Heiko Mell

Probleme in der Einarbeitung

Frage/1: Hiermit möchte ich Sie um Hilfe bitten. Ich habe mein Abitur mit der Note 1,4 bestanden. Nach dem Zivildienst habe ich das Studium der Chemie begonnen. Relativ schnell merkte ich, dass dieses Studium mir zu „trocken“ ist. Ich brach das Studium nach dem ersten Semester ab und begann – nach entsprechendem Praktikum – ein FH-Studium einer sehr speziellen Fachrichtung. Das Vordiplom schloss ich mit der Note „sehr gut“ ab (alle relevanten Prüfungen mit 1 bestanden). Die Diplomarbeit schrieb ich auf Englisch im achten Semester in der R&D-Abteilung eines Weltunternehmens. Das Diplom schloss ich mit 1 ab, die Note des Hauptstudiums war eine 1,3. Von den Praktikumsbetrieben habe ich sehr gute Zeugnisse bekommen.

Frage/2: Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in der neuen Zielbranche war es mir nicht möglich, in einem der Praktikumsbetriebe eine Anstellung zu bekommen. Eine Stelle, für die mir das Diplomarbeits-Unter­nehmen eine mündliche Zusage gegeben hatte, wurde vom Management gestrichen.
Ich bewarb mich um eine Stelle bei einem Anlagenbauer meiner Branche, der das Stellenangebot an meine FH weitergegeben hatte. Die Position war ursprünglich für Ingenieure mit langjähriger Berufserfahrung in dem speziellen Bereich ausgeschrieben worden.Da das Unternehmen aber keine geeigneten Bewerber fand, entschied es sich, einen „Rohdiamanten“ (Personalchef) einzustellen, der in den ersten sechs Monaten durch Kurse (Maschinensysteme, Rhetorik, Präsentationstechniken) fit für den Job gemacht werden sollte.
Nun bin ich einige Monate dort tätig, die Einarbeitungszeit beträgt ein Jahr. Einarbeitung bedeutet, mit den Kollegen mitzulaufen. Aufgabe ist die in- und externe Unterstützung bei Problemen mit den technischen Anlagen.
Die im Einstellungsprozess versprochenen Kurse (fachspezifisch, soziale Kompetenz) fanden bislang nicht statt, sind aber nach Rücksprache mit anderen Ingenieuren des Unternehmens nötig und üblich.

Frage/3: Statt mich zu schulen, wirft man mir jetzt mangelnde soziale Kompetenz vor. Mein Argument, ohne fachspezifisches Wissen könne ich nicht selbstbewusst an Probleme beim Kunden rangehen und ihm gegenüber Lösungen vertreten, stößt auf taube Ohren. Ich vermittle mir nun Fachwissen selbst durch Material aus dem Intranet sowie durch Gespräche mit den Mitarbeitern. Mein Chef sieht keinen Grund mehr für Kurse über die komplexen Maschinensysteme. Zitat: „Mit Ihrer Intelligenz schaffen Sie das. Da sehe ich keine Probleme.“ Andererseits soll ich mit meinen 26 Jahren Produktionsleitern und Geschäftführern gegenüber Lösungs- und Verbesserungsvorschläge vertreten. Mein Selbstbewusstsein schwindet mittlerweile deutlich dahin.
Was soll ich tun? Ich führe regelmäßig Gespräche mit meinem Chef zu dieser Thematik, aber nichts passiert.

Antwort:

Antwort/1:
Sie haben unter etwas unrühmlichen Begleitumständen herausgefunden, dass man im Regen nass wird. Ihr Stolz auf die guten Noten nervt – die Resultate sind keine Leistung, sondern bei den Ausgangsvoraussetzungen nur absolut selbstverständlich.

Beginnen wir vorn: Mit Ihrem Abiturergebnis waren Sie auf der Universität grundsätzlich richtig. Alle(!) Studien dieser Art sind in den Grundlagenfächern der unteren Semester irgendwie „trocken“ oder auch „langweilig“, mit der späteren Tätigkeit des Diplom-XY haben sie jeweils kaum etwas zu tun. Durch diese Phase muss man einfach durch – eine zu nehmende Hürde, nicht mehr. Gefordert ist ein wenig Stehvermögen.Sie haben sehr früh das Handtuch geworfen und/oder die Berufswahl nicht gründlich genug vorbereitet oder ganz einfach die für Sie falsche Fachrichtung gewählt.

Bei Ihrem Wechsel haben Sie dann das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und nicht nur die Fachrichtung, sondern die Hochschulkategorie gewechselt. Ich will versuchen, mich ebenso klar wie dennoch vorsichtig auszudrücken: Es ist bekannt, dass im statistischen Regelfall das Uni-Examen etwa auf Abiturniveau liegt, das FH-Examen jedoch eine ganze Note darüber. Das heißt, ein 3,0-Abiturient wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein 3,0-Uni- oder ein 2,0-FH-Examen erreichen, sofern er mit vergleichbarer Energie studiert wie er sie schon auf dem Gymnasium gezeigt hat. Abweichungen davon überschreiten relativ selten die Größenordnung von 0,5 Noteneinheiten.

Einem 1,x-Abiturient ist es also „in die Wiege gelegt“, einen FH-Abschluss von 0,x zu erzielen; da das gar nicht geht, dürfen Sie daraus Ihre eigenen Schlüsse ziehen. Aber bitte zeigen Sie keinen so deutlichen Stolz auf Ihre Top-Noten, die waren das Mindeste, was Sie anschließend vorweisen mussten.

Zur Wahl dieser hochspeziellen Fachrichtung, die Sie sich dann ausgesucht hatten, kann ich wenig sagen. Aber generell gilt: Je enger das Fach, desto weniger potenzielle Arbeitgeber gibt es später. Gut beraten zu einer solchen Wahl ist, wer von früher Jugend an eine Beziehung dazu hat, wer von Anfang an dort hinein will und alle sich aus dieser engen Festlegung ergebenden Einschränkungen hinzunehmen bereit ist. Aber so unbefangen und grundsätzlich „offen“, wie man beispielsweise Allgemeinen Maschinenbau studieren darf, würde ich an Ihre hochexklusive Fachrichtung nicht herangehen, da muss man schon sehr gute Gründe für seine Wahl haben.

Es gilt der Grundsatz: Es ist immer schlecht, wenn es in einem Metier mehr Arbeitsuchende als offene Stellen gibt. Aber besser ist man ein Suchender von tausend bei hundert zu besetzenden Stellen als einer von zehn Interessenten bei nur einer Stelle. Obwohl die Chancen mathematisch gleich groß sind, sind es im einen Fall hundert Auswahlverfahren, an denen man teilnehmen kann, im anderen ist es nur eines. Das macht für die Masse der Teilnehmer keinen Unterschied, für den einzelnen davon aber schon.

Als wäre dies noch nicht genug der Art von Aussagen, die manchen Lesern etwas provokativ vorkommen werden, hier gleich noch eine davon: Ich habe festgestellt, dass Einser-Absolventen von Fachhochschulen später relativ häufig irgendwie weniger zufrieden werden als sie es eigentlich sollten. Vielleicht hat das mit dem Gefühl zu tun, im Studium nicht immer das gesamte Potenzial genutzt zu haben, das vorhanden war.

Antwort/2:
Es ist immer problematisch, eine Position anzutreten, bei der sich die Entscheidungsträger ursprünglich einen ganz anderen Mitarbeiter vorgestellt hatten (hier: Berufseinsteiger zu sein, aber einen ursprünglich für erfahrene Ingenieure gedachten Job machen zu müssen). Die Gefahr ist groß, dass der „Kopf“ des Vorgesetzten zwar zähneknirschend einen Anfänger akzeptiert, während er „im Bauch“ von einem erfahrenen (Ideal-)Kandidaten träumt. Aber weil es keine anderen Chancen gab (engstes Fachgebiet!), haben Sie zugegriffen. Verstehen kann ich das, aber riskant war es natürlich.Wie viele Berufseinsteiger setzen Sie stark auf Kurse, systematische Einarbeitung u. ä. Das ist typisch für junge Akademiker, die frisch von der Hochschule kommen.

Sagen wir es einmal so: Ich kann nicht Klavier spielen, aber ich kann schreiben. Das mit dem Klavier liegt nicht an falschen Kursen, sondern an mangelndem Talent. Auch zehn Jahre Klavierunterricht hätten aus mir keinen guten Pianisten gemacht. Und schreiben kann ich ohne jedes Seminar.

Natürlich könnten Ihnen Kurse über Rhetorik, Präsentationstechnik oder soziale Kompetenz eigentlich nicht schaden. Aber nützen? Dem Begabten auf diesem Gebiet gäben sie Schliff, dem Untalentierten erspart man sie besser. Aber über Sieg und Niederlage in Ihrem Falle entscheiden diese Kurse nicht!

Anders sieht es mit zu vermittelndem Wissen über die spezielle Technik Ihrer Anlagen aus – das könnte Ihnen helfen. Aber: Das von Ihnen so verächtlich abgehandelte „Mitlaufen“ mit erfahrenen Kollegen ist doch eine der besten Schulungen, die Sie bekommen können. Unterschätzen Sie das nicht! Nach zwanzig miterlebten Kundenbesuchen wissen Sie viel, nach fünfzig sehr viel.

Aber diese Kollegen und Ihr „Lernen in der Praxis“ kommen in Ihrer Schilderung kaum vor. Sie sagen, Rücksprachen mit „anderen Ingenieuren“ hätten die Notwendigkeit dieser Kurse bestätigt. Wer sind diese „anderen Ingenieure“? Sind das die Mitlauf-Kollegen? Es klingt nicht so! Diese Jungs aber sind Gold wert für Sie. Wenn sie auch vermutlich einen Anfänger mit Skepsis und vielleicht Ablehnung betrachten. Das wäre normal – und das gibt sich.

Ein Verdacht: Kurse sind dort vermutlich durchaus üblich. Aber das Unternehmen könnte bereits befürchten, diese Investition lohne bei Ihnen nicht, weil Sie zu wenig Talent für den Job zeigten. Das wäre fatal.

Antwort/3:
Vergessen Sie zunächst einmal die Kurse und hören Sie auf, wie das Kaninchen auf die Schlange auf diese vermeintlichen Heilsbringer zu starren. Es gibt halt keine – leben Sie damit wie mit Regenwetter, wo Sie Sonne erwartet hatten.Warum übrigens sagt Ihr Chef „Sie mit Ihrer Intelligenz“, wo Sie doch gar keine echten Leistungen zeigen? Haben Sie den Vorgesetzten (oder die Kollegen) etwa auch mit Hinweisen auf Ihre tollen Noten genervt?

Dieses Mitlaufen mit den Kollegen ist Ihre Chance! Tun Sie, was die tun, treten Sie auf, wie die auftreten. Man wirft Ihnen mangelnde soziale Kompetenz vor. Der Begriff ist ziemlich verwaschen (aber hochmodern), der darin liegende Vorwurf jedoch ist massiv. Vermutlich meint man, Sie könnten nicht mit Leuten umgehen (vielleicht nicht mit Kollegen, vermutlich aber nicht mit Kunden). Das müssen Sie loswerden!

Sehen Sie bitte auch die Parallelen zum vorschnell abgebrochenen Grundstudium der Chemie (wegen „Trockenheit“). Kampfgeist und Stehvermögen sind gefragt. Sie müssen lernen, mit selbstbewusstem Auftreten zu überzeugen, obwohl Sie innerlich durchaus noch unsicher sind, Zweifel haben. Jeder Berater, jeder Verkäufer und fast jeder Manager muss das ständig „bringen“.

Natürlich ist nicht nur die fehlende Praxis in Verbindung mit dem noch nicht hinreichend gefestigten Spezialwissen im fachlichen Bereich ein Problem, sondern auch das Alter. Ich hätte Ihnen in Kenntnis aller Umstände auch von der Position abgeraten, wäre ich damals gefragt worden. Aber nun sind Sie drin im Geschäft, ein vorschnelles Hinausgehen (Arbeitgeberwechsel) wäre mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden und risse Wunden (Lebenslauf), von denen würden Sie noch in zwanzig Jahren Nachwirkungen verspüren.

Nein, Sie können nicht schon wieder nach ein paar Monaten „die Klamotten hinwerfen“ und das „Studienfach“ wechseln!

Ich rate Ihnen zu einer höchst originellen Lösung: Unterstellen Sie einfach einmal, Ihr renommiertes Unternehmen wisse generell, was es tue. Dann gehört auch die Ernennung Ihres Chefs in diese Kategorie. Also ist auch der ein ganz vernünftiger Mann. Er ist darüber hinaus etwa 3.000 % erfahrener als Sie (das dürfte etwa hinkommen), für den Bereich verantwortlich und weiß auch, was er tut. Unterstellen Sie das einmal! Und dann hören Sie im Gespräch (bitten Sie um ein solches) einfach nur ganz genau zu, was der meint, wie Sie arbeiten sollten. Ohne ein einziges „Aber“ einzuwerfen! Und dann tun Sie das einfach! Mit etwa fünfundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit klappt das.

Sie sollen nicht klüger sein als Ihr Chef. Und wenn der sagt, es gehe so, dann geht es. Und wenn der meint, man könne auch mit 26, dann kann man. Meinen Sie denn, der will unbedingt, dass Sie sich, seine Abteilung und ihn(!) draußen an Ihrer „Front“ blamieren? Das will er nicht! Nur müssen Sie ihm eine Chance geben.

Ach, was ich noch vergessen habe: Wenn dieser Chef sagt, es gehe ohne Kurse, dann geht es.

Natürlich dürfen Sie auch daran arbeiten, diesem Abteilungsleiter nachdrücklich zu beweisen, dass er Unrecht hat. Das System hat dafür einen ganz sauberen Weg vorgesehen: Werden Sie Hauptabteilungsleiter – dann muss er nun Ihnen glauben.

Ich muss, liebe Leser, diesen Fall zu einem generellen Appell an alle nutzen: Es geht, die viele Beispiele gerade auch in dieser Serie zeigen das, so entsetzlich viel Energie verloren und es wird so unendlich viel Potenzial verheizt, weil eigentlich hoffnungsvolle junge Akademiker sich in Kämpfen verschleißen, die unbedingt vermeidbar wären. Es ist doch jedem Erfahrenen klar, wer dabei am Schluss verliert – erst der Betroffene und damit letztlich irgendwie die gesamte Volkswirtschaft.Was Sie, was wir alle tun können? Wer immer irgendwelchen Einfluss hat, sollte ihn nutzen, um junge Leute – am besten vor Eintritt ins Berufsleben – dazu zu bringen, die Beispiele in dieser Serie zu lesen. Und ihnen dabei zu versichern, dass diese Fälle real und absolut typisch für das Berufsleben sind. Ich erwarte nicht, die Studenten würden mir spontan glauben und entsprechend handeln. Darum geht es nicht. Aber sie sollten um die Gefahren wissen, die Zusammenhänge kennen und vorbereitet sein, wenn sie selbst die ersten beruflichen Schritte tun. Später merken sie dann zusätzlich, dass ich in einer erschreckend großen Anzahl der Beiträge auch noch Recht gehabt habe mit meinen Empfehlungen.

Kurzantwort:

Eine originelle Empfehlung an Berufseinsteiger im ersten oder zweiten Beschäftigungsjahr: Unterstellen Sie einfach einmal, Ihr Chef wisse, was er da tut. Und folgen Sie ihm versuchsweise. Mein Gott, einem erfahrenen Profigolfer würden Sie als Anfänger ja auch glauben.

Frage-Nr.: 2002
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-03-17

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