Heiko Mell

Praktika für Masterstudenten

(Ich muss kurz die Vorgeschichte darstellen: In Frage 2.400 wollte ein Masterstudent gern Praktika absolvieren, was ich unterstützte. In Frage 2.412 argumentierte ein Hochschullehrer dagegen. Der Einsender von Frage 2.427 kam aus der Praxis und war wieder meiner Meinung. Dem tritt jetzt ein weiterer Professor entgegen. Das kann eine unendliche Geschichte werden. Mich reizt das Thema, weil ich das Problem nicht verstehe – was nur selten vorkommt; H. Mell. Nun die neueste Einsendung:)

Die Regel lautet doch: „Ein sauberer Lebenslauf enthält lückenlos aufeinanderfolgende unbefristete Beschäftigungsverhältnisse im erlernten Beruf.“ Das heißt: keine befristeten Tätigkeiten, keine fachfremden Jobs, ganz bestimmt keine Praktika.

Zu Letzterem:

1. Ein Praktikum erweckt den Anschein, die Qualifikation hat für einen richtigen Arbeitsvertrag nicht gereicht.

2. Praktika sind hinsichtlich Dauer und Aufgabenstellung als Ausbildungsverhältnisse angelegt. Sie binden den Praktikanten nicht vollverantwortlich in das betriebliche Geschehen ein und vermitteln daher keine vollwertige Berufserfahrung (andernfalls handelt es sich um eine Beschäftigung zum Dumpinglohn, die den Lebenslauf gerade nicht ziert).

Die Einsendung zu dieser Frage ist ärgerlich. Die Aussage hinsichtlich der Kürzung des Studiums um ein Fachsemester und ein Praktikum ist irreführend. Die Frage, in welchen Fällen (bzw. ob) der Einsender einen Regelverstoß (s. o.) bei ihm vorliegenden Bewerbungen akzeptieren würde, wird weder behandelt noch beantwortet.

Vor Abschluss eines berufsbefähigenden Studiums jedoch sind Praktika – wenn sie die Studiendauer nicht übermäßig verlängern – auch aus meiner Sicht nachdrücklich zu empfehlen.

Antwort:

So ganz verstehe ich immer noch nicht, worüber Sie sich so aufregen. Für mich – und mit absoluter Sicherheit auch für sehr viele Vertreter jener Praxis, für die Sie letztlich ausbilden, stellt sich die Angelegenheit so dar:

1. Ein junger Mensch will studieren. Er wählt den Masterabschluss als Ziel und fängt an. Bis zum Masterexamen ist er Student. So sieht er sich, so sehen wir ihn. Schön, zwischendurch ist er Bachelor, aber das berührt ihn in diesem Fall nicht. Er will nicht Bachelor sein, er wird diesen Titel auch nie führen, ihm geht es um den Master. Er hätte glatt auf die Zwischenstufe Bachelor verzichtet und wäre gleich zum Master vorgestoßen, aber das geht nicht. Also absolviert er die in seinen Augen überflüssige Zwischenstufe, zuckt die Schultern und studiert weiter in der Richtung, die er seit Schulabschluss einschlug, nämlich „auf Master“. Ich glaube, wenn man ihn heute, mitten im Masterstudium nach seinem Status fragte, hörte man „Student auf Master“, nicht jedoch „Bachelor“. Ein künftiger Master will nicht vorrangig Bachelor sein mit „ein bisschen was drauf“, er muss halt nur über diese Zwischenhürde springen.

Er ist seit Schulabschluss in seinem Empfinden und in der Sicht der Praxis Student mit dem Ziel Master. Was ist falsch daran?

Nichts, was ich hier sage, spricht gegen den Bachelor. Wer das wollte und damit aufhört, hat einen Berufsabschluss. Aber wer den Master will, ist erst noch auf dem Weg zu seinem Ziel. Die Zwischenstufen hakt er ab. Das Argument, bei einem Scheitern des Masterprojekts wäre er ja immer noch Bachelor, interessiert ihn nicht, wer ans Scheitern denkt, ist schon „tot“.

2. Praktika vor Studienabschluss sind, da sind wir uns alle einig, eine gute, empfehlenswerte Sache. Nach meiner Argumentation unter 1. ist der Masterstudent in erster Linie Student. Und für den sind Praktika eine gute, empfehlenswerte Sache. Wo ist das Problem dabei? Einen früheren FH-Studenten mit Facharbeiterabschluss zwang ja auch niemand, alle Praktika als Facharbeiter zu absolvieren (auch wenn das besser bezahlt worden wäre).

3. Sie sprechen das, was Sie vermutlich denken und meinen, nicht klar aus. Ich darf das nachholen, weil sonst sicher manche Leser nicht verstehen, was hier angesprochen wird:

Sie meinen, der Masterstudent hätte sich vorrangig als Bachelor sehen und statt der Praktika ausschließlich dem Bachelor angemessene Tätigkeiten zum Bachelorgehalt annehmen dürfen. Aber der Student sieht das nicht so und die Praxis auch nicht. Vor allem aber: Ein Bachelor ist (fast) das, was ein Dipl.-Ing. (FH) war. Das Studium scheint tatsächlich etwas kürzer zu sein, aber solche Details sind nicht mein Thema. Es gibt in der Praxis tolle Jobs für Dipl.-Ing. (FH) und für Bachelors (dazwischen macht niemand einen klaren Unterschied, die Unternehmen werden nicht alle Stellenbeschreibungen ändern, nur weil wieder einmal eine Studienreform stattfand). Aber diese Tätigkeiten verlangen eine längere Dauer von idealerweise ab zwei Jahren aufwärts und eine Einarbeitung, die bereits nach Monaten zählt.

Damit gilt: Für einen Masterstudenten sind praktische Einblicke (Erfahrungen wäre zu anspruchsvoll formuliert), wie sie durch Praktika vermittelt werden, unbedingt wünschenswert. Sie auf der Basis der zufällig zusätzlich gegebenen Bachelorqualifikation als Ingenieur zum Ingenieurgehalt in der für Praktika üblichen Zeit zu erwerben, ist unmöglich.

Oder: Niemand stellt einen Masterstudenten (der zwangsläufig auch Bachelor sein muss) für einige Wochen(!) als Bachelor zum Bachelorgehalt ein, wenn völlig klar ist, dass er danach weiter studiert. Es gibt keine drauf zugeschnittenen Arbeitsplätze.

Und: Die Frage 2.427 war keineswegs ärgerlich, ich nehme diesen Einsender gern in Schutz.

Frage-Nr.: 2447
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-11-26

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