Heiko Mell

Doktor oder nicht Doktor

Als Student des Maschinenbaus im achten Semester rückt das Ende des Studiums in greifbare Nähe und die Industrie lockt derzeit selbst Berufseinsteiger mit guten Konditionen. Eine Alternative zum Direkteinstieg als Diplom-Ingenieur stellt die Promotion an der Universität dar.
Nachdem ich das Abitur mit 1,8 und das Vordiplom mit „sehr gut“ bestanden habe, bin ich zuversichtlich, mein Studium sehr erfolgreich abzuschließen. Sowohl die wissenschaftliche Vertiefung im Rahmen einer Promotion als auch den Einstieg in die industrielle Forschungsarbeit sehe ich als spannende Option.
Auf die Frage, inwieweit die Promotion helfen kann, im Berufsleben Türen zu leitenden Positionen zu öffnen, erhielt ich von Professoren, Dipl.-Ingenieuren und Personalern bisher die unterschiedlichsten Antworten. Gern würde ich auch Ihre Meinung dazu hören.

Antwort:

Dieses Thema ist ein Dauerbrenner im Rahmen der Karriereberatung. Ob hier oder bei Veranstaltungen – die Frage kommt. Das ist kein Vorwurf, es ist im Gegenteil ganz beruhigend, dass nicht jede Generation auch neue Probleme ausheckt, sondern die Gedanken ihrer Vorgänger wieder aufgreift. (Anmerkung dazu: Einleitungen dieser Art sind mitunter erforderlich, um langjährige Stammleser zu beruhigen, die schon einmal denken könnten: Jetzt fängt er – was mich meint – mit diesem Uralt-Kram wieder an. Das hatten wir doch alles schon. Hatten wir auch – aber beim ersten Mal war unser Einsender etwa fünf, da wollen wir großzügig über anderweitige damalige Interessen hinwegsehen.)

Also Promotion:
Die Antwort darauf betrifft unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Zielen in unterschiedlichen Situationen. Sie kann daher nicht kurz und einfach sein. Mein bewährter Lösungsansatz: Ich liste Gedanken dazu auf, Sie gewichten die sich teilweise auch widersprechenden Aussagen und kommen zu einer Entscheidung. Die Reihenfolge meiner Detailpunkte ist keine Rangfolge:

1. Gerade in größeren Unternehmen haben viele Top-Manager den Doktor. Das beweist – wenig. Zwar ziehen hochrangige Entscheidungsträger gern andere Menschen nach, die „so sind wie wir“, aber der eigentliche Zusammenhang ist ein anderer: Wichtigste Voraussetzung für den Aufstieg ist die Persönlichkeit. Die hat der Standard-Manager nun einmal, ob mit Promotion oder ohne. Die weitaus meisten promovierten Vorstandsmitglieder wären auch zu diesem Erfolg gekommen, wenn sie nicht promoviert hätten. Vorstandsmitglieder sind begabte, ehrgeizige Leistungsträger, sonst stiegen sie nicht so weit auf. Und was tut ein begabter, ehrgeiziger Leistungsträger im Regelfall, wenn er irgendwo „mitmischt“? Er strebt nach oben, nach vorne, an die Spitze. Undenkbar, dass er, säße er im Partei- oder Vereinsvolk, dort Hinterbänkler bliebe. Oder im Parlament. Oder eben an der Uni. Was nun kann man dort erreichen? Den Dipl.-Ingenieur. Wenn er schon einmal hier ist: Gibt es sonst noch etwas, was gilt hier als Spitze? Der Dr.-Ingenieur. Also gut, macht er den auch noch. So wie er später Top-Manager wird, wenn er schon einmal dort arbeitet.

Vorsicht: Ich habe nicht gesagt, alle Promovierten denken so, ich sprach von den meisten promovierten Vorstandsmitgliedern.

Wenn aber der Vorstand eines Großunternehmens stark mit promovierten Akademikern durchsetzt ist, kann die Promotion einem Berufseinsteiger mit Ambitionen in diesem Konzern ganz sicher nicht schaden.

Großbetriebe streben bei einzustellendem Personal häufig nach der „Elite“ – intelligent, ehrgeizig, fachlich hochkompetent, kurzes Studium, Top-Noten. Diese Leute haben zusätzlich häufig promoviert. Schon deshalb gibt es in Konzernen relativ viele promovierte Akademiker. Wenn dort viele Chemiker oder Mediziner beschäftigt sind, steigt die Quote derer, die eine Promotion mitbringen, noch einmal deutlich an.

Halten wir also fest: Im Großbetrieb gibt es jeweils relativ viele promovierte Akademiker, auch deren Quote in der Konzernspitze ist recht hoch. Die Promotion ist dort keinesfalls Eingangsvoraussetzung (man kann unbedingt auch ohne sie Vorstand werden), aber doch recht nützlich für die Karriere.Im Mittelstand sieht das anders aus, das gilt für praktisch alle Hierarchieebenen. Promovierte Akademiker sind selten, manche haben dort fast „Exotenstatus“.

2. Für bestimmte Einstiegspositionen ebenso wie bei späteren Bewerbungen um Positionen, in denen Berufserfahrung erwartet wird, kann die Promotion auch hinderlich sein (Überqualifikation). Typisches Beispiel: Wenn ein „Dipl.-Ing. TU/FH“ gesucht wird, kommt der Dr.-Ing. praktisch gar nicht mehr in Frage, er ist zu weit vom ja ausdrücklich auch angesprochenen FH-Ingenieur entfernt (so wie der FH-Ingenieur auch keine reale Chance mehr hat, wenn ausdrücklich ein promovierter Dipl.-Ingenieur gesucht wird).

3. Für bestimmte Einstiegspositionen und weiterführende Laufbahnen in der Industrie wird die Promotion sehr empfohlen. Beispiel: Forschung + Entwicklung.

Zwingend vorausgesetzt wird der Dr.-Ing., wenn man eines Tages FH- oder Universitätsprofessor werden will. Als Warnung: Viele Kandidaten, die später diese Laufbahn einschlugen, hatten beim Berufseinstieg noch keine entsprechenden Ambitionen.

4. Wer generell fragt, ob sich bei eher allgemein gehaltenen Karriereambitionen die Promotion pauschal „lohnt“ oder „rechnet“, findet keine pauschal positive Antwort darauf. Dafür ist der Aufwand für die Erlangung des Dr.-Grades zu groß. Üblicherweise dauert die Promotion fünf Jahre. Wer diese Zeit schon in der Wirtschaft zubringt, sich voll engagiert und ehrgeizig ist, erarbeitet sich einen Vorsprung, den der ehemalige Kommilitone mit Promotion kaum je aufholt und ins Gegenteil verkehrt. In Einzelfällen gelingt das zwar, aber ein „Karriere-Turbo“, der immer und überall seine Wirkung zeigt, ist der Doktor nicht.

5. Dreier-Absolventen lässt man generell eher nicht, Zweier-Leute können sich so oder so entscheiden, Einser-Kandidaten haben fast Erklärungsprobleme, wenn sie nicht promovieren. Letztere sind in der klassischen Diplom-Ausbildung (oder beim Master) so schön weit gekommen, da wäre es fast schade, nicht auch noch den Doktor zu „machen“, sich wissenschaftlich tiefergehend zu qualifizieren und diese Qualifikation anschließend unter Beweis zu stellen.

6. Da der Dr.-Grad Teil des Namens wird, im Ausweis steht und überall genannt wird, hat die Angelegenheit auch eine psychologisch-gesellschaftliche Komponente. Mancher mag tatsächlich immun dagegen sein. Aber sagen wir es einmal so: Würde jemand behaupten, alle Top-Manager seien uneitel, so glaubte ich es nicht.Lernt man jemanden kennen, der sich als „Müller“ vorstellt, weiß man erst einmal nichts über ihn. Dahinter kann sich alles verbergen, Top-Bildung ist ebenso möglich wie das Gegenteil, ein anspruchsvolles Studium genau so wie gar keines. Von „Dr. Müller“ weiß ich im Regelfall: Abitur, akademisches Studium, Universitätsabschluss gut oder besser, vertiefte wissenschaftliche Qualifikation auf einem Spezialgebiet. Immerhin. Ein Trottel, Spinner oder Versager kann er dennoch sein, aber wenigstens kein ganz und gar dummer.

Wenn Sie also nach den ersten fünf Punkten immer noch nicht so recht wissen, ob Sie nun sollten oder ob Sie nicht, dann stellen Sie sich ganz allein vor den Spiegel und fragen Sie sich, ob Sie gern Dr. Mustermann oder Dr. Musterfrau wären. Einfach so und ganz generell. Wenn Sie die Frage bejahen, tun Sie es. Wenn Sie sie verneinen, fragen Sie sich zur Sicherheit lieber noch einmal. Und ein „Der Titel bedeutet mir gar nichts“, wirkt erst so richtig, wenn man ihn hat.

7. Bewusst erst an dieser Stelle nach der „psychologischen“ Seite des Punktes 6: Derzeit wirbt die Wirtschaft engagiert bis verzweifelt um Jungingenieure. Da die Unternehmen stets sehr kurzfristig denken – gerade in Personalfragen -, ist ihnen ein „Dipl.-Ing. jetzt“ sehr viel lieber als ein „Dr.-Ing. in fünf Jahren, der vielleicht dann auch noch woanders hingeht.“ Also empfehlen ihre Vertreter aus legitimem Eigeninteresse den guten und sehr guten Absolventen, lieber jetzt direkt bei ihnen einzusteigen – und raten von einer Promotion ab, untermauern das dann auch noch durch ein attraktives Angebot.

Tatsächlich weiß niemand, wie die Lage auf dem Arbeitsmarkt in fünf Jahren sein wird. Und mit ein bisschen Pech vergeben Sie jetzt eine tolle Startchance, müssen aber nach Abschluss Ihrer Promotion um eine mies bezahlte Stelle kämpfen. Das macht das Leben ja so spannend, dass man vorher nie weiß, wie es hinterher ausgeht. Aber wenn der Unternehmensvertreter dann auch noch generell die Promotion verteufelt und sagt, man würde darauf ja in Zukunft immer weniger Wert legen und er riete dringend ab (und ebenso eindringlich zur Annahme seines Direkteinstiegsangebotes), dann ist er auch nur ein Werbetreibender, der Ihnen sagt, was Sie tun sollen. Bedenken Sie: Jedes Angebot ist gut – für den, der es macht. Ob es auch gut für den Adressaten ist, bleibt völlig offen.

Kurzantwort:

Auf die Frage, ob man nach erfolgreichem Studium promovieren soll, ist keine kurze und vor allem keine pauschale Antwort möglich. Diejenigen, die es getan haben, würden es generell wieder tun! Von den anderen bereuen es einige, die Mehrzahl nicht. Wie die Juristen wissen: Es kommt darauf an.

Frage-Nr.: 2154
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-08-31

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