Heiko Mell

Ich und meine Bekannten

Frage: Ich bin noch Student und stehe demnächst vor dem Berufseinstieg. Ein Bekannter von mir ist schon länger in einem aufstrebenden mittelständischen Unternehmen (ca. 400 Mitarbeiter) tätig. Er ist für den gesamten Vertrieb (Deutschland und Ausland) verantwortlich. Er bot mir an, nach meinem Studium in der Firma anfangen zu können. Die Firma gefällt mir gut. Dort arbeiten auch viele Bekannte und Freunde von mir.
Kann es ein Problem darstellen, dass ich meinen künftigen Vorgesetzten kenne oder ergeben sich daraus eher Vorteile? Auch weiß ich nicht, wie man es sehen soll, wenn man in der Unternehmenshierarchie überhalb den eigenen Freunden steht (schreiben Sie lieber „oberhalb der“, d. Autor).

Antwort:

Ich will versuchen, mich dem Thema ein wenig aus „höherer Sicht“ zu nähern, statt einfach nur eine Empfehlung zu formulieren:Sie können sich denken, dass es für den Umgang der vielen Angestellten eines Unternehmens miteinander Regeln gibt – geschriebene und ungeschriebene Gesetze, Gepflogenheiten, empfehlenswerte und weniger empfehlenswerte Verhaltensnormen. Übrigens: Die meisten davon kennt ein frisch von der Hochschule kommender Anfänger nicht – weshalb er in dieser neuen Umgebung so hilflos umherstolpert. Aus diesem Grunde wiederum sucht alle Welt möglichst den Bewerber „mit erster Praxis“ und darum auch sind bei „blutigen Anfängern“ wenigstens viele Praktika erwünscht (eine Art „Schnupperkurs“).

Es gibt also diese Regeln – wie der Chef mit seinen Mitarbeitern umgeht, diese mit ihm und dann wieder mit Kollegen, wie man zwischen Formulierungen unterscheidet, die man dem direkten Vorgesetzten angedeihen lässt oder solchen, mit denen man sich an die Geschäftsführung wendet. Auch wenn Sie noch studieren, können Sie sich vorstellen, dass dies so ist.Bleibt die Frage: Sind diese Verhaltensnormen eher für Standardsituationen geschaffen worden oder gelten sie mehr für seltene Ausnahmesituationen? Selbstverständlich beruhen sie auf Standard-Gegebenheiten. Was ist eine solche?

Wenn ein neuer Mitarbeiter in ein größeres Unternehmen eintritt – ist dann im Normalfall sein Chef ein guter Bekannter und sind viele andere Bekannte und Freunde da auch schon tätig? Nein, natürlich nicht: Als Standard gilt, dass dem neuen Mitarbeiter der Chef ebenso fremd ist wie die Kollegen. Das ist der Normalfall, dafür gelten alle Regeln. Was davon abweicht, ist die Ausnahme – für die es praktisch keine Verhaltensnormen gibt und die erfahrungsgemäß schwieriger zu bewältigen ist. Eine solche Situation riecht geradezu nach Problemen, die wiederum bedürfen der Fähigkeiten des erfahrenen Könners. Der wiederum sind Sie nicht, also lassen Sie die Finder davon.

Ober kürzer: Pflegen Sie Ihre Freunde und Bekannten, aber gehen Sie nicht zu ihnen arbeiten.Nur ein Beispiel: Ihr künftiger Chef wäre also ein guter Bekannter. Zwei Tage nach Dienstantritt dort wüssten das alle Ihre Kollegen. Beim ersten Lob, das Ihnen Ihr Chef spendete, zögen die anderen Mitarbeiter lange Gesichter: „Günstlingswirtschaft“ wäre noch eine harmlose Flüsterpropaganda. Oder Ihr Chef ist ein überkorrekter Mensch, dann würde er Sie, um dem Vorwurf Ihrer Bevorzugung zu entgehen, bewusst streng behandeln, selten loben und spät befördern – auch das wäre nicht lustig.

Die anderen Bekannten von Ihnen, die in diesem Unternehmen arbeiten und die hierarchisch zu überholen Sie fürchten, würden das Problem noch verschärfen. Der eine oder andere von denen – ich nehme an, die meisten davon sind keine Akademiker – könnte Ihnen den Aufstieg neiden.

Auch hierfür gilt: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps – wobei es nicht schadet, wenn die Kumpels vom Dienst und die vom Schnaps sich nie begegnen.

Kurzantwort:

Das Berufliche und das Private sind zwei „Welten“, die ohnehin schon sehr viel Einfluss aufeinander nehmen. Es empfiehlt sich, sie darüber hinaus voneinander so weit wie irgend möglich getrennt zu halten. Also: Man arbeitet bei Fremden und trifft sich abends mit Freunden.

Frage-Nr.: 2026
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-06-09

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