa, äh Josefus wollt´ich sagen“. Das macht es auch nicht besser, im Gegenteil.

Ursache des ganzen „Problems“ ist eigentlich die Duzerei: Ob Sie nun Jossa oder Josefus gerufen werden, macht kaum einen Unterschied. „Herr Stolzenberger“ wäre die – theoretische – Lösung. Dann könnte zwar hinter Ihrem Rücken immer noch jemand murmeln: „Stolzi hat gesagt, dass …“, aber ins Gesicht hieße es „Herr Stolzenberger“.

Aber das geht nicht, wenn sich dort alle duzen – und wer das nicht will, muss das am ersten Arbeitstag sagen, sonst wird es schwer bis unmöglich. Wenn Duzen üblich ist, muss man schon sehr „stark“ sein, um da nicht mitzumachen. Also bleiben Sie dabei. Und Ihre Karrierechancen hängen nicht davon ab, ob man Sie nun Josefus oder Jossa nennt, beispielsweise.

So, nun bin ich eigentlich fertig mit dem Thema, aber unzufrieden – mit mir. Diese so banal klingende Frage war Ihnen wichtig – und ich habe nicht herausgefunden, warum. Insgeheim scheinen Sie zu denken, der Spitzname könnte „…. mir in meiner weiteren Karriere … nützen ….“. Warum bloß? Wegen des unverwechselbaren Namens? Der nützt gar nichts: Wir hatten einen Bundeskanzler mit einem Allerweltsnamen, der ihm nicht geschadet hat und rund um ein besseres Landgericht gibt es so viele „Müller, Rechtsanwalt“, dass sie sich durchnummerieren („Müller II, Scheidungen en gros“). Auch das funktioniert. Und andere Leute heißen beispielsweise „Hühnerschreck“ (erfunden, soll niemanden diskriminieren), was unverwechselbar ist, aber gar nichts nützt.

Fest steht: Sollten Sie auf dem Weg zum Top-Manager sein, müssten Sie den Spitznamen irgendwann loswerden, zumindest im offiziellen Gebrauch außerhalb des Stammtischs. Ich habe noch nie von einem Geschäftsführer gehört, der von seinen Mitarbeitern mit Spitznamen angesprochen worden wäre. Übrigens ist ein Arbeitgeberwechsel immer eine gute Gelegenheit, „ganz neu“ anzufangen.Wir haben in der Industrie recht ausgeprägte hierarchische Strukturen. Wann immer Sie sich die Frage stellen, ob irgendetwas positiv oder negativ gesehen werden könnte, ob es dort hinpasst oder nicht: Im Zweifel schauen Sie zur Grundorientierung nach „oben“: Ohrringe, Vollbärte, kurze Hosen: Trägt die Geschäftsleitung so etwas? Dann haben Sie einen Maßstab – dem Sie keinesfalls blind folgen müssen, das sagt niemand.

Aber Sie wissen wenigstens, wann Sie eine bestimmte Grenze überschreiten. Was ja auch Spaß machen kann.

Kurzantwort:

1. Wenn sich auf Ihrer Ebene alle duzen, ist es sehr schwer und kaum ratsam, sich auszuschließen.

2. Als Anrede gebrauchte Spitznamen, die man jahrelang akzeptiert hat, sind schwer wieder loszuwerden (am besten bittet man direkt beim ersten Mal um Unterlassung).

3. Auf dem weiteren Weg nach oben stört ein Spitzname, den jeder in der direkten Anrede verwendet, eher als er nützt.

Frage-Nr.: 2464
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-02-03

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