Heiko Mell

Wenn man kein Einser-Kandidat ist

Ich beziehe mich auf die Frage 1.984 („Als Ingenieur in kaufmännischen Funktionen“). Dass dieser Fall – was die Person des Einsenders angeht – m. E. ein „akademischer Fall“ war, lag wohl daran, dass der Einsender zu den Einser-Kandidaten zählte, die Sie ja schon immer als sehr kritisch eingestuft haben!

Ich vermute, dass für die Mehrheit Ihrer (potenziellen) Einsender eine Abschlussnote 1 unerreichbar ist; diese Mehrheit(!), die wahrscheinlich mit Abschlussnoten zwischen „gut“ bis „befriedigend“ einzustufen ist, fragt sich wohl eher: „Wie schaffe ich es, dennoch zu jenem Kreis zählen zu können, der trotz der Konkurrenz der Einser-Kandidaten zu einem Vorstellungsgespräch geladen wird bzw. wie und womit kann ich den ‚Vorsprung’ dieser Einser-Kandidaten relativieren?“

Die Absolventen, die mit einer Abschlussnote unterhalb „befriedigend“ ihr Studium abschließen, zählen womöglich nicht zu den Einsendern Ihrer Kolumne?

Mir kommt folgende Idee: Wie wäre es, wenn alle anfragenden Einsender – durch Sie aufgefordert – ihre jeweiligen Abschlussnoten für das Abitur und das Studium angeben würden? M. E. förderte die Kenntnis dieser beiden Parameter das Verständnis und die Beurteilung des jeweiligen Falles durch den Leser erheblich.

Antwort:

Es ist diese Welt für den Durchschnitt gemacht. Irgendwann begreift man das. Es gilt für die politische Gestaltung des Lebensumfeldes ebenso wie für den Straßenverkehr oder natürlich auch für den beruflichen Sektor.

Bei Letzterem gibt es, das muss sehr deutlich betont werden, noch diverse andere Erfolgskriterien, aber bleiben wir der Vereinfachung zuliebe einmal bei den Noten. Dann wäre jener Durchschnitt etwa bei befriedigend anzusetzen. Viele solide, absolut „staatstragende“ Mitarbeiter in den Betrieben gehören zu dieser Kategorie, eine durchaus nennenswerte Quote von ihnen schafft später den Aufstieg ins Management. Bedenken wir bitte auch, dass manche Menschen im Studium ihr Leistungspotenzial keineswegs ausschöpfen, manche „murksen“ in der Theorie noch so vor sich hin und brillieren erst später in der Praxis. Ein Mensch mit befriedigendem Examen kommt, wenn Engagement, Zuverlässigkeit oder sonstige Kleinigkeiten stimmen, recht gut mit den Anforderungen des Tagesgeschäfts in ausführenden Positionen zurecht. Bedenken Sie auch den recht hohen Routineanteil bei vielen Aufgabenstellungen.

Kommen wir zu den Kandidaten mit der Note „gut“: Sie haben die allerbesten Aussichten, in dem System voranzukommen. Sie sind – soweit man das auf Noten überhaupt beziehen kann – auf Dauer etwas überqualifiziert für ausführende Standard-Routineaufgaben, haben noch Kapazitäten frei, qualifizieren sich sehr häufig für den späteren Aufstieg. Aber sie sind stets „erdverbunden“ genug, um auch ihre Schwächen zu kennen. Sie haben auch einige weniger gute Noten, manch­mal eine Klausur verhauen, etwas nicht geschafft. Diese Gruppe ist ideal geeignet für einen Weg, der (oft über Führungsnachwuchs) ins Management führt. Mit den ihnen gestellten fachlichen Aufgaben kommen sie immer zurecht, sie sind halt „gut“. Ich kann die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe uneingeschränkt empfehlen; ihre Mitglieder sind auf dem Markt begehrt.

Bleiben die Einser-Leute. Sie spüren schon, jetzt wird es schwierig. Natürlich, das ist keine Frage, sind diese Menschen hochintelligent. Und an fachlichen Problemen scheitern sie niemals. Aber sie sind auch sehr weit vom Durchschnitt entfernt. Für den diese Welt gemacht ist. Nicht jeder kommt mit den Einser-Kandidaten zurecht. Die „immer alles“ wissen – und gern immer alles sagen. Aber, das lässt den anderen Menschen eine Überlebenschance, Begabungsstärken gehen immer irgendwo mit Begabungsschwächen einher, man muss nur danach suchen: Helles Licht wirft starke Schatten. Zu letzteren zählen beispielsweise oft Unduldsamkeit im intellektuell-fachlichen Bereich, fehlendes Gespür für Taktik und für das geschickte Verkaufen eigener Anliegen. Und sie stellen oft Ansprüche an Perfektion, denen das auf Durchschnitt ausgerichtete System nicht gerecht wird – es „knirscht“ beim Umgang damit. Sehen Sie, ein Abiturient mit „guten“ Noten studiert, hat ein Zweier-Examen und alles ist „gut“. Ein 1,0-Abiturient ist imstande, erst einmal eine gewerbliche Lehre zu machen, dann zu studieren und schließlich mit Auszeichnung, aber eben (Lehre!) etwas „alt geworden“ zu promovieren. Jede Abteilung verträgt auch einen Einser-Absolventen. Aber zwanzig auf einem Haufen, das ist die Hölle. Jedenfalls in einer Standard-Industrieeinheit. Am Ende ihres Berufsweges finden wir Einser-Absolventen im Top-Management ebenso wie als „Tüftler“ auf Ausführungsebene.

Und so haben es die Einser-Kandidaten oft besonders schwer statt leicht – und es ist kein Grund traurig zu sein, weil man „nur“ ein „Gut“ erreicht hat.

Dies den Nicht-Einsern zum Trost. Selbstverständlich betone ich noch einmal, dass meine Aussagen sehr pauschal sind, also durchaus nicht in jedem Einzelfall zutreffen. Noten sind in der beruflichen Praxis nicht alles, ihre Bedeutung schwindet mit jedem Jahr.

Bleibt, geehrter Einsender, Ihre Anregung, jeder Fragesteller solle seine Noten nennen. Ich kann mich dafür nicht erwärmen. Zwar freue auch ich mich über jeden Fragesteller, der Details seiner beruflichen Gesamtkonstellation mitliefert, kann man doch so viel besser Ursachen erkennen und gezielter raten. Und auch bei kritischen Anmerkungen von Lesern ist es hilfreich zu wissen, ob da ein Student oder ein Hauptabteilungsleiter mit 20 Dienstjahren schreibt. Aber allein auf die Noten möchte ich mich bei der Gesamtbeurteilung nicht stützen.

Kurzantwort:

Wenn eine Gesamtnote im Studium pauschal erstrebenswert ist, dann die „2“. Eine „1“ kann Segen oder Fluch sein – aber es gibt keinen Grund für die „Nicht-Einser-Kandidaten“, maßlos enttäuscht oder gar neidisch zu sein.

Frage-Nr.: 1998
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-02-24

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