Heiko Mell

Niemand will meinen Bachelor – oder: Vereinfachung will gelernt sein

Frage: Ich habe vor ca. sechs Monaten mein Studium zum Bachelor of Science in Mechanical Engineering (FH) abgeschlossen. Ich habe auch vor, in naher Zukunft einen Masterstudiengang aufzunehmen. Aber bevor es weitergehen soll, möchte ich mit meiner jetzigen Qualifikation erst einmal ins Berufsleben einsteigen.
Bis jetzt habe ich trotz zahlreicher Bewerbungen noch keinen Erfolg. In vielen Stellenanzeigen werden meistens Dipl.-Ingenieure und/oder Techniker gesucht. Langsam wird es beängstigend, dass man als B. Sc. keine berufliche Perspektive hat. So wie es aussieht, hat man das Gefühl, dass der Bachelor zur Zeit von den deutschen Unternehmen schwer einzustufen ist.
Anbei eines von den vielen Anschreiben und den Lebenslauf mit der Bitte, mir zu erklären, was genau ich bei der Bewerbung falsch mache!

Antwort:

Ich gestehe, etwas geschwankt zu haben, ob ich das Thema anfassen soll oder lieber nicht. Aber dann habe ich mir gesagt, dass es außer mir nur noch sehr wenige Menschen im Lande gibt, die das Risiko einer offenen Aussage in diesem Fall eingehen – und dann habe ich es gewagt.

Und Sie, liebe Leser, fragen sich jetzt, was denn wohl an dem Resultat der xten Änderung des Ingenieurstudiums in Deutschland so dramatisch sein soll, dass meine Einführung gerechtfertigt wäre. Klare Aussage: Nichts, überhaupt nichts. Wir hatten allein in meiner aktiven Zeit erst den „Ingenieur“, dann den „Ingenieur (grad.)“, dann den „Dipl.-Ing. (FH)“, irgendwie noch den „Dipl.-Ing.“, der zwar FH ist, das aber lt. seiner Ingenieururkunde nicht dazusagen muss, und den „Dipl.-Ing. BA“. Na schön: Jedes Mal hat die Wirtschaft die neu klingenden Begriffe nach Anlaufproblemen geschluckt; die ersten Absolventen hatten anfangs Erklärungsprobleme, dann spielte sich das ein. Irgendwie werden sich die Firmen auch noch an den Bachelor gewöhnen. Hat nicht jemand sogar gesagt, eine Reihe von Unternehmen hätte die jüngste Umstellung sogar gewollt? Na also, es wird schon werden, irgendwie, irgendwann.

Heute ist es tatsächlich so, dass „niemand nichts Genaues“ weiß. Es gibt kein Standardwissen darüber, ob der Bachelor (FH) dem Bachelor (TH) gleichwertig ist (nicht vom Lehrplan her, sondern von der Akzeptanz in der Wirtschaft). Ich vermute: nein, er liegt darunter, irgendwie.Es gibt auch keine klare Aussage dazu, ob der Bachelor (FH) nun dem bisherigen Dipl.-Ing. (FH) gleichwertig ist oder nicht. Ich vermute: nein, er dürfte darunter liegen. Dann stellen sich entsprechende Fragen zum Master – Chaos und Unwissenheit an allen Fronten. Derzeit fragen mich Personalleiter mittelständischer Firmen danach – außer Vermutungen habe auch ich wenig zu bieten. Irgendjemand hätte sich wohl vor der Umstellung darüber Gedanken machen sollen. Aber vermutlich verlange ich, wie so oft, viel zu viel.

Aber immerhin: Mechanical Engineering statt Maschinenbau ist auch schon ein kleiner Fortschritt. Oder etwa nicht?

Warum ich das alles nur so „lässig“ abhandele? Weil ich die vorliegende Einsendung noch gar nicht als tiefgründigen Einstieg in dieses Thema werte. Ich gehe davon aus, dass Sie, geehrter Einsender, bloß denken, dort liege Ihr Akzeptanzproblem. Und nun wird es ein bisschen heikel, aber ich werde mir Mühe geben, damit fertig zu werden. Wer möchte es denn sonst tun?Sie nun haben die Staatsangehörigkeit eines afrikanischen Landes, sind dort in einer fremd klingenden Stadt geboren, von der ich nie gehört habe und die ich nicht sicher aussprechen kann. Ich – und ebenso die Mehrheit der Bewerbungsempfänger – weiß nichts über Ihr Land. Schön, es liegt in Afrika. Aber wo? Und was ist da los, welche Staatsform gilt, herrscht dort ein Diktator, ist das eine blühende Demokratie, gibt es Rebellen oder Bürgerkrieg – ich weiß es nicht. Ich bin nicht etwa stolz darauf, ich gestehe mein Defizit ein, damit Sie erkennen: Die anderen Entscheidungsträger hier im Lande wissen im Schnitt auch nicht mehr, dort lösen Sie ebenso Ratlosigkeit aus wie bei mir. Sie scheinen seit sechs Jahren in Deutschland zu leben. Ihre Deutschkenntnisse sind, legt man Ihr mitgesandtes Anschreiben und den Brief an mich zugrunde, sehr anständig; ich habe Ihre Einsendung nur ein wenig geglättet. Wenn das alles Sie geschrieben haben, ist die Sprache nicht unbedingt Teil des Problems. Nur der zu vermutende Akzent könnte dann die Verständigung erschweren, wird mancher denken, wenn die Sprache wichtig für die angestrebte Tätigkeit ist – im Kundenkontakt, beispielsweise.Aber dann die offenen Fragen, die sich dem Leser stellen: Von deutscher Staatsbürgerschaft oder dem Streben danach ist keine Rede. Was also planen Sie? Braucht ein Staatsbürger Ihres Landes hier eine Arbeitserlaubnis und wenn ja haben Sie eine? Haben Sie nach zwei Jahren eine Rückkehr in die Heimat geplant oder bleiben Sie auf Dauer hier? Was haben Sie, der Sie ja hier als Bewerber eine Ausnahme darstellen, die mancher „exotisch“ nennen wird, eigentlich vor?

Und Ihr Bewerbungsfoto: Der Hintergrund sieht aus als sei das Bild in einer Küche oder in einem Flugzeug geschossen worden.

Ich halte diesen Aspekt „Ich bewerbe mich in einem fremden Land“ für recht gravierend und für deutlich schwerwiegender als den Bachelor-Effekt. Das alles hat nichts speziell mit Ihnen oder gar mit Ihrem speziellen Land zu tun: Es ist einfach so, dass ein in Deutschland ansässiges und hier inserierendes (Personal suchendes) Unternehmen natürlich voraussetzt, dass sich Menschen bewerben, die mit diesem Land, dem Kulturkreis und den Arbeitsbedingungen vertraut sind. Die Beweispflicht, dass Sie dem gerecht werden, liegt im Bewerbungsprozess vorrangig bei Ihnen. Bei einem hier geborenen, hier aufgewachsenen Bewerber gilt sie als erfüllt.

Es muss immer wieder gesagt werden, dass die Qualifikation eines Bewerbers aus zwei Komponenten besteht:

a) dem fachlichen Teil (Ausbildung, Studium, ggf. Berufserfahrung und

b) dem persönlichen Teil (Eigenschaften, Arbeitsverhalten, Anpassungsbereitschaft, Engagement, Kreativität, Durchsetzungsvermögen, Lernbereitschaft, Einordnung ins Team etc.).

Die Fragen zu b) sind auch bei einem Bewerber, der seine Wurzeln hier im Lande hat, nie mit Sicherheit zu beantworten. Aber der Bewerbungsempfänger traut sich zu, bei einem hier im Kulturkreis aufgewachsenen Bewerber im gesamten Bewerbungsprozess leichter zu einem verlässlichen Urteil zu kommen als z. B. bei einem Kandidaten mit Ihrem Hintergrund. Das alles hat, um einem möglichen Einwand zuvorzukommen, überhaupt nichts mit Diskriminierung zu tun. Die läge nach allgemeinem Verständnis erst vor, wenn bei sonst gleicher Gesamtqualifikation ein Bewerber z. B. wegen seiner Religion, seines Geschlechts, seiner Hautfarbe etc. benachteiligt würde. Das ist hier nicht der Fall – „bei sonst gleicher Qualifikation“ ist unbewiesen und zwar in wesentlichen Punkten.

Ob das nun gerecht oder ungerecht ist, spielt im Denken einstellender Unternehmen keine Rolle. Diese handeln so, dass der größte zu erwartende, möglichst sicher zu erzielende(!) Vorteil für sie dabei herauskommt. Und den können Sie nur schwer für den Fall Ihrer Einstellung garantieren. Jedenfalls bei Standardpositionen mit Standardaufgaben. Schließlich ist die gesamte „Bewerbung“ ein relativer Prozess: Es geht darum, den vermeintlich besten Kandidaten aus einer Gruppe von vielleicht fünfzig oder hundert Bewerbern herauszufiltern.Und was spricht dagegen, den hier im Lande aufgewachsenen, mit den Verhältnissen optimal vertrauten, fließend die Landessprache sprechenden, mit einem besseren Examen als Sie ausgestatteten Kandidaten Müller, der keinerlei Fragen hinsichtlich Arbeitserlaubnis und weiterem Verbleiben im Lande aufwirft, auf Platz 1 zu setzen? Ja wäre es nicht fast schon diskriminierend, ihn da herunterzunehmen, um „aus Prinzip“ Sie an dessen Stelle zu setzen? Vergessen Sie dabei nicht Ihre anderen Handikaps, die ich noch gar nicht angeführt habe und die auch jedem hier aufgewachsenen Bewerber Punktabzüge brächten: Sie haben in Deutschland an einer TU zunächst Chemie studiert – Abbruch ohne Abschluss. Sie haben dann an dieser deutschen TU Maschinenbau studiert: Abbruch ohne Abschluss. Dann kommen sechs Semester FH mit dem Bachelor (2,6). Das wird nicht jedem Bewerbungsempfänger gefallen – würde es auch bei einem hier geborenen und aufgewachsenen Kandidaten nicht.

Sie haben es schwer gehabt, Sie haben Niederlagen einstecken müssen und sich dann doch bis zum derzeitigen Resultat durchgebissen. Das verdient Respekt.

Aber ein wesentliches Prinzip des Berufslebens lautet nun einmal: Es kommt auf das absolute Ergebnis, auf den Erfolg an – wie schwer der individuelle Weg dorthin war, spielt zunächst einmal kaum eine Rolle.Und noch etwas müssen Sie sehen: Sie schreiben in Ihr Bewerbungsanschreiben: „…suchen Sie einen Dipl.-Ing./M. Sc./ B. A., auf diese Stelle bewerbe ich mich als B. Sc.“ Damit liegen Sie daneben: Die Aussage des Unternehmens hieß „Dipl.-Ing. (FH) oder mehr“ – Ihr B. Sc. ist leider eher „weniger“.

Aber: Sie können besser Französisch als Deutsch, vielleicht ist das die offizielle Behördensprache in Ihrem Land. In Deutschland wird diese im Kontakt zu Frankreich unerlässliche Sprache kaum angeboten – und oft verzweifelt gesucht. Also haben Sie immer dort einen Vorteil (verbunden mit der Chance, auf Nr. 1 des Feldes zu kommen), wo ein Unternehmen entweder gutes Französisch sucht – oder sogar Geschäftsinteressen im entsprechenden afrikanischen Raum verfolgt.

Fazit: Woran Sie bisher auch gescheitert sein mögen – ein Beweis für mangelnde Akzeptanz des neuen Bachelors ist das noch nicht.

Kurzantwort:

Wer mehrere Probleme mit sich herumträgt, darf nicht vereinfachend eines davon für Misserfolge verantwortlich machen.

Frage-Nr.: 2074
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-11-25

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