Heiko Mell

Erst schlechte Noten, dann krank

Frage: Nach dem erfolgreichen Abschluss der Fachoberschule (3,4 gesamt; in Mathe und Physik jeweils 4) hatte ich mich für ein Elektrotechnikstudium entschieden. Da ich nicht zum Wehrdienst musste, konnte ich bereits mit 18 anfangen.Ich habe mich schon immer für Naturwissenschaft und Technik interessiert, aber leider nie großen Wert auf gute Noten gelegt. Mein damaliger Ehrgeiz bestand darin, mit möglichst wenig Aufwand zu bestehen. Im Grundstudium fing ich dann langsam an, meine Einstellung zu überdenken, leider auch nur mit mäßigem Erfolg. Trotzdem konnte ich eine Praktikumsstelle in einem großen und sehr interessanten Unternehmen finden.Leider fiel ich dann in eine schwere Depression, die wie so oft erst zwei Jahre später erkannt und behandelt wurde. Nachdem ich insgesamt drei Semester nahezu komplett ausgefallen war und auch danach nicht wirklich effektiv arbeiten konnte, hat sich mein vor etwa sechs Monaten erfolgreich abgeschlossenes Studium über dreizehn Semester hingezogen. Danach habe ich zehn Wochen in stationärer Behandlung in einer Fachklinik verbracht. Seitdem bin ich auf Arbeitssuche.
Ich bin nicht geheilt, lediglich stabil. Eine Sozialarbeiterin hatte mir bereits empfohlen, mich als behindert einstufen zu lassen (mit der Begründung, dass Behinderte bevorzugt werden müssten). Ich wollte allerdings nicht darauf eingehen, da die Chancen gut stehen, dass ich meine Krankheit überwunden habe.Mir ist klar, dass dies alles denkbar schlechte Voraussetzungen sind. Mir ist auch bewusst, dass ich – Krankheit hin oder her – in der Vergangenheit einige schwerwiegende Fehler gemacht habe. Allerdings sehe ich es auch als großen Erfolg an, dass ich das Studium überhaupt geschafft habe.
Trotzdem bin ich nicht sicher, wie ich mit der Situation umgehen, wie ich diese in meinen Unterlagen angemessen darstellen und wie ich in einem Vorstellungsgespräch auf spezifische Fragen reagieren kann.

Antwort:

Sie haben zwei äußerst kritische Aspekte miteinander kombiniert, von denen jeder für sich bereits ausgereicht hätte, Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt dramatisch zu reduzieren. Ob die beiden Kriterien „schwache Leistungen/fehlender Ehrgeiz“ und „Krankheit“ zusammenhängen, ob eines das andere bedingt hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich behandele beide einmal getrennt, auch weil es mit Sicherheit zahlreiche andere von einem dieser Handikaps Betroffene gibt. Gehen wir Ihre Einsendung einmal der Reihe nach durch.

1. Schwache Leistungen/fehlender Ehrgeiz:

1.1 Wie das Abitur, so das Uni-Examen, wie die Fachhochschulreife, so der FH-Abschluss, diese Erkenntnis sollte doch so langsam zum Allgemeinwissen gehören. Natürlich gibt es im Einzelfall Abweichungen von dieser Regel – aber rechnen Sie besser nicht damit. Nach Ihrer 4 in Mathe und Physik war also mit einem adäquaten Studienergebnis dann zu rechnen, wenn man ein Studium wählt, das vor allem auf diesen Fächern aufbaut.

1.2 Wer sich für etwas interessiert, ist darin gut. Es geht nicht darum, ob er „Wert auf gute Noten legt“ – er hat sie einfach. Weil es seine Lieblingsfächer sind, weil er neugierig ist und „alles“ darüber in sich aufsaugt – bis er schließlich „alles“ darüber weiß. Dann schreibt er „automatisch“ sehr gute bis gute Klausuren. Die Behauptung, zwei Fächer mit Vierer-Noten seien Hauptinteressen gewesen, klingt lächerlich. Niemand will das hören, niemand glaubt das.

1.3 Wer später Angestellter werden will, braucht einen Arbeitgeber als „Käufer“ seiner Arbeitskraft. Da wir in einer Leistungsgesellschaft leben, ist also jedem angestellten Menschen vollkommen klar(!), dass eine Strategie, mit möglichst wenig Aufwand durch die Anforderungen des Lebens zu kommen, außer zu Ärger zu nichts führen kann!Es ist ähnlich aussichtsreich, ein großer Fußballspieler werden zu wollen, aber sich möglichst vom Ball oder gar von gegnerischen Spielern fernzuhalten. Das wissen schon Zehnjährige.

1.4 Sie hätten ein anderes Studium wählen sollen – eines, wo die Noten in Ihrem Zugangsdokument in den dafür entscheidenden Fächern mehr Anlass zu Hoffnungen gaben.

1.5 Zur Erinnerung: Dies ist Punkt 1, also geht es noch nicht um die Krankheit. Also gilt: Ein Examenszeugnis (FH), das schon am Beginn sieben ausreichende Noten(!) ausweist und ein Studium, das dreizehn Semester gedauert hat, gelten nicht als „erfolgreich“ im absoluten Sinne. Beides liegt sehr deutlich jenseits der Schmerzgrenze, die für kommerziell ausgerichtete Unternehmen gilt – diese müssen unter schärfstem Wettbewerb ständig Höchstleistungen erbringen und brauchen dazu passende Mitarbeiter.

1.6 Sie können sich nicht mit Aussicht auf Erfolg – wie Sie es heute tun (Unterlagen haben Sie mitgesandt) – ohne jegliche Erklärung „einfach so“ um interessante Positionen bewerben. Das ist extrem aussichtsarm. Schließlich gilt das Studium als eine Art Arbeitsprobe für das spätere Erwerbsleben.

1.7 Sie haben in früher Jugend gegen eine Grundregel der Werdegang-Gestaltung verstoßen, die da lautet: Ziehen Sie sich nicht ohne Not Probleme in Ihre Unterlagen (Fachhochschulreife- und Studiennoten), wenn Sie diese mit ein wenig Aufwand auch vermeiden könnten. Sie wissen nie, was noch kommt. Und eines Tages haben Sie dann eine Mehrfach-Belastung zu tragen – die vermeidbar gewesen wäre.

2. Krankheit:Hier haben Sie einfach Pech (bzw. Pech gehabt), da verdienen Sie unser Mitgefühl und tragen ganz sicher an dieser Komponente Ihrer Probleme keine Schuld.Generell gilt, dass kommerziell ausgerichtete Arbeitgeber (Gegenbeispiel: öffentlicher Dienst) unter so hohem Leistungsdruck – ausgelöst durch extreme Renditeerwartungen der Eigentümer oder sonstige, im internationalen Wettbewerb durchzusetzende strategische Ziele – stehen, dass sie sich die Einstellung eines mit hohem Krankheitsrisiko behafteten Bewerbers nur selten leisten können und wollen. Und insbesondere in den Augen eines medizinischen Laien steht Ihre Krankengeschichte für ein erhebliches Risiko.

Da man in diesem Land Angestellte grundsätzlich nur schwer wieder entlassen kann, stellt man erkennbare bzw. vermutete Risikoträger lieber gar nicht erst ein. Außerdem schmückt es ein Unternehmen nicht, einen kranken Mitarbeiter eines Tages in die Arbeitslosigkeit zu entlassen – also lädt es sich das Problem möglichst nicht auf, dann hat es auch später mit diesem „Fall“ nichts zu tun (menschliches Standard-Denken).

3. Ausblick:
Geben Sie keine Erklärung in Ihren Bewerbungen ab, drohen Sie an den schwachen Studienleistungen plus den sechs Monaten nachfolgender Arbeitslosigkeit zu scheitern. Lädt Sie dennoch jemand zum Vorstellungsgespräch ein, müssten Sie dort auf konkrete Fragen nach den Ursachen die Krankheit ins Gespräch bringen – und würden vermutlich daran scheitern.Geben Sie in der schriftlichen Bewerbung schon die Erklärung „Krankheit“ ab, wird der Leser vieles besser verstehen – stellt Sie dann aber aus den genannten Gründen auch nicht ein: Sie hätten den „Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben“ (nach Matth. 12, 24).

Ich kann Ihnen also im Hinblick auf einen Job bei klassischen, auf die Erzielung von Gewinn ausgerichteten Unternehmen keine großen Hoffnungen machen. Allenfalls könnten Sie versuchen, z. B. über ein Praktikum (ohne Risiko für das Unternehmen) irgendwo unterzuschlüpfen – und hoffen, dass man Sie dabei sehr positiv beurteilt. Vielleicht ist dann eine Festanstellung denkbar.

Der öffentliche Dienst jedoch wirbt z. B. damit, dass bei vergleichbarer Qualifikation Schwerbehinderte bevorzugt eingestellt werden. Sprechen Sie doch einmal mit einem Fachmann dort (Personalleiter, Schwerbehinderten-Beauftragter einer Dienststelle o. ä.). Die können Ihnen Tipps geben, ob sich der Erwerb einer Bescheinigung über die Minderung der Erwerbsfähigkeit lohnt.

Kurzantwort:

Man hüte sich davor, ohne wirkliche Not Fakten zu schaffen, die im Lebenslauf erfahrungsgemäß kritisch gesehen werden. Kommt eines Tages ein Schicksalsschlag hinzu, addieren sich in den Augen von Bewerbungsempfängern die Probleme.

Frage-Nr.: 2072
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-11-18

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