Heiko Mell

Bin ich nun FH- oder Uni-Absolvent?

Frage: Nach Realschule (3,1) folgte eine Facharbeiter-Ausbildung, dann kam ein FH-Mechatronik-Studium. Praxissemester und Werkstudententätigkeit wurden bei einem großen deutschen Automobilkonzern absolviert. Zum siebten Semester wechselte ich an die Partneruniversität in GB, um dort mein Studium im Bachelor-Studiengang Mechanical and Automotive Engineering fortzusetzen. Die dort geschriebene Bachelor-Abschlussarbeit wurde von meiner FH als Diplomarbeit anerkannt.
Ergebnis nach insgesamt acht Semestern: Dipl.-Ing. (FH) mit 1,4 und Bachelor of Engineering (Uni) mit Note First Class Honours und Auszeichnung als bester Absolvent im Studiengang.
Mir wurde in GB ein Weg zum PhD angeboten, was ich ablehnte.Mein langfristiges Berufsziel ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens in der Automobilbranche.
Nicht zuletzt ein Beitrag von Ihnen hat mich dazu bewogen, einen Master-Studiengang zu absolvieren, um mein Wissen im Bereich Betriebswirtschaft/Management zu erweitern. Ich werde also jetzt Engineering Management an der … University in GB studieren. Der Stoff reicht von Strategic Finance über Lean and Agile Manufacturing bis zum HR Management. Das Studium werde ich in einem Jahr abschließen.Den Berufseinstieg plane ich bei einem großen, international bekannten Konzern. Nach etwa zehn Jahren will ich versuchen, in den angestrebten Mittelstand zu gelangen oder ich bleibe im Konzern.
Meine Fragen:

1. Wie bewertet ein Bewerbungsempfänger meinen Lebenslauf?

2. Werde ich von Unternehmen als FH- oder Uni-Absolvent eingestuft?3. Habe ich eine reelle Chance, bei einer international renommierten Unternehmensberatung einzusteigen?4. Zum Berufseinstieg (dann bin ich 28) beabsichtige ich, mich für ein Traineeprogramm zu bewerben. Ist dies sinnvoll oder raten Sie mir zum Direkteinstieg?

Antwort:

Wären Sie als Realschüler nicht so „stinkefaul“ gewesen, hätten wir beide jetzt das eine oder andere Problem weniger (das mit der Faulheit wird man als Leser Ihrer Bewerbung aus dem sehr schwachen Schulabschluss im Gegensatz zu späteren Studienresultaten schließen – intelligenter wird der Mensch mit steigendem Alter nicht). Dann wären Sie gleich aufs Gymnasium gewechselt, hätten eine Universität besucht (man soll seine geistigen Kapazitäten – und Sie haben erhebliche – stets optimal nutzen), vielleicht promoviert oder ein nebenberufliches BWL-Master-Studium (z. B. MBA) absolviert und alle Fragen hätten sich von selbst erledigt. So, das musste erst einmal sein – und ist vielleicht geeignet, den einen oder anderen Nachahmer abzuschrecken.

Natürlich haben Sie auf dieser schwachen Basis sehr viel erreicht und verdienen auch Anerkennung. Aber …Zu dem, was Sie nun da als Ausbildung konstruiert und als Ziel genannt haben:

a) Der deutsche Dipl.-Ing. (FH) mit vorangegangener Lehre und 1,4er Abschluss ist eine auf dem Papier hervorragende Sache, trägt aber bereits ein Kernproblem in sich: FH-Abschlüsse mit 1,x zeigen, dass die geistige Kapazität noch nicht voll ausgeschöpft wurde, dass „da noch etwas ist“. Das führt erfahrungsgemäß leicht zur Unzufriedenheit im späteren Berufsleben. Grundregel: Nach 1,x im FH-Bereich sollte möglichst noch etwas folgen, am besten ein Studium mit Sprung im Anforderungsniveau nach oben.

b) Der britische Bachelor hat den Hauptvorteil für Sie, britisch zu sein (Auslandstouch, Englischkenntnisse); aber zur Lösung des in a geschilderten Problems trägt er nicht bei. Im Gegenteil: Zumindest der deutsche Bachelor rangiert leicht unterhalb des deutschen FH-Abschlusses – die Geschichte bringt Sie nicht weiter. Ebenso wie zwei Realschulabschlüsse an zwei verschiedenen Schulen immer noch kein Abitur wären. Das gilt auch, wenn der britische Abschluss an einer der deutschen Universität vergleichbaren Institution erzielt worden ist. Bachelor ist erst einmal Bachelor, dann erst kommt die Art der Hochschule.Auch in Deutschland, so glaube ich, wird der Uni-Bachelor als höchster Ausbildungsabschluss nicht die große Zukunft haben. Wer mit dem Bachelor aufhören will oder muss, ist grundsätzlich an der FH nicht schlecht aufgehoben.

Und, um auch das auszusprechen: Ein Uni-Bachelor mit Auszeichnung, ob in Deutschland oder GB erzielt, darf einfach nicht höchster Abschluss eines jungen Menschen bleiben. Da muss möglichst noch ein Master nachgeschoben werden, mindestens.

c) Es war sicher richtig, das PhD-Angebot auf Bachelor-Ebene abzulehnen. Nach deutschem Standard ist das irgendwie nicht so richtig passend.

d) Ihr langfristiges Ziel (GF im Mittelstand) ist völlig in Ordnung. Jede Art von Ziel erleichtert die Wahl des Weges. Hängen Sie nur nicht sklavisch daran fest, sondern rechnen Sie damit, das Ziel alle paar Jahre überprüfen und gegebenenfalls an geänderte Umstände anpassen zu müssen. Und reden Sie in den nächsten Jahren weder gegenüber Ihren Chefs oder Kollegen, noch bei Vorstellungsgesprächen darüber, jedenfalls nicht so konkret.

e) Der jetzt von Ihnen angestrebte zusätzliche Master-Abschluss an einer Universität ist grundsätzlich für Sie eine richtige Idee. Sie sollten auf dem Bachelor-/FH-Abschluss mit 1,x nicht stehenbleiben.Ob nun allerdings die gewählte Institution und das gewählte Fach für jemanden, der danach auf den deutschen Arbeitsmarkt drängt (was ich unterstelle), die Ideallösung sind, weiß ich nicht. Sie wissen es auch nicht, sonst hätten Sie Ihre (Kern-)Frage Nr. 2 gar nicht gestellt.

„Ausland“ ist grundsätzlich immer gut. Aber das bringt Ihnen jetzt nichts mehr an zusätzlichem Gewinn – Sie haben ja schon Ihren Bachelor in GB samt dazugehörender Englisch-Vervollkommnung.

Und die Fachrichtung klingt für deutsche Ohren auch nicht so eindeutig, wie man es gern hätte. Ihre Fachrichtung geben Sie mit „Betriebswirtschaft/Management“ an. Als Berufsanfänger ist „Management“ für Sie etwa so brauchbar wie „Strategie für siegreiche Schlachtenführung“ für Rekruten. Natürlich machen Sie irgendwann „in Management“, natürlich schadet Wissen auch Anfängern niemals. Aber der normale deutsche Vorgesetzte denkt über Berufsanfänger etwa: „Erst einmal soll der mehrere Jahre einfach nur arbeiten – Management kriegen wir dann später.“ Will heißen: Irgendein Zertifikat in Management nützt Ihnen beim Berufsstart in der Industrie erst einmal gar nichts – sollten Sie es zu lautstark betonen, kann es sogar nachteilig sein („Ich als zertifizierter Manager …“).

Bleibt Betriebswirtschaft. Sie schadet niemals, nützt am Anfang am Rande und später immer mehr. Nur, Sie sind ja vorrangig Ingenieur. Dem steht eine betriebswirtschaftliche Zusatzausbildung gut an. Noch einmal nur: Der FH-Ingenieur wird durch einen betriebswirtschaftlichen Uni-Abschluss nicht zum TH-Ingenieur. Eher würde er zu einem „englischen Diplomkaufmann mit technischem Zusatzwissen“ – aber dafür ist die BWL-Komponente Ihres Masterstudiums nicht tiefgängig genug.

Da stehen wir nun und wissen nicht so recht weiter. Am sichersten wäre es, wenn Sie sich später als FH-Ingenieur mit betriebswirtschaftlichen und weiteren Zusatzkenntnissen begreifen würden. Sicher, Sie sind dann auch Master – aber nicht in den reinen Ingenieurwissenschaften. Vielleicht findet sich jemand, der Ihre Abschlüsse dann interpretiert als „Master im Wirtschaftsingenieurwesen“ mit einem zusätzlichen FH-Abschluss als Dipl.-Ing.Ich fühle mich da überfordert – und fürchte, das könnten viele Bewerbungsempfänger auch sein. Im Grunde wollen Sie drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie wollen den zusätzlichen Auslandstouch, Sie wollen die Zusatzqualifikation in Betriebswirtschaft und Management und Sie wollen sich vom Bachelor zum Master aufschwingen. Und das alles in einem Jahr. Ich fürchte, das wird der deutsche Markt so nicht einfach akzeptieren. Ein deutscher Uni-Master in Ingenieurwissenschaften brächte Sie vermutlich weiter.

Zu Ihren Fragen:
Zu 1: Erst einmal etwas weniger kritisch als ich. Sie sind für ihn ein FH-Absolvent mit sehr gutem Examen und Auslandstouch. Und wenn er über Ihren speziellen Master den Kopf schüttelt, so zeigt er es nicht (er sucht ja derzeit händeringend Ingenieure).

Zu 2: Vermutlich, solange Sie sich um Ingenieurpositionen bemühen, als FH-Absolvent. Aber einen dramatischen Unterschied gibt es meist nicht. Großkonzerne, die sich eine eigene HR-Abteilung für Hochschulmarketing leisten, sind eventuell aufgeschlossener für Ihre spezielle Master-Uni-Qualifikation, der Mittelstand eher nicht.

Als „Trost“: Was meinen Sie, wie viel Mühe sich britische Institutionen wohl geben, Abschlüsse des größten EU-Partners Deutschland richtig einzuordnen? Dagegen sind wir regelrecht aufgeschlossen und übereifrig.

Zu 3: Durchaus. Vielleicht hätten die ganz gern noch eine Promotion gehabt, aber Master, gute Noten und perfektes Englisch sind dort eine gute Empfehlung (einige Großberatungen sagen übrigens Bewerbern ganz offen, es seien dort 70 h pro Woche üblich – es war schon immer etwas mühsamer, zur Elite zu gehören). Aber für den GF im Mittelstand ist dieser Weg keinesfalls erforderlich.

Zu 4: Ein thematischer Dauerbrenner unserer Serie. Alsdann: Hat ein anvisierter Großkonzern ein Traineeprogramm und hat man als Bewerber ausgeprägte Karriereambitionen, so ist beim Einstieg dort(!) das Traineeprogramm vorzuziehen. Hat ein Unternehmen kein Traineeprogramm, spricht nichts gegen den Direkteinstieg dort. Und: Sich wegen des dort vorhandenen Traineeprogramms bewusst für einen Arbeitgeber zu entscheiden, ist denkbar, aber nicht pauschal notwendig. Das Traineeprogramm hilft der Karriere dort, wo es angeboten wird, repräsentiert aber keinen „Wert an sich“.

Kurzantwort:

Es ist erstrebenswert, schon in früher Kindheit und Jugend alle Begabungsreserven zu erschließen und die jeweils erreichbare hochwertigste Ausbildung zu absolvieren.

Frage-Nr.: 2273
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-11-19

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