Heiko Mell

Wie vermarkte ich ein Langzeitstudium?

Frage: Ich bin 30 Jahre alt und war Langzeitstudent. Nach neunzehn Semestern habe ich vor ca. sechs Monaten mein FH-Studium mit 2,3 abgeschlossen und möchte nun in den recht gut gestellten Berufsmarkt für mein Fachgebiet einsteigen.
Wie präsentiere ich mich am besten? Wie verkauft oder entschuldigt man ein Langzeitstudium? Sind Langzeitstudenten in den Arbeitsmarkt zu integrieren?
Die Hintergründe haben bei mir zu tun mit dem Tod meines Vaters, mit Finanzierungsproblemen, mit zeitweiligem Verlust des Interesses am Studiengang, mit Jobben, mit einer Tätigkeit in einem StartUp, mit einem Engagement im AStA (Vorsitz). Das zum Studium gehörende Praxissemester leistete ich in einem bekannten Unternehmen ab, meine Leistungen wurden mir in einem guten Zeugnis bestätigt.
Die Betrachtung dieses Themas aus der Sicht des Personalberaters ist bestimmt von großem Interesse.

Antwort:

Na hoffentlich nicht, aber eine Statistik über die Quote von Langzeitstudenten liegt mir glücklicherweise nicht vor. Übrigens würde es nicht besser, wenn es viele beträfe – nur in der Politik wird die Masse so behandelt als hätte sie Recht.

Sie haben noch ein zweites Problem: Die seit Studienende verstrichenen Monate sind schon wieder „verdächtig“ viele. Inzwischen müssen, so denkt der Leser Ihrer Bewerbung, hunderte von Unternehmen Ihre Unterlagen geprüft und sich negativ entschieden haben. Das reduziert die Bereitschaft neuer potenzieller Bewerber, Sie einzustellen, noch zusätzlich.Zur Sache: Das Studium gilt – auch – als Arbeitsprobe: Wer hier schnell, effizient und mit gutem Resultat abschneidet, werde, so die Erwartung, später ebenso arbeiten. Die Erfahrung lehrt: Das stimmt nicht immer, aber generell ist etwas dran.

Wer im Studium zwischendurch die Lust verliert, könnte das ja auch im Job erleben, wer sich von allzu viel AStA-Engagement ablenken lässt, könnte das ja im Gemeinderat wiederholen (als Beispiele!). Und: Dass die Leute, die Ihnen später Gehalt zahlen sollen (es gibt kein „Recht auf Anstellung“), Studenten mit der Einstufung „kurz + gut“ bevorzugen, ist allgemein bekannt. Also sagt ein Langzeitstudent irgendwie auch: „Ich habe es nicht so mit euren Regeln und meiner Anpassung daran.“ Darauf sagt die Industrie: „Danke für die Warnung.“ Übrigens: Niemand mag „Ausreden“ auch nur anhören. Wie gesagt: Man schließt vom Studium auf die Bewährung im späteren Job – das ist jedem vorher bekannt, Verstöße gehen auf eigenes Risiko.

Eine Chance, bei einem der „großen Namen“ oder generell in einem Traineeprogramm unterzukommen, haben Sie absolut nicht. Was ist denn mit dem Unternehmen, das Sie im Praxissemester so gut beurteilt hat oder mit jenem, bei dem Sie, wie aus einer beigefügten Auflistung hervorgeht, die Diplomarbeit geschrieben haben? Allgemein gilt: Ansprüche irgendwelcher Art an die Qualität eines Jobs, an „spannende“ Aufgaben, an die „angesagte“ Region/Stadt können Sie nicht stellen, Sie müssen nehmen, was irgend zu bekommen ist, auch unterhalb Ihres Ausbildungsniveaus.

Als Tipp: Es muss jetzt schnell gehen, jeder weitere Monat reduziert die Chancen. Sie müssen zunächst das, was in dieser Antwort steht, akzeptieren. Also dem Sinne nach: „Lange Studien sind schlecht, ich habe große Fehler gemacht, ich sehe das ein, ich bereue das, ich würde es heute anders machen.“ Das müssen Sie, schriftlich wie mündlich, rüberbringen! Tun Sie das nicht, dann haben Sie nicht nur gegen die Regeln verstoßen, dann protestieren Sie auch noch gegen dieselben. Und rechnen Sie damit, dass Ihr wenig zielstrebiges bisheriges Vorgehen ab Studienbeginn Sie geprägt haben könnte, im Sinne der Industrie also „verdorben“: Es besteht die Gefahr, dass Sie nach Einstellung so weitermachen. Zeigen Sie durch Ihr Auftreten, dass der Verdacht unberechtigt ist.Noch etwas im Vertrauen, aber verraten Sie mich nicht: Auf dem Examenszeugnis steht doch die Studiendauer bzw. der Studienbeginn gar nicht drauf. Wenn Sie also noch einmal nachdenken und zu dem Ergebnis kommen, Sie hätten eigentlich sehr viel später mit dem Studium angefangen und bloß sehr viel und sehr lange davor gejobbt – dann stehen Sie doch schon besser da. Nur: Alt geworden beim Abschluss sind Sie dann immer noch, so fünf bis sechs Jahre jünger wäre schöner gewesen. Aber alles hilft nur, wenn Sie zumindest jetzt Ihren Regelverstößen „abschwören“.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2013
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-04-27

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