Heiko Mell

Die Qual der Wahl Zwischen allen Stühlen

Frage: Ich bin 25 Jahre alt, studiere … an einer Universität und schreibe derzeit meine Diplomarbeit. Ich werde nach neun Semestern (Regelstudienzeit: 10) mit einer für mich äußerst positiven Note von voraussichtlich 1,8 mein Studium beendet haben (Abitur: 2,5).
Mein Ziel, ohne überheblich klingen zu wollen, ist es, langfristig in eine verantwortungsvolle Führungsposition zu kommen. Die Frage ist: Was mache ich nach dem Studium? Die Möglichkeiten sind vielfältig. Doch welche ist die richtige für mein Ziel?

A: Doktorand an einer Hochschule / einem Institut (ca. 5 Jahre)
B: Kleineres Ingenieurbüro mit verantwortungsvollen Aufgaben, Projektleitung wird in Aussicht gestellt.
C: Traineeprogramm eines jener großen Unternehmen, die gezielt auf diese Weise Führungsnachwuchs heranbilden (sehr geringe Chancen, genommen zu werden).
D: Direkteinstieg in ein mittelständisches oder großes Unternehmen, z. B. als Entwicklungsingenieur.
E: Eine Möglichkeit, an die ich noch nicht gedacht habe.Welche Variante(n) empfehlen Sie mir?

Antwort:

Wie das Abitur, so der Uni-Abschluss. Offenbar ist diese meine Erkenntnis, die zum Lehrstoff jeder 10. Gymnasialklasse gehören müsste, nicht etwa Allgemeingut, sondern immer wieder eine Sensation: Warum das so ist, weiß ich nicht, aber ich habe mit dieser Aussage so oft recht und verblüffe damit immer wieder, dass ich mich langsam als einsamer Entdecker dieser eigentlich höchst banalen Zusammenhänge sehe. Was für eine Tat, damit eventuell in die Geschichte einzugehen.

Natürlich stimmt diese Kurzformel nicht bei 100 % aller Absolventen. Denn es gibt Umstände, Katastrophen, äußere Einflüsse, Partner/innen oder Nachwuchs, sich schlicht ändernde Menschen, Spätentwickler, Kranke etc. Aber im Regelfall stimmt es, Abweichungen von ± 0,5 Noten inbegriffen.

Warum schreibe ich das gerade hier – wieder einmal – hin?Weil ich es hier für wichtig halte, denn Sie liegen mit 2,5 beim Abitur und 1,8 beim Uni-Examen außerhalb der „Serienstreuung“. Das bedeutet zweierlei:

1. Als Sie an die Uni kamen, waren Sie Durchschnitt mit Ihrem 2,5er Abitur. Nicht die Zahl ist wichtig, sondern die aus dieser Leistung „rückfließende“ Prägung der Persönlichkeit: Ich schwimme gut mit, bin nie gefährdet, aber brillant ist anders.Irgendwann seitdem ist etwas mit Ihnen geschehen. Sie haben „Blut geleckt“, haben Leistung gezeigt, sind ehrgeizig (eine positive Eigenschaft!) geworden. Noch wundern Sie sich selbst darüber („… ohne überheblich klingen zu wollen, …“), fast entschuldigen Sie sich dafür.

Aber: Mit dem Niveau von 1,x muss man leben und umgehen lernen – was etwas leichter fällt, wenn man schon in der Schule … Will heißen: Wer „immer schon“ auf 1,x-Niveau stand, entwickelt eher ein dazu passendes Denken hinsichtlich seines weiteren berufsrelevanten Weges. Es ist wie mit Reichtum, an den man von Kind an gewohnt ist. Sicher sind auch andere Beispiele denkbar.Aus dieser Konstellation heraus dürften Sie unsicherer sein als andere 1,x-Kandidaten – weil vieles davon neu ist für Sie. Ich stelle das heraus, weil man besser mit etwas umgehen kann, wenn man weiß, wo es herkommt.2. Es ist viel leichter, zu einem bestimmten Zeitpunkt „oben“ zu sein, wenn man schon früh oder von Anfang an „oben“ dabei war.

Das gilt immer:
Wer die berufliche Praxis bei seiner Pensionierung mit einer besonders ranghohen Position verlassen will, ist gut beraten, schon in den ersten Jahren des Berufslebens in seiner Alters- und Tätigkeitsgruppe zu den als herausragend eingestuften Leistungs- und Hoffnungsträgern („Nachwuchskraft mit Potenzial“) zu zählen. Das ist im Sport ebenso: Wer eines Tages in die Fußball-Nationalmannschaft will, darf nicht mit 30 immer noch in der Kreisklasse spielen („Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten“). Wer ein Top-Examen an der Uni will, hat es leichter, wenn er schon in den unteren Semestern Top-Ergebnisse hat. Und ein Top-Abitur ist leichter zu erringen, wenn man schon in der siebten Klasse auf 1,x stand.

Und das alles bedeutet: Sie haben etwas „tiefer“ angefangen, wir wissen nicht, wann es Sie „gepackt“ hat – da ist es möglich, dass Ihre 1,8 im Examen noch gar nicht Ihr ganzes Potenzial widerspiegeln. Mit einem Abitur von 1,8 und gleicher Energie im Studium hätten Sie dort eventuell noch deutlich mehr erreichen können. Auch das gilt es zu berücksichtigen.

Spätestens an der Stelle gebührt Ihnen ein Lob für Ihre Zieldefinition. Noch ist sie etwas unpräzise, aber immerhin ist sie hilfreich.Mein Lösungsansatz für Sie: Zunächst stellt sich Ihnen die zentrale Frage: auf klassischem Weg promovieren oder direkt hinein in die Praxis eines Wirtschaftsunternehmens. Entscheiden Sie sich für die Promotion, bekommen Sie den Rest der Entscheidungsprobleme erst in fünf Jahren.Ich glaube also (Alter, Examensergebnis bei Ihrer Ausgangslage, Kürze des Studiums), dass Sie Ihr Potenzial noch gar nicht ausgenutzt haben. Die Erfahrung lehrt: Die Betroffenen leiden später darunter, sie führen unerfüllt bleibende Träume auf den nicht vorhandenen Doktor-Grad zurück. Und es gibt nur wenige Dr.-Ingenieure, die später sagen, sie hätten „es“ (die Promotion) nicht machen sollen.

Also lautet die Faustregel: Wenn man überhaupt mit einer weitergehenden Möglichkeit (Promotion) spielt, sollte man eine Hochschule erst verlassen, wenn man entweder sicher sein kann, das persönliche Potenzial ausgeschöpft zu haben oder doch wenigstens an Wertigkeit des Abschlusses alles mitgenommen zu haben, was problemarm greifbar war. Man bereut es sonst später. (Und falls das jemand liest, der nun davon betroffen ist: Auch der Bachelor-Absolvent mit 1,0 sollte damit keinesfalls aufhören, sondern seinen Master machen.)

Sie also, geehrter Einsender, sollten meiner Meinung nach promovieren.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2190
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-01-30

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