Heiko Mell

Überstunden, Stundenlöhne usw.

Frage: Ich habe eine dringende Frage zur Bezahlung eines Berufseinsteigers. Ich hatte letzte Woche ein Vorstellungsgespräch bei einem mittelständischen Unternehmen. Dort bietet sich für mich als angehenden Dipl.-Ing. (FH) eine sehr interessante Stelle mit Verantwortung in eigenen Projekten.
Bei dem Vorstellungsgespräch (nur mit Fachvorgesetzten, ohne Personaler oder GF) wurde meine Gehaltsvorstellung erfragt. Mit 39.000 EUR Jahresbrutto gab ich für ein mittelständisches Unternehmen einen leicht erhöhten, aber noch im Rahmen liegenden Wunsch ab.Mir wurde dort auch gesagt, dass die wöchentliche Arbeitszeit 40 h beträgt. Zusätzlich werden ca. 20 Überstunden im Monat erwartet, für die weder Freizeitausgleich noch Bezahlung erfolgen.
Erst nach dem Gespräch rechnete ich nach: Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt somit 45 h, also 29 % mehr als die „übliche“ (oder besser: tarifliche) von 35 h! Ich halte es für gerechtfertigt, dass man von einem Ingenieur ein gewisses Pensum an Mehrarbeit erwartet. Aber bisher hatte ich immer gedacht, dass dieses auch vergütet wird.
Müsste sich nun der Grundlohn entsprechend anpassen (also um 29 % erhöhen) oder ist es üblich, so viel unbezahlte Mehrarbeit zu leisten?
Kurzfristig findet ein zweites Gespräch statt, dann mit der Personalabteilung. Bis dahin sollte ich mir die Sache gut überlegen.
Ihr begeisterter Leser …

Antwort:

Hoffentlich hält sich das mit der Begeisterung.

Ich versuche es einmal so: In Ihrer Situation hat es der Bewerber vor allem mit zwei Aspekten zu tun, die durchaus wichtig sind, sich aber beide einer streng rationalen Beurteilung entziehen. Am schlimmsten ist: Es fehlt ihm dazu an Fakten. Hätte er die, könnte er viel besser entscheiden. Die beiden Aspekte sind:

1. der Job als solcher inklusive Umfeld und Randbedingungen (Name/Bedeutung des Unternehmens, Sicherheit des Arbeitsplatzes, Attraktivität der Position einschließlich der zu lösenden Aufgaben, Lerneffekt/dort zu erwerbende Fach- und Branchenkenntnisse, Förderung durch das Unternehmen, Person des Chefs, Verhältnis des späteren Mitarbeiters zu diesem);

2. die Vertragsbedingungen (an erster Stelle die Bezahlung, aber auch Kündigungsfrist, Wettbewerbsverbot u. Ä. sind interessant, für entsprechende Fanatiker spielt sogar die Urlaubslänge noch eine Rolle).Wüsste man nun schon beim Erstkontakt jeweils „alles“ über diese Details, insbesondere über die Entwicklung der einzelnen Faktoren in den nächsten Jahren, wäre eine solide Entscheidung möglich. Aber Sie wissen nichts – und damit bleibt nur eine Bauchentscheidung.

Weitere relevante Überlegungen:

– Sie wissen noch nicht einmal, wie die Vorgesetzten dort das mit den erwarteten 20 Überstunden meinen: Vielleicht werden 30 daraus. Vielleicht aber wird nur viel geredet, um ein hohes Anspruchsniveau aufzubauen – und in der Praxis wird dann nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde (in Wirklichkeit bleiben möglicherweise nur 3 oder 4 h im Jahresmittel übrig). Sie wissen nicht, was die anderen Mitarbeiter in vergleichbaren Positionen dort verdienen und wo die „Schmerzgrenze“ für das Unternehmen liegt („Hätte ich auch 45.000 EUR fordern können, hätten die mich dann nach Hause geschickt oder nur heruntergehandelt?“).

– Ein bösartiger, schwacher, desinteressierter, ungerechter Vorgesetzter wiegt jede(!) auch nur denkbare Gehaltsgröße mehr als auf! Er schadet Ihnen weitaus mehr als Ihnen ein höheres Gehalt genützt hätte.- Es gibt schlicht keine Gerechtigkeit, schon gar nicht in Einkommensfragen. Das Wort kommt in unserem Wirtschaftssystem gar nicht vor. Ärgern Sie sich ruhig über Ihr jeweiliges Gehalt, das tun die anderen auch. Natürlich nützt es ebenso viel wie Klagen über das Wetter.

– Noch in zwanzig Jahren hat die „damals“ (also heute) von Ihnen wahrgenommene Aufgabe, hat das, was Sie lernen konnten, hat der damalige Chef mit seinem Verhältnis zu Ihnen eine Bedeutung, die immer noch auf Ihren Berufsweg ausstrahlt. Auch ich schreibe hier als Folge einer Kette von Begebenheiten und Entscheidungen, die 1965 ihren Anfang nahm (nein, da hat Kaiser Wilhelm nicht mehr regiert, das war noch früher). Und so werden Sie – so oder so – im Jahre 2051 auch denken. Vor allem aber gilt: Was ich damals oder was Sie aus der Sicht von 2051 „damals“ verdient haben, lässt uns beide nur noch müde lächeln. In meinem Fall waren es umgerechnet etwa 5.355 EUR (pro Jahr, brutto).

– Geld und Arbeitszeit sind in Zahlen fassbar, die anderen Aspekte nicht. Um Ihren Kommilitonen zu imponieren, brauchten Sie nur eine solche Zahl in die Diskussion zu werfen; um das mit Ihren Aufgaben und sonstigen Umfeldaspekten (Person des Chefs!) zu schaffen, brauchten Sie Stunden.

Zum Kern der Sache:

– Die 35 h sind eine völlig willkürliche Größe. Niemand hat je errechnet oder bewiesen, dass dies der Weisheit letzter Schluss ist. Die Zahl ist entstanden im Machtpoker der Tarifparteien. Fachleute sind nicht glücklich darüber. Die hohen deutschen Gehälter (ebenso entstanden) und die wenigen deutschen Arbeitsstunden führen zu extrem hohen Stundenlöhnen, die wiederum unsere Produkte verteuern. Und so viel besser sein als wir im Vergleich gegenüber den fleißigen und kompetenten chinesischen, indischen, tschechischen oder rumänischen Ingenieuren teurer sind, können wir gar nicht. Daher kommt der Trend in vielen Bereichen, wieder mehr zu arbeiten, damit die Stundenlöhne, die direkt auf die Herstellkosten durchschlagen, erträglich werden. Sie können allenfalls sagen (und könnten es beklagen), woanders werde aber nur 35 h/Woche gearbeitet. Welche Firmen mit welcher Wochenarbeitszeit und davon abhängender Kostenstruktur jedoch langfristig überleben, steht noch nicht fest. Am Rande: Firmen, die so wenig wie möglich ausgeben (also hohe Gehälter vermeiden), sind in Krisen oft stabiler als die anderen.

– Vermutlich ist jenes spezielle Unternehmen nicht tarifgebunden. Das gibt es im Mittelstand oft. Dann gelten schlicht Tarifverträge nicht. Ob sich die Angestellten dort unter Einbeziehung aller(!) in diesem Beitrag genannten Aspekte langfristig schlechter stehen, ist noch nicht erwiesen. Wenn die (z. B. Handy-) Sparte eines Konzerns bei voller Tarifgeltung an fremde Konzerne verkauft und dort – wieder bei voller Tarifgeltung – geschlossen wird, dann hat den Mitarbeitern die tariflich garantierte Überstundenzahlung letztlich nichts genutzt (ich habe nicht gesagt, die Sparte sei wegen des geltenden Tarifs in wirtschaftliche Turbulenzen geraten, ich sage nur: Tarif ist nicht alles).

– Wenn das Unternehmen vorher sagt, die Regelarbeitszeit betrage 40 h, dann ist das ja in Ordnung. Jeder kann entscheiden, ob er dort hingeht oder nicht (eine „Abstimmung mit den Füßen“). Die 40 h sind einfach ein Faktor, den Sie bei der Arbeitgeberwahl berücksichtigen müssen – wie die Qualität des Kantinenessens oder die Quadratmeter Büroraum pro Arbeitplatz, beispielsweise.

Ob dort mehr geleistet werden muss als anderswo, steht übrigens noch gar nicht fest. Halbtagskräfte, das ist bekannt, leisten pro Stunde meist mehr als ihre voll arbeitenden Kollegen. Es ist immerhin denkbar, dass so mancher Mitarbeiter sich seine Zeit so einteilt, dass er nun in 40 h erbringt, wofür anderswo 35 h gebraucht werden. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte: 40 h Norm-Anwesenheit, Leistungen wie sonst in 37,5 h, gemessen am Maßstab der 35 h-Woche. Bei vielen anspruchsvollen Tätigkeiten lässt sich das weder festlegen noch kontrollieren. Und wenn man in eine längere Wochenarbeitszeit mehr „Meetings“ packt, wird auch mehr albernes Zeug geredet, beispielsweise.

– Sollten Sie mit Freizeitverlust argumentieren, hätten Sie uneingeschränkt recht – daran ist nicht zu rütteln. Es kommt auf die Bewertung an. Aber „viel Freizeit“ und „viel Karriere“ sind ohnehin Gegenpole.- Die Hochrechnung Ihrer Gehaltswünsche von – fiktiven – 35 auf 40 h ist absolut „daneben“. Dann bliebe für das Unternehmen kein wirklicher Vorteil übrig. Es geht ja gerade um die Verringerung der Kosten pro Arbeitsstunde! Es soll eben ein niedrigerer Stundenlohn herauskommen.

– Kernpunkt sind schließlich die 20 erwarteten, unbezahlten Überstunden. Nun, wir sind hier eine Karriereberatung. Und in deren Rahmen ist – das wird allgemein so gesehen – „Tarifangestellten-Mentalität“ fast ein Schimpfwort. Gemeint ist jemand, der nur seine Rechte und Ansprüche im „Hier und Jetzt“ sieht, statt die Dinge unter Aufstiegs- und Zukunftsaspekten zu werten.Es gilt der Grundsatz: Wer aufsteigen will, muss längere Zeit denken, handeln, arbeiten, sich benehmen (ggf. sogar kleiden) wie ein typischer Vertreter der Ebene, in die er hinein will. Und wir gehen einmal davon aus, dass Sie weiter nach oben wollen. Die nächste Stufe ist dann das außertarifliche Angestelltenverhältnis (AT). Dort werden generell Überstunden erwartet, aber nicht bezahlt.

Mitarbeiter eines hochrenommierten deutschen Automobilkonzerns berichten, dort müsse man inzwischen auf bestimmten Beförderungspositionen zwei Jahre lang zum bisherigen Gehalt arbeiten, bevor man die zur neuen Stelle passende Einstufung bekäme. So ähnlich wäre es bei Ihnen auch.

Überlegen Sie also, wo Ihre Ziele liegen. Und dann entscheiden Sie entsprechend. Bedenken Sie auch, dass – gäbe es Gerechtigkeit – der Berufsanfänger in den ersten sechs Monaten (z. T. sogar länger) noch Geld mitbringen müsste. Erst dann kann er etwas leisten, das ein Entgelt wert ist.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2170
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-11-09

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