Heiko Mell

Gehaltserhöhung durch Abwanderungsdrohung u. a.

Frage/1: Ich habe vor einiger Zeit im Anschluss an meine Promotion bei einem großen Industrieunternehmen angefangen. Ich hatte mich für dieses Unternehmen gegen andere Firmen entschieden, die meinen sich ebenfalls bewerbenden Kollegen attraktiver zu sein schienen. Grund war, dass sich der künftige Arbeitsplatz als sehr attraktiv dargestellt und man mir eine klare Aussicht auf den Ausbau meiner zu übernehmenden sehr kleinen Fachgruppe mit entsprechender Gruppenleiterposition für mich gegeben hatte. Mit meiner Fachrichtung decke ich ein sehr enges Spezialgebiet innerhalb der anders gelagerten Gesamtausrichtung des Unternehmens ab.Schon bei den damaligen Gehaltsverhandlungen hatte sich das Unternehmen dann plötzlich von einer dunkleren Seite gezeigt und versucht, mir ein nicht marktgerechtes Gehalt aufzuzwingen. Auf der Basis eines Kompromisses habe ich dann doch dort unterschrieben. Nach einem Jahr hat man mein Gehalt dann auch angehoben und zahlt jetzt den marktüblichen Standard.

Frage/2: Leider hat sich der Job nicht so entwickelt wie versprochen, eher im Gegenteil. Die im Vorstellungsgespräch angesprochene technologische Erweiterung und die Vergrößerung der Gruppe finden nicht statt und somit ist auch ein Gruppenleiterposten nicht absehbar. Der Job war daher ein Jahr lang sehr frustrierend, ist inzwischen aber durch eine Anzahl kleinerer und größerer Projekte durchaus attraktiv, besonders in seiner Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Daher habe ich auch trotz direkter Angebote von anderen Unternehmen nicht gewechselt. Gerade hatte ich ein weiteres Wechselangebot, möchte jedoch, weil die Attraktivität meines Jobs sich gesteigert hat und ich mich auch durchbeißen und nicht fortlaufen möchte, bei meinem Arbeitgeber bleiben.

Frage/3: Unser Bonus- und Gehaltserhöhungssystem ist extrem intransparent und Zielvereinbarungen gibt es auf der untersten außertariflichen Ebene nicht. Mein erster Bonus war sehr niedrig mit der Begründung, dass Neueinsteiger in unserer Abteilung nicht mehr bekommen – und eine zweite Gehaltserhöhung wurde auch ausgeschlossen.Ich habe meinem Chef gegenüber kürzlich das Problem zum Ausdruck gebracht und klar gesagt, dass ich das Gefühl hätte, die Versprechungen zu meiner Einstellung seien nicht eingehalten worden. Ich habe außerdem gefragt, was er sich vorstellen könnte, wie das Unternehmen sich für mich auch langfristig attraktiv machen könne. Seine Antwort bestand darin, mir zu sagen, dass er mein Problem verstünde.

Frage/4: In Kürze ist auch wieder die Zeit von Bonus- und Gehaltsanpassungen, wobei üblicherweise nicht diskutiert, sondern mitgeteilt wird. Ich sehe im Augenblick die einzige Attraktivitätssteigerung für mich in einem vernünftigen Bonus und/oder einer vernünftigen Gehaltssteigerung. Allerdings bin ich mir wegen der fehlenden Möglichkeiten zur eigenen Überprüfung (keine Zielvorgabe) nicht sicher, ob ich dieses „mehr Geld“ wirklich verdient habe. Aber ich bin überzeugt, meine Arbeit sehr gut und über die üblichen Anforderungen hinausgehend zu machen.
Sollte ich zum Ausdruck bringen, bevor Bonus und Gehaltserhöhung festgelegt sind, dass ich auch für andere Unternehmen attraktiv bin oder sollte ich nochmals betonen, wie ich mir die Strategie meiner Gruppe vorstelle? Kann man die offensichtliche Attraktivität für andere Unternehmen sinnvoll in die Waagschale werfen, ohne sich selbst zu schaden?

Antwort:

Antwort/1:
Handeln wir zunächst einmal diese Vorgeschichte Ihres erst noch folgenden Problems ab. Sie hatten beim Einstieg schon wesentliche Fehler gemacht:

a) Es gilt als vollkommen unkritisch, als Maschinenbauer in den Maschinenbau, als Chemiker in die Chemie oder als E-Techniker in die Elektrotechnik zu gehen. Aber der Chemiker im Maschinenbau oder der Abwasserspezialist im Stahlwerk haben es schon sehr viel schwerer, was Karrierechancen angeht. Sie können zweifelsfrei vor fachlich hochinteressanten Aufgaben stehen, aber der weitere Aufstieg gelingt am besten, wenn die eigene Qualifikation den originären Zielen des arbeitgebenden Unternehmens möglichst nahe kommt (die Branche also „passt“).

b) „Die klare Aussicht auf den Ausbau meiner kleinen Fachgruppe“ – ist eine klare Aussicht auf den Ausbau, mehr nicht. So wie der Bergsteiger aus dem Tal heraus eine klare Aussicht auf den Gipfel haben kann. Aber deshalb ist er noch längst nicht oben! Verlassen können Sie sich in hohem Maße auf alles, was im Vertrag steht – der Rest ist eine unverbindliche Absichtserklärung, mehr nicht. Dahinter steckt nicht einmal Bosheit auf Seiten der Arbeitgebervertreter. Aber die Dinge entwickeln sich an allen Fronten so schnell und diese Entwicklungen lassen sich so schwer planen, dass Absichtserklärungen solcher Art nettes Beiwerk sind, etwa wie die hübsche Tischdekoration beim Essen (sie schmückt ungemein, aber entscheidend ist, was auf den Teller kommt).

c) Wenn Sie sich einem Hund nähern und der dann drohend knurrt und die Zähne fletscht – dann hat der doch wohl seine Pflicht getan und Sie gewarnt. Gehen Sie nun unverdrossen weiter auf ihn zu und er beißt – dürfen Sie sich dann wundern? Ihnen ist, wir werden es noch sehen, Geld ziemlich wichtig. Und das Unternehmen hatte sich in dieser Ihrer Schicksalsfrage vor(!) der Vertragsunterschrift „plötzlich von einer dunkleren Seite gezeigt“ (was für eine Formulierung; man sieht Darth Vader förmlich mit dem Laserschwert drohen). Was hätten die Leute denn noch tun sollen? Eine Leuchtschrift über das Werktor hängen: „Bei uns ist’s mit dem Gelde schwierig?“Übrigens haben die nicht versucht, Ihnen ein nicht marktgerechtes Gehalt „aufzuzwingen“. Solange ein Vertrag nicht unterschrieben ist, verdienen Forderungen und Angebote beider Seiten keine Schimpfworte. Wer das nicht akzeptieren mag, unterschreibt halt nicht. Sie hätten ja auch nicht müssen.

d) Der „Kompromiss“, auf den Sie so stolz sind, heißt doch im Klartext: Die Arbeitgebervertreter wollten 8.000 EUR p. a. weniger zahlen als Sie haben wollten – und Sie haben diesen Abschlag auf ca. 4.000 EUR heruntergehandelt. Das ist erlaubt; die Gegenseite hätte ja daraufhin nicht unterschreiben müssen. Aber war das auch klug von Ihnen? Das Unternehmen hat 4.000 EUR p. a. mehr bezahlen müssen als es wollte (Angebote insbesondere größerer Unternehmen sind klare Aussagen über den Wert einer Leistung in ihren Augen, keine Verhandlungseröffnungen auf einem orientalischen Basar). Das mag die Leute dort etwas verärgert haben – auf jeden Fall trieb es die Erwartungen Ihnen gegenüber in die Höhe. Und es könnte einen entsprechenden Eindruck über Sie vorgeprägt haben.

Antwort/2:
Die Entwicklung Ihrer Gruppenvergrößerung verlief so, wie es (fast) zu erwarten war. Als Trost: Andere Arbeitgeber kochen auch nur mit Wasser – den rundum idealen Arbeitsplatz gibt es nicht. Aber ich finde es gut, dass Sie sich – in Ihrer ersten Anstellung und bei einem großen Unternehmen – durchbeißen wollen.

Antwort/3:
Sie wollen doch einen Arbeitgeber (als Institution) und einen Vorgesetzten (als Person) haben, die Ihnen gewogen sind, damit Sie dort in einem guten, von Wohlwollen geprägten Klima erfolgreich arbeiten können. Und Sie wissen, dass Sie als Angestellter lt. offizieller Definition abhängig(!) Beschäftigter sind, also keinesfalls gleichberechtigter Partner, sondern jemand, der das Wohlwollen der anderen Seite braucht und sich erhalten muss/will. Was haben Sie nun getan? Sie haben- den Vorwurf erhoben, Ihr Arbeitgeber hielte sein Wort nicht, habe Sie also quasi unter falschen Voraussetzungen geködert; das ist – moralisch, noch nicht juristisch – der Vorwurf des Betrugs;- Ihren Chef gefragt, was der Laden dort denn tun wolle, um überhaupt für Sie weiterhin von Interesse zu sein; das ist gewagt.Ich finde das alles ganz schön mutig von Ihnen. Die Antwort des Chefs könnte man als „feinsinnig“ einstufen. „Ich verstehe Sie“ wäre mitfühlend-wohlwollend gewesen, „ich verstehe Ihr Problem“ ist mehrschichtig interpretierbar, sehr mehrschichtig.

Antwort/4:
Stellen Sie sich vor, Sie lebten mit Simone zusammen. Und die würde in wichtigen Bereichen nicht so wollen wie Sie. Sie würden ihr nun zwecks Brechung ihres Widerstandes die Information geben, Sie könnten, wenn Sie bloß wollten, ganz andere Frauen haben. Erst gestern hätte Sie eine sehr attraktive junge Dame in der Straßenbahn verheißungsvoll angelächelt und vorgestern hätte eine Kollegin im Büro deutlich gesagt, sie sei äußerst interessiert. Macht das Simone zum schnurrenden Kätzchen? Chefs reagieren ähnlich, übrigens könnten beide das Wort „Erpressung“ in die Debatte werfen. Und dann könnte man Ihnen noch bedeuten: „Dann geh doch“ – der Chef etwas höflicher, aber im Tenor vergleichbar.So sehr ich Ihre Zielsetzung unterstütze, erst einmal zu bleiben und sich durchzubeißen und nicht den erstbesten „Notausgang“ zu nehmen, so wenig Vertrauen habe ich in Ihre Methoden. Wenn Sie nicht aufpassen, müssen(!) Sie eines Tages gehen – mit all den unangenehmen Begleiterscheinungen, die so etwas hat. Gefordert und Ansprüche angemeldet sowie den ungerecht Behandelten gespielt haben Sie nun genug.
Mein Rat: Tun Sie in der Hinsicht erst einmal gar nichts mehr, planen Sie dort noch ein Jahr ein und bringen Sie einfach nur brillante Leistungen (brillant ist, was Ihr Chef entsprechend wertet!). Und dann denken Sie gegen Ende dieses Jahres neu nach. Auch selbstkritisch über Ihre Fehler schon beim Einstieg.Noch ein Wort zu den fremden Firmen, die unbedingt Sie für sich gewinnen wollen: Erstens ist das so lange nicht bewiesen, bis man Ihnen ein konkretes Vertragsangebot vorlegt (nachdem der potenzielle Arbeitgeber Ihre Person, Ihre hohen Ansprüche an Aufstieg und gute Bezahlung und Ihre „Geschichte“ kennen gelernt hat, warum Sie dort wegwollen). Und zweitens ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie dort absolut vergleichbare Umstände vorfinden. Große Unternehmen gleichen einander sehr – wer eines kennt, kennt alle. Noch wissen Sie nur, dass diese Unternehmen Ihre (Papier-)Fachqualifikation interessant finden – so wie es Ihr heutiger Arbeitgeber damals auch gesehen hat. Und: Je größer und konservativer das Haus, desto langsamer generell der Aufstieg dort.

Kurzantwort:

Beim Eintritt in ein Unternehmen soll man nur werten, was der neue Arbeitgeber „freiwillig“ und ohne Verhandlungsdruck konkret in den Vertrag zu schreiben bereit ist. Auf der Basis soll man entscheiden, ob man dort unterschreibt. An allem, was man „mehr“ herausholt, hat man oft wenig Freude

Frage-Nr.: 1999
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-03-03

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