Heiko Mell

Zu jung zum Start?

Frage: In Frage 2.020 ging es um eine Wirtschaftsingenieurin, die angeblich zu jung sei (und keine Auslandserfahrung hatte). Ich (m) studiere im sechsten Semester ebenfalls an einer Fachhochschule Wirtschaftsingenieurwesen und werde bei meinem voraussichtlichen Abschluss auch „erst“ 23 Jahre alt sein.

Mein erstes Praxissemester habe ich bei einem renommierten Großkonzern absolviert, das zweite steht dort an, über eine Diplomarbeit dort wurde bereits gesprochen. Allerdings gab es während des ersten Praxissemesters mit einem meiner Vorgesetzten (Fach-, nicht Personalabteilung) ein sehr interessantes Gespräch bezüglich meiner beruflichen Zukunftspläne. Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich ja bei Stu­dien­ende noch sehr jung sein würde. Nach einem Einstieg dort ergäbe sich eventuell das Problem, dass ich in den ersten sechs bis sieben Jahren aufgrund meines Alters(!) noch keine Führungsposition bekäme („Bei uns hat keiner unter 30 Personalverantwortung“).

Bis zum Lesen der erwähnten Frage war ich der Meinung, das sei ein spezifisches Problem dieses Konzerns. Anscheinend sind aber solche Ansichten doch weiter verbreitet. Da fragt man sich schon, warum die Industrie schnelle Studienabschlüsse fordert – wenn sie dann nicht damit zurechtkommt, dass logischerweise auch die Absolventen dementsprechend jünger werden.Ich habe mal Möglichkeiten aufgelistet, meinen Eintritt ins Berufsleben (Direkteinstieg in einer Fachabteilung) noch ein oder zwei Jahre zu verzögern, um dann besser in das deutsche Industrieschema zu passen:

1. Ich mache im Anschluss an mein FH-Diplom einen Master. Eigentlich hatte ich mich aber mal für ein FH-Studium entschieden, weil ich nicht noch mal Jahre mit „Theorie“ verbringen wollte.
2. Ich hoffe darauf, dass mir der Konzern eine Stelle in einem seiner Traineeprogramme anbietet.
3. Ich mache ein Jahr lang eine Weltreise oder Urlaub in Griechenland.Ist es wirklich so, dass Aufstiegsmöglichkeiten dermaßen vom Alter abhängen und nicht nur von der Fach- und Sozialkompetenz?

Antwort:

So als Beruhigungspille zum Einstieg: Ich bin nach meinem Examen an einer Vorgängerinstitution der FH mit 21 Jahren bei einem deutschen Großkonzern eingestiegen. Zwar mag ich anfangs für Kollegen und Vorgesetzte sicher auch eine Art Heimsuchung gewesen sein, aber alle waren nachsichtig mit mir. Fünf Jahre später verließ ich das Großunternehmen als Abteilungsleiter, vermutlich der jüngste von allen. Also bloß keine Panik. Im Einzelfall ist alles möglich.

Ich muss einige grundsätzliche Ausführungen zu Ihrem „Problem“ machen, die Dinge sind nun einmal sehr oft ziemlich komplex (nur Kinder dürfen hoffen, man könne auch später alles in Form einer SMS darstellen):

1. Der damalige Fachvorgesetzte ist sicher erfahren, aber nicht zuständig für die Personalpolitik im Konzern. Halbwegs solide Auskünfte kann nur ein hochrangiger Vertreter des Personalwesens geben.

2. Unternehmen unterscheiden sich im Detail durchaus voneinander. So kann es bestimmte Regeln in einem Konzern geben, die in einem anderen unbekannt sind oder anders lauten. Die Regel „Bei uns bekommt niemand unter 30 Personalverantwortung“ klingt auch eher nach „so hat es sich bei uns bisher ergeben“ als nach einer sorgfältig formulierten Richtlinie mit Gesetzeskraft.

3. Es ist ohnehin gefährlich, sich so ganz einseitig (beide Praxissemester + Diplomarbeit) auf einen einzigen möglichen Arbeitgeber auszurichten. Wenn der zum Zeitpunkt Ihres Berufseinstiegs plötzlich Einstellstopp hat (alles in der jüngeren Vergangenheit schon mehrfach dagewesen), haben Sie ein Erklärungsproblem bei Ihren Bewerbungen.

4. Im Umgang mit großen Organisationen gilt: Wer „anders“ ist, denkt oder handelt, fällt auf, tut sich schwer. Dieses Auffallen gilt dem „Apparat“, also den Fachvorgesetzten und Personalleuten „an der Front“ gegenüber – sogar dann, wenn die Unternehmensleitung seit Jahren genau das fordert, was dieser auffällige Mitarbeiter nun bringt.

Es kann also durchaus sein, dass die Konzernleitung seit langem fordert, Studienabschlüsse müssten schneller erzielt und Absolventen müssten weniger alt sein – und dass entsprechend „vorbildliche“ Bewerber vom Apparat dennoch misstrauisch betrachtet werden. Die Erklärung: ganz normaler Alltagswahnsinn; ist immer so, wird immer so sein, bringt Fachleute höchstens noch zum Schulterzucken.Und: Wenn große Organisationen ihre „Denke“ ändern sollen, brauchen sie statistisch relevante Massen, keine Einzelfälle. Ein rüstiger 23-jähriger Einsteiger macht noch keinen Frühling, tausend könnten eine kleine Revolution auslösen.

5. Das alles war Vorgeplänkel. Jetzt zum harten Kern. Sie machen einen Denkfehler!Niemand hat je gesagt oder gar gefordert, man müsse in viel jüngeren Jahren aufsteigen als heute, man müsse früher Karriere machen, früher Personalverantwortung übernehmen, früher Vorstand werden.

Alle Forderungen dieser Art richten sich immer nur auf ein früheres Einstiegsalter für entsprechende Funktionen nach dem Studium. Und da kommen Sie mit Ihren 23 Jahren gerade richtig – den Einstieg macht Ihnen ja auch niemand streitig!

Sehen Sie, Sie bewerben sich als Anfänger. Punkt. Der nach intensiver Einarbeitung so ein bis zwei Jahre später „richtig“ und langsam immer selbstständiger arbeiten kann. Punkt. Von mehr ist – außer bei Trainees – nicht die Rede!Dass Sie aus heutiger Sicht nach vier, fünf Jahren aufsteigen wollen, interessiert die Arbeitgeber überhaupt nicht! Darauf gibt es auch keinen Anspruch. Dieser Ihr späterer Wunsch ist einfach nur Ihr Privatvergnügen. Man sucht dort jetzt z. B. einen künftigen Entwicklungsingenieur. Punkt. Was aus dem in fünf Jahren wird, interessiert jetzt niemanden. Daher dürfen Sie sich nicht wundern, wenn beim Berufseinstieg kaum jemand ernsthaft mit Ihnen über Ihren Aufstieg vor oder nach dem 30. Geburtstag diskutieren will.Dort denkt man: „Soll er erst einmal über mehrere Jahre hinweg erstklassige Arbeit als Entwicklungsingenieur leisten und(!) die notwendige persönliche Qualifikation zeigen. Wenn wir dann auch noch zufällig freie Führungspositionen haben, können wir ja mal über eine Beförderung nachdenken. Aber doch nicht jetzt, wo er noch ein völlig unbeschriebenes Blatt ist.“

6. Nun kommen Sie bloß nicht auf die Idee, künstlich altern zu wollen!6.1 Ihr Einstieg nach dem Studium ist ungefährdet, niemand hat erklärt, dafür seien Sie „zu jung“.

6.2 Einfach auf der faulen Haut zu liegen und in Ruhe altern zu wollen, ist albern und eines Akademikers nicht würdig (Sie denken ja wohl auch nicht ernsthaft daran).

6.3 Die rundum beste, solideste Art und Weise, in höhere Altersgruppen aufzusteigen, besteht darin, jetzt jung anzufangen und beispielsweise mit 30 sieben Jahre Praxis vorweisen zu können (und nicht nur zwei wie der Durchschnitt). Es ist nämlich gar nicht so einfach, mit 30 die erste Personalverantwortung übertragen zu bekommen. Und als eine Qualifikationsbasis dafür sind sieben Jahre Berufserfahrung ein sehr gutes Argument.

6.4 Was immer den glühenden Befürwortern von Bachelor- und Master-Abschlüssen hier in Deutschland vorgeschwebt haben mag: Es kann niemals gewollt gewesen sein, dass jetzt Dipl.-Ing. (FH) mit klassischem Examen zusätzlich ihren FH-Master nachmachen! Ich halte gar nichts von der Idee, man vergeudet nur Zeit und Studienkapazitäten damit.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2036
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-07-07

Top Stellenangebote

Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer (m/w/d) mit Fokus Software im Embedded-System Lüneburg,Hannover,Hamburg
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Tectrion GmbH-Firmenlogo
Tectrion GmbH Planungsingenieur / Projektleiter (m/w/d) Elektrotechnik / Prozessleittechnik (EMR / MSR / EMSR / PLT) Leverkusen, Dormagen, Krefeld-Uerdingen, Wuppertal-Elberfeld, Monheim am Rhein
Tectrion GmbH-Firmenlogo
Tectrion GmbH TGA Planer / Bauleiter / Koordinator (m/w/d) Leverkusen, Dormagen, Krefeld-Uerdingen, Wuppertal, Elberfeld, Monheim am Rhein
Tectrion GmbH-Firmenlogo
Tectrion GmbH Bauingenieur / Architekt / Bauleiter / Projektleiter Bau (m/w/d) Leverkusen, Dormagen, Krefeld-Uerdingen, Wuppertal-Elberfeld, Monheim am Rhein
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baukonstruktion Oldenburg
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Medizintechnik und Regulatory Affairs Wilhelmshaven
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baubetrieb Oldenburg
Hochschule Aalen-Firmenlogo
Hochschule Aalen Stiftungsprofessur der Carl-Zeiss-Stiftung (W3) Digitale Methoden in der Produktion Aalen
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Konstruktion und Bauteilfestigkeit Saarbrücken
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.