Heiko Mell

Geld, Entwicklungschancen, Start im Ausland

Frage: Ich bin Student an einer Fachhochschule. Nun steht mein Berufseintritt kurz bevor. Es bietet sich mir die Chance, meinen ersten Job bei einem renommierten amerikanischen Unternehmen im Raum Amsterdam zu beginnen.Den Vorteilen (interessante Stadt, neue kulturelle Erfahrungen und meine generelle Affinität zur niederländischen Kultur) stehen die Nachteile eines im Vergleich zu Deutschland geringeren Einstiegsgehalts (ca. 80 %) und ungewisser Entwicklungsmöglichkeiten gerade am Anfang gegenüber.
Welche Aspekte raten Sie mir zu bedenken, welche Punkte sind eher zu vernachlässigen?

Antwort:

Nach schön, wer nur die Hälfte üblicher Bezüge bezöge, stünde vor einem Problem. Aber -20 % sind keines, alles andere überwiegt. Berufseinsteiger sind gut beraten, diesen Aspekt auf ihrer Prioritätenliste ganz weit nach hinten zu schieben. Nahezu alles, was sonst mit einer Einstiegsposition verbunden ist, hat für die Laufbahn eine große Bedeutung, das Gehalt wird im Hinblick auf später erreichbare Bezüge schnell bedeutungsarm. Werden Sie irgendwann einmal Vorstand – in diesen Kreisen klagt man dann nicht mehr über Geld. Obwohl gerade dort bei grundsätzlich vergleichbaren Positionen Abweichungen von mehreren hundert Prozent vom Vorstands-Durchschnitt vorkommen. Aber der Berufseinsteiger „verdient“ noch gar kein Geld, er bekommt es zumindest in der Probezeit eher als Geschenk (weil man von einer dem Gehalt gegenüberstehenden Leistung eigentlich gar nicht reden kann).

Als Anmerkung: Trotz dieses Umstandes rate ich davon ab, in Vorstellungsgesprächen etwa zu fragen: „Na, wieviel wollen Sie mir denn zum Start monatlich schenken?“

Nächster Punkt: „Entwicklungsmöglichkeiten“ gibt es für Anfänger in den ersten drei Beschäftigungsjahren praktisch gar nicht und in den ersten fünf Jahren nur selten. Man lernt, arbeitet sich ein, erwirbt Erfahrungen und gewinnt an Fähigkeiten, mit den Tücken des Alltags fertig zu werden. Wer danach erstmals und dann alle fünf Jahre befördert würde, wäre mit etwa 46 Jahren Vorstand oder Geschäftsführer – das reicht. Außerdem bleiben viele Anfänger nicht einmal drei Jahre beim ersten Arbeitgeber, warum auch immer. Schließlich wird der Arbeitgeber überfordert, wenn er schon bei der Einstellung etwas zur späteren Beförderung sagen sollte: Noch ist nicht einmal sicher, ob der Kandidat als reiner Ausführer von Anweisungen taugt, ob er selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten kann, sich im Team bewährt, Ideen entwickelt, sich durchsetzt und so nach und nach Potenzial für „mehr“ zeigt, da will man mit ihm noch nicht ernsthaft über seine „Entwicklung“ diskutieren.

Außerdem plant man in der Industrie personell kaum über zwei Jahre hinaus, oft noch nicht einmal über sechs Monate. Und da die erste Beförderung ohnehin kaum vor fünf Berufsjahren stattfindet, lautet die Empfehlung: Suchen Sie die Firma, den Unternehmenstyp, die Branche, Ihre künftige Tätigkeit und – soweit Sie das vermögen – die Person Ihres Chefs mit Bedacht aus. Nichts davon ist pauschal „besser“ als anderes, aber manche Konstellation passt besser zu Ihnen als andere das tun.
Und dann gilt: Geraten Sie in ein sehr großes Unternehmen, gibt es nahezu zwangsläufig „Entwicklungsmöglichkeiten“ – wenn Sie dort auf Dauer nichts werden, liegt das an Ihnen (wie immer bei diesen Themen kann es im Einzelfall einmal eine Ausnahme geben, aber das spielt „statistisch“ keine Rolle). Gehen Sie in ein kleines Unternehmen, sollten Sie damit rechnen, zur Wahrnehmung späterer (in fünf Jahren) Entwicklungsmöglichkeiten die Firma wechseln zu müssen. Der mittelgroße Arbeitgeber liegt irgendwo dazwischen, kann aber bei der Einstellung auch noch nichts dazu sagen.Auch wenn man, was durchaus erlaubt wäre, Entwicklungsmöglichkeiten rein fachlich (steigende Selbstständigkeit etc.) definieren würde, änderte sich an obiger Aussage kaum etwas.

Fazit: So schön und wichtig wie Entwicklungsmöglichkeiten dann sind, wenn man „reif“ (qualifiziert) dafür ist, sie wahrzunehmen, so wenig ergiebig ist die Diskussion darüber im Vorstellungsgespräch eines Berufsanfängers.

Oder anders: Sie heiraten den ersten Arbeitgeber nicht, Sie erwählen hingegen einen Lebensabschnittspartner (im Wissen darüber, dass es nach ihm andere geben wird).Kommen wir zum Ausland: Entsprechende Erfahrungen (berufliche, mindestens zwei Jahre andauernde Einsätze) werden immer wichtíger, siehe „Globalisierung“. In diversen Konzernen sind bestimmte Karrierestufen nur erreichbar, wenn solch ein Auslandseinsatz nachgewiesen werden kann. Manche Arbeitgeber sagen dabei, der Kandidat solle „für uns“ im Ausland gewesen sein, anderen reicht die allgemeine, auch anderswo erworbene Erfahrung.

Das Problem: Sich als Anfänger irgendwo in Deutschland zu bewerben und – jetzt oder später – unbedingt für dieses Unternehmen ins Ausland zu wollen, das funktioniert nicht. Die Firmen schicken jemand dorthin, wenn sie einen entsprechenden Bedarf haben (wann das ist, weiß vorher niemand) und wenn der Mitarbeiter dafür fachlich und persönlich qualifiziert ist (ob und wann er das sein wird, weiß vorher auch niemand).Also ist solch ein Angebot, wie Sie es jetzt haben, eine recht gute Lösung des Problems. Noch sind Sie jung und relativ ungebunden. Mit Ehefrau und drei schulpflichtigen Kindern sowie einem noch nicht bezahlten Haus sieht das schon anders aus (es muss aber in vielen Fällen dennoch gehen!).

Zentraler Nachteil der Geschichte: Nach Ihren zwei (das wären genug) bis drei Jahren im Ausland haben Sie noch keine Praxis auf dem deutschen Arbeitsmarkt, konnten sich unter den besonderen Gegebenheiten unserer Verhältnisse noch nicht bewähren – und Sie müssen sich dann ohne Hilfe Ihres Arbeitgebers im „deutschen Ausland“ einen Job besorgen. Niemand zahlt Ihre Rückkehrkosten, wie es bei einer befristeten Entsendung von einem deutschen Standort der Fall gewesen wäre. Wegen der kulturellen und räumlichen Nähe der Niederlande zu Deutschland sind beide Aspekte weitgehend zu vernachlässigen (bei Indien oder Chile hätte das mehr Gewicht).

Versuchen Sie, im Ausland noch keine große Karriere zu machen, dann ist Ihre Eingliederung in den – fremden – deutschen Arbeitsmarkt leichter. Hintergrund dafür ist die Grundregel: Wer irgendwo führen will, muss unter vergleichbaren Umständen längere Zeit nichtführend gearbeitet haben. Und Sie kämen eventuell als Ex-„…-Leiter“ nach Deutschland, wollten hier natürlich auch Leiter sein, hätten aber auf unserem Arbeitsmarkt keinerlei Praxis. Auch dieser Aspekt wiegt stärker, wenn das „Ausland“ aus dem Sie kommen, weiter von uns entfernt ist.

Ich rate Ihnen im konkreten Falle, das Angebot ernsthaft zu prüfen.

Kurzantwort:

Für den Berufseinsteiger kann es interessant sein, die ohnehin zu empfehlende Auslandspraxis direkt nach dem Studium (zwangsläufig als Angestellter eines ausländischen Unternehmens ohne vertragliche Rückkehrmöglichkeit nach D) zu erwerben.

Frage-Nr.: 2172
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-11-16

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