Heiko Mell

Anfängerin sucht Startchance

Frage: Ich bin (noch) 23, Dipl.-Wirtsch.-Ingenieurin (FH) mit einer Examensnote von 1,9. Seit einigen Monaten befinde ich mich in der Bewerbungsphase. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass ich an schier unüberwindbare Grenzen stoße.
Bei allen Unternehmen, die mir eine Absage schickten, fragte ich nach, was der Grund dafür sei. Es hieß immer, entweder zu jung oder kein absolviertes Auslandssemester. Somit war meine anfängliche Freude über den schnellen Abschluss meines Studiums getrübt.
Das Argument der fehlenden Auslandserfahrung versuchte ich im Anschreiben zu entkräften, indem ich auf die studienbegleitende Tätigkeit in einer Unternehmensberatung hinwies, bei der ich fast ausschließlich englischsprachigen Kundenkontakt hatte.
Zu guter Letzt wurde ich in zwei Vorstellungsgesprächen gefragt, wie ich „überhaupt mit einer Person klarkommen soll, die erstens männlich und zweitens wesentlich älter ist“. Mit Vorurteilen gegenüber Frauen im Ingenieurbereich habe ich gerechnet, aber nicht mit solch massiven.
Soll ich so schnell wie möglich versuchen, ein Auslandspraktikum zu machen, um zwei Absageargumente mit einer Klappe zu schlagen oder welche Alternativen gibt es noch?

Antwort:

Leider ist Ihre Darstellung nicht so klar und systematisch wie sie es für eine vernünftige Ursachenanalyse sein sollte. Beispielsweise wird nicht deutlich, ob Sie viel zu selten eingeladen werden oder doch hinreichend oft, aber immer nach Gesprächen Absagen erhalten. So kann ich also nicht sagen, welche der folgenden Möglichkeiten bei Ihnen vorrangig in Frage kommt:

1. Sie könnten sich die falschen Firmen aussuchen. Von einigen Großkonzernen ist z. B. durchaus bekannt, dass Anfänger ohne Auslandsbezug (Semester oder Praktika) dort kaum eine Chance haben.

2. Sie könnten sich unglücklicherweise um Positionen oder Laufbahnen bewerben, bei denen Ihre Studienrichtung oder Ihre (eventuell zu vermutende) Persönlichkeit nicht als passend empfunden werden.

3. Ihr Anschreiben könnte kritisch gesehene Formulierungen enthalten.

4. Sie könnten im Vorstellungsgespräch einen nicht zur angestrebten Position passenden Persönlichkeitseindruck hinterlassen. Vielleicht wirken Sie wie ein zartes Pflänzchen (schüchtern, jungmädchenhaft) oder im Gegenteil (arrogant-emanzipatorisch-for­dernd). Oder Sie äußern dort unrealistische Vorstellungen über Ihr weiteres Berufsleben.Was haben wir sonst noch an Informationen? Sie haben den Lebenslauf und Zeugnisse, aber kein Anschreiben beigefügt.

Sie haben nach dem noch gut vorzeigbaren Abitur vier Semester an einer Universität eine spezielle Form der Mathematik studiert, bis Sie dann an die in einer völlig anderen Region gelegene FH gewechselt und Produktionstechnik studiert haben.Produktionstechnik ist ein recht „handfest“ oder auch „solide“ klingender Bereich, in dem weder eine gestandene Persönlichkeit noch eine solide praktische Basis (viele technische Praktika, vielleicht sogar einschlägige Lehre) etwas schaden können. Es finden sich bei Ihnen zwei zweimonatige betriebswirtschaftliche Praktika und ein höchstens dreimonatiges technisches Praktikum. Das ist wenig Praxisbezug!

Dann aber ist da noch die fast zweijährige studienbegleitende Tätigkeit bei der Unternehmensberatung im Bereich Produktionsstrukturierung – eigentlich eine gute Basis. Das Zeugnis bestätigt eine Art Assistenzfunktion gegenüber den Projektingenieuren der Beratung, sagt aber nichts über englischsprachige oder gar ausländische Kunden. Es sagt aber: „Wir beenden das Arbeitsverhältnis … und bedauern, Frau X nicht in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernehmen zu können.“ Warum auch immer, es werden nicht einmal „betriebliche Gründe“ (wie etwa Auslastungsprobleme) genannt.

Ich sehe das Problem so:

a) Sofern Alter und fehlendes Auslandspraktikum tatsächlich die zentralen Gründe sein sollten, würden ein oder zwei solcher Praktika beides vom Tisch wischen (Sie bekämen Auslandsbezug und würden dabei älter).

b) Wer Sie einlädt, kennt Ihr Alter, Ihr Geschlecht und die Daten Ihres Lebenslaufes. Wenn Sie danach eine Absage bekommen, liegt es also nicht an diesen Fakten, sondern an der Wirkung Ihrer Persönlichkeit im direkten Vorstellungskontakt. Siehe auch Ihr Zitat eines Arbeitgebervertreters nach einem solchen Gespräch.

c) Ihre zwei Jahre Uni-Mathematik stören nicht nur oberflächlich bei der Lebenslaufanalyse, sie enthalten auch Aussagen etwa(!) dieser Art: „Eigentlich wollte ich ja ein Universitätsstudium absolvieren. Das war mir aber dann doch zu … (was auch immer). Nun muss es also ein FH-Studium auch tun.“ Sie verstehen, Ihr jetziger Beruf bekommt damit in den Augen mancher kritischen Menschen etwas von einer „II. Wahl“. Noch stärker signalisieren Sie: „Eigentlich fühlte ich mich zur Mathematik hingezogen. Jetzt mache ich aber in Produktionstechnik. Nun ja.“ Gerade die etwas „handfeste“ Produktionstechnik passt im Kopfe des Betrachters nicht so recht zum ersten Berufswunsch Mathematik. Und sagen Sie nicht, diese Mathematik sei eine Fehlentscheidung gewesen. Letztere sind keine gute Empfehlung – wer wollte denn sagen, dass die neue Berufsvariante nicht auch wieder eine Fehlentscheidung war? Natürlich darf man als junger Mensch Fehler machen und selbstverständlich darf man die auch korrigieren. Aber was Sie da vollzogen haben, war keine Kurskorrektur, das war eine 180°-Wende.Ihre Bewerbung sollte auch diese Frage beantworten. Ansatzweise schon im schriftlichen Bereich, ganz besonders aber im Vorstellungskontakt.

d) Sie waren studienbegleitend bei einer Unternehmensberatung tätig. Man hat Sie danach zwar nicht in ein festes Anstellungsverhältnis übernommen, aber erste Praxis im Beratungsmetier haben Sie. Versuchen Sie doch den Einstieg in eine andere Beratungsgesellschaft. Es muss ja nicht eine der weltweit größten sein. Aber dort sind Sie am nächsten dran mit Ihrem bisherigen Weg.

Kurzantwort:

Korrekturen im Ausbildungsbereich (z. B. Studienfachwechsel) sind jungen Menschen erlaubt. Aber es ist hilfreich, wenn ein späterer Bewerbungsleser irgendein „System“ in den vollzogenen Schritten erkennt und nicht etwa ein hilfloses Herumirren im Ausbildungsdschungel vermuten muss.

Frage-Nr.: 2020
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-05-19

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