Heiko Mell

Ein Angebot ohne Bewerbung akzeptieren?

Frage: Zurzeit befasse ich mich mit meiner Diplomarbeit. So etwa drei bis vier Monate vor Ende des Studiums hätte ich mich dann um Stellen für Traineeprogramme oder einen Direkteinstieg bzw. um den Platz in einem an das technische Studium anschließenden, vollfinanzierten MBA-Studium beworben.
Über einen Recruiting-Workshop (den ich eher als Informationsveranstaltung angesehen hatte) kam ich auch mit Unternehmen in Kontakt, die ich zuvor nicht auf meiner Interessenliste hatte. Von einigen davon kamen auch Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Mit dem Ergebnis, dass ich nun ohne Bewerbung ein sehr lukratives Jobangebot erhalten habe, was deutlich über den sonst üblichen Einstiegsgehältern bei vergleichbaren Großkonzernen liegt.
Die Firma ist allerdings in einem Bereich tätig, der nicht mit meiner Studienvertiefung und meinen bisherigen Interessen übereinstimmt. Die vorgesehene Tätigkeit klingt dagegen reizvoll. Da die angesprochenen Perspektiven und Weiterbildungsmöglichkeiten, der erste Eindruck von Mitarbeitern und vom zukünftigen Chef sowie der Firmenstandort ebenfalls sehr positiv sind, beginnt nun das Grübeln.
Für das Einholen weiterer Angebote zum Vergleich reicht die Zeit nicht. Soll ich auf dieser Basis eine Zusage geben? Ich würde dann vielleicht nach drei Jahren der Tätigkeit dort eine MBA-Ausbildung oder eine Promotion anfangen und mich anschließend bei anderen Firmen – dann wohl mit anderem Tätigkeitsgebiet – bewerben.

Antwort:

Da stehen wir beide nun mit unseren Problemen. Sie mit Ihrem geschilderten und ich mit der Tatsache, dass Sie mir nicht mehr an Informationen gegeben haben. Ich kenne daher weder Ihre ursprünglichen fachlichen Ziele, noch die geheimnisvolle Branche dieses potenziellen Arbeitgebers. Sagen wir es so: Unter diesen Umständen ist das Formulieren fundierter Ratschläge nur etwas für die Kategorie „ab Genie aufwärts“. Nun, danke immerhin für Ihr diesbezügliches Vertrauen.

Aber aus Ihrem Fall lassen sich gut allgemeingültige Aussagen zu mehreren einzelnen Aspekten ableiten. Sie müssen am Schluss gewichten, was für Sie überwiegt:

1. Wenn ein Angebot gut ist (für Sie), spielt es keine Rolle, wie Sie dazu gekommen sind. Ob die angebotene Position aus einer umfangreichen Bewerbungsaktion, dem Tipp eines Freundes oder aus dem Besuch einer einzigen Rekrutierungsveranstaltung resultiert, ist grundsätzlich völlig nebensächlich. Prinzipielle Bedenken sind also nicht angebracht. Es geht allein um die Substanz des Angebots in Relation zu Ihren Wünschen, Vorstellungen und Fähigkeiten.

2. Aber: Mit nur einem einzigen Angebot in der Tasche müssten Sie in der Lage sein, eine absolut Entscheidung zu treffen. Das aber können Sie als Anfänger nicht! Daraus resultieren ja auch Ihre Zweifel. Sie können im Augenblick eigentlich nur eine relative Entscheidung treffen: „Welches von x Angeboten, die ich mir erarbeitet habe, ist aus meiner Sicht das beste?“ Nur lässt die Situation das nicht zu.Wenn Sie eines Tages Manager sind und fünfzehn Berufsjahre haben, dann können Sie auch auf eine einzelne Offerte sicher reagieren. Weil Sie dann hinreichend viele Informationen über das gesamte Berufsleben gespeichert haben, die Sie als Entscheidungsbasis nutzen können. Jetzt aber ist es völlig selbstverständlich, dass die Situation Sie überfordert.

3. Unternehmen sind heute zwangsläufig extrem kostenbewusst. Jede Art von geplanten Ausgaben wird unter den verschiedensten Aspekten unter die Lupe genommen, bevor eine Freigabe erfolgt. Unter allen Kostenarten sind Personalkosten die „schlimmsten“. Wenn ein Unternehmen seine Gewinnsituation verbessern will oder muss, entlässt es zunächst einmal Mitarbeiter. Das bringt mehr und geht schneller als die Vermietung eines Gebäudes oder der Verkauf überzähliger gebrauchter Produktionsanlagen.

Also stehen Personalkosten überall unter besonders scharfer Beobachtung. Wenn nun ein Unternehmen „spontan“ deutlich höhere Gehälter zahlt als andere – und das auch noch bei Berufsanfängern(!) -, dann ist das ein Warnsignal! Niemand(!) macht heute so etwas unbedacht oder gar aus Mitleid mit den armen Anfängern. Dahinter steht eine klare Strategie. Vielleicht ist das die dort gefundene Lösung für das Problem: „Wegen bestimmter Besonderheiten, die wir haben, kommt sonst niemand zu uns.“

4. Überhaupt sollte das Einstiegsgehalt nach dem Studium kein Auswahlkriterium für die Wahl des ersten Arbeitgebers sein. Viele andere Aspekte, von denen Sie allerdings nicht alle vorher abklopfen können, sind in der Langfristbetrachtung sehr(!) viel wichtiger.

Mit dem später einmal erzielten Endgehalt beim Eintritt ins Rentenalter hat das Startgehalt ohnehin nichts mehr zu tun, vor allem nicht, wenn man an Karriere interessiert ist. Als ich begann, lag das Einstiegsgehalt für Jungingenieure bei (umgerechnet) 425 EUR brutto pro Monat. Meine Auswahl gerade dieses Konzerns als ersten Arbeitgeber hatte entscheidenden Einfluss auf meine gesamte Laufbahn, das damalige Gehalt ist heute nur noch eine Anekdote wert.

5. Für einen zumeist ja noch familiär ungebundenen jungen Berufsanfänger sollte auch der Standort des ersten Arbeitgebers keine zentrale Rolle spielen. Erstens reden wir alle von Globalisierung und nicht von „Globalisierung rund um Wiesweiler-West“, zweitens bleiben viele ja ohnehin nur zwei bis drei Jahre beim Startunternehmen und drittens gilt: Wo sehr viele andere Menschen meiner Nationalität leben, da kann ich das für eine gewisse Zeit auch durchhalten.

6. Ein Angebot außerhalb der bisherigen eigenen Laufbahnplanung kann(!) die Chance Ihres Lebens sein – schon auch deshalb, weil Sie wegen fehlender Erfahrungen selbst gar nicht an alle vorhandenen Möglichkeiten gedacht haben können. Es kann aber auch in spätere berufliche Schwierigkeiten hineinführen.

Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit einer negativen Entwicklung größer. Man sieht das in Lebensläufen und hört es in Vorstellungsgesprächen.

7. Im konkreten Fall bin ich misstrauisch wegen einer kleinen Randbemerkung im letzten abgedruckten Satz Ihre Frage. Sie machen deutlich, dass Sie sich einen längeren Verbleib in dieser „hereingeschneiten“, außerhalb Ihrer bisherigen Interessen liegenden Tätigkeitsrichtung nicht vorstellen können. Man soll aber beruflich nichts anfangen, von dem man vorher schon weiß, dass man weder dabei bleiben will, noch darauf irgendwie aufbauen kann. Jeder absehbare „brutale“ Wechsel von Tätigkeit, Branche, Firmenart und -größe ist ein kritisches Unterfangen.

Hätten Sie erklärt, dieses neue Gebiet hätte zwar nicht auf Ihrer „Liste“ gestanden, aber jetzt hätten Sie sich damit beschäftigt und Ihre Liebe dazu entdeckt, dann wäre ich aufgeschlossener für das „Experiment“ gewesen. So signalisiere ich große Zurückhaltung.

8. Es ist für den erfahrenen Bewerber sehr schwer und für den Berufsanfänger schlicht unmöglich, aus den Erfahrungen im Vorstellungskontakt auf die Arbeitsumstände, auf Klima und Führungsstil im Zusammenhang mit einer Beschäftigung dort zu schließen. Es ist Teil der Managerqualifikation der Arbeitgebervertreter, für die Dauer eines Gesprächs auf den Partner nett, sympathisch, höflich und zuvorkommend zu wirken.

9. In unserem beruflichen System ist es keinesfalls üblich und nicht empfehlenswert, nach dem Studium erst einmal einige Zeit zu arbeiten und dann eine „hauptamtliche“ weitere Ausbildung (Promotion, MBA o. Ä.) zu beginnen (lassen Sie mir die Einordnung der Promotion unter „Ausbildung“ hier einmal durchgehen). Das Prinzip, von dem man nur in „Notfällen“ abweichen sollte, lautet: Wenn man nach dem Studium einmal mit der beruflichen Tätigkeit begonnen hat, finden zusätzliche Ausbildungs- oder Qualifizierungsschritte nur noch nebenberuflich statt.Fazit: Ich neige zu der Empfehlung, dass Sie sich erst einmal in Ihrer ursprünglichen Zielgruppe breit bewerben und sich dann für ein Angebot entscheiden. In jedem Fall fühlen Sie sich besser, wenn Sie die Ihnen offenstehenden Chancen am Markt systematisch ausgelotet haben.

Kurzantwort:

1. Selbst Profis sind überfordert, wenn sie sich in personellen Angelegenheiten (Besetzung einer Position) entscheiden müssen und im Moment nur ein Angebot vorliegt: Der Mensch will eine Auswahl treffen. Das gilt für Berufseinsteiger in besonderem Maße.

2. Höher als marktüblich dotierte Gehaltsangebote sollten Einsteiger nicht „toll“ finden, sondern eher misstrauisch betrachten.
Frage-Nr.: 2122

Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-05-16

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