Heiko Mell

Prägung durch die Startposition?

Frage: Ich schreibe derzeit meine Diplomarbeit bei der XY GmbH zum Thema … Ich würde gern wissen, inwiefern das erste Arbeitsverhältnis entscheidend ist für die spätere berufliche Laufbahn.Angenommen, ich arbeite direkt nach dem Studium als Konstrukteur bei einem Ingenieurdienstleister und bleibe dort ein, zwei oder drei Jahre. Besteht nach dieser Zeitspanne die Möglichkeit, bei einem anderen Unternehmen in ein anderes Aufgabengebiet einzusteigen (z. B. Entwicklungsingenieur/Projektingenieur in der thermischen Verfahrenstechnik) oder würde man mich zurückweisen?

Antwort:

Warum wollen Sie diesen komplizierten Weg gehen? Man versteht nicht, welche Absicht Sie überhaupt verfolgen. Ihr mir gegenüber genanntes Diplomarbeitsthema ist Fachgebiet A. Das ebenso genannte Unternehmen, bei dem Sie schreiben, gehört grundsätzlich zur Branche B. Dem Ingenieurdienstleister als solchem will ich gar keinen Branchenbuchstaben zuordnen, aber Sie wollen dort allgemein als Konstrukteur arbeiten. Man wird Sie also irgendwo als Leiharbeiter einsetzen, nennen wir das Gebiet C. Später wollen Sie in die thermische Verfahrenstechnik. Da diese bisher nicht vorkam, nenne ich das Gebiet D. Warum das alles? Man erkennt den Masterplan, die zentrale Strategie dahinter nicht!

Da ich auf dieser Basis zum Detail nichts sagen kann, formuliere ich allgemein:Beim Berufsstart braucht man ein mittelfristiges berufliches Ziel, definiert etwa so:In was für einem Unternehmen (Typ, Größe) welcher Branche will ich in ca. sieben bis zehn Jahren etwa(!) was sein (Tätigkeitsrichtung, Hierarchie)? Keine Angst, das ist nur die Idealvorstellung (das Leben besteht aus dem eleganten Umgang mit Abweichungen davon), aber die müssen Sie immerhin kennen.

Und dann passen die wichtigsten Praktika zum Zielunternehmen, das Diplomarbeitsthema passt zum Tätigkeitsgebiet und der Startarbeitgeber passt zum eventuellen zweiten, falls zwischendurch ein Wechsel erforderlich wird.Um zum Automobilkonzern CNX (bewusst verfremdet) zu kommen, müssen Sie nicht Ihre Praktika bei CNX absolviert haben, Sie müssen auch Ihre Diplomarbeit nicht bei CNX geschrieben haben. Aber beides bei den Automobilkonzernen „Dolores“ oder „WX“, das wäre eine gute Empfehlung. Und ein Diplomarbeitsthema über irgendetwas, das man im Automobilbau einsetzen kann.

Dieses Idealbild gilt als Zielvorgabe, die man zumindest doch anstreben sollte.Für den Einstieg nach dem Studium gilt: Das erste Unternehmen (Typ, Größe) mit seiner Branche und die dort ausgeübte Tätigkeit prägen den weiteren Berufsweg – der dann am einfachsten als Weiterführung des so begonnenen Weges zu gestalten ist. Jede Änderung eines dieser Kriterien zu einem späteren Zeitpunkt ist zwar möglich, es handelt sich aber jeweils um einen Kraft und Zeit kostenden Umweg. So wie man von Stuttgart nach Hamburg am besten auf möglichst geraden Wegen fährt, während die Ausrichtung auf das Zwischenziel „Dresden“ eben doch zu einem Umweg führt.

Und, vergessen Sie das nicht, der Name des Arbeitgebers, von dem Sie kommen, wird ein Teil Ihrer Qualifikation. Wichtig ist dabei das Image, das dieser Name beim Leser Ihrer Bewerbung genießt.Und dafür gilt pauschal: In den Augen späterer Bewerbungsempfänger ist es eine Empfehlung, wenn der heutige Arbeitgeber ein Unternehmen ist „wie wir“ (Typ, Größe, Branche). Es ist eine besonders positive Empfehlung, wenn der heutige Arbeitgeber in Art und Branche dem des Bewerbungsempfängers entspricht, aber noch eine Stufe größer ist. Umgekehrt wird das alles viel schwieriger, wenn auch nicht unmöglich.

Und nun lesen Sie sich Ihre Frage noch einmal durch, vielleicht finden Sie dann hier Antworten. Oder kürzer: Wenn Sie in die thermische Verfahrenstechnik wollen, dann fangen Sie so früh wie möglich genau damit an: Studienspezialisierung, Praktika, Diplomarbeitsthemen, erster Arbeitgeber. Alles andere ist ein Umweg. Umwege kosten Energie, sind also möglichst zu vermeiden.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2158
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-09-21

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