Heiko Mell

Plan A oder B oder C …?

Frage/1: Ich bin seit Beginn meines Studiums ein eifriger Leser Ihrer Karriereberatung. Diese war für mich ein gewichtiger Grund, dem VDI beizutreten.Ich werde mein Studium im Diplom-Studiengang Maschinenbau an der Hochschule … (eine FH, H. Mell) in Kürze nach zehn Semestern mit 1,9 abschließen. Ich habe mich im Schwerpunkt Fahrzeugtechnik auf die Automobilbranche spezialisiert, wobei ich aktuell bei einem großen deutschen Automobilkonzern meine Diplomarbeit verfasse.Eine Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zeichnet sich dort nicht ab. Es bestünde wohl aber die Möglichkeit einer Tätigkeit als Werkstudent (im Inland) oder ich könnte ein freiwilliges Praktikum an einem Auslandsstandort absolvieren. Zu Beginn meiner Stellensuche hatte ich es kategorisch ausgeschlossen, nach dem Studium als Praktikant zu arbeiten. Nach acht versendeten Bewerbungen (initiativ, für Trainee-Programme und auf konkret ausgeschriebene Stellen) und sechs Absagen beginne ich allerdings, mich auch danach umzusehen.

Frage/2: Ich habe Kontakt zu einer Leiharbeitsagentur knüpfen können und eine positive Antwort auf eine Anfrage bekommen (außerhalb der Branche Fahrzeugtechnik). Von der Tätigkeit in einer Leiharbeitsfirma wurde mir allerdings von vielen Bekannten abgeraten, da es angeblich schwierig sei, diese Schiene später wieder zu verlassen – getreu dem Motto „einmal Leiharbeiter, immer Leiharbeiter“.

Frage/3: Mein letzter Plan wäre, da die Lage momentan ohnehin schwierig ist, die Chance zu nutzen und für ca. sechs Monate das Ausland (Australien/Neuseeland) zu bereisen, um dort Urlaub zu machen bzw. via Work-And-Travel das Land zu erkunden. Gegen diesen Plan spricht meinerseits die poker-artige Spekulation auf bessere Wirtschaftslage und eine Konkurrenz durch dann u. U. von Arbeitgebern bevorzugte frische und jüngere Absolventen.

Antwort:

Antwort/1:
Die deutsche Automobilindustrie ist dabei, ganze Jahrgänge von hochmotivierten jungen Ingenieuren, die sich auf Automobiltechnik spezialisiert hatten, zu verlieren. Dabei weiß jeder, dass diese Arbeitgeber jenen Menschen in Kürze händeringend nachweinen werden. Weil Ingenieure dann wieder einmal fehlen. Aber die sind dann abgewandert in andere Branchen. Auch alle Fachleute in den einschlägigen Firmen wissen das und sind doch machtlos.Denn solange das Spiel nach den geltenden Regeln gespielt wird, kommt das heute sichtbare Ergebnis dabei heraus: Auftragseingänge rückläufig, Umsatzverluste im zweistelligen Prozentbereich, die Kosten fressen den Gewinn, die Aktionäre wollen Resultate der Bemühungen um Ergebnisverbesserung sehen, also Kosten runter – und da hilft es nicht, weniger Kugelschreiber zu kaufen, da bieten sich nur die alles bestimmenden Personalkosten an. Mitarbeiter zu entlassen oder wenigstens radikale Einstellstopps bringen Zahlen aufs Papier, die Eindruck machen. Und wenn Sie mit Betriebsräten über Entlassungen oder anderweitige Einschränkungen reden, dann müssen Sie gleichzeitig konsequent Neueinstellungen ausschließen, sonst gibt es Ärger.

Fazit: Auch wenn alle wissen, dass es unvernünftig ist, Sie und Ihre Kommilitonen jetzt „im Regen“ stehen zu lassen, so ist doch kaum ein anderer Weg möglich (denkbar schon, aber machbar nicht).

Sie haben in dieser Situation aus meiner Sicht drei Möglichkeiten:

a) Sie konzentrieren sich keinesfalls auf diesen einen Automobilhersteller, versuchen aber wenigstens, die Branche für sich zu retten. Das bedeutet: flächendeckende Bewerbungen bei allem, wo „Auto“ draufsteht (acht sind viel zu wenig), vom großen Hersteller bis zum kleinsten Zulieferer. Wenn dabei irgendwo der Einstieg möglich wird, bekommen Sie vielleicht nicht Ihren Lieblingsarbeitgeber, aber wenigstens einen fachlichen „roten Faden“ im Lebenslauf (Fahrzeugtechnik). Später sind Arbeitgeberwechsel innerhalb der Branche möglich, nur den großen Herstellerkonzern werden Sie dann wohl nicht mehr erreichen. Aber technischer Geschäftsführer eines mittelgroßen Zulieferers wäre ja auch ganz schön.

Sofern das klappt, halte ich es für eine weitgehend solide Variante. Einziger zu zahlender Preis: Ihren heutigen großen Lieblingsarbeitgeber müssen Sie abschreiben.

b) Sie spielen auf Zeit und nehmen jetzt eines der Konzernangebote an (Werkstudent Inland oder Auslandspraktikum). Die Hoffnung dabei: In sechs Monaten könnte sich die Marktsituation gebessert haben und die Einstellbremse gelockert worden sein.Klappt das nicht, können Sie immer noch wie unter a beschrieben weitermachen. Sie sind dann ein wenig weiter als heute, weil Sie einen engeren praktischen Bezug zum Automobil aufweisen können und – bei der Auslandspraktikum-Variante – auch noch über zusätzliche (wertvolle) internationale Erfahrungen verfügen. Das nämlich ist heute ein Schwachpunkt Ihres Lebenslaufs: Vorpraktikum und beide Praxissemester haben nicht im Automobilbereich stattgefunden. Sie haben bisher nur Ihre Diplomarbeit als Branchenbezug zu bieten, was etwas „dünn“ ist. Autokonzerne lieben meist Anzeichen für eine intensive Hinwendung zur Branche von früher (beruflich relevanter) Jugend an.

c) Sie ändern Ihre berufliche Langfristplanung und suchen sich eine neue Branche. Das geht durchaus – bei Ihnen auch deshalb besonders gut, weil Ihnen ja bisher der vertiefte praktische Bezug zur Fahrzeugtechnik fehlt. Ich habe schon promovierte Schiffbauingenieure kennengelernt, die waren Führungskraft in der IT eines Konzerns, der noch nie etwas mit Wasserfahrzeugen zu tun hatte.So gegen Ende des ja auf eine bestimmte Branche fixierten Studiums mag Ihnen eine solche „Fremdausrichtung“ schwerfallen, aber es wäre nur konsequent. Fünf Jahre später wäre Ihre dann „falsche“ Studienrichtung weitgehend bedeutungsarm, die praktische Tätigkeit überwöge. Sie werden im Leben noch öfter gezwungen werden, Ihre Planung den Realitäten anzupassen.Nur dürfen Sie der neuen Branche nicht sagen, dass sie für Sie 2. Wahl ist. Sondern Sie sind einfach ein junger Ingenieur, der zufällig Fahrzeugtechnik studiert hat, was man ja in Anschreiben und Lebenslauf nicht unnötig breittreten muss, und jetzt den Einstieg sucht. Dabei sind Sie auf die faszinierende „spannende“ Aufgabe im Hause XY gestoßen …

Antwort/2:
Die Zeitarbeitsbranche – ich glaube, so nennt sie sich offiziell – nimmt aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wichtige Aufgaben wahr, trägt sie doch zu einer erhöhten Flexibilisierung der Arbeitswelt bei. Das ist unbestritten. Auch die Unternehmen schätzen dieses Instrument sehr. Hauptargument: Bei rückläufiger Konjunktur oder bei aus sonstigen Gründen erforderlich werdender Kostenreduzierung ist eine problemarme Personalreduzierung möglich – man setzt zunächst einmal die entliehenen Mitarbeiter hinaus, bevor man an die eigene Substanz (festangestellte Arbeitnehmer) geht.Ob eine solche Beschäftigung für Sie die optimale Basis ist, müssen Sie selbst entscheiden. Ich würde es auf die Kurzformel bringen: Eine Festanstellung bei einem passenden Unternehmen, das Ihre Arbeitskraft braucht, ist je nach individueller Langfristzielsetzung besser, Arbeitslosigkeit jedoch ist deutlich schlechter.

Bedenken Sie auch (wichtig für spätere Arbeitszeugnisse und die Darstellung im Lebenslauf): Als „Arbeitgeber“ fungiert in dieser Phase stets die Zeitarbeitsfirma, nicht das vielleicht weltberühmte Großunternehmen, bei dem Sie – mitunter zufällig, oft nur vorübergehend – eingesetzt sind.

Vielfach verbindet man mit einem solchen Beschäftigungsverhältnis die Hoffnung, vom Kundenunternehmen übernommen zu werden. Dafür jedoch gibt es keinerlei Sicherheit. Für das Kundenunternehmen besteht ja der zentrale Reiz darin, keine langfristige Verpflichtung einzugehen und sich leicht und schnell wieder von dem Mitarbeiter (des Zeitarbeitsunternehmens) trennen zu können. Der Rest ist Hoffnung.

Bedenken Sie auch die Frage möglicher Karrierechancen (sofern Sie als junger, aufstrebender Akademiker daran interessiert sind). Lassen Sie sich dann von einem möglichen Arbeitgeber dieser Zeitarbeitsbranche ruhig einmal interne Aufstiegsmöglichkeiten schildern, schauen Sie sich ggf. Organigramme an und machen Sie sich Ihr eigenes Bild.

Uneingeschränkt interessant für einen Kandidaten sind potenzielle Arbeitgeber immer dann, wenn er dort problemlos für viele Jahre oder gar „ewig“ bleiben und seine beruflichen Ziele verwirklichen könnte. Alles andere ist ein Kompromiss.

Antwort/3:
Seit ziemlich genau siebzehn Jahren, vom ersten Grundschultag an, bildet man Sie aus. Zentrales (wenn auch nicht einziges) Ziel: Ihnen die Fähigkeit zu vermitteln, einen Beruf ausüben zu können. Nun ist das Ende dieses Mammutvorhabens, in das die Gemeinschaft einen Haufen Geld investiert hat, in Sicht. Könnte man da erwarten, Sie würden die Ärmel aufkrempeln und „endlich“ in der Praxis einmal zeigen wollen, was Sie zu leisten imstande sind? Man könnte. Und das denken dann auch später viele Bewerbungsempfänger.

Es ist übrigens auch möglich, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt nach Ihrer Rückkehr noch viel schlimmer ist als heute, es gibt einfach keine Sicherheit im Hinblick auf die Entwicklung. Und dann hätten Sie gegenüber den „frischen“ Absolventen tatsächlich einen Nachteil, Sie wären vom Regen in die Traufe gekommen.

Da in diesem Bereich grundsätzlich „immer alles möglich“ ist: Zumindest im Einzelfall können(!) Sie durchaus auch einmal an einen Bewerbungsempfänger geraten, den Sie an seine eigene Jugend erinnern – in der auch er sein Berufsleben mit einem Super-Urlaub begann. Aber rechnen Sie nicht damit.

Jetzt brauchen Sie mich nur noch zu fragen, wann in aller Welt Sie denn sonst im Leben sechs Monate Australien-Urlaub machen sollen. Die Antwort ist gar nicht so schwierig: Zu jedem beliebigen Zeitpunkt, Sie müssen nur Ihre Familien- und Hausbau-Planung darauf ausrichten und die beruflichen Angelegenheiten von dem Nr.1-Platz Ihrer Prioritätenliste herunternehmen. Und Sie sollten dann Ihre erste Bewerbungsaktion danach nicht an Leute richten, die ein bisschen so denken wie ich.Wissen Sie, ich war auch noch nie für sechs Monate in Australien. Ich will Sie auch gar nicht mit der Versicherung langweilen, dass man das überlebt. Aber ich versichere Ihnen, wenn Sie wie ich 45 durchaus engagierte Berufsjahre mit all ihren Höhen und Tiefen durchstehen, dann haben Sie das starke Gefühl, auch so genügend Aufregendes erlebt zu haben. So manche kennengelernte Führungskraft hat mir so manches Känguru glatt ersetzt.

Kurzantwort:

1. Es ist möglich, dass Sie Ihr Studium auf eine Branche ausrichten, die Sie anschließend nicht haben will – oder die es dann gar nicht mehr gibt. Verzagen Sie nicht: Andere Mütter haben auch schöne Kinder. Nach dem etwas schwierigen Start im anderen Umfeld werden Sie eben dort zum Fachmann.

2. Merkwürdigerweise sind nicht alle Bewerbungsempfänger begeistert, wenn Sie Ihr Berufsleben mit einem Urlaub von extremer Dauer beginnen.

3. In eine von Einstellschwierigkeiten geprägte Branche kommen Sie am besten hinein, wenn Sie diverse Berührungspunkte zu ihr aus der gesamten Studienzeit vorweisen können (Studienschwerpunkt, Praktika, Werkstudentenjobs, Diplomarbeitsthema).

Frage-Nr.: 2366
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-11-06

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