Heiko Mell

„Schraubende“ Philosoph“ oder „philosophierender Schrauber“?

Frage/1: Erlauben Sie mir (26) zu Beginn, Ihnen in bewusst die Grenzen des Systems übersteigender Art meine persönliche, aufrichtige und von Herzen kommende Wertschätzung Ihrer Arbeit auszusprechen. Ich empfinde es als unschätzbaren Mehrwert, das System in so direkter und expliziter Weise auch schon vor dem Berufseinstieg erklärt zu bekommen. So kann ich die Berufswelt in bewusster Weise auf den passenden Platz gemäß meinen Lebensvorstellungen verorten.

Frage/2: Ich werde in einem halben Jahr mein Studium der Elektrotechnik (Diplom) mit einem guten Durchschnitt absolviert haben. Parallel studierte ich auch noch Philosophie (Bachelor), hier habe ich einen sehr guten Abschluss. Die Dauer meiner beiden Studien wird insgesamt 16 Semester betragen, mein Alter bei Studienende wird 27 Jahre zählen. Auslandsbezug habe ich nicht erworben. Meine berufliche Zukunft sehe ich fraglos im ingenieurwissenschaftlichen Bereich, konkret im Bereich Forschung und Entwicklung.
Mich würde nun interessieren, wie das System aufgrund meiner ungewöhnlichen Fächerkombination auf mich reagieren wird. Als Grund für mein Parallelstudium würde ich – übrigens wahrheitsgemäß – zuallererst persönliches Interesse angeben. Andererseits ist es wohl der Fall, dass ich mich durch mein Philosophiestudium sehr wohl auch persönlich verändert habe und diese Veränderung in meinem Auftreten und meinen Soft Skills Spuren hinterlassen hat – ich denke, für den Berufsalltag in F+E zumeist positive. Mit einem sich hieraus ergebenden Sonderstatus kann und muss ich mich wohl anfreunden.
Werde ich beim Berufseinstieg wegen meines Parallelstudiums und der darin investierten Zeit von doch ca. drei Jahren auf Ablehnung oder Zuspruch stoßen? Oder wird mein Bachelor in Philosophie lediglich mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen werden? Wie wird die Situation in fünf oder zehn Jahren aussehen?
Meine Einstiegsposition plane ich in der Medizintechnik. Möglicherweise – um dies sicher abzuschätzen, fehlt mir der Horizont – ist ja hier ein Grenzgebiet zwischen Technik und Gesellschaft gegeben. Glauben Sie, nach fünf bis zehn Berufsjahren in dieser Branche kann ich meine geisteswissenschaftliche Ausbildung in irgendeiner Weise nutzbar machen?

Antwort:

Antwort/1:
Es gehört einiges dazu, mich – beinahe – sprachlos zu machen, aber Sie haben es tatsächlich geschafft. Ich entscheide mich, was meine Reaktion angeht, zunächst für den geordneten Rückzug: Artig bedanke ich mich für die – an den Maßstäben meines beruflichen Alltags gemessen – recht blumig formulierten Worte, freue mich über das Lob, verzichte zunächst auf einen Kommentar und versichere den anderen Lesern, dass alles seine Ordnung hat und dass sich in dem folgenden Teil der Frage eine ausreichende Erklärung findet.

Und da ich ohnehin gerade dabei bin, den gewohnten Kampfgeist hintanzustellen, entschuldige ich mich auch gleich bei allen sich betroffen fühlenden Ingenieuren für den Begriff „Schrauber“, ganz besonders bei denen der E-Technik. Aber mir ist nichts eingefallen, was die Dinge hätte besser auf den Punkt bringen (und Sie alle hätte ebenso neugierig machen) können.

Antwort/2: Auf einem grauen Stein saß ein Chamäleon und war rot. Artgenossen kamen vorbei, wunderten sich und hielten etwas Abstand. „Warum machst du das?“, fragten sie. „Weil mir danach ist.“ „Aber wir überleben durch Anpassung“, warnten sie. Das rote Tier zuckte nur mit den Schultern. „In meinem Revier herrscht Ordnung“, krächzte der Waldkauz, stieß auf das alle Blicke auf sich ziehende Ziel hinab und fraß es. „Das konnte ja nicht gutgehen“ und „Hat man so etwas schon gehört“, murmelten die anderen und achteten sehr darauf, sich in ihre Umgebung besonders gut einzufügen.

Soviel von mir zum Grundsätzlichen des Themas. Wen Sie als „Waldkauz“ nehmen, ist egal – aber rote Individualisten in grauer Umgebung riskieren es, besonders schnell gefressen zu werden, das ist die Botschaft.

Fangen wir so an: Wieviele Stellenanzeigen kennen Sie, in denen E-Ingenieure mit Bachelor in Philosophie gesucht werden? Daraus folgt: In der absoluten Mehrzahl der Fälle fallen Sie durch alle gängigen Raster. Teils weil man nichts mit Ihnen anfangen kann, teils weil man genau das befürchtet, was Sie über sich sagen: Sie haben sich verändert, das zusätzliche Studium hat Spuren in Ihrem Auftreten und in Ihren Eigenschaften hinterlassen. Das aber ist potenziell gefährlich (wobei es hier unwichtig ist, ob Sie „anders“ sind, weil Sie Philosophie studiert haben oder ob Sie dieses Studium aufgenommen haben, weil Sie schon vorher „so“ waren).

Ich muss zwei Aspekte erwähnen, die eine Rolle spielen:

1. Bedenken Sie, dass die meisten Entscheider (gerade auch die in Personalfragen) nicht wirklich souverän sind, sondern selbst nur Angestellte, die sich verantworten müssen – und die darauf „getrimmt“ sind, nichts zu tun, was die eigene Karriere belastet. Stellt einer davon Sie ein und es geht gut mit Ihnen, bekommt er kein Sonderlob, da positive Resultate selbstverständlich sind. Gibt es aber „Ärger“ irgendwelcher Art im Zusammenhang mit Ihnen, könnte sich ein höherer Vorgesetzter die Geschichte ansehen, auf Ihre philosophische Schiene stoßen und dann den Entscheider (der Sie eingestellt hat) anmotzen: „Wie konnten Sie den bloß nehmen, der roch doch von Anfang an nach Problemen. Philosophen brauchen wir hier nicht, das hätten Sie doch wissen müssen.“ Weil das nicht gut ist für den Entscheider, lässt er im Zweifel lieber die Finger von „Exoten“.

2. Ich nehme an, Sie kennen meine „Schlüssel-Schloss-Theorie“: Die angestrebte Position ist wie ein Schloss in einer Tür, die gefragte Bewerbung ist der mögliche Schlüssel dazu. Die denkbar beste Aussage, die man über einen solchen Schlüssel machen kann, ist: „Passt!“ Mehr geht schlicht nicht. Sind im Schloss fünf definierte Zuhaltungen, hat der ideale Schlüssel fünf passende Kerben oder Zacken, was weiß denn ich. Aber mit sieben davon ist der Schlüssel nicht etwa besser, er passt einfach nicht mehr! Auch „vergoldet + poliert“ würde nichts nützen.

Ich sehe Ihre Situation so:
Schön, was der Mensch braucht, muss er haben – und wenn es philosophische Vorlesungen nebenbei sind. Dagegen spricht nicht nur nichts, das hätte durchaus Ihre Persönlichkeit ein wenig positiv formen und Ihren Horizont erweitern können.In absolut keiner Weise erforderlich war es, dieses Nebenstudium zu einem offiziellen Abschluss zu bringen – den wird bei einem E-Ingenieur niemals jemand sehen wollen. Sie erwecken höchstens den Verdacht, eines Tages doch umschwenken und hauptberuflich Philosoph werden zu wollen (bei der Gelegenheit: Was macht ein Bachelor-Philosoph eigentlich beruflich, womit verdient er sein Geld?).

Eine ziemliche „Schnapsidee“ aber war es dann, das Doppelstudium so zu gestalten, dass es nicht mehr zu verbergen ist, weil Ihnen als E-Ingenieur schlicht drei Jahre fehlen, die Sie anders nicht erklären können. Das war ein „teurer Preis“, den Sie für ein Hobby bezahlt haben.

Elegant wäre es gewesen, im Hauptstrang E-Technik zu studieren und nebenbei so viele Philosophie-Vorlesungen zu besuchen wie irgend möglich. Wenn dann Ihr E-Studium ein bis zwei Semester länger geworden wäre, hätte sich das gerade noch vertreten lassen. Und Sie hätten bei Bewerbungen Ihr Hobby schlicht unter den Tisch fallen lassen oder nur beiläufig erwähnen können.

Ihre Zielrichtung Medizintechnik in Ehren. Sie scheinen zu denken, dass man dort wegen der Nähe zum hippokratischen Eid der Ärzte andere als rein kapitalistische Maßstäbe hat und eher zu Auch-Philosophen in der Entwicklung neigt als beispielsweise bei VW. Sagen wir es so: Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Auch die Medizintechnik ist ein Geschäft, das sich rentieren muss. Wie beispielsweise die Windenergie-Branche auch. Wer Herz-Lungen-Maschinen baut, will damit Geld verdienen. Andere produzieren Weltraumraketen. Mehr ist nicht.

Soviel dazu. Mit Reaktionen, wie sie aus meinen bisherigen Ausführungen hervorgehen, müssen Sie rechnen. Aber: Die Entscheider sind zum Glück auch bloß Menschen. Unter 100 von ihnen sind immer einige, deren Kinder studieren auch irgendwie „komische“ Fächer. Oder sie selbst haben früher – oder sie hätten gern, haben sich damals aber nicht getraut. Oder sie haben wenigstens einen Neffen, der … Und daher haben sie Verständnis für Sie (so zwei oder drei von hundert vielleicht). Oder einer von denen liest abends philosophische Werke, das alles gibt es.

Daraus leite ich folgende Vorgehensempfehlung ab: Versuchen Sie es mit mindestens(!) hundert Bewerbungen an Firmen aller möglichen Art und Branchen (nicht bloß Medizintechnik), in denen Sie offen zu Ihrem Weg stehen. Mit zwei speziellen Empfehlungen:

1. Ganz klar muss die E-Technik im Mittelpunkt stehen, die Philosophie ist „Nebenkriegsschauplatz“, so eine Art Hobby. Denn „einkaufen“ sollen und werden die Firmen den Ingenieur, nicht den Philosophen.

2. Formulieren Sie Ihr Anschreiben im Stil so wie es unter „Frage/2“ abgedruckt ist, nicht(!) wie unter „Frage/1“.Es gibt durchaus eine kleinere Chance, dass das klappt. Bleibt das erfolglos, kommt Stufe II:Raus mit dem Philosophie-Bachelor aus der Bewerbung, ganz nach hinten/unten mit der Philosophie überhaupt, vielleicht allenfalls unter „Hobbys“. Ich kenne Ihre Daten nicht und weiß daher auch nicht, zu welchen „Mitteln“ Sie in der Darstellung greifen müssten. Sagen wir es so: Ein Dipl.-Ing. E-Technik mit einem Examen „im guten Durchschnitt“ und einem Alter von 27 ist durchaus nicht chancenlos – sofern „Nachteiliges über ihn sonst nicht bekannt geworden ist“ (aus der Behördensprache, die sich z. T. in Arbeitszeugnissen fand oder noch findet).

Was die Zukunft und Ihre Persönlichkeitsentwicklung angeht: Dieser „Touch Philosophie“ in Ihnen hat Sie geprägt, lässt sich ggf. zum Zwecke des problemlosen Einstiegs im Berufsleben zeitweise unterdrücken, wird aber dann wieder „durchschlagen“. Es ist nicht die Frage, ob es Ihnen hilft, es ist einfach Teil Ihrer Persönlichkeit und damit voll beteiligt an Ihren Siegen sowie an Ihren Niederlagen. Es steckt eben drin in diesem Chamäleon – sofern es nicht zu früh gefressen wird, kann durchaus „etwas“ aus ihm werden, sein Weg ist nach „oben offen“ (sofern es nicht …).Aber bedenken Sie: „Waldkäuze“ (die ich für meine Fabel beispielhaft ausgewählt habe; aber die Eule als Fressfeind des Chamäleons gibt es tatsächlich) sind überall. Potenzielle Abweichler-Chamäleons auch, daher diese ausführliche Darstellung mit hoffentlich abschreckender Wirkung auf potenzielle Nachahmer.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2388
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-02-11

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