Heiko Mell

Was ich kann, das will ich nicht – was ich will, kann ich (noch) nicht

Frage: Ich stehe vor dem Berufseinstieg und bin mir immer noch unschlüssig, welche Richtung ich einschlagen sollte. Ich habe Fahrzeugtechnik an der Universität … studiert. Ein Jahr meines fünfjährigen Studiums verbrachte ich in GB und absolvierte außerdem verschiedene Praktika in der Automobil- und Motorenbranche. Momentan schreibe ich meine Diplomarbeit in der Entwicklung eines bedeutenden Fahrzeugherstellers. In Kürze werde ich mein Studium mit einem Durchschnitt von ca. 1,3 abschließen.
Während des Studiums wurde mir klar, dass ich mich neben der Technik auch sehr für die betriebswirtschaftlichen Hintergründe von Entwicklungs- und Produktionsprozessen interessiere. Ausgebildet bin ich nun jedoch als Entwicklungsingenieur. Hieraus ergibt sich mein Problem:
Mein Profil passt nicht auf die Stellen, die ich interessant finde. Ziel ist es nun, einen möglichst effektiven Richtungswechsel zu vollziehen wie:
– Einstieg in eine Unternehmensberatung (plus: steile Lernkurve, Promotionsmöglichkeit bei voller Bezahlung im dritten Jahr, Einblick in unterschiedliche Branchen und Problemstellungen; minus: hohe Arbeitszeit, bei Misserfolg Jobverlust, Prinzip „up or out“);
– Promotion an einem Institut wie dem … (folgt der Name eines hochrenommierten Instituts an einer Top-TU/TH) (plus: Beratertätigkeit im Rahmen von Industrieprojekten, Promotion; minus: Promotionsdauer 4 – 5 Jahre, geringe Bezahlung im Vergleich zur Unternehmensberatung);
– Außerdem habe ich mehrere Angebote zur Promotion bei verschiedenen Automobilherstellern sowie Hochschulen im In- und Ausland. Hier würde ich mich jedoch fachlich zum Spezialisten entwickeln und hätte nur in geringem Umfang eine Chance, meine „Softskills“ und „Führungsqualitäten“ weiterzuentwickeln.
Ich bitte Sie, die sich ergebenden Möglichkeiten aus Ihrer Sichtweise zu durchleuchten / zu ergänzen und mir wenn möglich eine Empfehlung zu geben.

Antwort:

Es ist, wir sprachen hier schon davon, gar nicht so einfach, ein Einser-Kandidat zu sein. Ob es erstrebenswert ist, spielt keine Rolle – man hat es oder eben nicht, der eigene Wunsch ist ohne größere Bedeutung.

Da ist wieder jener Rennmotor im Alltagsauto – toll, wenn man am Tourenwagenrennen teilnimmt und äußerst lästig, wenn man mit eben diesem Fahrzeug auch noch den ganz normalen Stadtverkehr absolvieren muss. Wobei Sie für „Rennen“ die Zeit an der Uni, für „Stadtverkehr“ die Bewältigung des beruflichen Alltags setzen können.Vielleicht trösten ja Fälle wie dieser jene Zeitgenossen, die ihre größte Herausforderung darin sehen, überhaupt mit Anstand durchs Examen zu kommen und dann einen „anständigen Job“ zu ergattern. Man sieht: Hochleistungs-Studenten haben auch ihre Probleme, nur eben andere Und tun sich mit deren Lösung ebenso schwer wie der Rest der Bevölkerung.

Haken wir erst einmal ab, was unbestreitbar ist: Sie, geehrter Einsender, sind Mitte 20, haben in äußerst kurzer Zeit ein anspruchsvolles Universitätsstudium mit sehr gutem Ergebnis abgeschlossen und dabei auch noch wertvolle Auslandserfahrung gesammelt, fließendes Englisch inklusive. Ihre Diplomarbeit schreiben Sie bei einem Top-Konzern.

Darauf könnten Sie stolz sein, sind Sie aber nicht. Und das ist schade.

Vergessen Sie zunächst einmal nicht, dass Sie zwar im Augenblick das Gefühl haben, die Welt gehöre Ihnen oder stehe Ihnen doch zumindest offen – dass aber auch die zufällig jetzt gegebene Konjunktur- und Arbeitsmarktlage ihren Teil dazu beiträgt. Denn: Nicht „die Wirtschaft boomt“ ist korrekt, sondern „Die Wirtschaft boomt jetzt“, wäre zutreffend. Und es fehlen auch keine Ingenieure, sondern sie fehlen jetzt. Die ingenieurwissenschaftlichen Hochschulbereiche haben auch keinen Mangel an Promotionskandidaten (weil die Wirtschaft jedem guten Ingenieur sofort ein gutes Angebot macht), sie haben ihn jetzt. Alles zufällig jetzt. Glück gehabt – ohne das wäre alles für Sie sehr viel schwieriger. Es gab andere Zeiten, und es wird selbstverständlich wieder andere geben. 1993 beispielsweise (ich weiß, ich weiß, da gingen Sie noch zur Schule) standen Einser-Absolventen der renommiertesten TH und TU beschäftigungslos auf der Straße. Viele hätten dem Anbieter eines von Ihnen jetzt so geschmähten Entwicklungs-Jobs die Füße geküsst.

Was Sie mit der Information machen sollen? Nun, Sie sind intelligent genug, um den Schluss selbst zu ziehen: Ein Teil Ihrer jetzt gegebenen Chancen geht auf Ihre Leistung zurück, ein anderer auf glückliche Umstände. Ein bisschen Demut kann daher nicht schaden. Denn die Gefahr, dass sich da irgendwo eine latente Arroganz entwickelt, ist nicht zu übersehen.

Zum harten Kern des Themas: Sie haben jetzt interessante Stellen im Angebot der Unternehmen gefunden, auf die Ihr Profil nicht passt. Da drängt sich doch die Frage auf: welche? Dann nämlich hätte man leicht die kritischen Anforderungen herausfiltern und Ihnen Tipps geben können, was Sie im Hinblick auf Ihre nächsten Schritte am besten planen sollten. Aber Sie lassen uns in dieser entscheidenden Frage im Dunkeln stehen.

Dann: Technik pur haben Sie gelernt, betriebswirtschaftliche Hintergründe wollen Sie verstehen. Das kann man ja noch nachvollziehen. Nun ist in allen von Ihnen genannten Startvarianten von einer Promotion die Rede. Dieses Vorhaben unterstütze ich sehr! Mit Ihrer Abschlussnote sollten Sie das unbedingt ins Auge fassen. Nicht weil es sich nachweisbar „rechnen“ würde, sondern weil Sie sich – jedenfalls in Deutschland – damit besser fühlen. Der Dr.-Ing. ist nun einmal der hochwertigste Ausbildungsabschluss in dieser Disziplin – wer davor so gut war wie Sie, wirft unnötig Fragen auf, wenn er diesen Weg nicht geht. Schaffen würden Sie das selbstverständlich auch noch.

Rein sachlich übrigens wäre ein Aufbaustudium zum Dipl.-Wirtschaftsingenieur eine denkbare Lösung, zumindest was betriebswirtschaftliches Wissen angeht.Bleiben wir aber bei der Promotion: Nach allem, was ich darüber weiß, würde man Ihnen doch wohl ein technisches Dissertationsthema geben und Sie zum Dr.-Ing. promovieren. Wo käme dann aber das betriebswirtschaftliche Wissen her, das Sie so sehr anstreben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Sie in Betriebswirtschaft promovieren lässt. Außerdem hätten Sie damit wieder nur ein enges Spezialwissen auf einem Gebiet der BWL. Das also kann es nicht sein.

Bliebe Ihre Hoffnung, während der Promotionszeit z. B. durch die Instituts- oder Beratertätigkeit in der Praxis BWL-Kenntnisse zu erwerben. Das ist nicht ganz falsch. Aber: gleiches Recht für alle! Betrachten wir einmal einen Betriebswirt (Dipl.-Kfm.), der während seiner Zeit als Unternehmensberater oder am Institut auch mit technischen Problemen zu tun hat. Zu wie viel Prozent seiner Qualifikation wäre der wohl auf jener Basis hinterher mit einem Ingenieur vergleichbar? Sehen Sie, so ähnlich ist das hier auch.

Ich sehe diese Möglichkeiten für Sie:

1. Sie promovieren auf klassische Art im Bereich der Ingenieurwissenschaften, z. B. an jenem hochrenommierten TU/TH-Institut, das Sie nennen. Dadurch sind Sie für vier bis fünf Jahre dem Zwang enthoben, sich eine Ihnen zusagende berufliche Einstiegsposition suchen zu müssen. In der Zeit reift Ihre Persönlichkeit weiter, Sie setzen vermutlich danach ganz andere Schwerpunkte. Außerdem erwerben Sie bei der Bearbeitung der Industrieprojekte viel an Managementwissen, zu dem auch betriebswirtschaftliches Gedankengut gehört.

Fachlich müssen Sie sich zwangsläufig tief in ein (Dissertations-)Thema vertiefen, vorzugsweise ein technisches. Vielleicht kommt ja „der Appetit beim Essen“ und Sie verlieren Ihre Abneigung gegen die technisch hochwertige Entwicklungsarbeit.

Und: Sie gingen einen Weg, den sicher 80 % und mehr unserer technischen Top-Manager auch gegangen sind, pauschal falsch kann der damit nicht sein.

2. Wie 1, aber: Während der – langen – Promotionszeit erwerben Sie zusätzlich z. B. den Dipl.-Wirtsch.-Ing. oder den MBA, ggf. im nebenberuflichen Fernstudium. Ich habe so etwas schon gesehen, es geht. Natürlich ist das anstrengend – aber ich glaube, es würde Ihnen gut tun, näher an Ihre Grenzen zu kommen als das bisher der Fall war.

3. Die Unternehmensberatung vermittelt dem Anfänger ein breites Spektrum an Einblicken, Sie erwerben jedoch kein irgendwo in die Tiefe gehendes Spezialwissen. Die aus meiner Sicht für Sie erstrebenswerte Promotion läuft bei dieser Variante allerdings irgendwie unter „ferner liefen“. Reicht denn überhaupt jenes eine (dritte Beschäftigungs-)Jahr für ein Promotionsprojekt aus? Da das aber aus meiner Sicht für Sie Priorität haben sollte, handelten Sie sich praktisch eine zweijährige Probezeit davor ein.

Sollte jemand sehr leistungsstark, sehr selbstbewusst und mit einem hohen Sendungsbewusstsein geschlagen sein, so besteht die Gefahr, dass die Tätigkeit in einer Top-Beratung die letztgenannte Eigenschaft auch noch fördert, dies als Warnung. Andererseits haben viele Karrieren dort begonnen. Was das Gehalt angeht: Wer Anfängern viel zahlt, hat“s nötig – sonst müsste er es nicht tun: Die Anforderungen dort sind schon hart. Fachlich, so berichten Ex-Mitarbeiter übrigens, werde auch nur mit Wasser gekocht, aber wie man sich verkauft, lernt man gut.PS 1: In der Darstellung Ihres Diplomarbeits-Themas im Lebenslauf ist ein Schreibfehler.

PS 2: Sie zäumen generell das Pferd am falschen Ende auf. Wichtig ist nicht, was Sie gern in der Einstiegsposition tun würden. Wichtig ist hingegen, was Sie werden möchten eines Tages. Definieren Sie erst einmal das Ziel Ihrer Karriere, dann ist es viel leichter, über den optimalen Weg zu befinden. Wäre Ihr Ziel beispielsweise „Vorstandsmitglied eines großen Fahrzeugherstellers“, dann sollten Sie keine unnötige Überlegung in die Frage investieren, ob Sie nun Entwicklungsingenieur sind oder ob Ihnen eine jener (vom mir) gefürchteten Schnittstellen zwischen Technik und BWL besser gefällt. Das Ziel ist wichtig, der Weg ist bloß der Weg – auf dem macht man, was zu machen ist, engagiert und erstklassig. Was immer auch gefordert sein mag.

Kurzantwort:

Eine ausgeprägte und vor allem eine universelle Begabung führt leicht dazu, dass man banal klingende Standardaufgaben nicht mehr reizvoll findet. Die Kernfrage jedoch lautet nicht „Was würde ich gern tun?“, sondern „Was würde ich gern werden?“ – aus dem Ziel ergibt sich der Weg. Und: Technischer Vorstand (maximales Endziel) ist ein Standardjob, keine „Oberschnittstelle“.

Frage-Nr.: 2148
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-08-10

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